Editorial Die Herausgeber des Marburger Forums sind keiner philosophischen Lehre
oder politischen Doktrin verpflichtet. Was sie dennoch in gewisser Weise
eint, ist die Überzeugung, dass wir in einer Zeit des Übergangs
leben. Deswegen, so meinen sie, kommt es darauf an, der Gegenwart nicht
mit vorgefassten Begriffen, sondern möglichst offen und unvoreingenommen
zu begegnen. Unvoreingenommenheit aber meint nicht Kritiklosigkeit: vielmehr
sind die Maßstäbe einer Kritik der kulturellen und gesellschaftlichen,
wie wirtschaftlichen Entwicklung erst neu zu entdecken. Die Seminare, Vorträge und anderen Veranstaltungen, die einige von uns im Rahmen von philoSOPHIA-Hessen seit 1997 durchführen, haben gezeigt, dass Diskussionen dann besonders fruchtbar sind, wenn diejenigen, die sie führen, auf die Vorstellung eines eindeutigen Zieles oder Ergebnisses verzichten. An die Stelle der Idee eines Konsenses - oder seiner üblichen Ersetzung durch das permanente Streben nach ihm - tritt so die plurale Form der Wahrheit, die in einem homogen-inhomogenen Raum der Begegnung und Interaktion lebendig wird. Diese Erfahrung ist grundlegend für die Konzeption des Marburger Forums. Seine Basis sind mithin das Gespräch, der Austausch von Informationen und Ansichten, wie auch die Kontroverse; aber letztere ist kein Kampf um die Durchsetzung des eigenen Standpunktes mehr, sondern der Versuch, die eigene, wie die andere Meinung in der argumentativen Betrachtung zu präzisieren. Zudem möchten die Herausgeber im Marburger Forum die Einzelbeobachtung und Beschreibung der gesellschaftlichen und kulturellen Realität, sowie die philosophische Analyse zusammenbringen. Aus diesem Grund haben im Forum Berichte über Marburger (und andere) Theateraufführungen oder Ausstellungen ebenso ihren Platz, wie Essays, die sich mit den Problemen unserer Zeit befassen. Es gibt keine Einheit im alten Sinn mehr, ohne dass deswegen alles nur noch beliebig wäre. Der dennoch zweifellos vorhandenen Gefahr der Beliebigkeit und Beziehungslosigkeit kann mithin nicht mehr durch den dogmatischen Hinweis auf ein absolutes Prinzip, sondern eher durch das Stiften von Beziehungen im Gespräch begegnet werden. Gelänge dieses, wie anderswo, so auch im Marburger Forum, so bestünde hierin sein konkreter Beitrag zu einer Demokratisierung des Denkens und Handelns. Die Redaktion (Max Lorenzen, Dr. Renate Scharffenberg)
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