Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 10 (2009)


Abschied vom „Marburger Forum“

Das Marburger Forum, das Online-Magazin von philoSOPHIA, hat zum 31. Dezember 2008 die Veröffentlichung von Texten eingestellt. Ohne Max Lorenzen, der im August 2008 plötzlich verstarb, kann und soll das Publikationsforum nicht weitergeführt werden. Er war der Initiator des Forums, dessen unermüdlicher und engagierter Förderer und aufgrund seiner philosophischen und literarischen Kenntnisse und Interessen der Garant für die Qualität der veröffentlichten Essays, Rezensionen, Kritiken und Berichte. Max Lorenzen hat es verstanden, Themenschwerpunkte, die auf ein breites Leser-Interesse stießen, zu setzen und für die Publikationsarbeit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen, die, durch ihn in vielen Gesprächen ermuntert, ein vielgefächertes Angebot von Texten machte. Die Forumsarbeit, die er, damals noch weitgehend Internet-Neuland betretend, im Jahr 2000 begann, erreichte bald eine große Zahl von Internet-Benutzerinnen und -Benutzern und wurde weit über Marburg hinaus bekannt. 100000 Zugriffe konnte das Marburger Forum zuletzt pro Monat verzeichnen; die Zahl der Benutzer stieg kontinuierlich von Halbjahr zu Halbjahr. Max Lorenzen hat das Marburger Forum, sein Marburger Forum, zu einem erfolgreichen Diskussions- und Informationsmedium gemacht.

Dieser Erfolg, an den Max Lorenzen immer geglaubt hat, war nicht selbstverständlich. Denn das Marburger Forum wollte nicht dem Zeitgeist unterhaltsamer Beliebigkeit hinterherlaufen, sondern einen Dialog über philosophisch-kulturelle Zusammenhänge und Probleme unserer Zeit anstoßen. Nicht mit vorgefertigten Begriffen sollte dieses diskursive Gespräch geführt werden, sondern offen, tolerant, unvoreingenommen, aber kritisch, argumentativ, einer „pluralen Form der Wahrheit“, wie es Max Lorenzen und Renate Scharffenberg für die redaktionelle Forumsarbeit formuliert haben, verpflichtet.

Wer sich die Mühe macht, in den Beiträgen für das Forum zu lesen, wird erkennen, dass dieses Programm der Beschreibung, Analyse und Erörterung der gesellschaftlichen und kulturellen Realität auch und vor allem unter philosophischen Aspekten weitgehend gelungen ist. Vor allem in den stark philosophisch orientierten Essays kann der Leser etwas von dem zieloffenen „Gespräch“ über Fragen unseres Lebens und unserer Zeit entdecken. Ein Aufsatz über evolutionäre Erkenntnistheorie steht da neben einem Beitrag zu Rilke in Ronda, um Beispiele aus den allerletzten Veröffentlichungen zu geben. Es ist diese Mischung von Philosophischem, Literarischem und allgemein Kulturellem, die das Forum interessant gemacht und auf viele Leserinnen und Leser einen besonderen Reiz, sich immer wieder neugierig auf die verschiedenen Aspekte einzulassen, ausgeübt hat. Rubriken wie das „Buch des Monats“ und die Buchrezensionen und Theaterkritiken, auch die Berichte über Kunst ergänzten dieses Bild einer attraktiven Vielfältigkeit.

Herzstück des Forums, von Max Lorenzen in besonderer Weise unterstützt, waren sicherlich die Schwerpunkthemen, auf die sich über ein viertel Jahr, manchmal aber auch über ein ganzes Jahr ein Großteil der Veröffentlichungen im Forum konzentrierte. Von Francisco Goya, dem ersten Thema aus dem Jahr 2000, über literarische Themen zum Werk von Nelly Sachs oder Hartmut Lange und Themen wie Suizid oder Sterbehilfe mit einer besonderen, auch aktuellen Relevanz bis hin zu philosophischen Themen wie Ethik im 21. Jahrhundert, dem letzten Schwerpunktthema des Forums, reichte das Angebot dieser Aufsätze, Berichte und Interviews. Hier war es wichtig, Beiträge von solchen Autorinnen und Autoren zu erhalten, die zu den einzelnen Themen sachkundige, differenzierte und kontroverse Meinungen und Aspekte vorbringen konnten. Ohne Max Lorenzen wäre das nicht möglich gewesen.

Das Marburger Forum war einer von drei Arbeitsschwerpunkten des Vereins philoSOPHIA, der im Jahr 1997 von Renate Scharffenberg, Max Lorenzen und Helmut Welger gegründet wurde. Zusammen mit den monatlichen Vorträgen und dem Lesekreis ermöglichten das Programm und die Arbeit von philoSOPHIA immer wieder für ein breites Publikum engagierte und offene philosophisch-kulturelle Gespräche über Fragen und Probleme der Zeit. „Denken im Dialog“ steht als Motto im Logo des Online-Magazins. Die Worte verweisen auf Max Lorenzens Begabung, zuzuhören, die Meinung des anderen respektvoll zur Kenntnis zu nehmen, aber auch die eigene Meinung engagiert zu äußern. Mit dem Tod von Max Lorenzen ging dieser spannende Dialog zu Ende.

Für alle Interessenten bleibt das Marburger Forum auch in den nächsten Jahren noch „geöffnet“, so dass jederzeit Beiträge gelesen und heruntergeladen werden können.

Für die Redaktion:
Dr. Renate Scharffenberg
(Januar 2009)


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