Mein Buch des Monats Oktober 2000:

Andrzej Szczypiorski „Die schöne Frau Seidenman"

von Renate Scharffenberg

Das Buch erschien zuerst 1986 in Polen, zwei Jahre später bereits in der deutschen Übersetzung von Klaus Staemmler – es hat während der inzwischen vergangenen Jahre nichts von seiner Bedeutung eingebüßt. Im Gegenteil, jetzt, da Polen uns näher gerückt ist auf dem Weg in die Europäische Union, gewinnt es noch einmal an Gewicht.

Es geht in diesem Roman, der zu seinem größeren Teil während der deutschen Besatzung in Warschau spielt, um nichts geringeres als die Geschichte Polens im 20. Jahrhundert, eine Geschichte voller Unterdrückung, Unrecht und Gewalt – aber auch voller Hoffnungen. Das Hauptgewicht legt der Autor auf die unterschiedlichen Lebensläufe seiner Figuren in dieser Zeit, die sich vielfältig verschlingen und jeder für sich paradigmatische Züge tragen.

Im Zentrum steht die Witwe des Arztes Dr. Ignazy Seidenman, die schöne blonde Irma Seidenman, die nicht auf den ersten Blick als Jüdin erkannt wird und unter dem Namen Maria Magdalena Gostomska eine neue Identität annehmen muß. Als sie von dem jüdischen Denunzianten Bronek Blutman verraten wird, bemühen sich die unterschiedlichsten Menschen, sie aus dem Gestapo-Gefängnis zu befreien, was schließlich gelingt: beteiligt daran sind ihr Nachbar, der Altphilologe Dr. Alexander Korda, der den jungen Pawel Krynski, der sie schwärmerisch liebt, um Hilfe für sie bittet. Dieser wendet sich an den Eisenbahner Filipek, einen ehemaligen Patienten Dr. Seidenmans, der wiederum einen Genossen aus der Sozialdemokratie aufsucht, den deutsch-polnischen Ingenieur Johann Müller, dem es gelingt, den Gestapo-Offizier Stuckler davon zu überzeugen, daß es sich bei der Verhaftung Irma Seidenmans um einen Irrtum handelt: und Irrtümer dürfen dem Deutschen natürlich nicht unterlaufen.

In der Struktur des Romans wird dieser Vorgang nun nicht gradlinig erzählt, sondern als einer der vielen Fäden in den Teppich eingewoben, der sich dem Leser darbietet. Andere Schicksale verlaufen parallel zu dieser mehrfach unterbrochenen Haupthandlung, so das des jungen Henio Fichtelbaum, der zuerst aus der Stadt flieht, dann aber ins Ghetto zurückkehrt und im Aufstand ums Leben kommt, derweil seine kleine Schwester herausgeschmuggelt wird zu jener Nonne Schwester Weronika, die jüdischen Kindern eine katholische Identität verleiht, zwar lebensrettend, aber auch zutiefst verstörend. Neben sich aufopfernden Menschen – Polen, Juden, sogar dem einen Deutschen – stellt der Autor auch die anderen dar, die in den Zeitläuften rücksichtslos, ja verbrecherisch das Chaos ausnutzen.

Gegliedert ist der Roman in 21 Abschnitte, die jeweils unvermittelt neu beginnen, eine der Figuren erstmals einführen oder einen früheren Erzählstrang wieder aufnehmen. So entsteht ein dichtes, vielfarbiges Gewebe, das den Leser immer neu einbezieht in das vielfältig gebrochene Geschehen. Dabei ist es für Polen leichter, die vielen Anspielungen zu verstehen, die auf Ereignisse, Kunstwerke, Biographien aus der polnischen Geschichte verweisen und die für deutsche Leser in einem Anhang erläutert werden mußten. Szczypiorski verwendet dabei das Stilmittel der Reihung, so daß er auf engem Raum jeweils lange Zeiträume heraufrufen kann.

Und wir erfahren dabei die Vorgeschichte der Figuren und den weiteren Verlauf ihres Lebens. So arbeitet Irma Seidenman nach der Befreiung durch die Rote Armee an dem Wiederaufbau des freien Polen mit, bis man sie als Jüdin davon ausschließt und sie schließlich als Emigrantin in Paris lebt. Aus vielen Mosaiksteinen wird damit verdeutlicht, wie es seit Beginn des Jahrhunderts unter zuerst russischer und deutscher Herrschaft, während der Zwischenkriegszeit im endlich eigenen Staat, dann unter den Schrecken des Naziterrors und endlich im kommunistischen Polen Menschen unterschiedlichster Herkunft, Glaubens, politischer Überzeugung erging. Es werden Systeme und Ideologien „an den Pranger gestellt", aber über Menschen, auch den erbärmlichsten nicht, „nie der Stab gebrochen".(Die Weltwoche. Zürich)

Der Autor macht es dem Leser nicht nur durch die erwähnte Struktur schwer, sich hineinzufinden in sein Buch. Er bedient sich leiser Mittel, und bemüht sich, allen Figuren in ihrer Eigenart gerecht zu werden. Am wichtigsten war ihm wohl, das Geschick seines Landes, nicht ohne Ironie, aber mit Wärme und doch kritisch vor der Verdrängung zu bewahren, nach all den Wechselfällen zu vergegenwärtigen, was bleibt. In einer ersten Rezension hieß es: „Ein leises und poetisches Buch, das ausspricht, was beim Namen genannt zu werden verdient – damit wir nicht vergessen, was niemand mehr hören und sehen und wissen mag." (FAZ)

Andrzej Szczypiorski hat den Fall des Eisernen Vorhangs noch erlebt und damit die Wende in unserem Nachbarland, mit dem sich in diesen Tagen die „Polnischen Kulturwochen in Marburg" mit Lesungen, Vorträgen, Filmen, Theater, Konzerten, Seminaren und Ausstellungen den anstehenden brennenden Fragen näherten. Der Roman „Die schöne Frau Seidenman" (als Taschenbuch im Diogenes Verlag, DM 16.90) kann einen wichtigen Beitrag zum Verstehen Polens leisten.

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