Cees Nooteboom - Allerseelen
Bericht über eine Leseerfahrung
Von Max Lorenzen
Arthur Daane, holländischer Kameramann und Dokumentarfilmer, streift zu Beginn des Romans scheinbar ziellos durch Berlin. Der Leser wird, indem Nooteboom winterliche Großstadteindrücke, Assoziationen und Erinnerungsfetzen Daanes zu einer Art Muster verwebt, gleichsam zum Zeugen dieses "Autors" - denn die Aufgabe, die Daane sich nach dem Tod seines Sohnes und seiner Frau bei einem Flugzeugunglück, gestellt hat und diejenige des Schriftstellers von "Allerseelen" sind identisch.
Daane ist der Spiegel oder Kreuzungspunkt zweier Linien, wenn ich so sagen darf. Sein Beruf konfrontiert ihn immer wieder mit den großen Katastrophen der Weltgeschichte, sein persönliches Schicksal ist geprägt vom größten Unglück, dem Tod der geliebten Menschen. Daane weiß, daß das Verschwinden Tausender wohl eine kurze Zeit hindurch die "Aktualität" der Nachrichten füllt, dann aber unweigerlich dem Vergessen anheimfällt. Das Bewußtsein ist dem Sturm der Ereignisse recht eigentlich nicht gewachsen. Gibt es also eine Möglichkeit, sich zu erinnern? Diese Frage beinhaltet, das wissen wir nicht erst seit Raabe und Proust, diejenige nach der Aufgabe des Schriftstellers schlechthin: wie kann man auf wahrhaftige Weise der Leser des Vergehenden sein? Denn solchermaßen hörte es paradoxerweise gleichzeitig auf und nicht auf - wie auch "ein Gedicht nun einmal erst dann fertig ist, wenn der letzte Leser es gelesen oder gehört hat."
Eine Vorbedingung, sich dieser Aufgabe überhaupt stellen zu können, ist, sich dem Zweckzusammenhang der Gegenwart zu entziehen. Genau hierdurch aber wird, was Daane im Schneetreiben in den Straßen Berlins begegnet, zum Bild oder Zeichen: die Heimatlosen, Junkies, Penner, laufen "durch die Städte, als seien sie aus einer Urzeit bekommen, um die Menschheit an irgend etwas zu erinnern, nur woran? Etwas starb fortwährend auf dieser Welt, und sie machten es sichtbar."
Aber es gibt den großen, und den kleinen Tod - das endgültige Ende und die Vergänglichkeiten jeden Tages. Das flüchtige Lachen offenbart in einem kurzen Moment ein Gesicht, das die Lachende vor langer Zeit einmal hatte und das vielleicht ihr - eigentliches - Gesicht ist, das aber ihr jetziges gerade nicht mehr zeigt. "Die meisten Lebenden waren genauso unerreichbar wie die Toten." Dies ist die Einsicht einer weltwunden Melancholie, und sie teilt seit alters her die Menschen in zwei Kategorien. Schon Kierkegaard beschreibt, daß man sich dem aus dem Zentrum dieser Welt selber stammenden Schmerz stellen, oder vor ihm fliehen kann. In diesem Roman bilden die "Wissenden", vergleichbar jener kleinen, am Rande der Welt sitzenden Gruppe am Schluß von Raabes "Hungerpastor", so etwas wie einen Clan der Eingeweihten, die holländische Freundin, der Bildhauer, der Gelehrte, die russische Physikerin.
Daane also möchte seinen Film drehen: er soll das Verschwinden selber zeigen, und nur dem genauesten Hinsehen wäre bemerkbar, daß der Schatten des Autors wie "eine unsichtbare Signatur" im Film anwesend wäre. "Sich dem Verschwindenden hinzugesellen" und es bewahren - solchermaßen ließe sich die paradoxe Aufgabe des Schriftstellers skizzieren. So, wie, der Sage nach, der Maler eingeht ins Bild, und nur eine Spur seines Verschwindens übrig läßt, nämlich das Bild selber, das erst so zum Kunstwerk wird, müßte auch Daanes Film sich der Anonymität des Verschwindens überlassen, diese jedoch in eine Konstellation bringen mit der Geschichte Berlins, der Stadt, in der sich heute wieder, so meint jedenfalls Daane und mit ihm Nooteboom, die Geschichte Europas spiegelt. "Die Kunst würde darin bestehen, diese beiden Dinge miteinander zu vereinen".
"Die blinde Kraft, die Menschen zu etwas hintrieb, das mit ihrem Verschwinden endete. Nur wenn man wußte, daß man auf diese Weise betrogen wurde, konnte man noch etwas daraus machen. Und es zeigen." Was kann man daraus machen? Auf ganz andere Weise, als er bislang glaubte, wird Daane mit dieser Frage konfrontiert, als er eine holländisch-spanische Studentin kennenlernt und sich in sie verliebt. Elik Oranje wurde, aber das weiß Daane nicht, im Alter von acht Jahren in Spanien vergewaltigt - eine Gesichtsnarbe bleibt als Zeichen der seelischen Verstümmelung zurück (eigentlich, das darf man sagen, ist Elik eine Königin, sie heißt nicht umsonst Oranje - und nicht von ungefähr hat sie sich entschieden, ihre Abschlußarbeit über eine spanische Königin zu schreiben, "mit der sie sich unter keinen Umständen identifizieren darf, obwohl sie wußte, daß es bereits geschah").
Elik liebt Arthur Daane, aber um so mehr muß sie vor ihm fliehen, denn ihre seelische Verletzung läßt Liebe und Hingabe nicht zu. Für Daane ist ihr Verhalten rätselhaft, er kann nur dunkel erahnen, was in ihr vorgeht. So flieht Elik nach Spanien, aber sie legt eine Spur, denn sie möchte gefunden werden. Doch als Daane sie aufspürt, schlägt sie ihm ins Gesicht. Das ist auch ihm zuviel: er geht und akzeptiert die Unmöglichkeit einer Beziehung zu ihr. Doch in der folgenden Nacht wird er zusammengeschlagen und ins Krankenhaus eingeliefert. Nur langsam findet er ins Leben zurück. Und nun, beinahe am Ende des Romans, jedenfalls empfinde ich es so, wird die kunstvoll-schnoddrige Erzählweise anrührend. Daane begegnet nicht nur dem Tod, sondern tritt gleichsam ein in die Welt der Toten. "Hell war es dort, man konnte hören, was Lebende nicht hören durften.... Es gehörte sich nicht, daß man zurückkehrte, man war infiziert mit einem unaussprechlichen Verlangen. Man gehörte nicht mehr dorthin und nicht mehr hierher." Aber eben diese Randzone ist ja seit jeher der Ort des Übergangs von der einen Welt in die andere: hier ist "zu Hause", wer das sonst Getrennte verbinden möchte. Der Leser hat schon einige Male die Gespräche der Toten hören dürfen: sie, die Toten, vergessen nichts, sie verfolgen die Geschehnisse auf dieser Erde gleichsam in einem nunc stans, einem ewigen Jetzt. Ist es das, was auch Daane anstrebt? Aber etwas merkwürdiges ist hier zu erwähnen. Nachdem sie uns informiert haben: "Dies war übrigens das letzte Mal, daß ihr uns gehört habt. Abgesehen von den letzten vier Worten", geschieht beinahe etwas unerhörtes. Die Toten handeln entgegen ihrer eigenen Voraussage - sie melden sich erneut zu Wort, und obgleich sie wissen: "Keine Meinung, kein Urteil. So lautet der Auftrag", führt die erneute Begegnung Daanes und Eliks - fast - zu einem Einmischen. "Zu nahe sind wir bekommen, es nimmt uns den Atem, so darf es nicht sein. Engagement ist nicht unsere Sache, wenngleich das nicht immer ganz leicht ist. Und wir haben versprochen, uns kurz zu fassen, daran haben wir uns nicht gehalten." Hier ist also der Augenblick der Entscheidung: steht etwas wirklich auf dem Spiel, so berühren sich Vergangenheit und Gegenwart, Ewiges und Momentanes.
Daane wird gesund, nicht zuletzt wegen des Besuches der "drei Könige" (die Krankenhausszene hat, ich gestehe es, mich wirklich bewegt), aber inzwischen hat Elik Madrid verlassen. Wieder, und ein zweites Mal mit einem leichten Zögern, verfolgt Daane ihre Spur.
Wie von allein verstärkt sich am Ende des Buches der Eindruck, daß mit dem Versuch Eliks und Daanes, zueinander zu finden, mehr auf dem Spiel steht. In dem Aufeinanderbezogensein der Einzelschicksale zeigt sich etwas Archetypisches. Antike Reminiszenzen durchziehen den ganzen Roman. Man vergleiche nur die folgende Stelle: "Wenn diese Frau, dieses Mädchen, in jener Nacht etwas anderes gewesen war als ihr sichtbares Selbst, wenn man einen einzigen Augenblick lang an ein göttliches Wesen glauben konnte, das dein Schicksal begleitete, konnte sie dann nicht dessen namenlose Verkörperung gewesen sein, "eine junge Frau", "eine Hirtin", "eine alte Frau", jemand, der ihn vorübergehend aus seinem Autismus erlöst hatte?"(An dieser Stelle ist nicht von Elik die Rede.)
Das ist ein wichtiger Hinweis, den Nooteboom uns gibt. Der Autisrnus ist der Normalfall des Lebens, und Nootebooms Darstellung der modernen Massenmedien, des Films, des Fernsehens, der Zeitung, untermauert das. Aber nichts scheint verwunderlicher, als die Möglichkeit, aus Angst und Einsamkeit dadurch erlöst zu werden, daß unser "sichtbares Selbst" die namenlose Verkörperung eines Gottes oder einer Göttin ist. Ein Mitarbeiter Daanes druckt, worum es hier geht, so aus: "Darin besteht die Kunst: daß ich das hörbar mache, Zeit und Zeitlosigkeit zugleich."
Aber wir leben nicht mehr in der Zeit der antiken Mythen. Die Toten belehren uns: "Ihr seid keine Könige mehr, keine Königstöchter. Eure Geschichten sind alle bedeutungslos, außer für euch selbst.... Aus eurem Kummer wird nie mehr eine Münze in Worten geschlagen werden, die für andere gültig ist, für die begrenzte Ewigkeit, über die ihr verfügt. Das macht euch flüchtiger, und, wenn Ihr uns fragt, tragischer. Ihr habt kein Echo." Hierin liegt eben die zugespitzte Form der Aufgabe des Schriftstellers: kann noch im schlechthin Ephemeren etwas Archetypisches sichtbar gemacht werden? Nooteboom antwortet: gerade und nur noch in ihm. Wir sind das durch und durch Vergehende, das Todverfallenene, oder, wie es die heutige Philosophie spröder ausdrückt, das Kontingente. Das meint aber, wir haben weder einen Zugang zu unserer eigenen Gegenwart, noch zu unserer Vergangenheit, wir kennen weder uns selber, noch die mit uns Lebenden. Kontingenz und Autismus sind dasselbe. Unsere Tragik besteht darin, daß selbst unser Kummer sprachlos bleiben wird.
Die Aufgabe, die Nooteboom sich stellt, kann nun genauer bezeichnet werden. Ist es noch möglich, für das Sprachlose eine Sprache zu finden? Natürlich kann hierauf nicht einfach mit ja geantwortet werden. Denn wir wissen nun, daß eine Antwort die Erlösung von allem "Kummer" dieser Welt beinhalten müßte. Aber ein "nein" ist genausowenig annehmbar. Es bedeutete nicht nur das endgültige Verstummen der Literatur, sondern hierin auch die Aufkündigung jeglicher Solidarität mit den Leidenden. Mit anderen Worten, es gibt hier nicht die Möglichkeit einer objektiven Aussage, sondern jedes ja oder nein ist Teil des menschlichen Versuchs, mit dem Unglück des Lebens umzugehen. Daane muß es versuchen, die Narbe Eliks zu "heilen", indem er nicht aufgibt. Die Alternative, entweder Autismus, oder Liebe, ist in ihrer Eindeutigkeit falsch. Aber mit dem bloßen Hinweis auf das "ewige Streben" ist es auch nicht getan. Es gilt zu begreifen, daß unsere Handlungen, sie mögen noch so ephemer oder kontingent sein, dennoch so etwas wie eine ewige Spur hinterlassen. In geradezu mythischer Weise erfährt Daane die Bestrafung für sein Versagen gegenüber Elik, deren Großmutter ihm gesagt hatte: "Sie müssen vorsichtig sein, es geht ihr vielleicht nicht gut." Elik hat abgetrieben, und daß Arthur Daane das nicht wissen kann, bedeutet keine Entschuldigung. "Manche Entscheidungen über das eigene Leben wurden in anderen Leben getroffen, und das nicht jetzt, sondern vor zehn oder zwanzig Jahren, in irgendeiner vorgeschichtlichen Zeit, an der man nicht beteiligt war. Etwas hatte dort geschlummert, war mitgetragen worden, bis es an einen anderen weitergegeben werden konnte, so gab es Formen des Bösen, die nicht aus der Welt wollten, die ihr verborgenes Leben führten, unsichtbare Wunden, Krankheitskeime, die auf ihre Chance warteten. Mit Schuld hatte das alles nichts zu tun, die hatte es irgendwann, am Anfang dieser Kette, gegeben und die wucherte nun weiter, jeder konnte seinen Teil davon abgekommen, niemand war immun."
(Was hier über das Böse gesagt wird, besonders über seinen Anfang, verdiente eine ausführliche Erörterung, die in diesem Rahmen nicht zu leisten ist.)
Wir dürfen uns nicht davor scheuen, es auszusprechen: Elik Oranje und Arthur Daane sind ein ebenso modernes wie mythisches Liebespaar, es geht, wie im Märchen, um die Erlösung der verzauberten Prinzessin, und der zu ihrer Befreiung aufgebrochene Ritter muß den Kampf mit dem größten Drachen, dem Bösen schlechthin, der menschlichen Urschuld, bestehen.
Das Ringen Eliks und Arthurs gegen- und umeinander bekommt so symbolische Bedeutung. Eben das lehrt uns ja der Mythos: in jedem jetzt Geschehenden wartet ein Vergangenes darauf, wieder zu erscheinen. Wenn wir es nur richtig vernehmen könnten, so würden wir begreifen, daß im Ephemeren ein "Ewiges" darauf harrt, von uns erkannt zu werden. Und nur dieser Erkenntnis könnte es gelingen, unseren sprachlosen Autismus aufzusprengen.
Eigentlich sind das alte Themen. Es ist ja schon verwunderlich genug, daß sich ein Autor heute noch an dergleichen herantraut; aber zweifellos gelingt es Nooteboom, jedenfalls wenn ich von meiner eigenen Leseerfahrung her urteilen darf, ein wirkliches literarisches Bild zu schaffen - und wir wissen ja, daß so etwas nur einer präzisen kompositorischen Arbeit möglich ist. Und dennoch: handelt es sich hier nicht noch um eine jener "großen Erzählungen", die Lyotard zufolge nicht mehr möglich sind? Vielleicht ist es so. Und der Autor mag wissen, daß, was er tut, eigentlich etwas "Vergangenes" ist. Das bringt uns in eine paradoxe Lage: wir glauben nicht mehr ganz, was wir lesen, aber wir lesen es gern, weil es uns auf eine unsentimental-wehmütige Art an unsere Ursprünge erinnert, die es nicht länger sind. So stehen auch wir vor einer schweren Aufgabe: wir müssen - und möchten - bestreiten, daß unmythische Kontingenz und "Autismus" dasselbe sind und uns dennoch auf das nächste Buch Nootebooms freuen.