Zum 100. Geburtstag von "Insel" und "Insel Verlag"
Zum Inseljubiläum erschienen im Insel Verlag mehrere Publikationen, in erster Linie ist die umfangreiche Gesamtdarstellung von Heinz Sarkowski zu nennen: "Die Geschichte des Verlags / 1899-1964 Von Heinz Sarkowski / Chronik 1965-1999 Von Wolfgang Jeske / Eingeleitet von Siegfried Unseld / Insel". In seiner Einleitung zeichnet der heutige Insel-Verleger mit kräftigen Strichen den Umriss der Entwicklung von Zeitschrift und Verlag: fein gezeichnet sind dagegen die einzelnen Kapitel in der Darstellung Sarkowskis, die eine Fülle von Details verarbeiten ohne je den Gesamtzusammenhang aus dem Auge zu verlieren.
Das wird bereits im ersten Kapitel sichtbar, das der Zeitschrift "Die Insel" gewidmet ist, aus der der Verlag hervorging. Es bietet eine farbige Vergegenwärtigung der drei so verschiedenen Gründer. Alfred Walter Heymel, Rudolf Alexander Schröder, den beiden jungen Bremer Enthusiasten und ihrem erfahrenen Berater, dem Literaten Otto Julius Bierbaum gelang trotz ihrer unterschiedlichen Temperamente und Zielsetzungen schließlich doch eine beachtliche, literarisch epochemachende Publikation, gescholten viel, aber derart anregend, daß das zusammenfassende Urteil heute positiver ausfällt, als im Moment, in dem die Zeitschrift eingestellt werden mußte.
In der Darstellung des Verfassers wird nicht nur die buchkünstlerische und literarische Bedeutung der "Insel" nachvollziehbar, er lenkt den Blick auch auf die prosaischen Geschäftsbedingungen, verweist auf die Finanzierungsprobleme, das fehlende Echo, die teilweise vernichtende Kritik, so dass man am Ende gut verstehen kann, dass Schröder und Heymel die Lust verloren und sich zurückzogen. Überhaupt gehört es zum besonderen Verdienst dieser Verlagsgeschichte, in welchem Maße sie Hintergründe erhellt und den Bereich des Geschäftlichen einbezieht.
Der Abschnitt "Die Anfänge des Buchverlags" etwa kennzeichnet neben der hohen Bedeutung, die Erstveröffentlichungen von Hofmannsthal, Rilke, Heinrich Vogeler und Paul Ernst zukommt, dass der denn doch erfolgreichste Titel Otto Julius Bierbaums Lyrikband "Irrgarten der Liebe" wurde, der es von 1901 bis 1905 auf 31000 Exemplare brachte, in der erweiterten Ausgabe von 1906 sogar auf 51000: man höre und staune!
In seinem zweiten Kapitel "1901-1906 Interregnum" bringt der Verfasser Licht in die am wenigsten bekannte Phase der Verlagsgeschichte, in die Zeit, da der eigenständige Insel-Verlag im Auftrage Heymels von Rudolf von Poellnitz gegründet wurde. Dieser kam aus dem Eugen Diederichs Verlag und ihm gelang es, erst einmal geordnete Verhältnisse herzustellen, was bei den heterogenen Grundlagen nicht leicht war. Die korrekte Verlagsführung wurde von Hofmannsthal z.B. dankend anerkannt. Poellnitz war an der künstlerischen Buchgestaltung gelegen, hier arbeitete er mit Carl Ernst Poeschel zusammen, er suchte auch den Kontakt zu Bibliophilen als möglichen Käufern, versuchte dies über "Erotika", was sogar zu der einen und anderen Beschlagnahmung führte, vor allem aber über Nachdrucke älterer Literatur, so der bis heute gerühmten Ausgabe der Werke von Wilhelm Heinse, der Dünndruckausgabe von Stifters "Studien" oder dem vergessenen "Godwi" Brentanos. Verloren ging unter seiner Ägide Robert Walser dem Verlag, gewonnen wurde Rudolf Kassner. 1903/04 erschienen bereits 70 Titel (ebenso viele wie bei S.Fischer und Eugen Diederichs), eine erstaunliche Leistung. Viele der Bücher waren Übersetzungen aus dem Skandinavischen, dem Englischen (u.a. Oscar Wilde), dem Französischen (Balzac und André Gide) und dem Russischen. Trotz Heymels andauerndem Engagement entwickelte sich die wirtschaftliche Lage des Verlages bedenklich und war nach dem plötzlichen Tod Rudolf von Poellnitz (14.2.1905, nicht wie oft zu lesen:1904) wohl auch undurchsichtig. Der Verfasser stellt diese Phase ausführlich dar, auch um Poellnitz Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Für die detailreiche Nachzeichnung der Anfangsjahre konnte sich der Verfasser auf neuere Untersuchungen von Kurt Ifkovits (1996) und Theo Neteler (1995 und 1998) beziehen, während neben dem Geschäftsarchiv für die Kippenberg-Zeit eine ganze Fülle von Erinnerungen und Publikationen aller Art seit langem vorliegen.
An der Schnittstelle der beiden Epochen steht ein wichtiges und zukunftsweisendes Vorhaben, das unter Poellnitz begonnen wurde: die "Großherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe deutscher Klassiker". Harry Graf Kessler initiierte sie als Dünndruckausgabe nach englischen Vorbildern und zog englische Künstler zur Gestaltung heran. Als reine Textbände in einem für die Zeit ungewöhnlichen handlichen Format, bestimmten sie für viele Jahre die Tradition im Insel Verlag. Die Ausgabe wurde zunächst weitergeführt von den "Partnern auf Zeit: Poeschel und Kippenberg". Der Verfasser widmet in diesem Abschnitt den wirtschaftlichen Aspekten der Verlagssanierung eine ins einzelne gehende Untersuchung mit wertvollen Ergänzungen zu den bisher überlieferten Sachverhalten, ohne die Charakterisierung der damals Handelnden zu vernachlässigen.
Siegfried Unseld kennzeichnet in seiner Einleitung die Schwerpunkte von Kippenbergs Verlegertätigkeit. In der Mitte sieht er Goethe und sein Werk, daneben auf der einen Seite die zu vermittelnde Weltliteratur, auf der anderen das (wie Kippenberg sagte) Dauernde in der zeitgenössischen Literatur -Rilke und Carossa beispielsweise schließlich den weit gespannten Bogen von den kostbaren Faksimile-Ausgaben bis zu den epochemachenden farbigen Bändchen der Insel-Bücherei, die ganze Generationen von Lesern heranbildeten.
Sarkowski schildert ausführlich in den zentralen Kapiteln Kippenbergs Lebenswerk, beginnend mit dem "Stürmischen Wachstum" der Jahre 1906 bis 1914. Er enthält uns die Geschäftsgrundlage nicht vor. Zunächst war das "Poellnitz-Erbe" aufzuarbeiten. Probleme ergaben sich für die Klassiker-Ausgabe, die vorerst ruhen musste. Aber schon 1909 erschienen die sechs Bände des "Volks-Goethe", 3300 Seiten für nur 6 Mark eine Sensation! Seit 1908 brachte der Verlag immer weitere Klassikerausgaben heraus.
Schon 1906 konnte Stefan Zweig als Autor gewonnen werden, der im Laufe der Jahre zum unentbehrlichen Ratgeber Kippenbergs in jenen literarischen Fragen wurde, zu denen dieser kein unmittelbares Verhältnis fand. In einer ähnlichen Rolle sah der Verleger Hugo von Hofmannsthal, ihm schrieb er am 1.Dezember 1906 den großen Brief, in dem er seine Zielsetzungen als Verleger umriss. 1906 lag ferner das noch von Carl Ernst Poeschel angenommene erste Buch Rainer Maria Rilkes im Insel-Verlag vor: "Das Stunden-Buch". Der erste geschäftliche Erfolg war dann die große Ausgabe der "Erzählungen aus den 1001 Nächten", die in zwölf Bänden bis 1908 erschien und drei Jahre später bereits vergriffen war. Die Einführung stammte von Hofmannsthal, die Ausstattung von Marcus Behmer.
Der Verfasser stellt minutiös die verlegerischen Entscheidungen Kippenbergs dar, die Gewinn- und Verlustrechnungen bei den wichtigen Neuerscheinungen und den Klassikerausgaben: eine faszinierende Lektüre. Daneben stehen die vielfältigen Verbindungen zu Wissenschaftlern und Herausgebern, etwa im Zusammenhang mit der großen Balzac-Ausgabe (ein weiteres Beispiel für das Ausgreifen in die "Weltliteratur"), die bei ihrem Erscheinen von Hermann Hesse in der NZZ gelobt wurde und nicht nur von ihm.
Den Autoren Hofmannsthal und Rilke sind eigene Abschnitte gewidmet, ebenso Stefan Zweig und Hans Carossa, im weiteren geht es um "Neue Programme. Neue Autoren". Die Briefwechsel Hofmannsthals und Rilkes mit Anton Kippenberg sind vollständig publiziert, als Ergänzung auch Rilkes Briefwechsel mit Katharina Kippenberg. Auffallend ist der Unterschied: zu Hofmannsthal, dessen Rat sich Kippenberg jederzeit anvertraut hätte, bleibt eine Distanz, während das Verhältnis zu Rilke persönlicher ist. Nun war Hofmannsthal auch nur mit einem kleinen Teil seines Frühwerkes Autor des Verlages, übernahm allerdings immer wieder Einleitungen wie zu "1001 Nacht". "Eigentlich" war er an den S.Fischer Verlag gebunden. Rilke dagegen, der bis zum "Stunden-Buch" in einer ganzen Reihe von Verlagen veröffentlicht hatte, wurde von Kippenberg Schritt für Schritt durch den Ankauf der früheren Bücher zum "Insel-Autor" bis in unsere Tage. Hier gab es neben einigen Verstimmungen, wie sie nicht ausbleiben konnten, ein zusätzliches Problem: Rilke fand in jeder seiner Schaffensperioden einen neuen Ton, was dem Publikum schon für die "Neuen Gedichte" im Gegensatz zum "Stunden-Buch" nicht leicht zu vermitteln war (ein Sachverhalt, auf den der Verfasser wie auf andere eher inhaltliche Fragen kaum eingeht).
Die ganze Fülle dessen, was Kippenberg im Laufe der Jahre vorlegte, läßt sich in unserem Rahmen keineswegs nachzeichnen: der Verfasser entledigt sich dieser Aufgabe bravourös. So sei an dieser Stelle auf die ebenfalls zum Inseljubiläum vorliegende zweite Auflage von Heinz Sarkowskis großer Arbeit "Der Insel Verlag. Eine Bibliographie 1899-1969" verwiesen, die eindrucksvoll auf über 400 Seiten alles zusammenstellt, was in diesem Zeitraum unter dem Signet des Verlags erschienen ist im Vorwort kennzeichnet der Verfasser die Bedingungen der Entstehung, die 1970 noch bestimmt waren durch Einschränkungen in der DDR, die bis in die Zensurierung der Abbildungen reichten.
Jetzt, 30 Jahre später, konnte der Band ohne derartige Beeinträchtigungen neu erscheinen: überarbeitet und ergänzt. Doch werden die glücklichen Besitzer der Ersten Auflage vergeblich nach den Illustrationen suchen, die fortgeblieben sind. Sie mögen, wie der Verfasser in seinem Vorwort schreibt, zu einem Teil in das Begleitbuch zu den Insel-Ausstellungen des Jubiläumsjahres einbezogen worden sein, ihr Fehlen ist dennoch schmerzlich, da sie über die Titelaufnahmen hinaus den wichtigen Beitrag des Verlags im Bereich der Buchgestaltung vermittelten. (Verwiesen sei nur auf die farbig wiedergegebenen Doppeltitel von "1001 Nacht", die ins Begleitbuch nicht aufgenommen wurden.)
Wesentlicher ist jedoch, dass die Bibliographie wieder greifbar ist und Zeugnis ablegt von dem Reichtum und der Bedeutung der unter Kippenberg zu einem der großen deutschen Verlage aufsteigenden "Insel" (d.G., "der Guten", wie Rilke sie nannte).
Im weiteren Verlauf seiner "Geschichte des Insel Verlags" geht der Verfasser in eigenen Abschnitten u.a. auf die "Insel-Bücherei" ein, auf "Kostbarkeiten", auf "Pressendrucke" und "Liebhaberausgaben" und beschreibt auch die Krisen des Verlags im Ersten Weltkrieg, in der Inflationszeit und zum Ende der zwanziger Jahre: detailfreudig und genau.
Näher einzugehen ist auf die Zeit "Unter dem Schatten des Hakenkreuzes", die in dieser Gründlichkeit bisher nicht aufgearbeitet wurde. "Der Anfang vom Ende" wurde von Kippenberg im Februar 1933 gespürt, als er zum 50.Todestag Richard Wagners in Bayreuth Zeuge war, wie sich "das Hauptinteresse" auf die anwesenden Nazi-Größen konzentrierte, wie er an Ernst Bertram schrieb. Der Verfasser weist darauf hin, dass dies nahezu die einzige briefliche Äußerung Kippenbergs zum Zeitgeschehen blieb. Dieser betonte vielmehr, er habe dem Verlag alles Politische ferngehalten. Eine 1932 geplante und schon angezeigte "Deutsche Chronik 1918-1933" erschien nicht.
Sarkowski greift gerade in diesem Kapitel über die Verlagsgeschichte im engeren Sinne hinaus, z.B. indem er die Ereignisse in der Preußischen Akademie, Sektion Dichtkunst, einbezieht, ebenso die Stationen der Judenausgrenzung und verfolgung, dazu die Gründung der Reichsschrifttumskammer. Kippenberg nahm Bücher jüdischer Herausgeber aus dem Angebot, wenn dies gefordert wurde, lieferte sie jedoch auf Bestellung weiter aus. Im Ganzen waren seine Verluste geringer als die von Verlagen, die "progressive Belletristik" im Programm hatten.
Besonders einschneidend war"Die Trennung von Stefan Zweig" ein Opfer der "Säuberungen". 1932 waren die Bücher Stefan Zweigs zu einem vollen Drittel am Umsatz des Verlags beteiligt, aber es gab schon Agitationen gegen ihn, auch aus Konkurrenzneid. Kippenberg reagierte auf Zweigs Gewissheit, seine Bücher würden in Kürze verboten werden, in Verkennung der Situation mit den von Zweig in seinen Erinnerungen überlieferten Worten: "Sie haben doch nie ein Wort gegen Deutschland geschrieben ...". Auch die Bücher Zweigs wurden nur noch auf Bestellung ausgeliefert, im Ausland verkauften sie sich weiter vorzüglich; später kam es dann doch zu Konflikten, z.B. als Zweig plante, an der von Klaus Mann herausgegebenen Emigrantenzeitschrift "Die Sammlung" mitzuarbeiten, was dann auf Kippenbergs Bitte hin unterblieb. Der Verfasser stellt auch dies in den größeren Zusammenhang, verweist auf Thomas Mann, Alfred Döblin, Joseph Roth. Auf Drohungen reagierte Kippenberg mit dem Hinweis auf Auswirkungen im Ausland und erreichte zunächst noch Zugeständnisse. Seit März 1936 jedoch war Stefan Zweig in Deutschland ein verbotener Autor.
Weitere Eingriffe des Regimes blieben nicht aus, aber dagegen stand die Tradition, in der die Inselautoren gepflegt wurden: Rilke, Hofmannsthal und Ricarda Huch. Vor allem aber war es Hans Carossa als wichtigster und erfolgreichster Inselautor dieser Jahre, der viele alte und neue Leser fand. Seine Beziehung zum Verlag zeichnet der Verfasser verständnisvoll nach und zeigt ihn in den Widersprüchen der Zeit. 1944 schloß Carossa seine "Abendländische Elegie" ab, der Satz wurde durch Bomben in der Druckerei vernichtet, das Werk erschien dann 1946 im Wiesbadener Insel-Verlag.
Eine Reihe "Neuer Autoren" konnte gewonnen werden: "Durch die Bücher von Gertrud von le Fort, Edzard Schaper, Reinhold Schneider festigte der Verlag bei einem bürgerlich konservativen Publikum seinen Ruf politischer Integrität", was freilich das Mißtrauen der Machthaber schärfte, zumal es sich um konfessionell gebundene Schriftsteller handelte.
"An des Verlegers Seite: Katharina Kippenberg" ist der Abschnitt überschrieben, in dem der Verfasser ihr Wirken über die Jahre hin entfaltet, einmal als einzige Lektorin für die zeitgenössischen Autoren im Verlag und als Herausgeberin von "Insel-Almanach" und "Inselschiff", (der Hauszeitschrift), zum anderen mit ihren eigenen Arbeiten. Auch zu ihrer zunächst ambivalenten Haltung den neuen Machthabern gegenüber gelingt ihm eine ausgewogene Darstellung.
Dann zerstörten Bomben am 4.Dezember 1943 das Insel-Haus in Leipzig, dazu Millionen Bücher. Kippenberg hatte schon seit 1941 seine Goethe-Sammlung ausgelagert; erhalten blieben außerdem das Privatarchiv und je ein Buch der Insel-Produktion seit 1899. Die Arbeit wurde im Privathaus der Kippenbergs wieder aufgenommen, bis auch dies am 27.Februar 1945 getroffen wurde.
In seiner späteren Zuflucht in Marburg hat Kippenberg wiederholt gesagt, er hätte dies Ende der "Insel" und seines Lebenswerks lieber als etwas Endgültiges angenommen, anstatt unter so völlig veränderten Bedingungen neu anzufangen. Doch hätte ihn das Geschick der Menschen, die in Leipzig und Wiesbaden mit der Insel verbunden und auf sie angewiesen waren, in die Pflicht genommen (persönliche Erinnerung, R.S.).
Die letzten großen Kapitel der "Geschichte des Insel Verlags" umfassen die Zeit nach 1945, den "Neubeginn im Westen" bis 1950 und "Kippenbergs Erben" bis 1964; schließlich "Leipzig: Dem kulturellen Erbe verpflichtet" für die selben Jahre. In seinem Vorwort beklagt der Verfasser die großen Lücken in den Geschäftsakten dieser Zeit, sowohl im westdeutschen wie im Leipziger Verlag, er konnte sich jedoch auf eigene wie auf die Erinnerungen Mitlebender stützen im Ergebnis sind ihm überzeugende Einschätzungen beider Bereiche gelungen und die endlosen Schwierigkeiten für den Neuanfang sind durchaus sinnfällig gemacht. Besonders die Schilderung vieler scheinbar alltäglicher Einzelheiten ist für den Leser von Gewinn,so entsteht daraus ein farbiges Gesamtbild, aus lauter Mosaiksteinchen zusammengesetzt.
Nachholbedarf für die Leser besteht in noch stärkerem Maße als für die Abläufe im Westen im Hinblick auf die Leipziger Verhältnisse, auf die näher eingegangen werden soll.Hier war es Richard Köhler, der auf Weisung Kippenbergs den Verlag leitete. Er war bereits 1911 als Buchhalter eingestellt worden und übernahm im Laufe der Jahre dazu immer neue Aufgaben. Seit 1933 hatte er einen Vertrag auf Lebenszeit und Kippenberg bezeichnete ihn als seinen wichtigsten Mitarbeiter. Köhler fand einflussreiche Fürsprecher für die "Insel", so den einstigen Inselautor Johannes R.Becher, zumal der Verlag vom Dritten Reich nicht kompromittiert war, kein Mitarbeiter war Mitglied der NSDAP gewesen. Die erste Neuerscheinung in Leipzig waren 1947 Bechers Sonette "Wiedergeburt".
Der Neubeginn stellte große Aufgaben: Wie weit diese Anforderungen bewältigt werden konnten, verdeutlicht der Abschnitt "Fünfzig Jahre Insel-Verlag". Das Jubiläum wurde am 15.Oktober 1949 begangen. Während der Feier sagte Kippenberg: "mein einziger Wunsch an diesem Tage ist, dass diese äußerlich getrennten Häuser in einem neu geeinten Deutschland zusammenwirken ...". Tatsächlich wurde seine Verlagsleitung von dem Gedanken bestimmt, in keiner Weise die Zusammengehörigkeit der "Hauptstelle" in Leipzig und der "Zweigstelle" Wiesbaden zu gefährden.
In Leipzig war für das Programm F.A.Hünich zuständig: damit wurde die Kontinuität gewahrt nicht zur Freude Ostberlins. Andererseits protestierte man in Wiesbaden (allerdings vergeblich) gegen ein Nachwort Stefan Hermlins, mit dem man nicht übereinstimmte. Aufschlußreich ist es auch, dass für das erfolgreichste Buch der Leipziger "Insel", den Rembrandt-Roman "Zwischen Hell und Dunkel" von Valerian Tornius, das von 1956 bis 1969 in acht Auflagen mit 131000 Exemplaren erschien, der West-Verlag für einen Mitdruck nicht zu gewinnen war.
Im Zentrum der Leipziger Produktion stand die durch festgesetzte Preise jedermann erschwingliche Insel-Bücherei, die dem Publikum im "Leseland" DDR derart lieb war, dass neue Bände, oft in mehr als 20000 Exemplaren gedruckt, bei Erscheinen schon vergriffen waren. Im Westen konnten sie mit den in der Herstellung so viel billigeren Taschenbuchreihen nicht konkurrieren.
Die Mitarbeiter im Leipziger Verlag galten im Ministerium für "politisch unzuverlässig" und hatten mancherlei Schwierigkeiten zu gewärtigen, besonders als Köhler 1960 in den Westen gegangen war und sich der Insel-Verlag (jetzt in Frankfurt), bis dahin "Zweigstelle", zum "Hauptsitz" erklärte. Und dann wurde die Mauer errichtet! Es folgte durch Wechsel im Personal der Versuch einer Art Gleichschaltung, der jedoch die Unabhängigkeit des Verlags, der niemals "volkseigen" wurde, nicht zerstören konnte.
Damit endet die "Geschichte des Insel Verlags" aus der Feder Heinz Sarkowskis, viel zu früh für den interessierten Leser, doch bietet der Band selbst noch zwei wertvolle Ergänzungen: fünf aussagekräftige Bildteile und die verdienstvolle "Chronik" von Wolfgang Jeske: "Der Insel Verlag 1965-1999 / Frankfurt am Main 1965-1990 / Leipzig 1965-1990 / Frankfurt am Main und Leipzig 1991-1999", die auf mehr als hundert Seiten bis in die Gegenwart führt. Eines Tages, so ist zu hoffen, wird diese jahrweise Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse und der Publikationen des Verlags Grundlage einer fortgeführten Gesamtdarstellung bilden können. Erschlossen wird der Band durch ein umfassendes Literaturverzeichnis und das Register.
Außer mit der Verlagsgeschichte und der Neuausgabe der Bibliographie feierte der Insel Verlag sein Jubiläum mit der von Gert Klitzke erarbeiteten Ausstellung, die in Frankfurt und, etwas umfangreicher, in Leipzig gezeigt wurde. Zu ihr wurde ein Katalog vorgelegt, herausgegeben von der Deutschen Bibliothek und dem Insel Verlag: "100 Jahre Insel Verlag 1899-1999. Begleitbuch zur Ausstellung" it 2700, eingeleitet von Siegfried Unseld. Für die Texte zeichnet (bis auf den letzten Abschnitt) wiederum Hans Sarkowski. Hier nun fanden die Betrachter und finden jetzt die Leser noch einmal die wichtigsten Stationen der Verlagsgeschichte in 17 einführenden Kapiteln zu den Exponaten, von denen viele farbig abgebildet sind, und den Erläuterungen dazu. Solche Kapitel sind etwa "Die sechs großen Autoren des Verlags", wo Goethe, Rilke, Hofmannsthal, Stefan Zweig, Carossa und Ricarda Huch vorgestellt werden; "Anton Kippenberg und die Buchgestaltung", "Von der Großherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe zum Deutschen Klassiker Verlag" und zum Schluß: "Der Verlag unter Siegfried Unseld 1965 bis heute".
In seiner Rede bei der Ausstellungseröffnung in Frankfurt wies Unseld darauf hin, daß der Insel Verlag geliebt werde und für seine Freunde vor allem sind die Jubiläumsgaben ein wirkliches Geschenk.