Einige psycho-philosophische Betrachtungen

von Helmut WELGER

Phantome und Illusionen des Wahrnehmungssystems

Von irrenden Scannern, bösen Tischen, guten Geistern und anderen seltsamen Dingen

Ein Kind stößt sich an einem Tisch. Es ruft: Du böser Tisch! Wir Erwachsenen wissen, und dieses Kind wird bald wissen: Der Tisch ist nicht böse. Er will nichts, auch nichts Böses. Dass das Kind den Tisch "böse" nennt, beruht auf einer Antropomorphisierung des Tisches, die als eine kognitive Täuschung uns Menschen als wollenden, zwecksetzenden, handelnden Wesen nahe liegt. Wir neigen sehr dazu, überall wollende, zwecksetzende, handelnde Wesen zu sehen, auch wo es sie nicht gibt. Dies ist eine kognitive Täuschung, den optischen Täuschungen, die uns unser Auge vorgaukelt, eng verwandt, auch in ihrer Genese.

Das Auge - genauer: der Sehsinn - ist keine Kamera, sondern ein Scanner, der die Welt gemäß einem überaus komplizierten innewohnenden Deutungsprogramm abtastet, das etwa ein Viertel der Hirnleistungskapaziät beansprucht. Dieses Deutungsprogramm enthält evolutionär bewährte Vorannahmen, "angeborene Ideen", jedoch nicht in expliziter Form. Die Kybernetik hat uns zu der Einsicht verholfen, dass ohne solche Vorannahmen, als "tabula rasa", das Gehirn ebenso wenig funktionsfähig wäre wie ein Computer ohne zuvor eingebautes Betriebssystem. Optische Täuschungen sind Deutungsfehler auf Grund von situativ unpassenden Vorannahmen; an ihnen werden die Inhalte der Vorannahmen des Scannerprogramms sichtbar. Die Deutungsfehler sind nicht unhintergehbar, sie können durchschaut und korrigiert werden. Der Wechsel der Perspektive, die Überprüfung und Falsifikation durch andere Wahrnehmungen ermöglichen dies. In ihrer spezifischen Perspektive verschwinden optischen Täuschungen dadurch nicht, sie bleiben bestehen, aber wir wissen, dass und inwiefern es Täuschungen sind. Die Täuschungen werden trotz ihrer Unaufhebbarkeit praktisch neutralisiert und unschädlich gemacht.

Scanner in diesem Sinne sind autonome Interpretationsmodule des Gehirns, die uns ihre Interpretationen, ihre (zuweilen falschen, oft vereinfachten) Rückschlüsse als unmittelbare Wahrnehmung erscheinen lassen. Außer den optischen gibt es auch akustische, kinästhetische und sinnessystemübergreifende kognitive Scanner. Was wir wahrnehmen, ist so zu sagen eine vereinfachte, aber praktisch bewährte aktuelle Landkarte der Umgebung, evolutionär abgestimmt auf die Überlebensnotwendigkeiten des Homo Sapies, zu der auch nützliche Fiktionen (etwa im Sinne Vaihingers) und "Falschfarben" gehören; keineswegs ist es die Welt selbst. Die Tätigkeit der autonomen Module ist in der Regel nur am Ergebnis zu erkennen, die Verarbeitungsschritte als solche bleiben "unbewusst". In aller Regel sind mehrere Module dieser Art neben- oder hintereinander geschaltet. Das Endprodukt, auch wenn es schon zahlreiche Verarbeitungsschritte hinter sich gebracht hat, erscheint immer als eine Art Wahrnehmung. D.h., diesen Charakter können nicht nur die unmittelbaren Sinnesdaten, sondern auch sekundäre und tertiäre, komplexe Interpretationen haben.

Was für den Tisch gilt, ist auf sämtliche Objekte der Wahrnehmung und des Denkens verallgemeinerbar. Unsere kognitiven Scanner neigen dazu, sie als sinnhaft bzw. personhaft zu deuten, auch wenn sie es nicht sind. Es gibt Personen-Scanner und Sach-Scanner (letztere deuten die Dinge als Handlungsobjekte und Mittel im Rahmen des Handelns von Lebewesen). Beide überschreiten aber manchmal ihr Terrain, überschneiden einander in ihrer Wirkung. Bei bestimmten geistigen Störungen fällt einer der Scanner aus.

Das Krankheitsbild des Autismus scheint auf dem Ausfall des Person-Scanners zu beruhen. Für Autisten gibt es sozusagen nur Sachen, keine Personen.

Ist der Person-Scanner auf sie gerichtet, dann scheinen die Objekte unserer inneren und äußeren Wahrnehmung nicht nur eine emotionale Färbung, sondern geradezu eigene Intentionen und Emotionen zu haben, sind freundlich oder böse, oder gleichgültig. Wir können im Rahmen des reziproken Altruismus - ich setze diesen biopsychologischen Begriff als bekannt voraus - mit ihnen Gegenleistungsbeziehungen einzurichten versuchen; z.B. mit Opfern, mit denen frühere oder künftige Gegenleistungen bezahlt werden (dieser Tausch ist der eigentliche Sinn der Opfer; das wird durch die sakrale Stimmung beim Opfer nicht widerlegt). Wir sind entsetzt und gekränkt und vermuten einen bösen Charakter, eine "schwarze Seele" bei ihnen, wenn sie sich nicht so verhalten, wie man das von einem sozial lebenden, hilfsbereiten Homo Sapiens erwartet.

Gespenstisch wirkt es, wenn Gedanken, d.h. interne neuronale Vorgänge, solche Intensität gewinnen, dass die optischen, akustischen und kinästhetischen Scanner, die auch von der Stärke des Signals auf seine Lokalisation schließen, uns diese internen Objekte als externe erscheinen lassen. Das geschieht besonders in Zuständen der emotionalen Aufgewühltheit, der Verwirrung und/oder bei sensorischer Deprivation (d.h. wenn nur schwache und/oder eintönige Außensignale hereinkommen).

Viele Mystiker wenden z.B. systematisch Techniken der sensorischen Deprivation an. Die "Spökenkiekerei", das stundenlange Starren in das Kaminfeuer, ist ebenfalls eine Technik der sensorischen Deprivation. Auch in der Hypnose werden Techniken sensorischer Deprivation verwendet.

Und, nicht zu vergessen, im Traum. Dem, was wir da sehen, fehlt - zumindest im Wachzustand - allerdings dennoch eine bestimmte Realitätsqualität, es scheint real und irreal, innen und außen zugleich zu sein. Die Scanner liefern widersprüchliche Interpretationen, und das lässt unsere Wahrnehmungen als in sich paradox erscheinen.

Es gibt Menschen mit leicht ansprechbaren Scannern, die ständig mit Geistern umgehen und sich dennoch ganz gut in der Realität zurechtfinden. Sie haben die "Unterscheidung der Geister" gelernt. Und wenn und soweit sie sie gelernt haben, kann ihnen das eine besondere Hellsichtigkeit für subtile Aspekte der Realität und ihrer Entwicklungstendenzen vermitteln. Als (Quasi-)Wahrnehmung kann ihnen evident sein, was anderen selbst angestrengtes Nachdenken nicht erschließt. Von guten Geistern kann man sich beraten lassen. Es gibt aber auch Geister, die einen quälen, foppen oder in die Irre führen. Deshalb ist Vorsicht geboten: Ohne Unterscheidung der Geister entsteht leicht Verwirrung.

Auch ohne Personifikation tragen die Objekte stets emotionale Valenzen.

Osgood hat in seinen Forschungen zum "semantischen Differential" die grundlegenden Dimensionen Bewertung, Aktivierung und Potenz herausgearbeitet. Sie entsprechen genau den grundlegenden Motivationsaspekten: Anreiz, Antrieb, Kontrollierbarkeit. Hier zeigt sich also der enge Zusammenhang der emotionalen Valenzen mit dem menschlichen Handeln. Die Dimension Bewertung bezieht sich auf die Fragen: Ist dieses Objekt gut oder schlecht für mich? Soll ich mich ihm nähern oder soll ich es vermeiden? Ist es angenehm oder unangenehm? Die Dimension Aktivierung bezieht sich auf die Fragen: Ist dieses Objekt aufregend oder beruhigend? Ist es aktiv oder passiv, bewegt oder ruhig, hell oder dunkel, komplex oder einfach usw.? Die Dimension Potenz oder Kontrolle schließlich bezieht sich auf die Fragen: Ist das Objekt stark oder schwach? Kann ich es kontrollieren oder nicht? Kann ich es beeinflussen oder beeinflusst es mich?

Diese sind die im Objekt erscheinenden, "projizierten" Komplemente unserer subjektiven emotionalen Einstellung zu ihnen. Wovor wir Angst haben, das sieht bedrohlich aus. Was uns entzückt und/oder was wir begehren, das sieht schön aus. Was uns nicht interessiert, das sieht öde und langweilig aus; etc. In archetypischen Situationen - d.h. wenn Archetypen im Sinne von C.G. Jung angesprochen sind - wirken Personen und Dinge im numinos (in der psychologischen Bedeutung des Wortes). Wir sehen die emotionale Qualität von realen Dingen. Manchmal scheinen die Dinge zu lächeln, zu leuchten, dann wieder sind sie "schwarz", im Sinne einer optischen Metapher für ihr Bösesein.

Mir ist noch lebhaft in Erinnerung, wie mir in einem Zustand der Verliebtheit eine ganze Stadt monatelang fröhlich zu lachen schien - alle Häuser, Straßen, Bäume etc. Ich denke an zwei Zeilen Goethes: "Es lächelt der See, er ladet zum Bade...", "... wie lacht die Flur..." Das ist mehr als eine Metapher; es ist eine Wahrnehmung.

Begegnen uns zufällig in kurzer Zeit mehrere ähnliche Ereignisse, die nichts miteinander zu tun haben, so wird dennoch in einem Ursache-Wirkungs-Scanner die Hypothese eines Zusammenhangs, einer irgendwie einheitlichen Ursache aktiviert, die sich alsdann nicht wie ein bloßer Gedanke, sondern wie die Wahrnehmung eines Faktums aufdrängt, womöglich - unter Aktivierung des Personen-Scanners - eines personhaften Etwas, das für all diese Widrigkeiten verantwortlich ist.

Bei etwa einem Fünftel der Melancholie-Kranken kommt es zu Wahnvorstellungen, Vorstufen dazu finden sich bei fast der Hälfte. Zu diesen Vorstellungen kann gehören, dass der Kranke sich dem personifizierten Bösen gegenüber sieht (was in diesem Zusammenhang nicht für Schizophrenie spricht).

Der Schritt von starken emotionalen Objektvalenzen zur Personifikation ist manchmal nicht weit.

Die böse, gleichgültige, düstere oder schwarze Welt, die wir angesichts widriger, unliebsamer Ereignisse zu erfahren glauben, ist genauso eine kognitive Täuschung wie der böse Tisch für das Kind. Wir können diese Täuschung auf der Wahrnehmungsebene nicht aufheben, aber sie reflektierend neutralisieren. Bleibt die kognitive Täuschung undurchschaut, entsteht Aberglaube (was keineswegs immer schädlich ist, ich erinnere an die "guten Geister"). Spielen wir frei mit ihr, indem wir sie gewissermaßen in Anführungszeichen setzen, dann mag Poesie entstehen. Dem Philosophen geziemt es, die Illusion zu durchschauen und zu benennen. (Aber auch er wird dazu der Hilfe der empirischen Wissenschaft, z.B. der Psychologie wie der Hirnforschung, bedürfen.) Dass dieses Geschäft einer poetischen Weltsicht zuwiderläuft, hat ihn nicht zu bekümmern. (Dies alles verbietet ihm nicht, sich - so zu sagen in seiner Freizeit - auch einmal willentlich der Täuschung zu überlassen. Manchmal lassen wir uns ja willig von einem Zauberkünstler hinters Licht führen, obwohl wir wissen, dass er Illusionen erzeugt und nicht wirklich zaubern kann. Eigentlich sind auch alle gegenständliche Malerei, Fotografie, und erst recht der Film und auf andere Art der Roman Illusionskünste, die die Fehldeutungen der Scanner zu benutzen wissen.)

Die Dinge der Welt haben, jedenfalls nach unserem gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand, an sich selbst keine Zwecke und damit keinen immanenten objektiven Sinn. Sinn haben sie nur im Rahmen unserer Handlungen, d.h. insoweit, als wir sie im Rahmen unserer Handlungen funktionalisieren, ihnen eine Rolle zuerteilen. Dann werden sie von bloßen Dingen zu Handlungsobjekten, zu Mitteln. Sie werden zu Figuren in unserem Spiel. Im Handlungsfeld laden sie sich gleichsam mit Sinn auf.

Aber unsere kognitiven Scanner neigen dazu, alle Dinge, wenn schon nicht personal, so doch zumindest als Handlungsobjekte bzw. Instrumente von uns oder jemand anders zu deuten. Können wir beim besten Willen nicht erkennen, welchen Handlungssinn sie haben - und im Tiefsten ist für uns jeder Sinn Handlungssinn, ein Sinn im Reich der Zwecke -, dann empfinden wir sie als rätselhaft sinnlos. Diese Sinnlosigkeit ist aus der Sicht unseres Sinn-Scanners aber eine platzhaltende Leerstelle, ein Null-Sinn, der immer noch, wenn auch als Grenzwert, zur Sinn-Sphäre gehört. (Nur mühsam gelingt es uns, einen Argwohn zum Schweigen zu bringen: Gibt es da nicht vielleicht doch einen geheimen Sinn, der sich uns nur noch nicht offenbart hat? Wird uns der Sinn gar von irgendjemandem geradezu böswillig verheimlicht? Erst wenn wir irgendeinen Handlungs-Sinn erraten zu haben glauben, empfinden wir unsere Erkenntnis als vollständig.) Aber auch diese Sinnlosigkeit kann eine kognitive Täuschung sein - dann nämlich, wenn und soweit die Dinge außerhalb der Sphäre des menschlichen Handelns liegen. Damit ist nämlich auch gesagt, dass sie außerhalb der Sinnsphäre liegen; es ist im Grunde sinnlos, sie sinnlos zu nennen. Ihnen fehlt der Sinn nicht einmal; nur der Sinn-Scanner gaukelt uns vor, dass das Nichtvorhandensein ein Fehlen sei. Das ist ein entscheidender, meist übersehener Unterschied, der es rechtfertigt, einen besonderen Begriff einzuführen. Die Dinge, außerhalb des Reiches der Zwecke betrachtet, sind nicht sinnlos, sondern, wie ich es vorläufig nennen will, "trans-sinnhaft". Damit ist keine bloße Negation des Sinnes gemeint, sondern eine Rejektion: nämlich die Rejektion der gesamten Sinn-Thematik, wie ich in Anlehnung an Gotthard Günther sagen möchte.

Es ist eine interessante Überlegung, ob man im Zusammenhang mit Rejektionen, Günthers Ideen folgend, nicht einen dritten Wahrheitswert einführen, d.h. die zweiwertige Logik durch eine dreiwertige ergänzen sollte, die kalkültechnisch ja nicht nur möglich wäre, sondern längst ausgearbeitet ist. Dadurch könnte diese logische Situation, die leicht zu einer abergläubischen oder "poetischen" Verwirrung des Denkens führt, in einem präzisen Logikkalkül entwirrt und handhabbar gemacht werden.

Die Korrektur der Illusion, die Gegenrechnung, die den Wahrnehmungsfehler ausgleicht, liefert das nüchterne Ergebnis ohne Pathos und Tragik, dass die Welt unserer Emotionen, Zwecke, Sinnhaftigkeiten begrenzt ist. Die furchtbare Fratze der Sinnlosigkeit, die wir draußen zu gewahren glauben, ist ein Phantom, das von einem aufs Trans-Sinnhafte, auf die Welt außerhalb des Reiches der Zwecke gerichteten Sinn-Scanner erzeugt wird. Sie hat etwas von einem Phantomschmerz an sich.

Aber die bloße Fehlausrichtung des Sinn-Scanners genügt noch nicht, um schaurige, schwarze Phantome zu erzeugen. Nicht jedes Phantom ist ja schaurig. Zu den Bedingungen der Erzeugung solchen Phantomschreckens gehört auch, dass die im kognitiven System eingebauten optimistischen Hypothesen - ich nenne sie vorläufig die Pistis-Funktionen, eine Art Urvertrauen und Urheimatgefühl in der Welt, in die wir ja nicht von wer weiß woher hineinverpflanzt worden sind, sondern deren eigene wohlangepasste Kinder wir sind - nicht mehr funktionieren, z.B. in der Depression, bei beschädigtem Vertrauen in die eigenen Handlungskompetenzen. Gerade der Phantomschrecken angesichts des Trans-Sinnhaften da draußen ist eine Projektion unserer eigenen Verzagtheit. Umgekehrt könnten auch die Pistis-Funktionen als wohltätige Geister wahrgenommen werden, und das ist trotz der wahnhaften Komponente durchaus gesund.

Wir können auch nicht ausschließen, dass das, was in unserer Welt Wahn ist, von höherer Warte aus betrachtet dennoch zugleich die Wahrheit ist. D. h. der Glaube wird durch die Einsicht in den Wahncharakter nicht widerlegt, er bleibt möglich.

Wer kühn genug ist, mag gar den folgenden Satz wagen: Wenn es solchen Wahn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.

Je nach Stimmung, Charakter und Aufmerksamkeitsrichtung sehen wir dieses oder jenes in die Welt hinein; wie in eine Wolkenformation.

In der Psychologie ist dieses Phänomen die Grundlage der projektiven Tests. Der Proband meint Bilder zu deuten, in Wirklichkeit gibt er über sich selber Auskunft.

Bei unbeschädigtem oder wiederhergestellten Urvertrauen fühlen wir uns heimisch und geborgen in dieser Parzelle des Universums, und es stört und ängstigt uns nicht, dass außerhalb dieser Parzelle, dieses Reiches unserer Zwecke eine große, uns fremde Welt ist, die uns rätselhaft bleibt, weil wir ihre Zwecke nicht begreifen. Sie macht uns allenfalls neugierig, wir möchten sie vielleicht erkunden. Der gestirnte Himmel über uns muss uns nicht ängstigen, er kann uns auch als erhabene Herausforderung zur Erkundung erscheinen. Wir können voll Freude und Begeisterung über Himmelsmechanik nachdenken und/oder von Expeditionen auf fremde Planeten träumen. Mancher ist fasziniert von dem Gedanken, die Luft von anderen Planeten zu fühlen. Vielleicht kann man ja neue Landstriche in unser Reich der Zwecke einverleiben...

Allgemeiner gesagt, die emotionale Qualität der Welt und der Vorgänge in ihr ist nicht in erster Linie durch deren objektive Eigenschaften bestimmt, sondern durch unsere Bewertung dieser Eigenschaften. Die Maßstäbe dieser Bewertung wiederum sind keine objektiven Gegebenheiten der Außenwelt, sondern mehr oder weniger fixe Programm-Elemente unserer Scanner. Die emotionalen Bewertungen sind von der Evolution in uns eingebaut, damit wir das wollen und tun, was sich evolutionär bewährt hat und unserer biologischen Fitness dient. Denn die Emotionen sind die Sprache unserer Instinkte. In ihr werden die biopsychologischen Imperative konkret und situationsbezogen formuliert. Was wir biopsychologisch tun sollen, das macht uns Lust; was wir unterlassen sollen, das ist uns zuwider. In vielschichtigen Lagen haben wir gemischte Gefühle, und es ist eine besonders interessante, hier aber nicht zu behandelnde Frage, wie man in vielschichtigen, widersprüchlichen Lagen zu Entscheidungen kommt. Selbst die emotionale Bewertung des Todes ist nicht durch das bloße Faktum des Erlöschens unserer Existenz, sondern durch interne biopsychologische Bewertungsvorgaben unseres kognitiven Systems bestimmt. Der Auftrag an unser kognitives System ist ja, das Überleben zu sichern. Dazu später mehr.

Man kann sich fragen, warum das Urvertrauen so vieler Menschen gestört zu sein scheint. Neben inviduellen Faktoren wie schweren Unfällen, Schicksalsschlägen, überhöhten Ansprüchen und Erwartungen an das Leben auf Grund von Verwöhnung etc. gibt es, soweit ich erkennen kann, zwei Faktoren, die fast alle Menschen betreffen:

Wir, eine Spezies von Jägern und Sammlern, sind aus unserer Urheimat Ostafrika, dem Garten Eden, ausgewandert. Empirische Untersuchungen zeigen: Noch heute finden die meisten Menschen spontan solche Landschaften besonders schön, die der ostafrikanischen Savanne ähneln. Mit dieser Vorliebe werden wir geboren. Andere Landschaften zu mögen, muss man erst lernen, und das gelingt auch, wenn man sie erobern und seinen Zwecken dienstbar machen kann. Und wo wir können, verwandeln wir die von uns bewohnten Landschaften in Savannen.

Das Schöne scheint zuweilen das Aufscheinen unseres inneren Gesetzes bzw. von Zügen unseres urheimatlichen Biotops im Fremden zu sein, das Vertraute im Fremden. Aber auch das Letztere hat seinen Reiz. Es kommt auf das Mischungsverhältnis an. Helmar Frank hat das optimale Maß von Vertrautheit und Neuheit in seinen informationsästhetischen Untersuchungen mathematisch bestimmt. Diesen Gedanken könnte man vielleicht auch auf die geheime Vertrautheit des Urheimatlichen anwenden.

Wir können sehr wohl außerhalb von Eden leben und uns heimisch fühlen, aber manchmal sind wir damit ein bisschen überfordert, und dann ahnen wir, dass hier nicht unsere Urheimat ist. Dass es in gewisser Weise die Missachtung eines uns innewohnenden Gesetzes war, das Paradies zu verlassen. Wir waren zu neugierig, wir haben fremde Tiere gejagt, wir haben Früchte gesammelt, die nicht für uns bestimmt waren, und manchmal reut es uns. Aber mit dieser Ursünde müssen wir leben; wir können nicht mehr - jedenfalls nicht alle - nach Eden zurück.

Und nachdem wir uns ein bisschen an diese außerafrikanischen Gefilde gewöhnt und anzupassen begonnen hatten, hat sich der Druck der Überforderung erhöht. Mit all zu großen Schritten haben wir uns von Eden noch weiter entfernt, das Tempo hat sich erhöht. Noch nie sind die Anpassungsmechanismen so vieler Menschen so gefordert worden wie seit unserem Aufbruch in die technisch-wissenschaftliche Zivilisation. Manche bleiben ermattet am Wegesrand sitzen, manche tötet der Stress. Aber vielleicht erschaffen wir, wieder einmal, eine Umgebung von dem Typ, der uns gefällt, eine Art Savanne. Und am Ende landen wir doch wieder im Garten Eden, einem selbstgeschaffenen diesmal. Die Neugier hat uns weggeführt, die Neugier hat uns wieder hergebracht... Zu einem neuen, gewandelten Eden allerdings, in das wir die guten, reichen Erfahrungen unserer Odyssee durch die Fremde ein- und heimgebracht haben. Einem mit bedienungsfreundlichen Computern ausgestatteten Eden vermutlich. Jedenfalls besteht die begründete Hoffnung. Ob sie sich realisiert, können wir freilich nicht wissen. Aber der Glaube daran könnte uns retten. Die Ungläubigen, die nicht einmal von der Hoffnung auf Heimkehr getröstet werden, sind in großer Gefahr, eines Tages am Heimweh zu sterben.

 

 

Ist der Tod ein Scheitern?

Über einige Arten des Todes

Ist es angemessen, von unvermeidlichen "Scheitern" des Lebens, gar von einer "suizidalen Tendenz des Daseins selbst" sprechen, wie ein philosophischer Pessimist es dem Autor gegenüber getan hat? Zwar ist alles Leben todgeweiht, aber ist das ein "Scheitern"?

Ich glaube, wir tun gut daran, verschiedene Arten des Todes sorgfältig zu unterscheiden:

Der Tod durch Unfall und Krankheit. Bakterien beispielsweise sind ihrer Anlage nach eigentlich unsterblich. Sie existieren weiter, bis sie sich teilen oder durch widrige Umstände zu Grunde gehen. Der Unfalltod stößt von außen her zu; er ist im inneren Programm des Lebewesens nicht vorgesehen, nicht dessen "Absicht". Entsprechendes gilt vom Tod durch Krankheit.

Es gibt aber auch Arten des Todes, die zum genetischen Programm selbst gehören, d.h. - metaphorisch gesprochen - in seiner Absicht liegen. Deshalb passt es nicht recht, hier von "Scheitern" zu sprechen.

Die Apoptose. In vielzelligen Organismen enthalten viele Zellen ein Programm der Selbstauslöschung. Man nennt es zuweilen auch "Selbstmordprogramm". Das ist nicht ganz falsch, aber doch in gewisser Hinsicht eine sensationsjournalistische Übertreibung. Die Zellen sind nicht, auch nicht im metaphorischen Sinne, unglücklich und deprimiert; sie begehen keinen Bilanzselbstmord angesichts eines missglückten Lebensplans. Vielmehr folgen sie damit - gewissermaßen altruistisch - einer inneren Bestimmung im Dienste des Gesamtorganismus. Diese Selbstauslöschung wird von den Biologen "Apoptose" genannt, und wir sollten den Ausdruck aufgreifen, um die falschen Assoziationen und Deutungen, zu denen der Begriff "Suizid" verführt, zu vermeiden. Zellen, deren Apoptose-Programm nicht funktioniert, sind Krebszellen.

Auch der "natürliche" Tod vielzelliger Organismen, d.h. der Ablauf der ihnen von ihrer genetischen Ausstattung zugemessenen Lebensspanne, ist eine Art Apoptose. Sie geschieht nicht im Dienste eines einzelnen Organismus, sondern im Interesse der Gene, die er in der Fortpflanzung weitergibt. Der natürliche Tod ist biologisch ein Mittel zur Erhaltung der Art, er ermöglicht die Entstehung von Organismen, die ihrem Biotop und seinen Wandlungen angepasst sind und bleiben. Und er schafft den neuen Organismen der Art Platz. Das klingt selbstverständlich grausam. Unsterblichkeit wäre jedoch etwas dem Krebs Vergleichbares. Bei Vielzellern ist der natürliche Tod also tatsächlich in gewisser Hinsicht das notwendige Komplement, der Preis der Fortpflanzung.

Dennoch ist Freuds Idee vom "Todestrieb" allenfalls eine poetische Metapher. Wissenschaftlich betrachtet ist er eine überflüssige Annahme, denn die Begrenzung der Lebensspanne wird schon auf Zellebene geleistet; die Einschaltung höherer kognitiver Funktionen ist dafür nicht erforderlich. Ein Todestrieb wäre deshalb eine biopsychologische Monstrosität, die allen Gesetzen der genetischen Entwicklung spottet. Auf kognitiver Ebene ist unser persönliches Interesse, das mit dem genetischen Interesse auf Zellebene hier nicht übereinstimmt, auf Selbsterhaltung, virtuell auf Unsterblichkeit gerichtet. Das ist der "biologische Auftrag" ans kognitive System des Vielzellers. Die Annahme eines Todestriebes verstößt somit geradezu gegen das Ethos der Naturwissenschaft, nämlich gegen das Verbot, neue Konstrukte einzuführen, wenn es nicht unvermeidlich ist.

Ein echter Todestrieb würde bewirken, dass wir den Tod zum evolutionär bestimmten Zeitpunkt rückhaltlos wollen und ohne Zögern suchen würden. Wir nähmen den Tod als ein emotionales Gipfelerlebnis wahr, ein Erlebnis von so großartiger Dichte und Intensität, dass wir meinen würden, die Auslöschung unserer Existenz sei kein zu hoher Preis, dieses Gipfelerlebnis einmal erfahren zu können. Aber so ist es offenbar nicht.

Dass der evolutionär eingebaute "Wille der Zellen" und der ebenso evolutionär eingebaute Wille des kognitiven Systems hier im Widerspruch sind, macht uns allen gelegentlich zu schaffen. Ein "Scheitern" des Lebens ist der natürliche Tod dennoch nicht, denn als solches "will" es keine Unsterblichkeit. Nur ein illusionärer Anspruch an das Leben scheitert. Das ist betrüblich; aber ich zögere, es "tragisch" zu nennen. Denn neben dem Wunsch, weiter zu leben, ist ja auch, wenn schon kein Todestrieb, so doch die gesunde Fähigkeit in uns, die Endlichkeit des Lebens auszuhalten und uns dieses Lebens vor dem Tode zu erfreuen. Diese gesunde Gelassenheit zeigte der große Hypnotherapeut Milton H. Erickson, als er einmal zu einem Schüler, der sich wegen Ericksons angegriffener Gesundheit Sorgen machte, sagte: "Beruhigen Sie sich - Sterben ist das Letzte, was ich tun werde!"

Der Opfer- und Heldentod. Man kann darüber streiten, ob es biopsychologisch eine Bereitschaft gibt, sich für nah Verwandte zu opfern. Die Frage dürfte wissenschaftlich noch nicht endgültig geklärt sein. Am ehesten wäre das Selbstopfer einer Mutter für ein bereits überlebenfähiges Kind evolutionär wahrscheinlich. Dies hätte etwas von einer echten Apoptose an sich, die wohl auch kaum anders als über das kognitive System ausgelöst werden könnte. Die Umgebungswahrnehmung der Zellen reicht dafür nicht aus. Auch für Stammesangehörige, die ja einigermaßen nah verwandt sind oder durch eine fiktive (totemistische) Verwandschaft die entsprechenden Reflexe auslösen, könnte sich theoretisch eine gewisse Bereitschaft zum Opfertod, etwa bei kriegerischen Auseinandersetzungen, herausgebildet haben. Jedoch müsste diese Bereitschaft eng mit ihrer Interpretation der strategischen Lage zusammenhängen. Das Selbstopfer kann nur das letzte Mittel sein, denn ein kämpfender Krieger ist für den Stamm im Normalfall wertvoller als ein toter. Hier mag auch die Lage-Deutung der Befehlshaber und der einfachen Soldaten sehr unterschiedlich sein. Jedenfalls kann eine apoptotische Komponente des Heldentodes, wenn es sie denn überhaupt gibt, aus diesen Gründen nicht ohne die starke Gegenkomponente des Überlebenswunsches sein; d.h. es muss auf jeden Fall einen inneren Zwiespalt geben, der allenfalls durch eine bewusste kognitive Forcierung der apoptotischen Seite zu deren Gunsten entschieden werden kann.

Der echte Suizid ist eher dem Unfalltod vergleichbar. Er ist im genetischen Programm nicht vorgesehen, sondern eine Irregularität, auch wenn wir seine Motive vielleicht verstehen können. Ihn kann man durchaus ein "Scheitern" nennen. Das Leben als solches hat gewiss keine suizidale Tendenz, die der eines Menschen vergleichbar wäre, der sich aus Liebeskummer oder Verzweiflung (wegen zu hoher Erwartungen oder zu geringer Erfüllung) umbringt: Das ist ein Missverstehen der Apoptose.

Es gibt also zwar manchmal eine apoptotische, aber kaum eine suizidale Tendenz des Lebens. Vielleicht aber gibt es suizidale, suizidfördernde Philosophien. In das Leben eine suizidale Tendenz hineinzudeuten, hat selbst schon etwas Suizidales. Vielleicht sollten wir dem eine psychotherapeutische Philosophie entgegensetzen, die, im Einklang mit der evolutionären Tendenz, uns in den Stand setzt, das Leben vor dem Tode mit allen seinen Höhen, Tiefen, Rätseln und Begrenzungen zu bejahen. Eine solche optimistische Einstellung wirkt im Lichte unserer kulturellen Tradition seicht und hausbacken. Wie ich finde, zu Unrecht. Denn es ist ein unbegründetes Vorurteil der abendländischen Kultur, dass Motive wie Tragik, Trauer, Tod und Scheitern "tiefer" und wertvoller seien. Ich bestreite die Gültigkeit, jedenfalls die Allgemeingültigkeit dieses latent depressiven Bewertungsmaßstabes.

Sowohl der Optimismus als auch der Pessimismus sind letztlich nur Optionen, die - jedenfalls nach unserem heutigen Kenntnisstand - keiner Letztbegründung fähig sind. Aber der Optimismus hat den Vorzug, mit der grundlegenden evolutionären Tendenz im Einklang zu stehen. Deshalb halte ich ihn für tiefer, ja, für weiser.

 

Elf psycho-philosophische Thesen zum Bösen

(Geringfügig überarbeitete Version eines Thesenpapiers für ein philoSOPHIA-Seminar 1998.)

1. Traditionelle Definitionen: metaphysischer, dualistischer, monistischer Begriff des Bösen; das Böse als moralischer Begriff; in der Theologie. Die Frage der Theodizee. Die metaphysische Deutung des Bösen trägt wenig zu einer praktischen Klärung und Handhabung bei. Polemisch überspitzt: "Metaphysik ist das Finden schlechter Vernunftgründe für das, wovon wir intuitiv überzeugt sind."

2. Unsere Vorstellung vom Bösen beruht auf einer emotionalen Basis, was immer rationale Überlegungen zur Präzisierung und Ergänzung hinzutun mögen. Die eigentliche emotionale Basis ist das Schuldgefühl. Böse sind Handlungen, die in der Regel Schuldgefühle auslösen. Dies sind vor allem Handlungen, die gegen sozial-emotionale, auf dem genetisch verankerten "reziproken Altruismus" des Austauschs von Leistung und Gegenleistung beruhende Kooperationsverpflichtungen (im weitesten Sinne) verstoßen.

"Moral setzt die angeborene Fähigkeit, Schuldbewusstsein und Empathie zu empfinden, voraus." - "Unsere Gefühle sind, wie Frank dargelegt hat, die Garanten unserer Verbindlichkeit." - "Alles in allem sind die menschlichen Gefühle für Trivers so etwas wie der auf Hochglanz polierte Werkzeugkasten eines sozial interagierenden Wesens." - "Gefühle sind ein Weg, um den Konflikt zwischen kurzfristiger Zweckmäßigkeit und langfristiger Klugheit zugunsten letzterer aufzulösen." - "Wut schreckt Missetäter ab, Schuldgefühle machen dem Betrüger den Betrug schmerzlich, Neid steht für Eigennutz, die Verachtung schafft Respekt, Schande bestraft, Mitgefühl wird durch Mitgefühl erwidert. Und Liebe bindet uns an eine Beziehung." (Ridley)

3. Die Kooperationsformen setzen sich aus

genetisch fixierten Elementen einerseits und

multilateral (kulturell, z.B. religiös-moralisch, gesetzlich) bzw. bilateral (vertraglich, vereinbarungsgemäß) gewillkürten Elementen andererseits

zusammen; letztere "bestimmen das Nähere", geben die erforderlichen Konkretisierungen. Im Bereich des Eltern-Kind-Verhältnisses dürfte der genetische Anteil relativ am höchsten sein. Der gewillkürte Anteil wird gesichert durch den allgemeinen menschlichen Hang zur Konformität, zum normativen Verständnis von Präzedenzfällen und zur emotionalen Bindung an Vereinbarungen ("pacta sunt servanda").

Das Gewissen als von der Evolution geformtes "psychisches Organ" setzt sich wahrscheinlich auch evolutionär aus mehreren Komponenten zusammen, die bis heute nur unzureichend unterschieden werden. Auch die philosophische Tradition bietet wenig Aufschluss über die Binnenstruktur des Gewissens. Immerhin ist die Hypothese nahe liegend, dass die Komponenten des Gewissens einen Zusammenhang zu den "fünf Beziehungen" des Konfuzius aufweisen könnten.

4. Soweit kein zwischenmenschliches Kooperationsverhältnis besteht, ist es nicht sinnvoll, von einem Verstoß gegen Kooperationsverpflichtungen zu sprechen. Freilich neigen die Menschen dazu, die Kooperationserwartungen und -verpflichtungen projektiv auch auf das Verhältnis zu und unter nichtmenschlichen Lebewesen, ja auf die ganze Welt und das, was dahinter und darüber vermutet wird, auszudehnen. Wenn "die Welt" sich nicht so verhält, wie man es als kooperierender, d.h. guter Mensch tun müsste, dann wird sie als "böse", "brutal" etc. wahrgenommen. Die moralbezogenen Emotionen sind selbst zumindest eine der Quellen solcher Vermutungen und Ahnungen. (Hierzu gehören religiöse Vorstellungen wie Opfer, Jüngstes Gericht, moralische Weltordnung, Karma etc.). Aus dem unvermeidlichen Vorhandensein solcher Vermutungen und Ahnungen folgt jedoch weder, dass es wirklich eine moralische Weltordnung gibt noch dass es sie nicht gibt; es handelt sich um eine Angelegenheit des Glaubens.

5. Der Inbegriff aller Kooperationserpflichtungen, aller Erfordernisse des sozialen Zusammenlebens ist die Moral. Das konkrete Böse besteht im direkten oder indirekten Verstoß gegen je konkrete moralische Handlungs- und Unterlassungspflichten. Böse Taten können nach Art und Schwere unterschieden werden. Ein böser Mensch ist einer, der nach Gewohnheit und Charakter zu bösen Taten geneigt ist. Laster sind Gewohnheiten bzw. Dispositionen, die typischerweise böse Taten nach sich ziehen. Sie haben nach heutigem psychologischen Verständnis oft eine Suchtkomponente. Die Nominalisierung der konkreten Normverstöße als "das Böse" ist nicht ganz ungefährlich, weil sie den Bezug zu den konkreten unterschiedlichen Normverstößen tilgt und eine quasiunabhängige, selbständige und einheitliche Wesenheit suggeriert - ein geradezu hypnotischer Trick.

Augustinus: "Sünde ist ein Wort, eine Tat oder ein Begehren im Widerspruch zum ewigen Gesetz." Hauptsünden sind nach heutiger katholischer Lehre (Katechismus Nr. 1866): Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Trägheit, Überdruss.

6. Das Böse als Selbst-, d.h. oberster Zweck oder Endzweck, ist selten; in der Regel ist es nur Mittel zum Zweck. D.h., es geht primär nicht um die Schädigung des anderen (was sozusagen ein "negativer Altruismus" wäre und den gleichen logischen Bedenken begegnete wie ein strenger, reiner positiver Altruismus), sondern um den eigenen tatsächlichen oder vermeintlichen Vorteil (und sei es der, seinen Rachedurst zu löschen). Da der Schaden des anderen als solcher noch kein eigener Vorteil ist, ist das Böse als Selbstzweck zwar nicht unmöglich, aber evolutionär unwahrscheinlich. Deshalb ist auch unwahrscheinlich, dass es das "Teuflische" im radikalen, strengen Sinne gibt; obwohl es nicht ausgeschlossen ist. Vielmehr dürfte es sich um extremen, rücksichtslosen Egoismus handeln. Die Etikettierung als "radikal Böses" wird oft fälschlich verwendet, weil man den Zweck, der in der Regel eben kein Selbstzweck zu sein pflegt, nicht versteht.

7. Oft ist das Böse ein missglücktes oder pervertiertes Gutes (z.B. Konformität im Krieg etc.). Dieses kann man daher als eine besondere Art des Bösen betrachten; ebenso alles, was solches Missglücken, solche Perversionen fördert, auslöst, trotz Garantenstellung nicht hindert etc. (Z.B. die arttypische Neigung zum Gruppendenken mit Entwertung der Fremdgruppen.) Diese Art des Bösen ist es, die am meisten katastrophales Massenunglück herbeiführen kann.

Zamenhofs klarsichtige Lehre von den "disigiloj" könnte hier nutzbar gemacht werden (Sprache, Religion, Weltanschauung als Instrumente der Trennung oder der Verbindung).- Ritual als Ermutigung zur Kooperation und Selbstaufopferung (Lyle Steadman).- Konformisierende Wirkung von Rhythmus und Musik.- Menschen denken in Gruppenkategorien.- Das berühmte, sehr aufschlussreiche Asch-Experiment zur Konformität.

8. Die Möglichkeit der Konformität im Bösen wirft die Frage der bösen Ideologien, Weltanschauungen und Religionen auf. Deren Böses muss nicht in ihren expliziten Zielen liegen, sondern kann sich auch als indirekte, unbeabsichtigte Folgewirkung einstellen.

Hier ist der neutestamentliche Satz zu beherzigen: "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." Auch sollte man die von Popper formulierte Erfahrung beachten, dass der politische Grundsatz "Vermehre die Glückseligkeit, so sehr du nur kannst" im Gegensatz zu dem Grundsatz "Vermindere das Leiden, so sehr du nur kannst" eine gefährliche Tendenz zum Totalitären hat.

9. Dass die Gesellschaft aus verschiedenen unter-, über- und nebengeordneten Subsystemen besteht, denen spezifische, teils einander widersprechende Normensysteme entsprechen, führt dazu, dass Unterschiedliches als Normverstoß betrachtet werden kann. Insoweit gibt es, trotz einiger mehr oder weniger universell gültiger Normen, auch ein subsystemspezifisches Gutes und Böses; d.h. es gibt ein relatives Böses, das nur im Rahmen eines bestimmten gesellschaftlichen Subsystems als Normverstoß gewertet wird, in anderen nicht. (Subsysteme mit deutlicher erkennbarer Sondermoral sind etwa das Rotlichtmilieu, die Armee im Krieg, eine Karnevalsfeier, die scientific community etc.) Je mehr der gesellschaftliche Pluralismus akzeptiert wird, desto weniger erscheint das "relativ Böse" in diesem Sinne als böse, sondern nur noch als situationsspezifisches und -adäquates Verhalten.

10. Drei psychologische Quellen der Faszination des Bösen:

Erste Quelle: Die naturgegebene, arttypische Aufmerksamkeit/Wachsamkeit gegenüber Betrug, d.h. Verletzungen der Gegenseitigkeit, des reziproken Altruismus.

"Das soziale Zentrum [des Gehirns] tut nichts anderes, als systematisch die auf dem Wege der natürlichen Selektion herausgebildeten Rückschluss-Automatismen in Anwendung zu bringen, die sich darauf spezialisiert haben, in bilateralen sozialen Verträgen mögliche Vertragsbrüche zu identifizieren." (Ridley) - Menschen schneiden auf der Suche nach Altruisten schlecht ab; leichter können sie Betrüger ausmachen.

Zweite Quelle: Erhöhter Aufmerksamkeitswert des Abweichenden, Unalltäglichen.

Dritte Quelle: Die Gefahr, bei der Befriedigung eigener Bedürfnisse die Gegenseitigkeit zu verletzen, indem nur der eigene Nutzen gesucht, die damit verbundenen Kosten für die anderen aber ignoriert bzw. nicht gleichwertig berücksichtigt werden, wird erst sekundär durch antizipiertes Schuld- und Schamgefühl sowie den rationalen "Schatten der Zukunft" gebannt. Das, worauf wir verzichten, behält aber seine primäre Attraktivität, die im Licht der erhöhten Aufmerksamkeit, die ihm gerade durch die Anstrengung des Verzichtleistens zuteil wird, zum "Reiz des Verbotenen" wird. Weil es nun einmal zahlreiche Ziele und Handlungsweisen gibt, die für andere Menschen direkte oder indirekte Nachteile (Kosten) verursachen können, ist der moralische Impuls seiner Natur nach nicht nur ein Aktions- und Leistungsimpuls (= Verpflichtungen zu erfüllen), sondern zu erheblichen Teilen auch ein Hemm-Impuls (= egoistische Schädigungen und Störungen zu unterlassen).

Das bedeutet nicht, dass es nicht auch gute Kompromisse geben könnte, bei der eigener und fremder Nutzen sich als gut vereinbar erweisen. Spieltheoretisch ausgedrückt, müssen Kompromisse keine Nullsummenspiele sein (= der eine gewinnt, was der andere verliert), sondern können Positivsummenspiele sein (= beide gewinnen mehr als sie verlieren, oder keiner verliert).

Die Versuchung spüren wir alle gelegentlich in uns. Wäre es nicht so, dann hätten sich im Verlauf der Evolution hemmende normbezogene Emotionen wie Schuld- und Schamgefühl nicht entwickelt. Dieses Faktum entkräftet alle Gegenargumente.

11. Die bei vielen Völkern anzutreffenden Mana-Vorstellungen u.ä. lassen kaum Rückschlüsse auf die tatsächlichen psychologischen Gründe (und Zwecke) der numinosen Qualität, der Faszination des Bösen etc. zu. Sie sind lediglich kulturspezifische Deutungs- und Begründungsmuster für seelische Erfahrungen und rituelle Praktiken im Sinne eines mythisch-magischen Weltbildes. Sie sind daher in erster Linie von ethnologischem und religionswissenschaftlichem Interesse, während aus psychologischer Sicht kaum ein Zweifel besteht, dass es sich schlicht um den Mechanismus der Projektion und Introjektion von Bedeutungen (auch im Sinne von Wichtigkeiten) handelt; das "freie Schweben" der Bedeutungen, wenn sie in einen Gegenstand "hineinfahren" oder von einem Gegenstand zum anderen wechseln, hat etwas "Geisterhaftes" an sich; in der heutigen Esoterik-Szene mit ihrer von den Naturwissenschaften inspirierten Sprache würde dies eher als "Energie" o.ä. gedeutet.