Rainer Maria Rilke, Briefwechsel mit Magda von Hattingberg, "Benvenuta", hrsg. von Ingeborg Schnack und Renate Scharffenberg, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig, 2000, 239 Seiten, DM 44,-

Dies ist, um es gleich am Anfang zu sagen, ein wirklich schönes Buch; es hat zudem so etwas wie eine eigene Geschichte. Das von Renate Scharffenberg verfasste Nachwort informiert den Leser, dass die Erläuterungen zu den Briefen noch, jedenfalls im Entwurf, in der Zusammenarbeit mit Ingeborg Schnack entstanden, die, in hohem Alter, am 3. November 1997 starb, sodass die Schlussredaktion von Renate Scharffenberg allein zu Ende gebracht werden musste. Von ihr stammt auch die kenntnisreiche Einführung, die den biografischen, aber auch werkgeschichtlichen Rahmen für ein Verständnis der Briefe Rilkes, und Magda von Hattingbergs, zeichnet. Wir halten also ein Buch in der Hand, das ein Stück Geschichte der Rilkeedition im Inselverlag dokumentiert. Die gemeinsame jahrzehntelange Arbeit von Ingeborg Schnack und Renate Scharffenberg, die Rilke gewidmet war, zeitigte unter anderem eine Reihe von Briefausgaben, zudem verfasste Ingeborg Schnack die zweibändige Rilke-Chronik, ein, wie man zurecht immer wieder liest, unentbehrliches Hilfsmittel für jeden, der sich mit dem Dichter beschäftigt. Einleitung und Anhang des vorliegenden Buches bilden gleichsam die spezifische Einfassung für die merkwürdig eindringlichen Briefe, die der sich in einer tiefen Schaffenskrise befindende Rilke mit der Pianistin Magda von Hattingberg wechselt.

Magda von Hattingberg hat bereits 1943, und in 2. Aufllage 1947, ein "Buch des Dankes", mit dem Titel "Rilke und Benvenuta" herausgebracht, das Briefauszüge mit ihrer Erzählung der Geschehnisse, ihre Verbindung mit dem Dichter betreffend, verknüpft. Die jetzige Edition bietet das erste Mal den vollständigen Text aller Briefe, derjenigen Rilkes und Magda von Hattingbergs.

Am 22. Januar 1914 schreibt die Pianistin Rilke das erste Mal, nachdem sie die "Geschichten vom lieben Gott" gelesen hat. Sie berichtet in "Rilke und Benvenuta", unter welchen Vorzeichen diese Lektüre erfolgt: "Irgendwo in der Welt musste doch eine Troststimme sein, die alles Traurige und Schreckliche einer kaum überstandenen Zeit innerer Enttäuschungen erlösen konnte, eine Stimme, die einer zerstörten Jugend Sinn und neuen Blick ins Leben zu geben vermochte." Magda von Hattingberg kann nicht wissen, dass der Dichter sich in einer in mancher Hinsicht jedenfalls vergleichbaren Situation befindet. Er durchlebt, nach den 1912 in Duino begonnenen Elegien, die er zunächst nicht fortzusetzen vermochte, eine seine ganze Existenz erfassende Krise. Er glaubt, an eine Grenze der dichterischen Anschauung gelangt zu sein. Die nach dem Ende der Beziehung zur Pianistin geschriebenen Gedichte "Waldteich, weicher, in sich eingekehrter -," und "Wendung" reflektieren das Scheitern und ringen um einen Ausweg, der in Rilkes Augen nur eine Steigerung der Anschauung sein kann:

"... weiter kam ich nicht: ich schaute an; / blieb das Angeschaute sich entziehend, / schaut ich unbedingter, schaute kniend, / bis ich es in mich gewann. // Fand es in mir Liebe vor? ..." ("Waldteich, weicher, in sich eingekehrter...")

In "Wendung" wird der Mangel dieser dichterischen Anschauungsweise benannt:

"schauend wie lang? / Seit wie lange schon innig entbehrend, / flehend im Grunde des Blicks?...// da

beriets in der Luft, / unfaßbar beriet es / über sein fühlbares Herz, / über sein durch den schmerzhaft verschütteten Körper / dennoch fühlbares Herz / beriet es und richtete: / daß es der Liebe nicht habe.//

(Und verwehrte ihm weitere Weihen.)// Denn des Anschauns, siehe, ist eine Grenze / und die geschautere Welt / will in der Liebe gedeihn.// Werk des Gesichts ist getan , /tue nun Herz-Werk... "

Die Einsamkeit des schöpferischen Menschen ist, so sieht es Rilke nun, tiefste Entbehrung. Das Geschaute wird auf einer äußersten Stufe doch wieder benutzt, weil die letzte Öffnung zu ihm hin, die eine liebende wäre, unterbleibt. Die Sehnsucht nach dieser Liebe darf in keiner Weise als Versuch, der selbstgewählten Einsamkeit zu entkommen, missdeutet werden. Die Zeilen aus der ersten Duineser Elegie "Ist es nicht Zeit, daß wir liebend / uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn: / wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung / mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.", werden nicht in Frage gestellt und bleiben gleichsam in Kraft. Die Idee, denn darum handelt es sich, wie ich glaube, einer Liebe, die wie ein äußerster Aufschwung und eine völlige Zuwendung zum Geliebten wäre, und es doch grenzenlos freilässt, wäre die letztmögliche Steigerung der Inspiration: der Welt so zu begegnen vermag nur ein gottgleicher Heiliger, aber einer geliebten, ein Gleiches fühlenden Frau, das müsste, so empfindet Rilke, nicht nur die Hemmung und Beschränkung seiner dichterischen Kraft aufheben, sondern sie in bisher nur geahnte Höhen führen.

Jeder normale Mensch wird sofort an der Möglichkeit einer Verwirklichung dieser Idee Zweifel anmelden, und natürlich hat er auch noch recht - aber das gilt es dennoch erst zu begreifen, denn der Spürsinn der Normalität, der jedes Zuviel als gefährlich und unsinnig erscheint, ist ja noch ganz hausbacken mythisch und eigentlich überholt.

Aber hier treffen zwei Menschen aufeinander, für die das normale Maß nicht gilt, und nur deswegen gibt es dieses Buch. Zur Überraschung Magda von Hattingbergs antwortet Rilke mit einem längeren Brief, und nun entwickelt sich ein Katarakt, denn anders kann man es nicht nennen, eine einmonatige Sturzflut von Briefen, die bei Rilke bekenntnishaften Charakter annehmen. Das Unwahrscheinliche geschieht, dass sich zwei erwachsene Menschen, die sich noch nie gesehen haben, ineinander verlieben - sich dann treffen, nicht standhalten können und nach kurzer Zeit auseinander gehen.

Rilke selbst hat in einem Brief an Lou Andreas-Salomé vom 8. Juni 1914 auf unnachahmliche Weise geschildert, was mit ihm vorging, deswegen sei hier eine längere Passage zitiert:

"Was schließlich so völlig zu meinem Elend ausfiel, fing mit vielen vielen Briefen an, leichten, schönen, die mir stürzend von Herzen gingen; ich kann mich kaum erinnern, je solche geschrieben zu haben. (...) In diesen Briefen kam (mehr und mehr begriff ichs) eine unwillkürliche Lebendigkeit herauf, als wäre ich auf ein neues volles Entspringen meines eigensten Wesens gestoßen, das nun, in unerschöpfliches Mittheilen gelöst, sich über die heiterste Neigung ergoss, während ich, Tag um Tag schreibend, zugleich seine glückliche Strömung empfand und das räthselhafte Ausruhn, dass ihm in einem empfangenden Menschen aufs Natürlichste bereitet schien. Diese Mittheilung rein und durchsichtig zu halten und dabei nichts zu fühlen oder zu denken, was von ihr ausgeschlossen wäre: dies wurde auf einmal, ohne dass ich wusste wie, zum Maaß und Gesetz meines Handelns, - und wenn je ein innig gedrückter Mensch rein werden kann, so wurde ichs in jenen Briefen. Das Tägliche und meine Beziehung dazu wurde mir auf eine unbeschreibliche Weise heilig und verantwortlich, - und von da aus ergriff mich eine starke Zuversicht, als ob nun endlich der Ausweg aus dem trägen Mitgerissenwerden im stetig Verhängnishaften gefunden sei. Wie sehr ich, von da ab, in Veränderung begriffen war, konnte ich auch daran merken, dass selbst Vergangenes, wo ich etwa davon erzählte, mich durch die Art, wie es herauftrat, überraschte; handelte es sich zum Beispiel um Zeiten, von denen ich oft auch früher gesprochen hatte, so fiel die Betonung auf sonst unbeachtete oder kaum gewusste Stellen, - und eine jede nahm, gleichsam landschaftlich schuldlos, eine reine Sichtbarkeit an, war da, bereicherte mich, gehörte mir zu - , so dass ich zum ersten Mal Eigenthümer meines Lebens zu werden schien, nicht durch auslegende Aneignung, Ausbeutung und Verstehung von Gewesenem, sondern eben durch jene neue Wahrhaftigkeit selbst, die auch meine Erinnerungen durchfluthete."

Eben dies ist gemeint und gesucht: es handelt sich nicht um eine bloße Gedankenkonstruktion, sondern um die Verlebendigung einer Idee. Das "volle Entspringen" des "eigensten Wesens" löst sich "in unerschöpfliches Mittheilen", denn es weiß sich gehört und empfangen von einem liebenden Gegenüber. Selbst und gerade das "Tägliche" wird so geheiligt, weil es in eine unmittelbare Beziehung zur eigenen Vergangenheit tritt. Rilke glaubt, "zum ersten Mal Eigenthümer meines Lebens zu werden", eben nicht, indem er die Vergangenheit, das Gewesene, anschauend ausbeutet, sondern indem er sich von einer Wahrhaftigkeit durchfluten lässt, die den Trennstrich zwischen dem gegenwärtigen Leben und den "Erinnerungen" aufhebt.

Die freie Kommunikation zwischen dem Gewesenen und dem Jetzt, so, als geschähe das weit Zurückliegende doch auch in diesem Moment, und als wäre die nun vollführte Handlung ein bewusstes und freudig begrüßtes Echo des eigenen Ursprungs (dies war einmal das Wesen des Rituals), ist das eigentliche Bild des erlösten Lebens. Die Spiegelung des Verschiedenen ineinander - Heidegger wird dann, von Rilke lernend, und auf Hölderlin zurückgreifend, von derjenigen des Himmels und der Erde sprechen - hebt die Trennung nur auf, indem sie sie auch akzentuiert. Der "Weltinnenraum" ist solchermaßen nicht nur die Spiegelung von Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch von Innen- und Außenwelt ineinander. Ich erinnere an die berühmte Stelle aus der 10. Duineser Elegie:

"Abends führt sie ihn hin zu den Gräbern der Alten / aus dem Klage-Geschlecht, den Sibyllen und Warn-Herrn. / Naht aber Nacht, so wandeln sie leiser, und bald / mondets empor, das über Alles / wachende Grab-Mal. Brüderlich jenem am Nil / der erhabene Sphinx -: der verschwiegenen Kammer /Antlitz. / Und sie staunen dem krönlichen Haupt, das für immer, / schweigend, der Menschen Gesicht / auf die Waage der Sterne gelegt.// Nicht erfaßt es sein Blick, im Frühtod / schwindelnd. Aber ihr Schaun, / hinter dem Pschent-Rand hervor, scheucht es die/Eule. Und sie, / streifend im langsamen Abstrich die Wange entlang, / jene der reifesten Rundung, / zeichnet weich in das neue / Totengehör, über ein doppelt / aufgeschlagenes Blatt, den unbeschreiblichen Umriß."

Man vergleiche hiermit Rilkes Beschreibung aus dem 4. Brief an Magda von Hattingberg vom 1. Februar 1914. Rilke berichtet von seiner Ägyptenreise und davon, wie er eine Nacht in der Wüste verbringt, um allein mit der, oder wie er sagt, dem Sphinx zu sein:

"Dieses Angesicht hatte die Gewohnheiten des Weltraums angenommen, einzelne Theile seines Schauens und Lächelns waren zerstört, aber die Auf- und Untergänge der Himmel hatten ihm überstehende Gefühle eingespiegelt.... es brauchte eine ganze Weile, bis sie (die Augen) es überstanden, jenes Wesen fassten, den Mund, die Wange, die Stirn leisteten, an denen Mondlicht und Mondschatten von Ausdruck zu Ausdruck überging. Wie viele Male schon hatte mein Aug diese ausführliche Wange versucht; sie rundete sich dort oben so langsam hin, als wäre in jenem Raume Platz für mehr Stellen als hier unter uns. Und da, als ich sie eben wieder betrachtete, da wurde ich plötzlich, auf eine unerwartete Weise ins Vertrauen gezogen, da bekam ich sie zu wissen, da erfuhr ich sie in dem vollkommensten Gefühle ihrer Rundung. Ich begriff erst einen Augenblick hernach, was geschehen war. Denken Sie, dieses: Hinter dem Vorsprung der Königshaube an dem Haupte des Sphinx war eine Eule aufgeflogen und hatte langsam, unbeschreiblich hörbar in der reinen Tiefe der Nacht, mit ihrem weichen Flug das Angesicht gestreift: und nun stand auf meinem, von stundenlanger Nachtstille ganz klar gewordenen Gehör der Kontur jener Wange, wie durch ein Wunder, eingezeichnet."

Und in der Nachschrift des Briefes vom 13. Februar 1914 heißt es: "Du bist mir so nah, dass ich Dir nicht schreiben kann vor Nähe, Schwester, Du bist in der Luft dieses Zimmers, und nur manchmal, über Dein Bild gebeugt, vergleich ich Deine unsichtbare Gegenwart mit dem herrlichen Vogelflug Deiner Augenbrauen in dem ernsten Himmel Deines Gesichts."

Jeder große Dichter arbeitet mit präzisen Bildern. Für Rilke hat ein wirkliches Angesicht "die Gewohnheiten des Weltraums angenommen", es wird also erst wahrhaft Gesicht, wenn es auch Himmel ist - sodass der Schwung der Augenbrauen sehr wohl mit einem Vogelflug verglichen werden kann. Die Rundung der Wange des Sphinx, eigentlich der Statue des brüderlichen Grab-Mals, von dem die zehnte Elegie spricht, ist der Kontur derjenigen Individualität, die aus der offensten Begegnung des Unendlichen und Endlichen entsteht. Die Eule fliegt an der Wange hinab, und keineswegs von ungefähr entsteht der "unbeschreibliche Umriss" durch diese Abwärtsbewegung. Hierin liegt der Bezug zum Schluss der Elegie:

"Aber erweckten sie uns, die unendlich Toten, ein Gleichnis, / siehe, sie zeigten vielleicht auf die Kätzchen der leeren / Hasel, die hängenden, oder / meinten den Regen, der fällt auf dunkles Erdreich im Frühjahr.- // Und wir, die an steigendes Glück/denken, empfänden die Rührung, / die uns beinah bestürzt, / wenn ein Glückliches fällt."

Rilkes eigentliches Symbol, für das er eine Vielzahl von Bildern findet, die hängenden Kätzchen der leeren Hasel, den Regen, aber auch die Fontäne, oder den Ballwurf, formt sich in der Einheit von aufsteigender und fallender Bewegung. Wenn der Impuls des Lebens in seinem Anstieg sich unmittelbar selbst transzendiert, also seine Gegenstände spiegelt und sie freilässt - wie der Liebende die Geliebte - , dann entsteht in dieser Spannungseinheit die "leere Mitte", das eigentliche Zentrum allen Seins. Es sei nur am Rande erwähnt, dass, was Schiller "Spieltrieb" nennt, eine sehr ähnliche Struktur aufweist. Sein "Umriss" ist die erscheinende Signatur der Wahrheit, der Inbegriff von Dichtung und Kunst überhaupt. Diese Form nämlich ist die "Oberfläche", die selber ist, was sie zeigt, ihre eigene Tiefe. Das Wesen der Kunst ist die Stiftung dieses Bereichs der Erscheinung: jedes Seiende hebt sich in ihm unmittelbar selbst auf und wird zum individualisierenden Echo seines Herkommens.

Rilke, Stefan George und Hugo von Hofmannsthal arbeiten um die Jahrhundertwende und zu Beginn dieses Jahrhunderts jeweils auf ihre Weise daran, diese "Wahrheit" gerade in ihrer völligen Unabgesichertheit zu retten. Ich erinnere an zwei Stellen aus den "Briefen des Zurückgekehrten" von Hugo von Hofmannsthal: "... aber was die Seele treffen wird, das lässt sich nicht vorausahnen, es kann der einsame schwingende Flug eines tropischen Vogels sein über einem ganz leeren, leierförmig geöffneten Bergtal..." und: "Er ging über Land, zwischen Feldern hin, ein Knabe von sechzehn Jahren, und hob den Blick gegen den Himmel und sah einen Zug weißer Reiher in großer Höhe quer über den Himmel gehen: und nichts als dies, nichts als das Weiß der lebendigen Flügelschlagenden unter dem blauen Himmel, nichts als diese zwei Farben gegeneinander, dies ewige Unnennbare, drang in diesem Augenblicke in seine Seele und löste, was verbunden war, und verband, was gelöst war, dass er zusammenfiel wie tot, und als er wieder aufstand, war es nicht mehr derselbe, der hingestürzt war." (Die Rede ist hier beispielhaft von Rama Krishna.)

Auch hier zeichnet der Flug der weißen Reiher gleichsam die Signatur des Himmels selbst: er, das Unendliche, wird zum Schriftzug, in dem sich Ewiges und das schlechthin Vergängliche begegnen und durchdringen.

Die Wahrheit dieser Kunst erscheint nur im Flüchtigen, Unabgesicherten, dem sich der einzelne Mensch vorbehaltlos überantwortet. Dieses heißt nun für Rilke "Opfer", in der Übernahme und Umformung eines Satzes von Rudolf Kassner:

"Schwester, das Opfer! Das Opfer ist in der Welt. Was ist Opfer? Ich meine, es ist nichts anderes, als der grenzenlose, nirgends mehr einschränkbare Entschluss eines Menschen zu seiner reinsten inneren Möglichkeit... Liebe ja, das wars ja, ich besaß die Innigkeit, ich besaß sie in einem hohen Grade, - aber ich besaß nichts als sie; damit mein Werk da sei, bedurfte es des Anderen: der Größe - hier war auf einmal die Brücke genannt -: wo ist mein Opfer?" (Brief vom 17. Februar 1914)

Das Opfer der schrankenlosen Liebe, sich der Geliebten und in ihr der Welt hinzugeben, dieses Vorbehaltlose, wäre der Versuch, die "reinste innere Möglichkeit" seiner selbst zu verwirklichen. Aber in Rilke ist eine tiefsitzende Hemmung, die das nicht zulassen will, und an der er verzweifelt:

"Da ich das denke: den ‚mit Liebe bereiteten‘ berühmten Kaffee Balzacs - , ach wo sind die Zeiten, da ich meinen Thee ‚mit Liebe‘ aufgoss, mit alledem Wissen um seine Art... fast mit einer halb feierlichen Rührung über dieses Eingeweihtsein in das Geheimnis seiner Trankwerdung -: wo sind die Zeiten? Wie ist mir jedes kleinste Geschäft zur Last geworden, zur Zudringlichkeit, zum Aufenthalt, der mir bevorsteht, den ich fürchte, den ich hinter mir haben möchte. Da es sich immer mehr erwies, dass ich die Liebe nicht konnte, da hat sie sich nach und nach aus allem zurückgezogen und alles, was zu thun ist, stellt sich lieblos und mürrisch an, denn sobald es so ein Liebloser nur anrührt, sträubt es sich und möchte am liebsten fort -, ich weiß nicht, dorthin, wo alle die Dinge sich hinsehnen, die es schlecht haben."

Es folgt nun im selben, über annähernd sechsundzwanzig Druckseiten gehenden Brief Rilkes, in der Fortsetzung vom 19.Februar, die Beschreibung eines scheinbar kleinen Vorfalles, dessen Dimensionen für den Dichter sich erst nachempfinden lassen, wenn man die Sätze eines anderen Briefes danebenstellt. Rilke berichtet, dass er, zurückgekehrt aus Spanien, einmal spätabends vor seiner Tür "eine große Menge Blumen, freie, vom Land hereingeholte und hohe blühende Zweige von Pfirsich und Apfel" vorfindet, die er mit hineinnimmt und nun in Vasen ordnen möchte.

"Ist es nun lächerlich oder entsetzlich: ich arbeitete, todmüde, zwei Stunden, diese Blüthen bei mir unterzubringen, kein Gefäß schien hoch genug für die schweren sich spreizenden Äste, wenn ich meinte, es bewältigt zu haben, so waren immer noch Blumen da, mit meinem Licht entdeckte ich sie, im Dunkel, an den unmöglichsten Stellen, auf der Erde, in Lehnsesseln, quer über den Büchern, ich konnte mich nicht entsinnen, sie hingelegt zu haben.... Da kniete ich und hatte meine Kerze zu ihnen auf die Erde gestellt und wollte sie auseinanderlösen und that ihnen sicher nicht, was sie brauchten; wenn ich aufsah, so stand der Schatten des Gezweigs an der Wand, wider mich, wie eine riesige Kralle. Und wie‘s schließlich doch gethan war, da warf ich, im Vorübergehen, das hohe Gefäß mit den Zweigen um, eine Fluth Wassers ergoss sich herüber - - - Giebts eine Hölle, Magda, giebts eine Hölle? Wenns einer träumt, dann darf er doch aufwachen. Mir waren diese Nachtstunden als bekäm ich ein bitterstes Weinen in Stücken ins Herz gedrückt, und sollte es dort nach und nach lösen und hätte nur dazu meine innerste Wärme. Verzeih, dass ich Dir das erzähl, ach Liebe."

Welches ist die "Hölle", von der Rilke spricht? Bereits in der Fortsetzung, vom 11. Februar, eines am 9. Februar 1914 begonnenen Briefes findet sich die Schilderung eines parallelen Vorfalls, zusammen mit einem merkwürdigen Bekenntnis: Rilke spricht davon, er sei "imstande..., plump zu sein, schwer, brutal (dass mans nur sage) und das in schwingenden, schwebenden Gebieten, wo es keine Brutalität mehr giebt, wo sie heraufkommt wie ein Gespenst, wo man sie anstarrt und es nicht glauben will.... Aber auch unter den von mir ganz beherzigten Gegenständen sehe ich den und jenen auf eine vorwurfsvolle Weise eingehen, als ob die kleinen Wurzeln, die er in mein Gemüth ausgesenkt hatte, dort unten auf einen Stein von Lieblosigkeit gestoßen wären und nun mit stumm klagender Biegung an ihm abstürben." Rilke berichtet nun von einem "Daguerreotyp" seines Vaters, das in seinem Besitz geblieben ist. Wegen eines kleinen Schadens, der aber vielleicht den Beginn eines Zersetzungsprozesses der Platte ankündigt, lässt er ein Etui anfertigen, um "den weiteren Einfluss des Lichtes völlig auszuschließen... - - oh Liebe, muss ichs Dir noch sagen? - alles das, alles das, um plötzlich, wieder nach Jahren, in dazu ganz unvorbereiteter Stunde, das nieeröffnete Rähmchen hinten aufzureißen und rasch, mit einem unseligen Stück Watte, einzugreifen: den ängstlichen kleinen Schaden natürlich zur wirklichen Zerstörung vergrößernd... Eine Nervosität, eine Ungeschicklichkeit, aber übersetz Dirs nur eine Sekunde ins Unsichtbare, ins Gefühlte, ins Seelische - : und Du wirst nicht wissen, welchen Engel herabbitten über den, der, in Einem, so und so zu handeln vermochte, indem es da geschieht, dass er seine eigene innigste Vorsicht wie ein feindlicher Fremder zu schanden macht."

Wer hätte nicht schon Ähnliches erlebt - aber es vielleicht nicht, so wie Rilke, bis zur letzten Konsequenz ausempfunden und -formuliert. Man ist versucht, an Goethes Begriff des Dämonischen zu denken, aber hier ist wohl etwas anderes gemeint. Ein letztes Zitat (Brieffortsetzung vom 18. Februar 1914) wird das Verständnis erleichtern:

"Wir wissen, wir lieben einander aus einer vorirdischen Vor-Zeit, aus den Kindheiten vor allen Altern des Daseins, wir lieben einander aus dem Ur- Sein heraus, wie die Sterne einander lieben würden, wenn sie wüssten um ihre Herrlichkeit - , und nun begreif ichs auch, dass ich keine Gefühle zu Dir mochte aufregen als die meines unwillkürlichsten Kindseins, dass ich dort nach den reinsten Herzstrahlen suche, sie zu Dir aufzunehmen. Nach einer Kraft, Magda, nach einer unüberwindlichen Herzkraft, an der meine wirkliche Kraft zu Gott erst werden soll, denn die muss einmal am Menschlichen aufgebunden sein, sonst bricht sie hoch oben, wo ihr dann niemand mehr helfen kann und welkt in die Luft. Liebes liebes Mädchen, dass mir dies gegeben sei, Dich unendlich, Dich mühelos zu lieben.... Magda, Geliebte: ich spreche zu Gott in Dir und so darf ich mich rühmen in Deinem Herzen."

Welche eine Ankündigung! Die Liebe zu dieser Frau wird gleichsam zur Stufe - aber, jedenfalls in Rilkes Augen, nicht zum Mittel - , um die "Kraft zu Gott" zu entwickeln, also die vorbehaltlose liebende Anerkennung der ganzen Welt. Die "innerste Wärme" entstammt dem "Ur-Sein", und ihr Fließen soll die versteinerte Lieblosigkeit lösen. Sie aber ist das Brutale und Plumpe, das Rilke im Kern seines Wesens wahrnimmt und dessen Kälte auch die dichterische Anschauung der Dinge prägt und hemmt.

Hier zögere ich. Ist es wirklich das versteinerte, lieblos gewordene Innere, das, die Stiftung der Lösung und Erlösung verhindernd, zur Kraft des Hasses und der Zerstörung wird? Rilke selbst stellt diesen Zusammenhang in einem Satz her, wenn er kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges an Magda von Hattingberg schreibt: "So musste denn die Spannung, die ich gerade in Paris so stark empfand, die ganze Welt zur erschütterndsten Entladung drängen?" Wenn es sich aber nicht so verhielte? Wenn diese dämonische, ja böse Kraft und ihre Kälte auf genuine Weise in den Bezirk des Schöpferischen und seiner Anschauung der Welt gehörten? Dann wäre es nicht die von Freud diagnostizierte Verdrängung und Triebunterdrückung, die zur "falschen Projektion" und ihrem Hass auf das Verbotene führte (so die Hauptthese der von Horkheimer und Adorno verfassten "Dialektik der Aufklärung"), sondern was scheinbar nur das Gelingen des Werdens der Wahrheit verhinderte, wäre doch auch ihre Bedingung. Das Scheitern dieser Liebe und damit des Versuchs Rilkes, in der Geliebten seinen Gott zu finden, zeigte somit nicht, oder keineswegs nur, den Sieg des Versteinerten – und demonstrierte auch nicht die Weisheit des Mittelmaßes, die verlangt, sich lieber nicht in solchen Höhen zu verlieren. Vielmehr wäre, folgte man diesem Gedanken, gerade der unerhörte Aufschwung der Inspiration und ihrer bis zum Äußersten geöffneten Anschauung ohne ein zu ihm gehöriges Brutales nicht möglich; deswegen aber könnte auch die in dieser geistigen Bewegung überhaupt erst entstehende Erlösungsmöglichkeit nicht realisiert werden. Die Auswirkungen auf den Versuch, die Zeit der Weltkriege und des Faschismus zu begreifen, wären sehr weitreichend. Weil Rilke seinen Weg, und führte er ins Scheitern, immer zu Ende gehen will, schafft er geradezu das Muster des Gewebes der Inspiration und ihrer Wahrheit für das erste Drittel des gerade vergangenen Jahrhunderts, und wir können, es genau betrachtend, herausfinden, wie in ihm Wahres und Lügenhaftes, Gewaltfreies und Brutales, verbunden sind.

Gerade die doch wirklich stattfindende, und nicht nur die eingebildete, Lösung und Öffnung der Erinnerungen schafft eine Zone des Zwielichts. Die Hinwendung zum anderen Menschen ist in ihrer sehnsüchtigen Steigerung auch unmittelbar der Übergang zum falschen Ton einer gewollten Stilisierung. Der gesunde Menschenverstand, der das Unheil ja schon witterte, hätte jedoch mit seiner Beurteilung der Notwendigkeit des Scheiterns nur dann recht, wenn er den eigenen Maßstab änderte: es ist in diesen Briefen, nur scheinbar paradoxerweise, nicht ein Zuwenig, sondern ein Zuviel an Wahrheit, was die Falschheit oder Lüge erzeugt - und wer heute ihren Ton, sowie das in ihnen sich kundgebende Vorhaben werten oder kritisieren will, muss sich zunächst andere Kriterien schaffen, um mit ihrer Hilfe zu dem sich gleichsam immer mehr entfernenden Geschehen überhaupt vordringen zu können.

Weil es heute keine gesellschaftliche "Mitte" mehr gibt, macht es auch nicht länger Sinn, die Differenz zwischen gesundem Menschenverstand, dem Mittelmaß, und den jeweiligen Extremen künstlerischer Anschauung, der Voraussetzung einer tiefergehenden Begegnung mit der Wahrheit, aufrechtzuerhalten. Jeder neue entstehende Maßstab ist, was er ist, und lässt sich nicht mehr in das alte dichotomische Schema einordnen. Wer eine Steigerung seines Daseins erstrebt, schafft damit kein Bild oder Zeichen der menschlichen Existenz überhaupt. Er mag zu Rilke hinüberblicken, aber gerade weil er von vornherein darauf verzichtet, ein vorgeblich für alle verbindliches Ziel aufzurichten, wird er die Differenz zu dessen Leben und Dichten bestehen lassen. Nun, von hier aus, stellt sich ihm die Frage, wie, unter welchem Betracht, er heute Rilke lesen könne, in neuer Eindringlichkeit.

Wir sehen, gerade bei Rilke, diese merkwürdige Verbindung von äußerster Wahrhaftigkeit und Attitüde. Er hat seinen Anspruch, ein Letztes zu erreichen, eingelöst, aber eben deswegen begreifen wir, weil sein Falsches oder "Brutales" ihm unlösbar beigemischt ist, dass der in seiner Dichtung ausgedrückte Anspruch: "Du musst dein Leben ändern" (Archäischer Torso Apollos), für uns nicht mehr gilt. So wird uns deutlich, dass es für uns keinen, wie auch immer beschaffenen, kategorischen Imperativ mehr gibt. Diese Einsicht empfinde ich, ähnlich wie bei einer Lektüre Kierkegaards, als Befreiung. Die Modelle, wenn ich so sagen darf, der Erlösung gelten für uns nicht mehr, und wir erkennen zunehmend deutlicher, warum das kein Verlust ist. Dennoch behalten die Briefe und Werke Rilkes für mich ein sehr starkes Interesse. Es ist auch dasjenige an der beginnenden Moderne, die sich nun insgesamt in die Vergangenheit einer anderen Epoche zurückzieht. Ich lese Rilke mit der Aufmerksamkeit, die eine andere Form, als die heutige, der schöpferischen Existenz verdient. Aber ich behaupte zunehmend selbstverständlicher ihr gegenüber meine Freiheit. So komme ich in die Lage, beobachten zu können, wie sich aus unserer Gegenwart ein höchst wichtiges Stück, das ihres Herkommens, herauslöst und in die gerade verflossene Zeit zurücktritt. Ich begreife neu, warum die Werke Rilkes große Dichtungen enthalten. In der Kommunikation mit ihrem Scheitern, das ein Gelingen voraussetzt, erfahre ich die Vergänglichkeit und Kontingenz allen Daseins, des gerade vergangenen, wie des jetzigen. So steigt aus meiner Freiheit eine Melancholie, die mich doch so etwas wie eine Korrespondenz, bei aller Verschiedenheit, mit dem Dasein Rilkes spüren lässt.

Max Lorenzen