Andreas Flury, Der moralische Status der Tiere. Henry Salt, Peter Singer und Tom Regan, Verlag Karl Alber Freiburg/München 1999 (Alber praktische Philosophie, Band 57), 316 Seiten, 74 DM, ISBN 3-495-47879-5
Wer sich diesem Thema zuwendet, bekundet schon allein hierdurch einen gewissen Willen zum Engagement. Flury lässt uns von Anfang an wissen, dass eine "Einbeziehung der Tiere in die Ethik ... unabdingbar" ist (Inhaltsübersicht, S.19). Um dies leisten zu können, sei allerdings "ein radikaler Perspektivenwechsel" (Einleitung, S. 16) nötig, den zu vollziehen die meisten Menschen keineswegs bereit sind. Weil zudem "die Menschen sich andererseits aber wohl auf absehbare Zeit hinaus nicht auf eine allgemein anerkannte ethische Theorie einigen werden" (S. 16f), möchte Flury " mittels eines innerhalb verschiedener ethischer Theorien formulierbaren Argumentationsgangs" (S. 17) die Frage klären, "welche Wesen auf Grund welcher Eigenschaften einen bestimmten Status in einer "ethischen Ontologie" oder Axiologie verdienen" (S. 17).
Bevor Flury seinen eigenen Lösungsvorschlag präsentiert, setzt er sich ausführlich mit drei wichtigen Autoren auseinander, die zur Frage der Tierrechte in eigenen Publikationen philosophisch Stellung bezogen haben. Es handelt sich zunächst um Henry Salt, dessen Buch "Animals Rights. Considered in Relation to Social Progress" bereits 1892 in England erschienen ist, dann um Peter Singer, dessen "Animal Liberation", in den siebziger Jahren veröffentlicht, die neuere Diskussion darüber, ob wir Tieren gegenüber moralische Verpflichtungen haben, wieder in Gang gebracht hat, sowie um Tom Regan, der "The Case for animal rights" 1983 veröffentlichte.
Flury stellt die Thesen Salts, Singers und Regans dar und unterzieht sie hierauf einer scharfsinnigen Kritik, um die Schwachpunkte ihrer Positionen auszuloten und in seinem eigenen Ansatz vermeiden zu können. Ein Beispiel: Singer wolle, so Flury, "nur wirklich verspürte Gefühle als moralisch relevant gelten lassen" (S. 144), aber: "Falls es wahr ist, dass Tiere gewisse Deprivationen nicht verspüren, werden diese deshalb nicht ipso facto moralisch unbedenklich" (ebda.). "Wohlverstanden: die Tatsache, dass die Tiere diesen Mangel empfinden, ist sicherlich moralisch relevant und lässt das Unrecht gegenüber dem Fall größer erscheinen, in dem Tiere eine Deprivation nicht verspüren. Sie bleibt aber auch dann prima facie moralisch verwerflich, wenn sie gar nicht verspürt wird" (S. 145). Denn, so argumentiert Flury, die Deformationen, die dem Wesen der Tiere zum Beispiel durch ihre industrielle Aufzucht und Haltung zugefügt werden, bringen Lebewesen "um bereichernde Erfahrungen - eine Tatsache, die ich für moralisch relevant halte" (ebda.).
Hieraus ergibt sich aber eine weiterreichende Kritik, die im Grunde auf die Position des Utilitarismus selber zielt. Zunächst bezweifelt Flury, dass Lebewesen, die nicht als Personen angesehen werden können, "nur Regungen und Wünsche (aufweisen), die sich auf Lust- und Unlustempfindungen reduzieren lassen" (S. 147). Denn: "Ist es aber wirklich unsinnig, das Leben eines Kalbes in Freiheit, selbst angesichts des Konflikts mit den Naturkräften, mitsamt den Gefahren und Ängsten als ein reicheres und wertvolleres Dasein zu bezeichnen als das Vegetieren des Kalbes im Stall - selbst wenn dieses sich behaglicher fühlen mag? Ist es wirklich evident, dass bei nicht-personalen Lebewesen entweder keine nicht-hedonistischen Regungen vorhanden sind oder diese keine moralische Berücksichtigung verdienen? Kann das Ausschreiten der Möglichkeiten, die in einer Existenz angelegt sind, nicht auch für diese Wesen als ein Wert betrachtet werden? Ist es unsinnig, zu glauben, wir würden einem Tier prima facie ein Unrecht antun, wenn wir ihm ein solches Leben vorenthalten - auch wenn ein solches Leben möglicherweise nicht den Saldo von Lust über Unlust maximiert?" (ebda.).
Die utilitaristische Ansicht, nicht-personale Wesen seien insofern ersetzbar, als es nur darauf ankomme, die "Glücksmenge" im Universum nicht zu verringern: wenn also ein Quantum Glück vernichtet werde, was gewissermaßen ein Unrecht sei, so könne es "dadurch ausgeglichen werden, dass man ähnliche Wesen in die Welt setzt, die ein ebenso glückliches Leben haben werden" (Singer, zit. nach Flury, S. 168), ist unhaltbar. Flury weist zunächst das logische Defizit solcher Sätze nach, denn er zeigt, dass offenbar die gleiche Handlung "gleichzeitig ein Unrecht sei, wie auch kein Unrecht darstelle" (S. 169), denn: "Die eigentümliche Fiktion besteht nun darin, dass wir einem Wesen durch das Durchkreuzen der Präferenz kein Unrecht zufügen und trotzdem ein solches aus der Welt schaffen müssen, indem wir andere Wesen mit mindestens ebenso angenehmen Empfindungen in die Welt setzen" (ebda.). "Nun ist es aber erklärungsbedürftig, wie es möglich ist, dass eine Handlung einerseits gegenüber dem Wesen, das eigentlich von ihr betroffen wird, moralisch legitimierbar ist, aber gleichwohl in der Gesamtbetrachtung ein Unrecht darstellt, das ausgeglichen werden muss" (ebda.).
Nach Regan, dessen Urteil Flury übernimmt, besteht der Hauptfehler des Utilitarismus darin, Subjekte "als Gefäße für eine Substanz [aufzufassen], die allein wertvoll ist, nämlich Lust- und Unlustempfindungen. Die Gefäße selber haben gemäß der Grundannahmen der Theorie keinen Wert für sich selbst" (S. 183).
Es ist bekannt, welche Empörung die Äußerungen Singers zur Euthanasie-Problematik hervorgerufen haben. Wenn sie auch vielleicht missverständlich waren, so stimulieren sie doch zum Nachdenken über einen Bereich, in dem die Praxis: das Sterbenlassen oder eben nicht -lassen Todkranker oder Schwerstbehinderter, häufig genug schon deswegen einem Missbrauch ähnelt, weil ihre Kriterien unhinterfragt bleiben. Die Begründungen jedoch, die Singer für ein geändertes Umgehen mit solchen Menschen gibt, sind, wie Flury für das Gebiet der Tierethik nachweist, recht eigentlich aberwitzig.
Eben hieran aber zeigt sich etwas, das Flury nicht thematisiert. Wir sind, weil ein religiöser oder durch Tradition verbürgter Kodex des Handelns längst nicht mehr als allgemein verbindlich angesehen wird, darauf angewiesen, unsere Äußerungen und Handlungen argumentativ zu legitimieren - hierin liegt aber bereits eine unhintergehbare Vielfalt und Veränderlichkeit der jeweiligen Standpunkte. Was einer Begründung bedarf, ist schon per se das Fragwürdige. Singers Grundannahmen und Schlussfolgerungen zeigen nun sehr drastisch, wie es der Vernunft gehen kann, die die Absicht hat, eine Basis für weitreichende Veränderungen der ethischen Praxis zu schaffen. Man ist versucht zu begrüßen, dass philosophische Überlegungen eben keine unmittelbaren Auswirkungen auf gesellschaftliche Strukturen haben.
Unsere Kommunikation bedarf der Argumente, die jedoch aus eben diesem Grund keine letzte Verlässlichkeit besitzen. Diesem Dilemma muss sich auch eine Theorie stellen, die wie diejenige Flurys "eine auf möglichst schwachen und daher konsensfähigen Prämissen beruhende Argumentationsführung zur Lösung der gestellten Frage" [welche Wesen Anspruch auf ethische Berücksichtigung haben] (S. 17) entwickeln möchte.
Welche Eigenschaften verleihen nun einem Wesen den Anspruch, bei moralischen Entscheidungen direkt berücksichtigt zu werden (vgl. S. 243)? Flury definiert hierfür drei Kriterien, nämlich dasjenige der Beeinflussung - ein solches Wesen muss in irgendeiner Weise durch unsere Handlungen beeinflussbar sein (ebda.) - , das Gewahrwerdungskriterium - die "Entität [muss] der Beeinflussung oder ihrer Folgen inne werden" können (S. 243ff) - , und schließlich dasjenige der Bewertung - die "Entität" muss die durch ein Handeln verursachte Zustandsveränderung bewerten können (S. 246).
Mit einem solchen Katalog möchte Flury erreichen, dass nicht nur Handlungen, die Schmerzen oder Leiden verursachen, ethisch zu verurteilen sind (man denke an das vom Autor angeführte Beispiel der womöglich gar durch Glückshormone im Stall ruhiggestellten Kälber). Die so definierten Wesen "erleben in ihrer Innenwelt eine eigengesetzliche Reaktion auf das Handeln ... eines moralischen Akteurs. Sie sind nicht bloß Gegenstände, die gleichsam durch die Gesetzmäßigkeit des Handelns ... alleine bestimmt werden, sondern besitzen eine eigene Perspektive, indem sie eines bestimmten Handelns ... auf eine je verschiedene Weise gewahr werden. Sie bilden daher Subjekte der Gewahrwerdung" (S. 281) - aber nicht notwendig des autonomen Vernunftgebrauchs, wie Flury Kant kritisiert.
"Subjekte der Gewahrwerdung" stellen also, ob sie das nun wissen oder nicht, moralische Ansprüche an uns. Obgleich, wie Flury im ersten Kapitel des Buches die Auswirkungen der Darwinschen Evolutionstheorie referiert, kein ontologischer Hiatus zwischen dem Menschen und anderen Lebewesen existiert, sei es aber doch gerechtfertigt, "das Leben und die Interessen verschiedenartiger Lebewesen auch in der Ethik unterschiedlich zu gewichten" (S. 282). Fünf Unterschiede, der Komplexität, der geistigen Fähigkeiten, der Möglichkeit, höherstufige Zustandsveränderungen bewerten, sowie mittelbar andere Zustandsveränderungen erleiden zu können, und endlich der moralischen Urteilsfähigkeit, "führen in vielen Fällen dazu, den Belangen der Menschen bei konkreten moralischen Entscheidungen gegenüber anderen, weniger komplexen Wesen mehr Gewicht beizumessen ..." (S. 283f).
Wir sollten also keinesfalls Milliarden von Lebewesen auf grauenhaft denaturierte Weise mästen, um schließlich ihre Körper zu verzehren. Warum aber nicht? Ganz offensichtlich, denn auch so könnte man die Darwinsche Evolutionstheorie interpretieren, besitzen wir, selber Tiere, wenn auch mit einem gewissen Vernunftsinn ausgestattet, eine sehr weitgehende Unempfindlichkeit gegenüber dem Töten. Nur, wenn wir uns speziell dafür sensibilisieren, wird uns das Leiden auch der Tiere unerträglich. Die Vernunft jedoch liefert uns sowohl Gründe, sie zu schützen, als auch Gegengründe, die ein ganz anderes Verhalten legitimieren. Überdies haben wir gelernt, einem scheinbar nur rationalen Maßstab zu misstrauen. Wahrscheinlich gibt es ihn nicht. Die Kriterien, die Flury uns liefert, um Lebewesen, Menschen wie Tiere, moralisch wahrnehmen zu können, sind gut, dennoch wird sich an der Grausamkeit und Gleichgültigkeit in der Welt so schnell nichts ändern. Das spricht aber weder gegen Flurys Versuch, noch gegen sein Engagement. Er hat zweifellos recht. Setzen wir also unsere Vernunft ein, um noch mehr und andere Argumente dagegen zu finden, dass wir Leben auf Fleisch reduzieren. Ob allerdings die Menschheit jemals ein Stadium erreichen wird, auf dem jeder wie selbstverständlich auf das Essen von Tieren verzichtet, kann bezweifelt werden - nur darf dieser Zweifel nicht dazu führen, hinzunehmen, dass Kühe auf sinnlosen Transporten vor Durst brüllen und sich beim Entladen die Beine brechen.
Kurze Nachbemerkung. Die Texterfassung lag beim Autor, und dem sind nicht nur manche, sondern viele Fehler unterlaufen, die durchaus auch sinnentstellend sind. Ein weiterer Korrekturdurchgang wäre hier sicherlich sehr nützlich gewesen.