Eindrücke von zwei Tagungen: Rainer Maria Rilke und Hugo von Hofmannsthal

von Renate Scharffenberg

I

Ein internationales Symposion der Rilke-Gesellschaft führte Mitglieder und Freunde vom 30.August bis zum 3.September 2000 nach Ascona ins „Centro seminariale Monte Verità.

Die Wahl des Ortes ergab sich aus der Erinnerung an Rilkes Aufenthalt in Locarno im Winter, 1919/20, den Professor Joachim W.Storck in seinem Einführungsvortrag „ Rilke im Tessin. Ein Wiederanheilen an Europa" gleich am ersten Abend vergegenwärtigte. Damit war ein Blick auf die Situation nicht nur Rilkes nach dem Ende des Ersten Weltkrieges eröffnet, die für den Dichter zugleich das Ende jenes offenen Europa war, das ihm auf seinen Reisen zwischen Schweden und Italien, Spanien und Rußland eine selbstverständliche Einheit zu sein schien. „Sie glauben gar nicht", schrieb Rilke am 25.7.1920 an die Fürstin Taxis nach einem ersten Besuch in Venedig, „wie anders die Welt geworden ist..."

Darin lag ein erster Hinweis auf das übergeordnete Tagungsthema: „Rilke und der Wissenschaftsdiskurs der Jahrtausendwende", in das Professor Ulrich Fülleborn mit der Frage einführte, was von Rilkes Werk ins 21.Jahrhundert reiche; Rilkes Verhältnis zur neuen Zeit sei bei der Planung des Symposions zur Zeitenwende Ausgangspunkt gewesen, Rilke als, wie er sagte, „denkender Dichter" habe dazu manches zu sagen. Der Vortragende wies auf gefährliche Entwicklungen hin, z.B. in der Genforschung, und fragte: „Was hat Rilke damit zu tun ?", der jedoch schon früh erfahren und erkannt habe: „Die Welt ist in die Hände der Menschen gefallen". Er kennzeichnete von da her einige der Probleme, die auf der Tagung eine Rolle spielen würden.

Der erste der folgenden Vorträge von Professor Manfred Riedel: „Das Pathos des Hörens: Orphischer Gesang bei Nietzsche und Rilke" führte noch einmal an die Schwelle des vergangenen Jahrhunderts zurück und zeichnete subtil die geistige Begegnung von Philosoph und Dichter nach, den er als Dichter des nachmetaphysischen Zeitalters kennzeichnete: Die Elemente des Lebens sind alle unfaßlich, wie kann man da „Dasein" haben ? . Der Vortragende verwies von Nietzsches Wort ausgehend:‚Wir müssen Hörende werden auf die Spuren der Götter in der Dichtung‘, auf Rilkes „Sonette an Orpheus".

Als nächste Themen kamen Rilkes Verhältnis zur Moderne in der Bildenden Kunst am Beispiel Paula Modersohn-Beckers zur Sprache (Dr.Friedrich Kabermann) und die Probleme, denen sich die Theologie als Wissenschaft zu Beginn des neuen Jahrhunderts gegenüber sieht (Pfarrer Friedrich Schorlemmer), in der wie einst durch den Rilke des „Stunden-Buchs" die Frage nach Gott als Kernfrage gestellt werde.

Hieran anschließend war von besonderem Interesse der überaus aufschlußreiche Vortrag von Professor Karl-Josef Kuschel: „‘Gott von Mohammed her fühlen‘. Rilkes Islam-Rezeption und ihre Bedeutung für den religionstheologischen Diskurs der Zukunft". Hier und mit den in den zweiten Tag einleitenden Ausführungen Professor Ernst Peter Fischers zum Thema „Die

Vorsilbe des Jahrhunderts. Zu den neuen Denkerfahrungen in den Naturwissenschaften seit 1900" wurden die Implikationen des Tagungsthemas am deutlichsten herausgearbeitet. Die „Vorsilbe des Jahrhunderts" lautet übrigens „un-", Kennzeichen für die neue Offenheit in der Wissenschaft: Unstetigkeit, Unentscheidbarkeit, selbst Unheimlichkeit – und das nach der Gewißheit im 19.Jahrhundert, alles bereits gelöst zu haben. Und bei Rilke, der sich stets für naturwissenschaftliche Entwicklungen interessierte, ist das „Un-„ ebenso unübersehbar: im „Malte" spricht er von dem Weg aus der gedeuteten Welt ins Unsichtbare – viele Belege im Werk ließen sich hier anführen.

Eine vollständige Auflistung aller Beiträge auf dieser Tagung finden sich auf der Internet-Seite der Rilke-Gesellschaft unter www.Rilke.ch, nur mußte der dort noch angezeigte Professor Schulin absagen, an seiner Stelle sprang für die Geschichtswissenschaften dankenswerter Weise Dr. Friedrich Jaeger aus Essen ein.

Es wäre ganz ungerecht zu verschweigen, wie viel die wunderbare Landschaft des Tessin mit dem herrlichen Blick vom Monte Verità auf den Lago Maggiore zum Gelingen der Tagung beitrug. Zwar war bei der Fülle des Gebotenen die Zeit für gründlichere Aussprachen am Ende der jeweiligen Vorträge zu kurz bemessen – ein altes Leiden auf Tagungen, - aber bei den gemeinsamen Mahlzeiten und im Beiprogramm gab es viele Gelegenheiten zu eingehenden Gesprächen. Am zweiten Abend löste sich die Anspannung in einem Klavierkonzert Jeremy Menuhins, das nur durch die Unzulänglichkeit des Flügels beeinträchtigt wurde, und am dritten Tag nach der Vorstellung der neuen Rilke-Literatur durch Professor August Stahl, die ein fixer Punkt bei allen Tagungen der Rilke-Gesellschaft ist. Ergänzt seien hier einige Neuerscheinungen, die der Insel Verlag zum 125. Geburtstag Rilkes am 4. Dezember herausbringen wird, darunter Rilkes „Taschenbuch Nr.1" aus Westerwede und Paris, sowie den Erstdruck der frühen Erzählung „Der Rath Horn". Schließlich folgte die obligate Mitgliederversammlung, auf der der Vorstand mit seinem Präsidenten Dr. Rätus Luck im wesentlichen bestätigt wurde. Dann brachte der nachmittägliche Ausflug mit dem Schiff zu den Brissago-Inseln den schönsten Ausklang. Der Botanische Garten auf diesen scheinbar so kleinen Inseln im Lago Maggiore ist von überwältigendem Reichtum an exotischen Pflanzen, die hier nur gedeihen, weil es im Winter für höchstens drei bis vier Stunden (!) zu Nachtfrösten kommt.

Ein gemeinsames Abendessen beendete nach guter Tradition die Tagung – ob es sich wie geplant verwirklichen läßt, die nächste in St.Petersburg abzuhalten, steht dahin. Aber da die Zusammenkünfte der Rilke-Gesellschaft stets an Orten stattfinden, die Rilke besucht hat oder wo er längere Zeit lebte, ist Rußland seit langem ein Desiderat. In diesem Zusammenhang sei an die Marburger Tagung des Jahres 1996 erinnert, zu der sich als ein zweiter Anlaß der 100.Geburtstag der Rilke-Forscherin Ingeborg Schnack anbot, und die bei den Mitgliedern in lebhafter Erinnerung blieb. Sollte sich aber der Wunsch, nach St.Petersburg zu gehen, nicht verwirklichen lassen, so wird wohl München in zwei Jahren den Freundeskreis aufs neue zusammenführen.

 

II

Die Hugo von Hofmannsthal-Gesellschaft veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Nationalmuseum der Stiftung Weimarer Klassik eine Internationale Tagung in Weimar vom 7. Bis 10 September 2000. Das Thema der Tagung lautete: „Gegenwart des Unheimlichen".

Ebenso wie für die Rilke-Tagung so kurz zuvor waren etwa 120 Mitglieder und Gäste angereist, die in Vorträgen, in Arbeitsgruppen, bei einer Lesung und während verschiedener Führungen in den drei Tagen viele Beziehungen wieder aufnehmen und neue knüpfen konnten.

Einige von ihnen hatten sich gerade in Ascona von einander getrennt und begrüßten sich nun in Weimar aufs Neue.

Da leider der Präsident der Hofmannsthal-Gesellschaft nicht anwesend sein konnte, begrüßte seine Stellvertreterin, Frau Dr. Elsbeth Dangel Pelloquin, die Anwesenden und eröffnete gemeinsam mit Professor Gerhard Schuster, dem Herrn des Hauses, die Vortragsfolge. Wir hatten das Glück, im Festsaal des Goethe-Nationalmuseums zu tagen, dessen Fenster aus dem dritten Stock auf Goethes Garten hinunter den Blick freigeben. Einen festlicheren. Rahmen kann man sich kaum vorstellen.

In das Tagungsthema führte dann sogleich mit Verve der Vortrag von Professor Jean Bollack aus Paris ein: „Die Aktualisierung der Antike in Hofmannsthals ‚Elektra‘", mit tiefem Einblick in die wahrhaft unheimliche Gestalt der „Elektra" bei Hofmannsthal in der komplizierten Beziehung zu der des Sophokles, der sie eben nicht entspricht in der Gebrochenheit, die moderne Züge trägt.

Es folgte die erste Sitzung der Arbeitsgruppen, die mich in das hübsche Alt-Weimarer Kirms-Krackow-Haus führte zu Professor Heinz Rölleke und Hofmannsthals „Märchen der 672.Nacht", einem Schlüsseltext für das Unheimliche bei diesem Dichter, zugleich für seine Auseinandersetzung mit dem der Schönheit verschriebenen Dilettanten, der nicht zu eigener schöpferischer Existenz als Künstler gelangt und so nicht wahrhaft zu leben vermag – was sein Todesurteil in der Begegnung mit der Realität schon enthält. Das Sterben des schönen Kaufmannssohns ist denn auch mit entsetzlicher Konsequenz dargestellt. Wir erarbeiteten zunächst, was „Märchen" heißt, beschäftigten uns dann mit den Zahlenspielen des Textes und gelangten mit genauer Lektüre in die beiden dargestellten Welten, die in einem späteren Vortrag Dr.Zerebins aus St.Petersburg in den Zusammenhang mit den „unheimlichen Gärten" Hofmannsthals und der russischen Moderne gestellt wurden. Die drei Arbeitsgruppensitzungen erwiesen sich als außerordentlich fruchtbar für die Behandlung des Tagungsthemas.

(Insgesamt wurden fünf derartige Ags angeboten, deren Ergebnisse am letzten Tag vorgestellt wurden.)

Bereits am ersten Abend kam auch das Weimar der Goethezeit zu seinem Recht, das Dr. Thomas Steinfeld in seinem Beitrag „Eislaufen auf der Ilm. Ein Versuch über Versöhnung" evozierte. Denn Weimar selbst wurde sogleich ein zweiter Schwerpunkt der Tagung, zumal Hofmannsthal zwar weniger mit dem klassischen Weimar, dafür um so mehr mit dem „neuen Weimar" des Grafen Harry Kessler und Henry van de Veldes verbunden war, weshalb an den folgenden Tagen Führungen nicht nur durch das Weimar Goethes sondern auch das des Grafen Kessler angeboten wurden: die letztere führte zu den wenigen noch erhaltenen baulichen Zeugnissen der Jahre nach 1903, als die Pläne für das neue geistige Zentrum Weimar von Kessler entworfen wurden: das Bauhaus von van de Velde, das Nietzsche-Archiv, das noch die ursprüngliche Innenausstattung durch van de Velde bewahrt und schließlich sein eigenes Wohnhaus an der Belvederer Allee. Wenn hier Kessler nicht berücksichtigt wurde, da sein vom Freund gestaltetes Wohnhaus in der Cranachstraße nicht besucht werden kann, so wurde dies in der Lesung am letzten Abend wettgemacht, als zwei Schauspieler des Weimarer Theaters den Briefwechsel Hofmannsthals mit Kessler in wichtigen Passagen zu Gehör brachten.

Die beiden Vorträge des zweiten Tages waren unterschiedlichen Aspekten des Themas gewidmet. Dozent Dr. Hans Richard Brittnacher (Berlin) sprach über „Die Passionen der Söhne. Opferphantasien in der Prosa Hugo von Hofmannsthals", die er vor allem aus der Dekadenz der Jahrhundertwende herleitete und fascettenreich ausfaltete, während am Abend Professor Richard Exner einen anderen Zugang suchte: „Das Unheimliche im menschlichen Umgang. Schweigen und Gespräch bei Hofmannsthal". Er analysierte neben dem Werk vor allem die Briefe des Dichters, besonders bezog er sich auf den Briefwechsel mit Ottonie Gräfin Degenfeld, deren Tochter, Ehrenpräsidentin der Gesellschaft, unter den Zuhörern saß.

Jedenfalls mangelte es beim geselligen Beisammensein nach diesem Vortrag nicht an Gesprächsstoff. Vertieft wurde das bisher Gehörte am folgenden Tag in dem Vortrag von Frau Professor Inka Mülder-Bach aus München: „Das Verschüttungstrauma im ‚Schwierigen‘". Wie gegenwärtig in der englischen Literatur die menschlichen Verheerungen des Ersten Weltkriegs aufgearbeitet werden, etwa von der Historikerin und Romanautorin Pat Barker, so setzte sich die Referentin mit dem Problem der „männlichen Hysterie" und ihrer Behandlung oder eher Bekämpfung in der Militärpsychiatrie im und nach dem Ersten Weltkrieg auseinander, ehe sie die Konsequenzen in der Gestalt des Hans Karl Bühl nachzeichnete. Eine weitere erhellende Fragestellung war die, warum Hofmannsthal das Ende des Krieges in seiner Komödie vorwegnimmt (1917), die gesellschaftlichen Verhältnisse jedoch für die Nachkriegszeit bestehen läßt. Hierzu ergaben sich auch Ansätze einer Diskussion im Plenum.

Zum Abschluß der Tagung gab am frühen Sonntagmorgen Professor Rölleke den Bericht vom Stand der Kritischen Ausgabe von Hofmannsthals Werken. Es folgte eine Videovorführung des Gesprächs, das MarieThérèse Miller-Degenfeld - „Tochter der Muse Hugo von Hofmannsthals" – mit Anita Eichholz vom Bayerischen Rundfunk führte. Besonders ein Bild des lachenden Hofmannsthal wird mir im Gedächtnis bleiben. Schöner noch als das Interview war es, daß Mrs Miller-Degenfeld anschließend selbst einige Erinnerungen ergänzte. Zudem stellte sie die vollständige Ausgabe des Briefwechsels zwischen Hofmannsthal und ihrer Mutter vor, die (leider nur auf Englisch) in Amerika soeben erschienen ist. Für die deutsche Ausgabe waren seinerzeit Kürzungen, Familiäres betreffend, vorgenommen worden. Diese Neuerscheinung findet sich auch unter den reichhaltigen Mitteilungen auf der Internetseite zu Hofmannsthal: www.navigare.de.

Danach die Regularien der Mitgliederversammlung: u.a. wurde der gesamte Vorstand im Amt bestätigt. Am lebhaftesten wurde es bei den Überlegungen zur nächsten Tagung, die voraussichtlich 2002 in Wien stattfinden wird und zwar anläßlich des 100. Jahres seit Erscheinen des berühmten „Chandos-Briefes" mit diesem als Themennukleus.

Die Tagung war von köstlichem Spätsommerwetter begünstigt, und es blieb genügend Zeit etwa für einen ausgiebigen Spaziergang durch Goethes Park an der Ilm. Man kann nur wünschen, daß auch die nächste Tagung so glücklich verläuft.

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