bearbeitet
von Jean-Paul Sartre
I
Das Stück
Auf den ersten Blick scheint sich die Bearbeitung Jean-Paul Sartres vom euripideischen Drama hauptsächlich in der Sprache zu unterscheiden. Außerdem lässt der Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts die Akteure nur noch einige Vorgänge für sein Publikum erläutern, deren Kenntnis im antiken Griechenland allgemein war, hält sich aber sonst an die vorgegebene Szenen- und Handlungsabfolge. Sehen wir zu, ob dieser erste Eindruck sich bei genauerer Lektüre bestätigt.
Was Euripides auf die Bühne bringt, muss bei seinen Zuschauern stärkste Emotionen ausgelöst haben. Eine Gesellschaft, die selber noch in Stämmen und Stadtstaaten - wie Athen - organisiert ist, erlebt den mythischen Untergang Trojas: die Griechen haben durch die List des Odysseus nach zehnjährigem Krieg die Stadt erobert und in Brand gesetzt, die männliche Bevölkerung ist hingemetzelt, die Frauen sind Beute und warten darauf, auf die Schiffe der heimkehrenden Sieger verteilt zu werden. Hekuba, vor kurzem noch die Königin einer mächtigen Stadt, wird nun erfahren, dass sie als Sklavin dem Odysseus zugeteilt ist. Ihr Mann, Priamus, wurde ermordet, ihre Söhne sind gefallen. Ihre eine Tochter, Kassandra, die Seherin, wird von Agamemnon beansprucht und ihm, wie sie weissagt, in den Tod folgen. Die andere, Polýxena, wurde auf dem Grab des Achill geopfert. Ihr Enkel Astýanax, Sohn Hektors und Andromaches, ein kleines Kind, wird auf Rat Odysseus von den zerborstenen Mauern der Stadt gestürzt, damit kein Nachkomme des Königsgeschlechts, als möglicher Rächer und Neugründer Trojas, überlebt.
Dies ist die Handlung des Stücks. Nach der großen Katastrophe folgen die weiteren, die Hekuba, sowie die sie als Chor umgebenden Frauen, in einen Abgrund des Leids und der Hoffnungslosigkeit stürzen. Sie sind Überlebende des eigenen Geschlechts und solchermaßen Zeugen eines Weltuntergangs, der nicht nur die Menschen, sondern auch ihre Götter trifft. Hekuba ruft sie zwar noch an, aber nur, um sie gleichsam in diesem Gebet, das keines mehr ist, zu stürzen: "Ihr Götter! Wozu ruf / Ich euch, die mich noch niemals angehört!" ( V. 1280f, in der Übersetzung Ernst Buschors). Jede Ordnung ist vernichtet, kein Sinn des Geschehens auszumachen: "Ich seh das Werk der Götter: Niedriges / Steigt hoch und jeder helle Glanz verfliegt" (V. 612f). Tausende sind gestorben, weil eine Frau, Helena, ihren Mann verließ, die nun versucht, sich reinzuwaschen, indem sie die Schuld auf Aphrodite schiebt. Helena wird nicht zur Rechenschaft gezogen werden, Euripides Zuschauer wissen es und die Hekuba Sartres spricht es aus: "Zeus, ich hielt dich für gerecht, ich bin verrückt. / Verzeih mir. / Die Bitterkeit unserer Toten wird nicht versüßt werden. / Unsichtbar drängen sie sich aneinander am Strand und sehen, wie / sich Helena im Triumph einschifft, / Helena, die Pest mit den roten Haaren, / und jetzt wissen sie endlich, dass sie für nichts gestorben sind" (elfte Szene, Jean-Paul Sartre, Gesammelte Dramen, Reinbek 1969, S. 755).
Bei Menschen und Göttern triumphieren der Un-Sinn und die Brutalität, die Sterbliche und scheinbar Unsterbliche ins Verderben ziehen. Hierin stimmen Euripides und Sartre überein. Der französische Linksintellektuelle zieht jedoch eine politische Konsequenz, die er auch dem antiken Dramatiker unterstellt: "Man weiß genau, dass das Stück auch zur Zeit des Euripides eine eindeutige politische Bedeutung hatte. Es war eine Verurteilung des Krieges im allgemeinen, und der kolonialen Expeditionen im besonderen" (Anmerkungen Jean-Paul Sartres zu seiner Bearbeitung der Troerinnen des Euripides, a.a.O., S. 719). Angesichts dessen, dass in der menschlichen Geschichte bisher immer - die Gräuel siegen und das Unrecht die Oberhand behält, kann Sartre das Fazit ziehen: "Das Stück geht also in einem totalen Nihilismus zu Ende ... Die Götter verrecken zusammen mit den Menschen, und dieser gemeinsame Tod ist die Moral dieser Tragödie " (a. a. O., S. 720f).
Der antike Dichter
sieht den Weltlauf nicht etwa weniger schwarz. Dennoch gibt es in seinem Stück den
Versuch, für die dem Nichts gegenüberstehenden Menschen einen spezifischen Trost zu
spenden. " Das ist der Elenden Musentrost: / Ein Unglückssang ohne Reigentanz"
( V. 120f). Ähnliche Aussagen durchziehen das gesamte Drama. Sie gipfeln in den Sätzen
der Hekuba: " Die Götter wogen uns nur Leiden zu, / Die Stadt war ihnen bis ans Herz
verhasst, / Wertlos die Opfer. Aber hätte nicht / Ein Gott das Oberste zum Grund gekehrt,
/ So wären wir ein Rauch und würden nicht / Ein Lied der Muse bis in ferne Zeit"
(V. 1240ff).
Welch eine ungeheuerliche, recht eigentlich unauslotbare Stelle! Sie beinhaltet die Aufgabe der Kunst schlechthin - für die folgenden beinahe zweieinhalbtausend Jahre. Diese ist ein ganz und gar eigentümlicher Trost, für eine völlig trostlose Welt, und nur wahrhaftig, wenn sie ihren Sinn in einem Nichts aufscheinen lässt, das sich selber erst ihrem radikalen Blick zeigt. Auch Rilke bezieht sich, am Schluss der ersten Duineser Elegie, auf den griechischen Mythos, um die Entstehung, das Sein, der Kunst zu umschreiben: " Ist die Sage umsonst, dass einst in der Klage um Linos / wagende erste Musik dürre Erstarrung durchdrang; / dass erst im erschrockenen Raum, dem ein beinah göttlicher Jüngling / plötzlich für immer enttrat, das Leere in jene / Schwingung geriet, die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft."
Die Hilfe der Kunst, von Euripides bis Rilke, besteht gerade nicht darin, uns zu verheißen, es werde besser und sei also eigentlich gar nicht so schlimm. Alles ist vergänglich, nur die Substanz des Menschlichen, Erinnerung und Eingedenken, nicht. Bei Sartre jedoch werden auch sie in den Strudel des Nihilismus gerissen. Die Andromache des Euripides wird Hektor, ihrem toten Mann, treu bleiben, auch wenn sie sich Neoptólemos, dem Sohn Achills, der sie nun besitzt, hingeben muss. Für Sartre ist solche eheliche Treue "kleinbürgerlich" (s. Anmerkungen, a. a. O., S. 719); seine Andromache weiß: "Man sagt, die Lust einer einzigen Nacht genüge, / um eine Frau zu zähmen. / Soll ich an mir selbst irre werden? / Soll ich mich nach den Zärtlichkeit meines neuen Gatten sehnen? / Hektor, ich liebte dich, ich liebe dich. / ... / verhindere doch, dass ich aufstöhne unter anderen Händen. / ... / führt mich fort, versteckt mich, / mein Leib dauert mich, und es graut mir vor ihm!" (Gesammelte Dramen, a. a. O., S. 741).
Hierin spricht Sartre die Erfahrung des zwanzigsten Jahrhunderts aus, dass den Unglücklichen und Geschlagenen nicht einmal die Treue zu sich selber bleibt. "Schau mich doch an, ich lebe und die Hoffnung ist tot", sagt Andromache zu Hekuba (ebda.). Aber der politisch engagierte Schriftsteller protestiert, mit seinem Stück, gegen den sonst allumfassenden Sieg der Ungerechtigkeit. "Troja war die Dritte Welt; der Feind war Europa", beschreibt Annie Cohen-Solal in ihrer Biografie (Reinbek,1991, S. 681) die Tendenz der Bearbeitung. Die existenzielle Auflehnung gegen die Macht der Unterdrückung vermag sich auf nichts zu stützen, aber gerade so verleiht sie den verstummenden Opfern ihre Stimme: "Noch in zweitausend Jahren / werden wir in aller Munde sein; / man wird reden von unserem Ruhm / und Eurer stupiden Ungerechtigkeit. / Und Ihr könnt dagegen nichts unternehmen, / Olympier, / den Ihr werdet längst tot sein, / genauso wie wir" (Gesammelte Dramen, a. a. O., S. 760). Auf diese Weise spricht Hekuba nun mit ihren Göttern. Das "man wird reden" beinhaltet nach Sartre einen Imperativ: nur, wenn man ihm folgt, wird das Ausgreifen der Vergangenheit in die Zukunft wahr bleiben.
Inzwischen wissen wir, dass die Hoffnungen der intellektuellen - linken - Avantgarde gescheitert sind und scheitern mussten. Wer anderen scheinbar nur zu ihrer eigenen Sprache verhelfen will, oktroyiert ihnen nur zu leicht doch die eigene. Diese Erfahrungen mit dem Engagement des vergangenen Jahrhunderts machen uns vorsichtiger - aber dem Leiden und dem Schmerz in dieser Welt müssen auch wir uns stellen. Solchermaßen grenzen wir uns gegen die Anforderungen unseres Herkommens ab und möchten dennoch seinen Appell, für eine bessere Gegenwart einzutreten, bewahren. Wie würde wohl eine neuerliche Bearbeitung der Troerinnen des Euripides aussehen, die sich mit dieser Binnenspannung einer nachmodernen ethischen Haltung auseinandersetzen würde? Eigentlich, ich glaube das sagen zu dürfen, warten wir auf sie.

II
Die Aufführung
Das Hessische Landestheater Marburg bringt in dieser Spielzeit zwei antike Stücke zur Aufführung, davon eins in moderner Bearbeitung. So entstehen Bezüge zwischen dem "König Ödipus" des Sophokles und den "Troerinnen", die Sartre, nach Euripides, für Zuschauer des zwanzigsten Jahrhunderts eingerichtet hat, denen nachzufragen - die Premiere des "Ödipus" findet am 14.10. statt - vielleicht zu neuen Einsichten in beide Dramen führen kann.
Die Inszenierung Ekkehard Dennewitz beginnt damit, dass der Gott des Meeres, Poseidon (Jochen Nötzelmann), auf Troja blickt, ein von der Decke herabhängendes Modell, und die Zerstörung seiner Stadt beklagt. Seine zunächst gemurmelten Sätze steigern sich bis zu an- und abschwellenden Rufen, Beschwerden, die sich an seinen Bruder, Zeus, richten, der dies zuließ. Schon diese erste Szene ist von großer Eindringlichkeit. Sie stimmt das Publikum darauf ein, dass nun etwas von gleichsam ungemindertem Ernst folgen wird.
Nach dem Gott blicken wir auf den Menschen: Hekuba (Christine Reinhardt) liegt allein auf der Szene, vor einer Kulisse, die zugleich die Überreste der trojanischen Stadtmauern und das Zeltlager vorstellt, in dem die Griechen die erbeuteten Frauen gefangenhalten. Zu den Zuschauern hin grenzen Bänder - Stacheldraht - den Spielraum ab, der damit zu einem KZ wird, dem Ort des menschlichen Leidens schlechthin. Auch Hekuba murmelt zunächst beinahe unverständliche Sätze, aber anders als bei Poseidon ist ihre Sprache Ausdruck psychischer Verstörtheit. Mehrfach versucht diese in einen langen Mantel gehüllte Gestalt sich aufzurichten, sodass sich bei mir die Assoziation an Beckett und Ionesco einstellte (auf die übrigens Sartre in seinen "Anmerkungen" verweist).
Christine Reinhardt steht vor einer äußerst schwierigen Aufgabe. Sie soll uns, den Zuschauern, deutlich machen, was es heißt, der schrankenlosen Gewalt von Siegern, ja des Krieges selbst, ausgeliefert zu sein. Ich habe mir die alte Frage, ob die Kunst vorgeben darf, ihren Bereich zu verlassen und sich als Realität zu gebärden, im Verlauf dieses Abends nicht gestellt. Es gab Momente, wo sie überflüssig wurde. In diesen Augenblicken wurde das Herausgerissensein des Menschen aus seinem Leben, die Gewalt, der er nun preisgegeben ist, in bedrohlicher Weise fühlbar. Die Gestalt der Hekuba steht ja im Zentrum des Stücks, aus ihrer Hoffnungslosigkeit zu Beginn keimt die Hoffnung, der eine überlebende Enkel könnte die Stadt wiederaufbauen, Zeus sei vielleicht doch ein gerechter Gott, weil er Helena bestrafen wird, aber all dies wird zuschanden - dieser Mensch ist vernichtet, hofft von neuem, kämpft und wird wieder, diesmal endgültig, besiegt. Dieses existenzielle Leben angesichts des überall gegenwärtigen Todes stellt die Schauspielerin Christine Reinhardt nicht nur glaubwürdig, sondern so dar, dass es unter die Haut geht.
Uta Eisold tritt aus dem Chor heraus und wird zu Andromache. Auch sie verkörpert die Frau des toten Hektor und Mutter des Kindes, das die Griechen töten werden, mit wirklicher Eindringlichkeit. Ihre schauspielerische Präsenz trägt zweifellos zu einer Steigerung des Eindrucks bis zum Bezwingenden bei. Aber hat Dennewitz, was Sartre der Andromache in den Mund legt, gestrichen: "Man sagt, die Lust einer einzigen Nacht genüge, / um eine Frau zu zähmen", um die Eindeutigkeit unserer Identifikation mit den Opfern nicht zu verringern? Jedenfalls geht diese Brechung, gerade auch in der Psyche der Gepeinigten, die für Sartre wichtig ist, unter.

Erika Spalke kann durchaus nachvollziehbar machen, wie sich die Affekte einer jugendlichen Frau angesichts dieser Situation des Grauens in etwas Wahnwitziges verwandeln: niemand nimmt Rücksicht auf diesen Leib und seine Seele, weder der Gott Apoll, der sie zu seiner Seherin machte, noch Menelaos, der sie eben deswegen begehrt. Kassandras Lachen begegnet schon dem Tod und tritt ihm gleichgültig gegenüber, aber es bewahrt gleichsam auch etwas von dem einer jungen Schauspielerin, die voller lebenszugewandter Energie in ihre Rolle schlüpft. Beides ist nun ineinander und berührt, weil es sich ausschließt.
Miriam Ternes ist Helena. Ihr Unglück ist, wie die Regie diese Rolle anlegt. Aus der verführerischen und gefährlichen Frau wird eine aufgetakelte und vulgäre Lügnerin, der man die raffinierte Verteidigungsrede vor Menelaos nicht abnimmt. Ein Missgriff, wie mir scheint (man kann das anders sehen: nicht ihretwegen, sondern um Asien zu erobern, sind die Griechen, die "Europäer", nach Troja gekommen; trotzdem beinhaltet die Auffassung der Rolle eine Banalisierung, die dem Stück schadet).
Ebenfalls nicht ganz geglückt ist der Chor. Er bildet einen Kontrapunkt zur realistischen Darstellung der Hekuba, aber die Rhythmik seiner Sprache und Gestik, nicht ganz gekonnt, vermindert die Wirkung eher, statt sie zu steigern. Aber man sollte die Leistung der Chorführerin, Cornelia Schönwald, aus dieser Kritik ausnehmen.
Jochen Nötzelmann verkörpert sowohl Poseidon als auch Menelaos, beides ausdrucksstark und überzeugend. Er tritt, als griechischer König, vor das Lager und preist, ohne Ironie und vordergründige Überheblichkeit, sondern erfüllt von einer schauerlichen Würde und Härte, angesichts des Leidens der Frauen, aber von ihm völlig unberührt, weil scheinbar einer anderen Welt angehörend, den schönen Tag. Diese Szene gibt etwas von dem "totalen Nihilismus" des Stückes wieder, von dem Sartre spricht.
Dennewitz Inszenierung ist dicht und straff. Er setzt auf die realistische, nicht auf die existenziell-nihilistische Schicht des Dramas. Zwar will er "die Emotionen unserer Zuschauer heftigst in Gang setzen" (Programmheft, Fragen an den Regisseur Ekkehard Dennewitz), aber er verzichtet auf "konkrete Anspielungen": gerade dadurch mag man an das, was vor kurzem im Kosovo geschehen ist, denken - sowohl Dennewitz als auch die Dramaturgin Ulrike Rohde sprechen im Programmheft vom Bosnien-Krieg. Dieser Abend war beeindruckend. Er hat den Zuschauern, die das durch ihren Beifall zum Ausdruck brachten, eine andere Realität gezeigt, aber mit künstlerischen Mitteln. Ein Theater, das auf Mätzchen verzichtet, dafür aber das Stück und seine Aussage ernstnimmt, leistet auch heute einen unverzichtbaren Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Gegenwart.