Kalt ist der Abendhauch

D 2000      Regie: Rainer Kaufmann    Darsteller: Fritzi Haberlandt, August Diehl, Gisela Trowe, Heinz Bennent.

Der Titel zitiert das wehmütig-rationalistische Abendlied von Matthias Claudius, das gegen Ende des Films zu einer ungewöhnlichen Beerdigung gesummt und gesungen wird und zum Fazit überleitet: "Vielleicht braucht es ein ganzes Leben, um fünf Minuten glücklich sein zu können..."

Der groß angelegte Bilderbogen, der über sechzig Jahre deutscher Geschichte in einer Familien- und Liebesgeschichte auf die Leinwand bringt, will großes Kino sein, große Gefühle vermitteln. Aber diese großen Gefühle werden auch immer wieder gebrochen, der Ansatz der Rührung wird überspielt von gezielt gesetzten witzigen Pointen.

Das Lebensschicksal der aus einem Kaufmannshaus stammenden Charlotte, die ihren Schwager liebt und drei Kinder von verschiedenen Männern bekommt und großzieht, rührt tatsächlich an, weil sie dem Zuschauer so seltsam vertraut vorkommt. Die besondere Geschichte ist in Wahrheit eine altvertraute. Liebesgeschichten pflegen nur dann interessant zu sein, wenn sie unglücklich sind. Durch mancherlei Irrungen und Wirrungen trägt die Liebe der beiden Hauptfiguren und bleibt doch meist im Stande der Sehnsucht, bis sie am Ende die nicht nur sprichwörtliche Leiche im Keller gemeinsam entsorgen.

Drehbuch und Kamera leben von gelungenen Überblendungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Alle Hauptrollen mußten mehrfach besetzt werden. Vor allem die Darstellerin der jungen Charlotte (Fritzi Haberland) trägt weite Strecken des Films fast allein. Ihr eckiges, markantes Gesicht wird man sich merken müssen.

Auch recht überzeugend, aber allzu jung bleibend durch die Jahre und Jahrzehnte der Darsteller des jungen Hugo (August Diehl). Gisela Trowe und Heinz Bennent spielen das alt gewordene Liebespaar durchaus anrührend und überzeugend, werden aber von der Regie für mein Empfinden gelegentlich zu sehr in die Rolle von komischen Alten gedrängt.

Hervorzuheben sind die Arbeit der Szenenbildner und die Musikauswahl. Die Szenen aus den 30er und 40er Jahren zeigen das gute Wetter, von dem die Erinnerung ja meist lebt.

"Kalt ist der Abendhauch" ist ein Film von den Wegen und Umwegen des Lebens, aber in leicht ironischer Distanz. (Nicht zuletzt wegen der häufigen Ringelnatzrezitationen.) Genau diese Ironie macht ihn realistisch und sehenswert.

Uwe Kühneweg