Die Bibel: Die ganze Heilige Schrift (leicht gekürzt)

von Adam Long, Reed Martin und Austin Tichenor

am Hessischen Landestheater Marburg (Premiere: 25. November 2000)

Im Zeitalter der Beschleunigung werden auch Bildungsgüter aller Art vermarktet wie fast food. Dietrich Schwanitz hat vor Jahresfrist gemeint, die gesamte abendländische Bildung ("Alles, was der Mensch wissen muß") zwischen zwei Buchdeckel packen zu können, und auch auf dem Theater erleben wir einen Trend zur Abbreviation. Der Verkürzung und Komprimierung fallen nicht nur Bühnenklassiker zum Opfer, sondern auch Gesamtwerke aller Art, Shakespeare oder Grimm’s Märchen (jüngst in der Waggonhalle), und nun schließlich – im Hessischen Landestheater – die Bibel – "leicht gekürzt", nach Aussage des Schauspielers und Regisseurs Peter Radestock (im Interview mit dem Marburger Forum) das Boulevardstück dieser Saison.

Das Stück der drei kalifornischen Autoren und Schauspieler Adam Long, Reed Martin und Austin Tichenor (bekannt unter dem Namen "Reduced Shakespeare Company") läuft mit einigem Erfolg u. a. in Potsdam, München und Hamburg - und nun zur Weihnachts- und Fastnachtszeit also auch in Marburg. Was da im Theater am Schwanhof (TASCH I) geboten wird, läßt sich wohl am ehesten als Revue mit musikalischen Einlagen bezeichnen, über weite Strecken ist es aber natürlich schiere Klamotte in der Tradition von Monty Python, aber der Klamauk ist wohltuend gebrochen durch mancherlei Selbstironie und Verfremdungseffekte à la Pirandello.

Der Text wurde für die Marburger Aufführung angereichert mit allerlei Lokalbezügen und aktuellen politischen Anspielungen. Aber der Text ist in diesem Stück ohnehin nur Rohstoff, Material für den Einfallsreichtum des Regisseurs und die Spielfreude der beteiligten Schauspieler. In Marburg sind das Peter Liebaug, Peter Radestock und Frank Damerius (der zugleich auch die Regie führte). Der gut zweistündige Parforceritt von der Weltschöpfung bis Armageddon stellt für die Akteure eine echte Vielseitigkeitsprüfung dar. Klavier- und Trompetenspiel, Gesang und Artistik, Zauberkunststücke und Steptanz, minütliche Rollen- und Kostümwechsel stellen die drei Darsteller (und die Requisite) vor hohe Anforderungen, denen sie mit Bravour gerecht werden, und ihre Spiellaune macht den Abend insgesamt erträglich.

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Mehr aber auch nicht. Denn noch die "leicht gekürzte" Fassung der Bibel enthält – trotz des respektlosen Umgangs mit der Vorlage - erstaunliche Längen, denen auch unzählige Kalauer ("Sie zeugten in einem Ford.") nicht abhelfen können.

Vor der Pause gibt es eine "Best-of"-Auswahl aus dem Alten Testament, die ihren Schwerpunkt deutlich auf den ersten beiden Büchern Mose hat. Alles weitere (Josua, David, Salomo) erscheint nur wie ein Anhang zu den Geschichten des Anfangs. Trotzdem war das Publikum nach meinem Eindruck zur Pause insgesamt noch recht angetan. (Nur der Altbischof der evangelischen Landeskirche suchte das Weite.) Vor allem im zweiten Teil, der dem Neuen Testament gewidmet ist, bewegt sich das Stück aber auf einer Schußfahrt in die Tallagen des Geschmacks, die zum Teil auch unter Normal Null liegen. Die heiligen drei Könige, der wohl durch Askese früh gealterte Johannes der Täufer (Peter Radestock), Maria (von Peter Liebaus dargestellt), die Geburt Jesu – all das ist im besten Falle Faschingskomödie. Nach der Pause überzeugen eigentlich nur noch zwei Szenen: Das Abendmahl (Dekoration: Leonardo da Vinci) und die kleine Predigt des Osterhasen, der sehr deutlich und richtig darauf hinweist, daß sich das zentrale Mysterium des Christentums eben doch nicht in Schokoladeneiern fassen läßt. Aber solche Momente gehen fast unter im Gewirr der Kalauer und Anspielungen. Der Schlußapplaus war freundlich, aber trocken.

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Der running gag, die Geschichte von Noahs Arche sei immer noch nicht richtig erzählt, mündet schließlich in die Karikatur eines Familiengottesdienstes, wenn das Publikum miteinbezogen wird und gruppenweise auf die Melodie der "Vogelhochzeit" chorisch Schweine ("Quiek, quiek, quiek"), Enten ("Quak, quak, quak") oder Forellen ("Blubb, blubb, blubb" – mit Schwimmbewegungen) vorzustellen hat, schließlich auch die in der Sintflut ertrinkenden Sünder mit einem allgemeinen "Aaaaaaaaaaah!" Auch wenn solche Art der Einbeziehung des Publikums in Comedy-Shows im Fernsehen gang und gäbe ist, erinnert mich die Bereitschaft, sich auf solche Manipulationen einzulassen, doch immer unangenehm an die Bilder von den Nürnberger Reichsparteitagen...

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Ein solches Stück wie "Die Bibel..." im "heiligen Marburg" mit seinen vielfältigen, lebendigen christlichen Traditionen zu spielen, ist ein gewisses Wagnis. Obwohl der Text an den meisten Stellen frech und fröhlich respektlos ist, sind in der Marburger Aufführung wirkliche Verletzungen religiöser Gefühle weitgehend vermieden worden. Tatsächlich gibt es im Stück auch eine ganze Reihe von durchaus niveauvollen theologischen Sequenzen, etwa wenn die Vorliebe für die Sintflutgeschichte damit begründet wird, daß hier der Gott des Alten Testaments ein freundliches Gesicht zeige, jedenfalls gegenüber Noah, oder wenn über die Wandlungen des Gottesbildes vom Alten zum Neuen Testament nachgedacht wird.

Eine Provokation ist ein solches Stück sicher nicht mehr, und als ironische Kurzfassung eines Bildungsstoffes kommt es möglicherweise zu spät: Die Vielzahl der Anspielungen setzt im Grunde beim Publikum eine Bibelkenntnis voraus, die heute, jedenfalls bei denen, die überhaupt ins Theater gehen, nach meinem Eindruck nicht mehr gegeben ist.

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Die Premiere des Stücks fiel auf den Vorabend des Totensonntags. Aber es läuft ja auch schon seit einigen Wochen der Karneval. Der heilige Ernst verlangt immer auch nach seinem ironisch-albernen Gegenstück, nur so wird er erträglich.

Die Beschleunigung des Lebens und insbesondere der Unterhaltung in unserer späten Moderne hat etwas Atemberaubendes an sich. Eine Grundregel für die Radioarbeit sagt heute, nach 20 Sekunden schalte im Grunde jeder Hörer ab und müsse deswegen in diesem Rhythmus mit Neuem geködert werden. Das Stück "Die Bibel..." und seine Marburger Inszenierung sind der Ästhetik des Tempos verpflichtet. Leider entspricht diesem Tempo auch das des Vergessens. Die Vielzahl der Wortspiele, Witze und Anspielungen befriedigt nur im Moment das Unterhaltungsbedürfnis. Das ist ja auch die Absicht.

Was ist das Schöne an fast food? Man fühlt sich nicht so satt. Trotzdem – und gerade deswegen - bin ich froh, daß der Spielplan des Hessischen Landestheaters pro Saison nur ein Boulevardstück vorsieht.

Uwe Kühneweg

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