Sándor Márai, Das Vermächtnis der Eszter,
Roman. Aus d. Ungarischen v. Christina Viragh. München: Piper-Verlag 2000,
164 S. Gebunden. ISBN: 3-492-04198-1 DM 32,00
Sándor Márai wurde 1900 in Ungarn geboren und starb 1989 in den USA. Als er 34 Jahre alt war, erschien schon eine Autobiographie. 1938 ist Das Vermächtnis der Eszter" geschrieben und 1942 erschien Die Glut". Diese drei Werke sind jetzt vom Piper-Verlag in neuer Übersetzung veröffentlicht und zwar zuerst das Meisterwerk Die Glut". Dagegen ist das Vermächtnis der Eszter" enttäuschend. Betrachten wir es also als Vorstufe und Vorbereitung zum folgenden. Ich kann nicht umhin, es in Beziehung zur "Glut" zu setzen. Es gibt auffallend viele Parallelen in der Situation - und auch in Themen. Beide Romane spielen an einem Tag. Beide Male geht es um das Wiedersehen des Protagonisten mit einem geliebten Menschen, der ehemals geheimnisvoll verschwand. Bei Eszter sind 20 Jahre vergangen, bei Henrik, dem Protagonisten der "Glut", 41 Jahre.
Beide haben eine alte Vertraute, Eszter wohnt seit 30 Jahren mit dieser Verwandten zusammen, bei Henrik sind es sogar 75 Jahre, die er mit seiner Amme gemeinsam verbracht hat. Sie heißen Nunu - und Nini.
Ich gebe zu Beginn ein Beispiel, willkürlich herausgegriffen, für den Unterschied in der metaphorischen Sprachkraft: Bei Eszter wird das Verhältnis zu Nunu beschrieben als Bündnis - wie die Misteln und der Baum, wobei wir nicht hätten sagen können, wer der Baum und wer der Parasit war". (45) Dagegen in Die Glut" das Verhältnis zu Nini: Das Leben hatte ihre Tage und Nächte vermischt, sie wußten um den Körper des anderen, und auch um seine Träume." (16)
Zum Inhalt: Die Ich-Erzählerin Eszter wohnt mit ihrer Vertrauten Nunu im Elternhaus in ärmlichen Verhältnissen. Da erhält sie ein Telegramm von ihrem früheren Verlobten Lajos, der vor 20 Jahren verschwand. Er kündigt den Besuch für den nächsten Tag an. Da kommt er dann mit einem geliehenem Wagen und Fahrer und vier Personen, das sind seine beiden erwachsenen Kinder, seine jetzige Lebensgefährtin und deren Sohn.
Eszter hat ebenfalls vier Personen auf ihrer Seite zur Verstärkung. Außer Nunu sind eingeladen ihr Bruder Lacis und zwei alte Freunde der Familie, beide ehemals abgewiesene Bewerber der Eszter.
Die Dialoge werden von der Erzählerin kommentiert mit Rückblicken auf die Geschehnisse vor 20 Jahren und mit Lebensweisheiten. Der Leser erfährt, daß der Verlobte sich damals plötzlich ihrer Schwester Vilma zuwandte und diese geheiratet hatte. Als Vilma nach drei Jahren Ehe starb, wohnte die Erzählerin noch einige Monate bei Lajos und den Kindern mit der vergeblichen Hoffnung, das Ganze in Ordnung zu bringen". - Dann kehrte sie in das Elternhaus zurück. Der Dreh- und Angelpunkt ihres Erzählens ist ihre Beziehung zu Lajos. So möchte sie sich verstehen in ihrer immer wieder aufkommenden Hoffnung einerseits - und ihrem glasklaren Wissen andererseits um das Mißlingen der Beziehung.
Überhaupt wissen Eszter und die vier auf ihrer Seite: Lajos hat sich nicht verändert. Obwohl er allen etwas schuldet, wird er kommen, um es in Ordnung zu bringen, aber noch das Geld für den Fahrer selbstverständlich von ihnen verlangen.
Beide Personen, Eszter und Lajos, mag ich nicht. Eszter ist mir zu geschwätzig, Lajos zu sehr ein Schuft. Moralische Urteile an dieser Stelle sind fragwürdig. Doch ich werde darauf gestoßen, weil die beiden Hauptpersonen in der "Glut" über ähnliche Themen sprechen.
Es sind hier zwei Männer. Auch sie suchen nach der Wahrheit hinter den Ereignissen ihrer Beziehung. Aber sie tun das würdevoll in gegenseitigem Respekt, wie zwei Gleichrangige, die sich ineinander spiegeln. Dagegen spricht die Erzählerin Eszter selbstmitleidig, geschwätzig, belehrend, selbstgefällig - und will das alles nicht sein - will einsichtig sein und stoisch und bescheiden. Eine nachteilige Wirkung der Ich-Erzählung und der verschiedenen Geschlechter der Hauptpersonen.
Die Perspektive der Ich-Erzählung fehlt in Die Glut". Das macht Das Vermächtnis der Eszter" aber auch gerade schwächer. Eszter verkündet ihre Erzählabsicht und muß sie dem Leser glaubhaft machen. Durch diese Brechung von Erzähltem und Erzählintention entsteht eine distanzierende, belehrende Sprache. Sie schreibt die Geschichte nämlich auf als Vermächtnis, drei Jahre nach den Ereignissen des einen Tages von Lajos Wiederkehr und endgültigem Abschied. Da schreibt eine in gewollter Gelassenheit. Jetzt ist sie 45 Jahre alt. Nicht mehr gesund und jung. Hat keine Angst vor dem Tod. Der bedeutet ihr Ende des Lebenskampfes, Auflösung und Frieden. Ich muß sterben, weil das die Ordnung der Dinge ist und weil ich meine Pflicht getan habe." (6) Am Ende der Begegnung schenkt sie ihm, Lajos, auf sein Verlangen das Haus, zwangsläufig.
Die Tragik (alles getan zu haben, um dem geliebten Feind zu entgehen - doch der als Teil von ihr sucht sie heim) wird zu einem Lehrstück.
Der unsichtbare Mitspieler in der Beziehung zwischen Eszter und Lajos ist das Schicksal. Wie aus dem Märchen: Der böse Spruch der Fee an der Wiege erfüllt sich. Dies zu erkennen und zu vollziehen ist ein ehernes Gesetz - ist die wahre Einsicht in die Existenz.
So ist die Philosophie des Lajos, die von der Erzählerin trotzig anerkannt und dem Leser weitergereicht wird. Was bindet Menschen aneinander? Was bringt den Einzelnen zu seiner Existenz? Lajos belehrt Eszter: Diese Tiefe ist unerreicht von der Moral und Verantwortung füreinander. Gut und böse sind nur Wörter. Die Handlungen, ihre Wirkungen auf den anderen sind unerheblich gegenüber der wesenhaften Verbundenheit durch die wahren Absichten.
Sprechen wir aber nicht von den Aussagen des Lajos, die er ihr auch in den Briefen vor der Hochzeit machte, sprechen wir von seinen erbärmlichen Handlungen. Urteilen wir moralisch. Er liebt Eszter, allerdings auch nicht leidenschaftlich. Er hätte sie aber als moralischen Charakter" gebraucht, ergänzend zu seinem nicht-moralischen, aber stärkeren. Er fühlt nicht, was er ausdrückt. Er meint nicht, was er sagt. Er ist ein Spieler, Zauberer, Tyrann, großspurig, vielversprechend, geheimnisvoll, ohne Wirklichkeitssinn, auf durchsichtige Art verlogen. Ein Verzauberer für die, die nach dem Gesetz der Verantwortung für die eigenen Taten leben. Er verkörpert die transmoralische, zeitlose Lebensintensität. Er gibt dem Leben der anderen Gefahr und Sinn für die Tiefe. Und Eszter? Sie gehört nicht jenem Schlag an - oder doch? Sie gibt ihm nicht recht. Aber folgt ihm. Das Dornröschen hat 20 Jahre geschlafen. Die Zeit war stehengeblieben. Ohne Ziel, Aufgabe, Inhalt hat Eszter mit Nunu gelebt. Mehr teilt sie nicht mit. Als er für einen Tag wiederkehrt, bricht die Hoffnung wieder auf. Der Prinz küßt mit kaltem Kuß, er hat einen Anschlag auf ihr Leben vor. Es ist nicht wie im Märchen oder in Die Glut" der Beginn einer erlösten Beziehung.
Gisela Böckler