Vom Sinn der Krankheit - Nietzsches "große Gesundheit"

von Friedhelm Decher

Gesundheit fühlt man in der Regel nicht. Ist man gesund, akzeptiert man sie, ohne daß einem das bewußt würde, als etwas nahezu Selbstverständliches. Der Wert, den sie für einen besitzt, wird einem erst dann fühlbar und bewußt, wenn man sie verloren hat, wenn, mit anderen Worten, an ihre Stelle die Krankheit getreten ist. Auf diese Weise ist Krankheit gemeinhin gekoppelt mit der Erfahrung eines Verlusts. Die Frage jedoch ist: Könnte sie nicht vielleicht zuzeiten auch ein Gewinn sein? Dem ersten Eindruck nach mag diese Frage paradox, ja möglicherweise gar absurd erscheinen. Denn sicher ist: Von einigen wenigen, ans Pathologische streifenden Ausnahmefällen abgesehen, möchte niemand freiwillig und gern krank sein - zu unangenehm, zu lästig, zu schmerzhaft ist das den Lebensprozeß unter Umständen empfindlich störended und hemmende Kranksein. Daher versucht man, der Krankheit wann immer und so gut es geht vorzubeugen und den Anteil von Leid und Schmerz im Leben möglichst gering zu halten. Gänzlich zu vermeiden und restlos aus dem Leben zu vertilgen sind solche negativen Erlebnisse jedoch nicht. Daher wird man sich wohl oder übel zu der Einsicht durchringen müssen, daß Krankheit, Leid und Schmerz einen nicht auszurottenden Bestandteil des Lebens darstellen. Wenn dem aber so ist - und wie es scheint, führt kein Weg an diesem Befund vorbei -, könnte man Krankheit dann vielleicht nicht in dem Sinn als Gewinn verstehen, daß sie einem die Chance bietet, sich über ihren Status und ihre Funktion im je eigenen Leben und damit über das Leben selbst und die gelebte Existenz klar zu werden? Der Krankheit käme dann eine eminent heuristische Funktion zu: Sie könnte zu vertiefter Selbsterkenntnis führen - mit einer möglicherweise veränderten Lebenseinstellung und -führung als Folge. So gesehen vermöchte Krankheit also als Medium von Erkenntnis und Veränderung zu fungieren.

Einer der wenigen, die Krankheit entschieden aus dieser Perspektive in den Blick genommen haben, ist Friedrich Nietzsche. Er, der ewig Kranke und Leidende, hat wiederholt seiner Überzeugung Ausdruck verliehen, im Grunde genommen sei er den schwersten, von Krankheit, Leid und Qual gezeichneten Jahren seines Lebens tiefer verpflichtet als irgendwelchen anderen. (1) Kein Wunder also, daß er für einen Begriff von Gesundheit plädiert, der die Krankheit nicht als ihren Gegensatz, sondern als ihren integralen Bestandteil begreift. Eine solche Gesundheit, "welche der Krankheit selbst nicht entrathen mag", ist für Nietzsche eine große Gesundheit (2), eine durch das Medium der Krankheit hindurchgegangene und eben darum gesteigerte Form der Gesundheit. Sehen wir uns einmal genauer an, was Nietzsche des näheren damit meint!

In seiner zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung, die Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben abwägt, forscht Nietzsche dem Verhältnis von Leben und Erkennen nach. Soll das Leben, so fragt er, über das Erkennen herrschen oder das Erkennen über das Leben? Welche von den beiden Mächten ist die höhere und entscheidende? Ganz entschieden ergreift Nietzsche Partei für das Leben. Es, so legt er dar - und damit formuliert er eine Einsicht, die fortan für ihn leitend sein wird -, ist die höhere und herrschende Macht. Die Begründung hierfür liegt auf der Hand: Das Erkennen - und damit Wissenschaft überhaupt - bedarf als seiner Basis des Lebens; Erkennen und Wissenschaft setzen mithin das Leben voraus. Folglich würde ein Erkennen, welches das Leben vernichtete, sich selbst mit vernichten. Daher hat das Erkennen an der Erhaltung des Lebens das selbe Interesse, welches jedes Lebewesen an seiner Fortexistenz hat. So gesehen ist es nur folgerichtig, wenn Nietzsche für Erkennen und Wissenschaft eine höhere "Aufsicht und Ueberwachung" fordert. Diese aber kann streng genommen nur in einer "Gesundheitslehre des Lebens" bestehen. (3) Was aber genau hat man sich darunter vorzustellen? Wie sieht diese Gesundheitslehre aus? Was konkret lehrt sie? Nun, gibt Nietzsche darauf in den Schriften, die nach den Unzeitgemäßen Betrachtungen entstehen, zur Antwort, den Kernpunkt einer solchen Gesundheitslehre bilde die Einsicht, daß das Leben der Krankheit bedürfe - und zwar "als eines Mittels und Angelhakens der Erkenntniss". (4)

Nietzsche hat diese Einsicht nach verschiedenen Seiten hin entfaltet. Als grundlegenden Tatbestand, so meint er, gelte es festzuhalten, daß schwere Krankheiten, langes Siechtum und das Erleiden starker Schmerzen das Vertrauen zum Leben verspielen, so daß in solchen Zuständen das Leben selbst zum Problem wird. (5) Schmerz, Krankheit und Siechtum reißen einen aus den gewohnten Lebensbezügen heraus, zwingen einem eine andere als die bislang gewohnte Lebensführung auf, stellen einen auf einen Standpunkt, der es ermöglicht, die eigene Existenz, ja das Leben rein als solches, mit anderen Augen als bisher zu betrachten. Während im Zustand der Gesundheit das Leben - wenn auch gleichsam nur instinktiv und ohne daß man groß darüber nachdächte - bejaht wird und sich in ihr ein Vertrauen zum Leben dokumentiert, schwindet bei Krankheit, Qual und Siechtum eben dieses Vertrauen dahin, so daß einem das Leben selbst zum Problem wird. Mancher sieht in einer solchen Situation nur einen Ausweg: den frei gewählten Tod, durch den er sich unwiderruflich und auf immer aus diesem ihm problematisch gewordenen Leben verabschiedet. Nietzsche bringt demjenigen, der sich auf diese Weise von seinem Leid zu befreien weiß, sehr viel Sympathie entgegen. Ein mit Bewußtsein und aus freien Stücken gewählter Tod ist für ihn ein "Tod zur rechten Zeit": Wem es nicht mehr möglich ist, "auf eine stolze Art zu leben", dem legt er nahe, " auf eine stolze Art [zu] sterben", (6) "Meinen Tod lobe ich euch", läßt er daher seinen Zarathustra sagen, "den freien Tod, der mir kommt, weil ich will". (7)

Obwohl Nietzsche dieses Plädoyer für den rechten Tod gelegentlich gar zu einer Apotheose des freiwilligen Tods steigert, ist das doch nur die eine Seite der durch Krankheit und Siechtum heraufbeschworenen Sachlage. Nietzsche vermag ihr noch eine andere und für den vorliegenden Zusammenhang bedeutsamere abzugewinnen. Die Erkenntnis nämlich, daß in schweren Krankheitszuständen das Leben selbst zum Problem wird, kann zu einer `ungeheuren Spannung des Intellekts' führen, denn in solchen Augenblicken wird ihm schlagartig bewußt, daß ihm die Basis seiner Existenz - nämlich das Leben - zu entgleiten droht. Und das wiederum, meint Nietzsche, könne für den Betreffenden zum Motiv werden, "um allen Anlockungen zum Selbstmorde Trotz zu bieten", so daß dem Leidenden das Fortleben als höchst begehrenswert erscheint. Durch die ungeheure Spannung des Intellekts erhält er also eine Art "Gegengewicht", das es ihm ermöglicht, dem physischen Schmerz stand zu halten. Gewiß, der Schmerz ist ein Tyrann, der uns einflüstert, Zeugnis gegen das Leben abzulegen; aber die eben dadurch erzeugte Spannung des Intellekts schafft einen Gegenpol, mit dessen Hilfe wir das Leben gegen den Tyrannen Schmerz vertreten. (8) So läßt die Krankheit das Leben zwar problematisch werden, der Intellekt jedoch gestattet es im Interesse der Sicherung seiner Existenzgrundlage nicht, daß sich das Leben gegen sich selbst entscheidet. Auf diese Weise kann nach Nietzsches Überzeugung gerade aus der Erkenntnis, daß aufgrund der Krankheit das Vertrauen zum Leben schwindet, eine Kraft erwachsen, die einen in die Lage versetzt, wieder Partei für das Leben zu ergreifen und es trotz der Krankheit grundsätzlich zu bejahen.

Natürlich hat nicht jede Krankheit solche existentiell bedrohliche Krisen zur Folge, daß der Gedanke an den Freitod aufkommt. Zwar führt wohl vor allem eine solche Krise, in der das Leben selbst zur Disposition steht, zu vertiefter Erkenntnis über das eigene Leben und darüber, was es einem bedeutet; aufs Ganze gesehen aber dürfte ein nicht gering zu veranschlagender Erkenntnisgewinn auch aus Krankheits- und Leidenszuständen zu ziehen sein, die existentiell weit weniger bedrohlich sind. Nietzsche hat hierbei insbesondere folgende Fälle im Blick. Dadurch, daß die Krankheit einen aus den gewohnten Lebensbezügen herausreißt, ist sie seiner Ansicht nach in der Lage, die Gefahr zu bannen, daß der Geist sich in die eigenen und ihm liebgewonnenen Wege verlöre, ja gar verliebte und, wie Nietzsche schreibt, "in irgend einem Winkel berauscht sitzen bliebe". (9) Ein solches Sich~Verlieren und -Verlieben in die eigenen Denkgewohnheiten läuft nicht selten auf ein Sich-Einrichten in irgend einer "gefährlichen Phantasterei" hinaus. Für das beste - und vielleicht gar das einzige - Mittel, mit dessen Hilfe jemand aus einer solchen Phantasterei, in die er sich eingesponnen hat, herausgeholt werden kann, erachtet Nietzsche die " höchste Ernüchterung durch Schmerzen". Denn die führt ihm vor Augen, daß er auf dem bislang beschrittenen Weg in die Irre gegangen und einem selbst geschaffenen Wahn verfallen ist. Nietzsche hält es für durchaus möglich, daß exakt das dem Stifter des Christentums am Kreuz passierte: "denn die bittersten aller Worte ‚mein Gott, warum hast du mich verlassen!‘ enthalten, in aller Tiefe verstanden, wie sie verstanden werden dürfen, das Zeugniss einer allgemeinen Enttäuschung und Aufklärung über den Wahn seines Lebens; er wurde in dem Augenblicke der höchsten Qual hellsichtig über sich selber, so wie der Dichter es von dem armen sterbenden Don Quixote erzählt". (10)

Man mag Nietzsche vorwerfen, das sei eine extravagante Auslegung der letzten Worte des sterbenden Christus. Im Licht seiner Ansicht über die erkenntnisstiftende Funktion von Schmerz und Qual entbehrt sie jedoch nicht einer gewissen Plausibilität. Aber einmal abgesehen von diesem konkreten Beispiel - im ganzen versucht Nietzsche uns klar zu machen, daß Krankheit, Schmerz und Leid gute Korrektive dagegen bieten, sich in seinem Wahn und seinen Phantasmen einzurichten und weiterhin seinen Vorurteilen anzuhängen. (11) Aus Wahngebilden ebenso wie aus Vorurteilen reißen uns Schmerzen und Qualen heraus. Sie rücken die Dinge in eine neue, von der bisherigen durchaus verschiedene Beleuchtung. In ihrem Licht erscheint manches anders als zuvor. Vieles gewinnt jetzt an Gewicht, was vorher ohne Bedeutung zu sein schien - und andererseits büßt manches von dem, ohne welches man vermeintlich nicht leben zu können glaubte, an Wert ein. Als Leidender, hat Nietzsche einmal geschrieben, sieht man die Dinge in einer "furchtbaren nüchternen Helle" und durch die Dinge hindurch. (12) So manches Vorurteil, das man liebgewonnen hatte, so manche Weltauslegung, der man ungeprüft nachhing, kann sich im Licht solch nüchterner Helle als haltlos erweisen. Damit aber - und darauf will Nietzsche letzten Endes hinaus - wird man frei führen neue Sichtweisen, für neue Deutungen, für neue Lebensentwürfe. Auf diese Weise befreit die Krankheit. Aber man muß durch sie hindurchgegangen sein, damit der Geist wirklich frei wird für eine veränderte Sicht auf die Welt und die eigene Existenz in ihr. In der Krankheit, so hat Nietzsche das einmal mit einer Hegelschen Denkfigur ausgedrückt, war der Geist außer sich. (13) Im Zuge der Genesung kehrt er wieder zu sich selbst zurück - aber nicht als derselbe, der er vor der Krankheit war, sondern als ein durch die Krankheit veränderter, erst jetzt wahrhaft freier Geist - als ein Geist, der erst jetzt ganz bei sich selbst ist, wie Hegel gesagt hätte.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet kommt bei Nietzsche der "grosse Schmerz" als "der letzte Befreier des Geistes" in den Blick. (14) Da der Schmerz es ist, der uns zwingt, "in unsre letzte Tiefe zu steigen", können wir Krankheit, Schmerz und Leid eigentlich gar nicht entbehren. (15) Ja, Nietzsche geht sogar noch einen Schritt weiter. Mehrfach nämlich betont er, recht besehen sei die Krankheit sogar ein Stimulans des Lebens. So abwegig, wie diese Behauptung dem ersten Eindruck nach klingen könnte, ist sie indessen nicht. Denn über die erkenntnisstiftende und befreiende Funktion hinaus verhilft die Krankheit dazu, das Leben gleichsam neu zu entdecken. Und diese Neuentdeckung des Lebens stimuliert zum Weiter- und Mehrleben (16), zu einem Weiter- und Mehrleben, das von einem Gefühl sich wiederherstellender Gesundheit begleitet sein dürfte.

Allein diese im Anschluß an die Überwindung der Krankheit sich restituierende Gesundheit eines Weiter- und Mehrlebens verdient für Nietzsche das Prädikat große Gesundheit. Die große Gesundheit ist eine durch die Erfahrung von Krankheit, Schmerz und Qual geläuterte, eine, im Blick auf die frühere, gesteigerte Form von Gesundheit, in gewisser Weise ein "Ueberschuss" an Gesundheit. Aber gerade dieser Überschuß an Gesundheit gibt dem freien Geist "das gefährliche Vorrecht [...] auf den Versuch hin leben und sich dem Abenteuer anbieten zu dürfen". (17) Der wahrhaft freie Geist besitzt mehr Gesundheit a1s er eigentlich zum Leben nötig hätte. Dieses Mehr an Gesundheit setzt er ein, um Neues zu erproben, um experimentell zu leben - auch um den Preis, und das ist das Gefährliche daran, daß er dieses Wagnis unter Umständen mit Leid und Schmerz wird bezahlen müssen. Das jedoch bringt ihn nicht von seinem Vorhaben ab, denn nicht zum ersten Mal hat er die Erfahrung gemacht, daß ihm auch dieser Schmerz wieder zu einem Stimulans des Lebens werden kann.

Mit all dem ist zugleich gesagt, daß die große Gesundheit kein Zustand ist, der, einmal erreicht, sich nun auf Dauer sichern ließe. Eine solche Sicht der Dinge wäre gefährlicher Leichtsinn und ein Verkennen des wirklichen Sachverhalts. Denn wie jede Gesundheit steht auch die große Gesundheit ständig in der Gefahr, daß sie wieder preisgegeben und daher immer wieder neu erworben werden muß. Nur so wird sie noch stärker, gewitzter, zäher, verwegener - und auch lustiger, wie Nietzsche hinzusetzt. (18) Der Genesene nämlich nimmt das Leben wieder leicht, er freut sich seiner und blickt heiter und gelassen in die Welt. Er macht Einwände und Seitensprünge, er ist voller Spottlust und besitzt ein ‚fröhliches Mißtrauen‘, weiß er doch alles Genesener: "alles Unbedingte gehört in die Pathologie". (19)

in Anbetracht der Biographie Nietzsches ist es offensichtlich, daß er bei seinem Plädoyer für eine Gesundheit, die Krankheit und Siechtum als integrale Momente einbegreift, ureigenste Erfahrungen verarbeitet hat. In der Vorrede zur Fröhlichen Wissenschaft bekennt er: "Man erräth, dass ich nicht mit Undankbarkeit von jener Zeit schweren Siechthums Abschied nehmen möchte, deren Gewinn auch heute noch nicht für mich ausgeschöpft ist". (20) Und in Nietzsche contra Wagner heißt es: "Und was mein langes Siechthum angeht, verdanke ich ihm nicht unsäglich viel mehr als meiner Gesundheit? Ich verdanke ihm eine höhere Gesundheit, eine solche, welche stärker wird von Allem, was sie nicht umbringt". Und dann setzt Nietzsche noch hinzu: "Ich verdanke ihr auch meine Philosophie...". (21) Nietzsches Philosophie wäre demnach das Resultat einer im Durchgang durch lange Krankheitsphasen und nicht enden wollendes Siechtum errungene höhere Gesundheit? Ja, gibt Nietzsche unumwunden zu, so verhält es sich in der Tat. Sein Leben, so führt er aus, sei im Grunde ein "Gang durch viele Gesundheiten" gewesen. Und entsprechend diesen vielen durchschrittenen Gesundheiten sei er durch ebenso viele Philosophien hindurchgegangen. Das würde das Proteushafte seines Denkens erklären, das ihm von jeher zugeschrieben wird. Aber Nietzsche beläßt es nicht bei diesem Hinweis auf die Verbindung seines Denkens mit seinen wechselnden Befindlichkeiten, sondern er zielt auf etwas Grundsätzliches, wenn er die Überzeugung formuliert, im Grunde könne der Philosoph gar nicht anders, " als seinen Zustand jedes Mal in die geistigste Form und Ferne umzusetzen" - und diese "Kunst der Transfiguration" sei eben Philosophie. (22)

Mit dieser Sicht der Dinge bekräftigt Nietzsche aus einer anderen Perspektive seine These von der erkenntnisstiftenden Funktion der Krankheit. Krankheit, Schmerz und Siechtum setzen den einzelnen nicht nur in die Lage, sein Leben nach der Genesung auf eine reflektiertere Art und Weise in die Hand zu nehmen; zudem bilden sie, wenn sie in die geistigste Form umgesetzt werden, das Fundament des Philosophierens. Aber der Philosoph transfiguriert sie nicht nur in die geistigste Form, sondern auch in die geistigste Ferne. So bedeutet Transformierung zugleich Distanzierung - denn nach der Transfiguration sind Krankheitszustände und Schmerzerfahrungen nur noch als überwundene präsent. Aber - und das ist gerade die Pointe, auf die Nietzsche hier aufmerksam machen will -: Gäbe es keinen Schmerz, kein Leid, keine Krankheit, dann gäbe es für den Philosophen auch nichts zu transfigurieren, dann gäbe es letzten Endes - keine Philosophie.

Damit gibt Nietzsche unmissverständlich zu verstehen, daß der Philosoph Nietzsche die Krankheit im Grunde gar nicht entbehren konnte, war doch sie der Ansporn, das in den langen Jahren der Krankheit und des Siechtums immer wieder problematisch werdende Leben zu bejahen und Schmerz und Qual als Bestandteil von Gesundheit begreifen zu lernen. So steht Nietzsche selbst exemplarisch für die von ihm verfochtene These, daß der einzelne nur dann über ein hohes Maß an Gesundheit verfügt, wenn er sich gestattet, auch krank zu sein. Für ihn selbst war das offenbar ein wesentlicher Aspekt seiner Kunst, das Leben zu führen, einer Kunst, die das Leben selbst ihn zwang zu entwickeln. Aber hierbei stößt er zu der generellen Einsicht durch, daß Krankheit, Schmerz und Leid in, wie wir gesehen haben, mehrfacher Hinsicht lehrreich und heilsam sein können. Hier könnte eine Philosophie anschließen, die sich als Theorie der Lebenskunst verstünde. Einen solchen Versuch, Philosophie wieder als Theorie der Lebenskunst zu etablieren, hat jüngst Wilhelm Schmid unternommen. Als einen der Kunstgriffe, die eine reflektierte Lebenskunst anwenden muß, sofern sie Erfolg haben will, benennt er unter ausdrücklicher Bezugnahme auf Nietzsche den, Krankheit und Schmerz nicht nur zu akzeptieren, sondern sie so in das Ganze des Lebens einzugliedern, daß der einzelne sie als Element seiner Gesundheit versteht. (23) Soll das Leben gelingen, dann käme es demnach entscheidend auch darauf an, sich eine, mit Nietzsche gesprochen, höhere, eine große Gesundheit zu erringen, eine Gesundheit, die sich in der Auseinandersetzung mit diversen Formen von Krankheit, Leid und Schmerz immer wieder von neuem zu bewähren hätte.

 

Anmerkungen:

(1) Siehe z.B. Die fröhliche Wissenschaft (= FW), Vorrede 3; Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe (= KSA}, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München, Berlin, New York 1980, Bd 3, S. 349; ferner Nietzsche contra Wagner (= NcW}, Epilog l, KSA, Bd. 6, S. 436.

(2) Menschliches, Allzumenschliches I (= MA I), Vorrede 4; KSA, Bd. 2, S. 17.

(3) Unzeitgemäße Betrachtungen II; KSA, Hd. l, S. 331.

(4 ) MA I, a. a. O., S. 17.

(5) FW, Vorrede 3; KSA, Bd. 3, S. 350.

(6) Götzen-Dämmerung, Streifzüge eines Unzeitgemäßen 36; KSA. Bd. 6, S. 134.

(7) Also sprach Zarathustra I; KSA, Bd. 4, S. 94. Siehe hierzu vom Vf. Die Signatur der Freiheit. Ethik des Selbstmords in der abendländischen Philosophie, Lüneburg 1999, S. 141ff.

(8) Morgenröthe II (= M II), 114; KSA, Bd. 3, S. 105f.

(9) MA I, Vorrede 4; KSA, Bd. 2, S. 18.

(10) M II, 114; KSA, Bd. 3, S. 105.

(11) Siehe Jenseits von Gut und Böse (= JGB}, 44; KSA, Bd.5, S. 62.

(12) M II, I14; KSA, Bd. 3, S. 107.

(13) MA I, Vorrede 5; KSA, Bd. 2, S. 19.

(14) FW, Vorrede 3; KSA, Bd. 3, S. 350.

(15) Ebda. vgl. FW III, 120; KSA, Bd. 3, S. 477.

(16) Ecce Homo, Warum ich so weise bin 2; KSA, Bd.. 6, S. 266.

(17) MA I, Vorrede 4; KSA, Bd. 2, S. 18.

(18) FW V, 382; KSA, Bd 3, S. 636.

(19) JGB 154; KSA, Bd 5, S. 100.

(20) FW, Vorrede 3; KSA, Bd 3, S. 349.

(21) NcW, Epilog l; KSA, Bd.. 6, S. 436.

(22) FW, a. a. O., S. 349.

(23) Wilhelm Schmid, Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung. Frankfurt/Main 1998, S. 348.

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