Bereits zum dritten Mal ist Rüdiger Safranski Gast der Neuen Literarischen Gesellschaft. Bei seinem ersten Besuch, 1997, stellte er sein damals neu erschienenes Buch "Das Böse oder das Drama der Freiheit" vor, danach sprach er über Ernst Jünger, und nun las er aus "Nietzsche. Biografie seines Denkens". Das Café Vetter, in das die Neue Literarische Gesellschaft jeweils sonntags um 11:00 Uhr zu ihren Veranstaltungen einlädt, war voll besetzt - und erstaunlicherweise störte das manchmal zu hörende Klappern der Kaffeetassen oder das Hin und Her der Bedienung kaum, sondern schien irgendwie zum gleichzeitig konzentrierten und unangestrengten Vortrag Safranskis dazuzugehören.

Safranski gab zunächst eine kurze Einführung in das Werk Nietzsches. Er begann mit der Bemerkung, man müsse den "dramatischen Kern" dieser Philosophie finden, "damit man es erzählen kann". Dieser Gedanke ist wahrscheinlich zentral für die Aufgabe einer wirklichen Darstellung des Lebens und Schreibens eines anderen Autors (vielleicht nicht mehr der Gegenwart, aber sicherlich der Vergangenheit). Jeder eigenständige Gedanke und jeder ebensolche Lebensakt gründeten, heißt das, in einem Quellpunkt, von dem her sie verstanden werden müssen und können. Wenn nun aber für Nietzsche Leben und Denken untrennbar ineinander übergingen, die "heiße Zone seines Lebens eben das Denken war", dann wäre die eigentliche Biografie dieses Menschen ein Versuch, die Spannungslinie seines Erkennens aus ihren Zentren nachzuzeichnen. Dazu gehören sicherlich Geduld, umfassende Kenntnisse über die Zeitumstände, aber auch, und vielleicht vor allem, ein Gespür für die Nervenbahnen dieses Denkens. Eigentlich muss es spannend sein, und gerade nicht indezent, sich in solcher Weise dem Geflecht von Leben und Werk eines großen Autors zu nähern. Was Lévy-Bruhl "Teilhabe" (participation) nannte, wäre solchermaßen eine Vorbedingung wirklichen Verstehens und seiner Darstellung.
Nietzsche war, erinnert Safranski, sein Leben lang von körperlichen Schmerzen geplagt. Es gab für ihn ein "inneres Wahrheitskriterium": "ein Gedanke taugt etwas, wenn er in seiner sprachlichen Gestaltung ein vitales Etwas ist, das stark genug ist, den körperlichen Attacken Paroli zu bieten". Nietzsche sei ein "Meister der endogenen Berauschung" gewesen, man könne von einem "existenziellen Pragmatismus ( damit die Fachphilosophen mich auch verstehen)" sprechen. - Was Adorno das "Glück des Denkens" nannte, ist in seinem Inneren dem hier Gemeinten sicherlich ähnlich.
Für Nietzsche, so Safranski, war das Denken immer zugleich auch ein Denken über das Denken. Es gebe einen Zusammenhang von Selbstreferenz und Selbstinszenierung. Letztlich sei Nietzsche an seinen eigenen Inszenierungen verbrannt. - Hier mag also ein Kern des Pathos sein, ohne das die Nietzscheschen Erkenntnisse nicht wären, was sie sind. Wer sich nämlich in dieser Form selbst beobachtet, der verändert sich: weil die eigenen seelischen Regungen etwas Symptomatisches bekommen, wird das eigene Ich nur zu leicht zu einer Verbindung von Individuellem und Archetypischem. Diese Synthese aber hieß in Mythos und Religion "Gott". Nietzsche zeigt uns, wie der Prozess der Selbstbeobachtung in Selbstvergottung umschlägt (das ist keine Kritik, sondern eher die Einsicht in eine Notwendigkeit).
Safranski streift nun einige Grundgedanken Nietzsches, etwa den, dass wir keine Wahrheit haben, sondern nur Perspektiven. Damit sei aber auch die Philosophie Nietzsches selbst nicht festlegbar, "nicht einmal auf seine Lehren von der ewigen Wiederkehr und des Willens zur Macht". In seinem Buch zeigt Safranski sehr deutlich, dass diese Philosophie dann ganz zu sich selber findet, wenn sie sich fortwährend selbst transzendiert.
Am Schluss seiner Einführung spricht Safranski noch von Nietzsches "Leidenschaft für die Musik" (und leitet damit schon zu seiner Lesung und dem Beginn seines Buches über). Die Musik sei für Nietzsche der "Augenblick der wahren Empfindung", tiefer als Worte, dem Sein am nächsten. Um diese Dynamis und Intensität des Seins zu bewahren, müsse man "mit dem Denken musizieren": "der Strom, auf dem die Gedanken [Nietzsches] schwimmen" sei "einprägsamer als manche Gedanken selbst".
Die Lesung gliedert sich in drei Abschnitte. Zunächst erfahren die Zuhörer etwas über die Freundschaft mit Wagner und das erste große Werk: "Die Geburt der Tragödie"; Safranski trägt Stellen vor, die sich mit dem Verhältnis des Apollinischen und Dionysischen beschäftigen. Der Mittelteil ist der Philosophie des Individuums gewidmet. Es trete bei Nietzsche strukturell an die Stelle Gottes, denn nun sei es das Ungeheure und im tiefsten Unsagbare. Nur mit einer poetisierten, einer Sprache des Singulären, könne der Versuch gemacht werden, gerade das Unsagbare erscheinen zu lassen. Der Schluss der Lesung schildert den Zusammenbruch Nietzsches in Turin und gibt einen Ausblick auf die "Coda" des Buches, ein kurzes Fazit, nicht seiner Philosophie, sondern des Erlebnisses der Begegnung mit ihr.
Der Vorlese-Ton Safranskis ist ein ganz anderer, als derjenige seines einleitenden Vortrags. Die Stimme ist getragener, jedenfalls erhoben, gewissermaßen mächtiger und deklamierend. Es ist merkwürdig, wie hier eine unleugbare Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit sich mit einer gewissen Rhetorik oder Stilisierung verbinden. Zwischen diesen Elementen besteht eine Spannung, aber ganz offensichtlich kein Widerspruch. Ich glaube nicht, dass man hier eine Gefahr, ins Phrasenhafte abzugleiten, wittern muss: der Erfolg wird diesem Mann sicherlich nichts anhaben, er kann seine Standfestigkeit nicht mehr untergraben. Safranski geht ebenso souverän und ruhig mit seinem Stoff, wie mit der Vorlese-Situation um. Eine Diskussion nach der Lesung kommt nicht zu Stande, Safranski nimmt einem jungen Mann, der ihm vorwirft, einen verharmlosten Matinee-Nietzsche präsentiert zu haben, den Wind aus den Segeln.
Ob sich Souveränität und Autorität hier auch mit einem Unwillen, Kritik (nicht die unsinnige, von der eben die Rede war) zu akzeptieren, verbinden, kann ich nicht sagen. Aber eigentlich spielt das auch keine Rolle. Der Autor Safranski übt, wenn man so sagen darf, ein wichtiges Amt aus: er ist einer der wenigen echten Mittler zwischen einem breiteren Publikum von Interessierten und großer Philosophie. Seine Darstellungen sind präzise und nachvollziehbar. Ganz offensichtlich steht er in einem Verhältnis der Teilhabe nicht nur zu den bedeutenden Werken der Tradition, sondern auch zu seinen Lesern. Beiden Seiten ein wirkliches Verständnis entgegenzubringen, ist nicht leicht (eine Hermeneutik dieses Verständnisses gäbe uns einen wichtigen Einblick in den spezifischen Prozess des Nachschaffens). Vielleicht unterzieht sich Safranski dieser Mühe, um in ganzem Ernst der selbstgestellten Aufgabe einer "Biografie der Philosophie" nachzugehen, einer verstehenden Darstellung der sich aneinander abarbeitenden Gedanken für Menschen, die ihnen zuhören möchten. Auf diese Weise arbeitete er daran mit, wieder einen Raum der kulturell-philosophischen Auseinandersetzung zu schaffen - den es innerhalb der Universitäten längst nicht mehr gibt - , der eine Vorbedingung neuen eigenständigen Philosophierens ist.