Mein Buch des Monats Januar 2001:
Lion Feuchtwanger: Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis. Roman. Aufbau Verlag Berlin und Weimar
von Uwe Kühneweg
Das Buch, das ich vorstellen möchte, ist keineswegs neu, sondern schon ein halbes Jahrhundert alt. Bei einem Werk, das in zwei gebundenen und einer Taschenbuchausgabe vorliegt, mag es fehl am Platze erscheinen, von einer Wiederentdeckung zu sprechen. Aber Lion Feuchtwangers Bücher sind nach dem 2. Weltkrieg im Westen Deutschlands nur zögerlich rezipiert worden. Dem Autor hing zu stark der Ruch des Kommunismus an, als daß er im Adenauer-Deutschland noch viel gelesen worden wäre. Feuchtwanger wurde - im amerikanischen Exil - mit dem Staatspreis der DDR ausgezeichnet, und er schaffte nicht, wie Bertolt Brecht, den Sprung in den Schulkanon. Obwohl er kurz vor seinem Tode noch für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde, gerieten seine umfangreichen Romane in Vergessenheit, wenigstens im Westen. So ist es kein Zufall, daß es gerade der Aufbau-Verlag ist, der sich des Gesamtwerks Feuchtwangers angenommen hat.
Der Goya-Roman ist ein Spätwerk Feuchtwangers, geschrieben unter kalifornischer Sonne, aber in den finsteren Zeiten der beginnenden McCarthy-Ära. Schon Anfang 1943 erwähnt Feuchtwanger in einem Brief an Arnold Zweig den geplanten Goya-Roman, den er bald in Angriff zu nehmen hofft und für den er eineinhalb Jahre veranschlagt. Am Ende zog sich die Arbeit an diesem Werk über sieben Jahre hin - länger als bei irgendeinem seiner übrigen Romane. Das Ergebnis ist - nur ein erster Teil, dem ein zweiter Goya-Roman folgen sollte, der aber nie mehr erschienen ist.
Das vorliegende Buch umfaßt in etwa die neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts und den Anfang des 19. Jahrhunderts: Goya in der Mitte seiner Jahre, der Hofmaler auf dem Weg zum begehrten Titel des Ersten Malers", der Goya der berühmten Affäre mit der Herzogin von Alba. Der Roman schließt - nach dem Tode der Herzogin - mit den Arbeiten an den Caprichos und ihrer letztendlichen Veröffentlichung. Entgegen manchen Befürchtungen fällt der Maler um dieser Radierungen willen weder in die Klauen der Inquisition noch beim Hofe in Ungnade. In einer neuen Phase der Einsamkeit läßt Feuchtwanger seinen Goya in visionären Andeutungen die Motive des menschenfressenden Riesen und anderer späterer Werke schauen. Nach tiefster Krise erlebt der Maler einen schüchternen neuen Anfang. Von den kommenden Schrecken des Krieges zwischen Frankreich und Spanien verlautet noch keine Silbe. Die Schlußworte des Romans lauten - nach Art einer antiken subscriptio: Hier endet der erste der beiden Romane über den Maler Francisco Goya." Mehr ist nicht erschienen. Feuchtwangers Leben währte nach Erscheinen des Goya" noch einmal sieben Jahre, in denen er sich anderen Projekten widmete, darunter aber mit der Jüdin von Toledo" (1955, zuerst unter dem Titel Spanische Ballade") einem weiteren spanischen sujet.

Lion Feuchtwanger, 1884 in München als Sohn eines jüdischen Fabrikanten geboren, hatte selbst schon einen langen argen Weg" hinter sich, als er sich der Gestalt des spanischen Malers zuwandte. Begründer einer (kurzlebigen) eigenen Kulturzeitschrift, danach Kritiker für Jacobsohns "Schaubühne", auch Autor vieler Dramen, 1918/19 unter den Revolutionären, in den zwanziger Jahren Mitarbeiter Bertolt Brechts und dessen Gefährte auf dem Weg zum Epischen Theater, findet Feuchtwanger erst mit fast vierzig Jahren zu seiner literarischen Gattung, oder - wie die Literaturwissenschaft urteilen wird: Er begründet sich seine Gattung, den historischen Roman "Typ Feuchtwanger". 1923 erscheint zunächst - wenig beachtet - "Die häßliche Herzogin Margarete Maultasch", zwei Jahre später dann der (auch international) große Erfolg: Jud Süß", ein Roman, dessen Qualitäten der Nachwelt leider verdunkelt sind durch die ganz entstellende Verfilmung im Dienste der Propaganda des Nationalsozialismus (Veit Harlan 1940).
Feuchtwanger befand sich bei Hitlers Machtergreifung auf einer Reise in den Vereinigten Staaten und erfuhr dort von seiner Ausbürgerung. Seine Bücher brannten auf den deutschen Scheiterhaufen. Er ließ sich in Südfrankreich nieder, wurde dort 1940 von der Vichy-Regierung interniert und konnte durch Vermittlung Eleanor Roosevelts in die Vereinigten Staaten ausreisen, wo er bis zu seinem Tode 1958 lebte, die meiste Zeit in Los Angeles. Die amerikanische Staatsbürgerschaft wurde ihm freilich lebenslang verwehrt, weil er als Kommunist galt.
Feuchtwanger hatte sich in den 30er Jahren als Mitherausgeber der Exilzeitschrift Das Wort" betätigt, wurde bei einer Moskaureise 1936/37 von Stalin selbst empfangen und war - wenigstens in jener Zeit -, obwohl er auch Schauprozesse im Rahmen der großen Säuberung" erlebte, ein überzeugter Verfechter des Sowjetkommunismus in seiner stalinistischen Ausprägung. was ihm auch manchen Dissens mit anderen Exilschriftstellern eintrug.
Seinem literarischen Erfolg in Amerika tat der Ruf des (wenigstens gewesenen) Kommunisten freilich keinen Abbruch. Auch der Goya"-Roman war in seiner amerikanischen Fassung ein viel gelesenes Buch.
Ein historischer Roman also, und ein umfangreicher dazu mit nahezu 580 Seiten. Er verlangt Aufmerksamkeit, kostet Konzentration - aber er belohnt auch reichlich. Wohl dem, der zu imaginieren weiß: Vertraut er sich Feuchtwanger an, ersteht ihm eine bunte und bilderreiche Welt. Er taucht auf inneren Wegen ein in das beschriebene Zeitalter, und Goyas Bilder, wenn deren Entstehung geschildert wird, werden sichtbar und lesbar.
Manche Stileigentümlichkeiten sind gewöhnungsbedürftig, so die Adjektivhäufungen, der häufige Gebrauch von Satztorsi ohne Subjekt auch in ruhiger Schilderung, des Autors Liebe zu seltenen und alten Wörtern (wie schon im Untertitel des Romans). Schließlich bieten die Neuschöpfungen des Wortbildners Feuchtwanger dem lesenden Auge gewollte Anstöße, stauen des Fluß des Lesens für eine kleine Zeit auf: Kömmlinge", Gebäu", Erreichnis" und viele andere.
Das Buch gliedert sich in drei Teile mit vielen Unterkapiteln. Jeden Hauptteil leitet eine historische Hinführung ein, die in ihrer altklugen Schulbuchweisheit auch getrost entfallen könnte. Jedes Unterkapitel schließt mit mehr oder weniger ungelenken vierfüßigen Trochäen, wie sie aus dem spanischen Drama und Epos bekannt sind. Das ist gewollt und grenzt an Manierismus.
Aber diese stilistischen Eigenheiten können das Urteil über das Buch insgesamt nicht beeinträchtigen: Goya" ist nicht nur ein sehr genau recherchierter historischer Roman, sondern ein überzeugender Versuch, die Malerei und die Person Goyas von innen heraus zu verstehen, aus seiner Lebensgeschichte, aus der spannungsvollen Lage zwischen französischer Revolution und spanischer Rückschrittlichkeit (mit Händen greifbar beim berühmten Hofzeremoniell, das seit zweieinhalb Jahrhunderten nahezu unverändert weitertradiert wurde), zwischen Aufklärung und Liberalismus auf der einen, Aberglauben und Inquisition auf der anderen Seite.
Der Maler Francisco Goya ist zerrissen in diesen Spannungen, und aus dieser Zerrissenheit zieht er Verzweiflung und Lebensenergie gleichermaßen, aus dieser Zerrissenheit gewinnt seine Malerei ihre Kraft und immer neue kühne Gestalten: Erst die Entdeckung des flirrenden Grau verhilft ihm zur Neuentdeckung der Farbe und des Lichtes. Stierkämpfe und das Ringen um die Geliebte regen die Phantasie des Malers ebenso an wie die Schrecken der Inquisition.
Feuchtwangers Goya ist dem Volk und seiner Tradition verhaftet, er lebt - wie auch die meisten anderen Figuren des Romans - in der magischen Welt von Glauben und Aberglauben, in der das Mittagsgespenst El Yantar" ebenso selbstverständlich begegnet wie hilfreiche Heilige oder die Muttergottes in ihren vielen Gestalten. Unausgeglichen steht daneben der Drang nach Freiheit und nach tieferem Sinn als ihn die Kirche zu bieten hat, das Suchen nach dem Bild der Wahrheit hinter den vielen Bildern - und nicht zuletzt auch die von keiner kirchlichen Moral oder Inquisition zu zügelnde Sinnenlust - bei der Titelfigur des Buches wie bei fast allen anderen. Goya" spielt in den Zeiten vor der Verbürgerlichung der Moral: Die Inquisition hatte den Spaniern die Überzeugung beigebracht, wichtiger als ein sittlicher Lebenswandel sei der unerschütterliche Glaube an das Dogma."
Unter den Geliebten Goyas sticht natürlich die Alba hervor, die die Spannungen des Zeitalters wiederum in sich trägt: Himmlische Erscheinung und Hexe, abweisende Grandin und lebenslustige Maja, für Goya Rätsel und Schicksal zugleich. Feuchtwanger ist nicht zuletzt auch ein erotischer Schriftsteller von hohen Graden, ein Meister der Umschreibung, die enthüllt, was sie zu verdecken vorgibt.
Auch der historische Roman ist ein Roman. Auch Feuchtwanger nimmt sich dichterische Freiheiten, etwa wenn er Goya bäuerlicher Abkunft sein läßt (was er nicht war), - und natürlich bei der legendenumwobenen Liebschaft mit Cayetana, der Herzogin von Alba, zu der wissenschaftliche Goya-Biographien sehr viel weniger mit Sicherheit zu sagen wissen als der Roman.
Feuchtwangers Goya" ist ein historischer" Roman aber auch in anderer Hinsicht, er ist eben kein moderner Roman, sondern ein Epos in Prosa (immerhin noch mit Versschlüssen der Kapitel). In sehr traditioneller und für uns heute abständig gewordener Weise gibt Feuchtwanger den zumindest partiell allwissenden Autor, der nicht nur seiner Hauptfigur, sondern auch anderen ins Herz sieht. Andererseits entsteht die Spannung des Buches aus einem beständigen Gespräch zwischen inneren Erfahrungen, Absichten, Hoffnungen und äußerem Geschehen. Die Erzählung fließt scheinbar gleichmäßig dahin, in epischer Breite, mit zum Teil ausladenden Beschreibungen: Der Entstehung bestimmter Bilder Goyas, etwa der noch heute aufsehenerregenden Familie Karls IV." oder mancher Blätter aus den Caprichos", werden viele Seiten gewidmet. Die ruhige Erzählweise verzichtet auf alle psychologischen Effekte, Spannung entsteht nie nur aus der Situation. Die Schilderung der vielen Details ist nie Selbstzweck im Sinne eines Historienbildes, aber auch die Zeichnung der Charaktere ergibt sich nur aus ihren Handlungen und wechselseitigen Wahrnehmungen.
Feuchtwangers Roman ist ein Teppich, ein feines Gewebe aus Historie und Seelenerfahrung. Das gibt ihm etwas Schwebendes, Überzeitliches. In Goya" wird eine bestimmte Person in einer bestimmten Umbruchszeit transparent für das, was immer und überall geschieht. In der Darstellung der Inquisition spiegelt sich die Arbeit der Ausschüsse zur Untersuchung antiamerikanischer Umtriebe" ebenso wieder wie das (von Feuchtwanger wohl nicht gemeinte) Netz der Staatssicherheit. Wer um das Neue, Ungeheure, Niegesagte, Niegesehene ringt, wird immer am Rande des Wahnsinns leben - wie Goya.
An Francisco de Goya hat Feuchtwanger nicht zuletzt die Parallele in der Entwicklung gereizt: Der Maler und sein Romancier sind beide lange Wege gegangen bis zur Vollendung ihrer Kunst. In der Mathematik schneiden sich die Parallelen erst im Unendlichen. Was aber Feuchtwangers Roman angeht, so möchte ich ihn tatsächlich allen empfehlen, die - über die Betrachtung der Bilder und die Lektüre kunsthistorischer Literatur hinaus - einen tieferen Zugang suchen zu dem Maler Francisco de Goya.