Brot und Tulpen (Pane e tulipane) Italien/Schweiz 2000 105 Min. R.: Silvio Soldini D.: Bruno Ganz, Licia Maglietta, Giuseppe Battiston, Marina Massironi

Wie lange hält das Heilige vor? Wie weit reicht es hinüber in das Profane? Meist ist die Grenze scharf markiert: In der Kirche ist es die Kollekte am Ausgang, im Theater oder Konzert die Garderobe, im Museum der Shop: Schleusen zwischen dem Heiligen und der Welt, Nötigungen, wieder zu sich zu kommen, und das heißt: zum Geldbeutel zu greifen.

Insofern ist das Kino ein besonderer Ort, der Gelegenheit gibt, die großen Gefühle, die ein guter Film erzeugt, mit sich hinauszutragen in die Welt, wenigstens ein paar Schritte und Momente. Das Marburger Lichtspielhaus "Kammer" gar entläßt die Zuschauer wunderbarerweise durch einen Nebenausgang, so daß der Weg nicht einmal an den auf die nächste Vorstellung Wartenden vorbeiführt. Eine steile Treppe ermöglicht den direkten Weg hinaus. Nach einem guten Film (gleich welchen genres) verständigen sich da selbst beste Freunde und Liebende nur durch Zeichensprache, Blicke und kleine Gesten, um den Zauber der bewegten Bilder nicht zu rasch durch eigene Worte zu brechen.

So war es auch bei dem hier anzuzeigenden Film: Eine gute Hundertschaft Besucher und Besucherinnen stieg schweigend, beglückt jene Treppe hinunter. Und selbst als die Wege sich teilten, zogen kleine und größere Gruppen minutenlang schweigend des Weges, die Liebespaare vielleicht ein wenig fester umschlungen, die Einsamen in getrosterer Hoffnung, doch schweigend sie alle, Glück ausstrahlend, das noch aus den Augen der zufällig entgegenkommenden Passanten zurückleuchtete.

Alle Diskussionen über den Wert der Kunst, über die Fähigkeit, Erlösung mitzuteilen, müssen verstummen angesichts eines Films wie "Brot und Tulpen". Wenn uns die französischen Philosophen belehren, die Zeit der "großen Erzählungen" sei vorbei, so halten die italienischen Filmemacher (und nicht nur die italienischen) die kleinen Geschichten dagegen, die nicht das Heil in Ewigkeit versprechen, dafür aber das Glück des Augenblicks schenken – und vielleicht ist das wenigstens ebenso wertvoll und wichtig.

Dabei kann "Brot und Tulpen" keineswegs von Anfang an überzeugen. Über die läppische Banalität der Eingangsszenen und die umständliche Exposition der Handlung trösten nur die Musik und die Hoffnung auf Bruno Ganz hinweg. Wie die etwas tapsige Hausfrau Rosalba von ihrer Reisegesellschaft auf einer Autobahnraststätte vergessen wird, ohne daß es selbst ihrem Mann und Sohn auffiele – das sieht zunächst einfach nach einer mäßigen Filmklamotte aus. Aber dann zieht es Rosalba so schnell nicht nach Hause. Vielmehr verschlägt es sie, per Anhalter reisend, nach Venedig (nicht eben in das beste Viertel) – und nun steigt die Qualität des Films parabelgleich steil an, nicht zuletzt durch das Auftreten von Bruno Ganz: Der Kellner Fernando soll trotz des italienischen Namens aus Island stammen (was man seinem Darsteller auch eher abnimmt als italienische Vorfahren), und er hat die Landessprache anscheinend am Klassikerregal erlernt: Seit Jahren war in keinem neuen Film mehr eine so gepflegte, wohlgewählte, wunderbar umständliche Diktion zu hören wie hier – und sie wirkt durchaus nicht wie eine Karikatur. Der etwas rätselhafte, in sich gekehrte Fernando, der selbst im Lokal auf seinem Tisch einen dicken Folianten liegen hat, fand in Büchern, wenigstens zeitweise, Trost – wie auch im Alkohol. Dieser Trost scheint nun aufgebraucht: Den schon geknüpften Strick kann er in seiner Wohnung vor seiner Zufallsgästin Rosalba gerade noch verbergen, sie kommt als rettender Engel just im rechten Moment.

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Der Weg zum Glück ist lang und verwickelt. Rosalba und Fernando sind bei aller Verschiedenheit verwandte Seelen, aber sie (und die Zuschauer) müssen erst dahinterkommen. Das braucht Zeit, viele Seiten im Drehbuch, und es gibt Gelegenheit zu allerhand Verwicklungen und dazu, die Szene mit einigen eindrucksvollen Originalen zu bevölkern, unter denen ein anarchistischer Florist und ein Klempner, der zeitweise zum Privatdetektiv mutiert, besonders zu erwähnen sind.

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Die schönste Stelle der deutschen Fassung ist jene Szene, in der die Synchronisation ausgesetzt ist: Wie beim ersten gemeinsamen Ausgehen Fernando seiner Rosalba ein Dutzend Verse aus Ariosts "Orlando furioso" rezitiert, das ist bewegend, gerade und nur im Originalton.

Natürlich kann so ein Film nur ein gutes Ende haben, doch das weiß nur der Kopf, und es gibt Momente, in denen die Hand schon vorsorglich nach dem Taschentuch fühlt. Die Aufregungen, Mißverständnisse und Verschlingungen sind gut inszeniert und – vor allem von den beiden Protagonisten Bruno Ganz und Licia Maglietta – überzeugend gespielt.

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Am Ende bleibt das Taschentuch an seinem Ort. Der Film ist ab 6 Jahren freigegeben, aber eine unausgesprochene Verabredung scheint zu besagen, er sei nur von Menschen jenseits der Mitte der Dreißig zu besuchen. Die Besucher der Vorstellung, die ich sah, hielten sich daran.

Kino ist Traum und – wenn’s denn eine Komödie ist – schöner Schein, deswegen spricht es zu unserem Leben, das ja zehrt von Traum und Schein. Aber daß die Träume wirklich Glück gebären (und sei es für einen Augenblick!), das ist selten, im Leben wie im Film. Biblisch gesprochen: Wer prüfen will, wie verhärtet sei Herz schon sei, der gehe in "Brot und Tulpen"!

Uwe Kühneweg

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