"Jedes individuelle Leben ist einer Brüchigkeit ausgesetzt, nicht nur das des Philosophen."                   

Gespräch mit dem ungarischen Philosophen László F. Földényi

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Von Földényi liegen auf Deutsch die folgenden Bücher vor (im Verlag Matthes & Seitz):

Melancholie, 1988 (= Batterien 35) [Jetzt auch als Fischer-TB 14168]
Caspar David Friedrich, 1993 (= Batterien 50)
Abgrund der Seele. Goyas Saturn, 1994 (= Batterien 52)
Ein Foto aus Berlin. Essays 1991-1994, 1996
Heinrich von Kleist. Im Netz der Wörter, 1999 (= Batterien 66)


Marburger Forum: Vielleicht, Herr Földényi, dürfen wir mit einigen biografischen Fragen beginnen. Würden Sie unseren Lesern mitteilen, wann und wo Sie geboren wurden?

Földényi: Ich bin 1952 geboren, in Debrecen, in einer Provinzstadt in Ost-Ungarn. Mit anderen Worten: geboren bin ich in der allerschlimmsten Zeit des Stalinismus, den ich damals natürlich bewusst nicht erlebt habe, der jedoch das Leben meiner Eltern wesentlich bestimmt und beeinflusst hat, und so – mittelbar, durch familiäre Geschichten, im Erleben des Gegensatzes von häuslicher Wärme und gesellschaftlicher Kälte – auch meine Kindheit geprägt hat. Und aufgewachsen bin ich in einer Stadt inmitten der ungarischen Pussta, wohin der Wind schon fast direkt aus Sibirien hereinweht. Also Kälte, Kälte – gesellschaftlich, wie meteorologisch.

MF: Sie sind also in einem Land des "realen Sozialismus" aufgewachsen. Bedeutet das, dass Ihr persönlicher Weg zur Philosophie zwangsläufig über Marx, Engels und Lenin führen musste?

Földényi: Ja und nein. Über Philosophie bewusst nachzudenken begann ich Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre. Damals war das intellektuelle Leben in Ungarn relativ frei und tolerant: Im Gegensatz zur DDR oder der Tschechoslowakei, falls man sich gedanklich nicht innerhalb der Rahmen des Marxismus bewegte, hatte man nicht zu fürchten, ins Gefängnis zu kommen. Der Preis dafür war natürlich, dass man bestimmte Tabus unberührt ließ (die Frage der sowjetischen Hegemonie, Einparteiensystem, etc.) Wenn ich zurückblicke, bin ich selbst erstaunt, dass z.B. mein Buch "Melancholie", das ich 1984 in Ungarn veröffentlichte und das frei von jeglichem marxistischen Einfluss ist, – dass dieses Buch zu seiner Zeit in Ungarn zum Kultbuch werden konnte, weil es nicht marxistisch, aber auch nicht anti-marxistisch war, sondern den Anschein erweckte, als ob in Ungarn Marxismus überhaupt keine Rolle spielte.

MF: Welche philosophischen und literarischen Autoren/Innen, welche Künstler waren für Ihre Entwicklung besonders wichtig?

Földényi: Für einige kurze Jahre war Georg Lukács ein wichtiger Denker für mich. 1970, ein Jahr vor seinem Tod habe ich ihn – als Student – auch persönlich kennengelernt und mehrmals besucht. Dieser Einfluss hörte Mitte der siebziger Jahre auf; in einem schmalen Buch, "Der junge Lukács", das ich 1980 veröffentlichte, habe ich über seinen Einfluss auf mich und auf viele meiner Zeitgenossen nachgedacht und versucht, eine Bilanz zu ziehen. Auf dem Umweg über Benjamin und die Frankfurter Schule bin ich dann Anfang der achtziger Jahre bei den Franzosen angekommen (Bataille, Artaud, Leiris, die Surrealisten, etc.), und – parallel dazu – habe ich in diesen Jahren das Gesamtwerk von Dostojewskij neu gelesen und einen Impuls gewonnen, der für mich bis zum heutigen Tag inspirativ wirkt. Daneben begann ich mich immer mehr mit der bildenden Kunst zu beschäftigen; dort fand ich Antworten auf viele Fragen, die im philosophischen und ästhetischen Diskurs für mich nur ungenügend beantwortet waren.

MF: Sie erwähnen in der Einleitung Ihres Buches über Goyas "Saturn", dass sie im Winter 1990/91 in West-Berlin lebten. Nehmen wir das als Anlass, um Sie nach den hauptsächlichen Stationen Ihres bisherigen Lebensweges zu fragen. Sie leben als freier philosophischer Autor? Wie macht man das?

Földényi:Frei bin ich natürlich nicht. Es stimmt, dass ich eine Zeit lang als freier Autor lebte. 1988 zog ich mit meiner Familie – dank eines Stipendiums des DAAD Berliner Künstlerprogramms – nach West-Berlin, und lebte dort mit kürzeren/längeren Unterbrechungen bis Herbst 1991. Vorher arbeitete ich als Dramaturg an verschiedenen ungarischen Theatern, war Herausgeber einer theaterwissenschaftlichen Zeitschrift, machte – und mache auch heute – immer wieder Übersetzungen. Seit meiner Rückkehr aus Berlin bin ich als Dozent an der Fakultät für vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Budapest tätig. Natürlich versuche ich, meine innere und äußere Freiheit zu bewahren, und bin ständig auf der Suche nach einem Kompromiss: Das Schreiben von Büchern ist für mich lebenswichtig, und ich versuche alles, was für die Existenz sonst entbehrlich ist, diesem unterzuordnen.

MF: Eine persönliche Frage, die aber doch mit dem Stil Ihres Philosophierens zu tun hat: Ebenfalls in der Einleitung des "Saturn"-Buches schreiben Sie von der "drohende(n) Brüchigkeit ... der mein Leben ohnehin aus allen Richtungen ausgesetzt ist". Ist damit auch die existenzielle Gefährdung gemeint, der sich derjenige ausliefert, für den Philosophie und Leben von innen her miteinander kommunizieren?

Földényi: Ja, aber nicht nur das. Ich vermute, jedes individuelle Leben ist einer Brüchigkeit ausgesetzt, und nicht nur das eines Philosophen. Es gibt im Leben genügend Augenblicke – die des Staunens, des Wunders, der Liebe, der Angst, des Zweifels, der maßlosen Freude, etc. – in denen man plötzlich jenen existenziellen Abgrund erblickt, der hinter – oder unter – jedem Leben lauert, ohne dass er unbedingt immer spürbar sein müßte.

MF: Wo leben Sie heute? Würden Sie ein wenig über Ihre Arbeitsweise sprechen?

Földényi:Ich lebe mit meiner Familie in Budapest und unterrichte an der Universität. Viel Zeit verbringe ich in West-Ungarn, am Plattensee, wo ich in einem kleinen und ruhigen Dorf ein Haus besitze, wo ich unter idealen Umständen arbeiten kann. Und ich bin auch oft im Ausland unterwegs und mache Lesungen, halte Vorträge, nehme an Tagungen teil. Die Länder, die ich – wegen meiner Arbeit - am meisten besuche, sind: Deutschland, Holland, Spanien und Österreich.

MF: Es liegen bisher fünf Bücher von Ihnen auf Deutsch vor: eins über Melancholie (1988), eins über Caspar David Friedrich (1993), ein weiteres über Goya (1994), ein Buch über Ihre Erfahrungen in Berlin (1996) und das fünfte nun über Kleist (alle im Matthes & Seitz Verlag erschienen). Bezeichnet der damit gesetzte Akzent auf der Zeitspanne Ende des 18., Beginn des 19. Jahrhunderts Ihr Hauptarbeitsgebiet?

Földényi:Ja. Diese Epoche ist für mich die Schwelle unseres Zeitalters. Damals fand ein kulturelles Erdbeben statt, das für das ganze Christentum schicksalhaft wurde und das meiner Ansicht nach auch noch heute nachwirkt.

MF: Woran arbeiten Sie gegenwärtig? Welche Pläne gibt es?

Földényi:Ich habe ein Buch aus meinen Notizen zusammengestellt, die ich im Laufe der letzten Jahre in den verschiedenen europäischen Museen oder Ausstellungen gemacht habe. Das Buch ist zu einem "work in progress" geworden – ich arbeite ständig daran. Es erscheint auf deutsch im Sommer 2001 im Suhrkamp Verlag, d.h. spätestens im Frühjahr muss ich aufhören, meine Notizen weiterzuführen.

MF: Gibt es philosophische Autoren/Innen der Gegenwart, die Ihnen wichtig sind?

Földényi:Ich würde sagen: beeinflusst haben mich Denker, die sich eher am Rande der Philosophie bewegen, wie der französisch-rumänische Denker E. M. Cioran, der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila, die Spanierin María Zambrano, oder Franzosen wie Roland Barthes, Foucault oder Baudrillard.

MF: Wie stehen Sie zu der akademischen oder Universitätsphilosophie?

Földényi:Seit Kierkegaard und Schopenhauer gibt es eine Kluft zwischen Philosophen, die der "Zunft" angehören und denen, die "frei" sind. Kierkegaard, Schopenhauer, Nietzsche, Klages, Benjamin, Bataille, Foucault, etc.: es ist durchaus kein Zufall, dass sie an keiner Universität verankert waren. Diese Namenliste entnehme ich übrigens aus Habermas’ "Der philosophische Diskurs der Moderne", der, stillschweigend, gerade diese Figuren im Namen jenes positiven Denkens kritisiert, das bezeichnenderweise in den meisten Fällen den Universitäten verhaftet ist.

MF: Das bringt uns zu einer schwierigen Frage: Welchen Aufgaben müsste sich die Philosophie Ihrer Ansicht nach heute besonders stellen? Was wäre also der Kern oder das eigentliche movens einer wirklichen Philosophie der Gegenwart?

Földényi:Der Kern sollte derselbe sein, wie schon am Anfang der europäischen Denkens: das Staunen, das Platos Meinung nach der Anfang jeder Philosophie ist. Staunen heißt für mich: den Sinn für die Einzigartigkeit des Daseins zu bewahren. Das sollte nicht bedeuten, dass man den Sinn für die Kritik aufgibt; andererseits jedoch bewahrt das Staunen uns davor, im ausschließlich kritischen Denken "aufzugehen", d.h. einseitig negativistisch zu sein. Allzu viele Gründe gibt es heute, das gegenwärtige Zeitalter zu kritisieren. Man kann jedoch keine kritische Position haben, die selbst nicht zu diesem Zeitalter gehörte. Aus lauter Negation kann man keine Philosophie betreiben; dazu gehört auch das Wahrnehmen der Brüchigkeit unseres Daseins. "Was ich stelle auf die Welt, / Ist wie auf eine Welle gestellt" – ungefähr so lauten die Worte von Goethe. Die Philosophie sollte das Gefühl für diese "Wellenhaftigkeit" aufrecht erhalten, welches die paradoxe Einheit von Kritik und Staunen hervorbringt.

MF: Kommen wir nun zu Ihrem Kleist-Buch. Es handelt sich ja gar nicht um ein Buch im üblichen Sinn, sondern, wie Rüdiger Safranski in seiner großen Rezension in der "Zeit" sagte, um eine Folge von Lexikon-Artikeln, die eigentlich Kurzessays darstellen. Wie sind Sie auf diese Form der Darstellung gekommen?

Földényi:Ich wollte die Gattung "Monographie" oder "Biographie" unbedingt vermeiden. Einerseits hat man über Kleist allzu viele solche Bücher geschrieben; andererseits sperrt diese Gattung sein Werk in eine ideologische Zwangsjacke. Die Idee des "Ganzen" liegt der Gattung "Monographie" zugrunde; der arme Kleist hat aber gerade unter dem "Ganzen" viel gelitten. Ich wollte ihm also dieses Leid ersparen. Und nicht zuletzt, eine Monographie zu schreiben bedeutet, man muss auch vieles ausführen, was eigentlich langweilig ist: wenn die Richtlinien eines Buches von Anfang an zu sehen sind, gibt es keine Überraschungen, und der Weg wird immer langweiliger.

MF: Sie haben so eine gewisse Gefahr der Wiederholung in Kauf genommen. Heißt das, man soll dieses Buch wirklich nicht von vorne nach hinten durchlesen?

Földényi:Ja, ich meine das ganz im Ernst. Man kann das Buch auch von hinten nach vorne lesen, oder in der Mitte anfangen, und man kann auch mit dem Lesen zu beliebiger Zeit aufhören.

MF: Auf Seite 65 der deutschen Übersetzung liest man: "wenn Kleists Helden etwas erblicken, sehen sie nicht mehr mit den eigenen Augen. Nicht sie sehen das, was sich ihnen zeigt, sondern das, was sie erblicken, zieht in sie ein, um sich selbst zu betrachten und den, der schaut, ganz aus sich selbst herauszureißen. Und es bietet ihnen auch keinen Trost, dass dann ein universelles Auge aus ihnen blickt. Der Blick und der Anblick stellen, indem sie alles ins Leben erwecken und schöpferisch werden, gerade die Schöpfung, die universelle Ordnung und den letzten Sinn der Existenz unwiderruflich in Frage". - Das wäre doch ungeheuerlich! Sonst ist ja dieser Augenblick, da die Welt in einem Menschen "den Blick aufschlägt", wie man es genannt hat, gerade derjenige eines höchsten Sinnerlebnisses. Bei Kleist aber nicht?

Földényi:Ja, dieser Augenblick sollte im Prinzip derjenige eines höchsten Sinnerlebnisses sein. Wenn ich z.B. die Erzählungen von Bataille lese, bin ich dieser Meinung. Bei Kleist aber nur mit Vorbehalten. Er ist ebenfalls offen für Sinnerlebnisse – und doch erwarten seine Helden eher Ausgeraubtheit, Entleerung. Kleists Helden überschreiten die Grenzen, wobei sie sich am besten doch innerhalb der Grenzen fühlen. Sie möchten am liebsten immer zu Hause sein; aber eine geheimnisvolle Kraft treibt sie alle davon weg, ins Unbekannte, wo sie phantastische Erlebnisse haben, sich aber nie richtig wohl fühlen. Sie sind auf der Jagd nach Sinnerlebnissen, möchten den Sinn ihres Lebens aufdecken, treffen aber immer auf eine tiefe Sinnlosigkeit.

MF: Das Schöpferische beinhaltet folglich noch keine Sinnstiftung, sondern setzt sich gerade der radikalen Abwesenheit von Sinn aus? Es entkleidet sozusagen die Gegenstände jeder vorgegebenen "universellen Ordnung" und trifft dann überhaupt erst auf ein Nichts, von dessen Schaurigkeit wir in unserer Alltagswelt gar nichts ahnen?

Földényi:So ist das. Kleist war kein "Romantiker" in dem Sinn, wie Hoffmann oder Büchner. Er hatte kein theoretisches oder ästhetisches Interesse für das Nichts, auch über die Schaurigkeit können wir wesentlich mehr bei Novalis oder in einem Buch wie "Nachtwachen des Bonaventura" lesen. Und obwohl Kleist auch für das Bizarre empfindlich ist, beschäftigt er sich, im Gegensatz zu Hoffmann, nie mit dem Bizarren "an sich". Kleist war für die Ordnung der Welt; dazu wollte er immer zurückkehren. Das macht die Tragik seiner Erzählungen und Dramen aus; er hat die Ordnung maßlos verehrt, und trotz seines besten Willens gelangte er zur Maßlosigkeit, die ihn sonst – im Gegensatz zu anderen Romantikern – überhaupt nicht anzog.

MF: Das ist also wirkliche Tragik - "Das tiefste Einssein verbindet sich mit dem größten Anderssein" (S. 175) - das beinhaltet, dass erst in der unweigerlichen, ja notwendigen Selbstvernichtung (der Kleist‘schen Helden): in der tiefsten Erfahrung des Fehlens eines letzten Sinns (S. 237), jedenfalls seine Möglichkeit "aufblitzt"? (Auch dem "Blitz" widmen Sie einen Artikel.)

Földényi:Ja, so meine ich. Der Sinn wird bei ihm geboren erst durch das Erleben des Fehlens und der Unmöglichkeit des Sinns. Mit anderen Worten: Bei ihm kommt erst die Antwort, und erst danach entsteht die Frage selbst.

MF: Die "plötzlich" einbrechende Erfahrung ist also, wie bei Penthesilea, zunächst die der "Zwietracht" und "Zerrissenheit" (vgl. S. 331). Aber wie bewahrt, ja heilt Penthesilea, indem "sie sich ihren Momenten des ‘Plötzlichen’ restlos übergibt", die Welt? Auf welche Weise kann das "Opfer" heilen?

Földényi:Heilen kann es durchaus nicht. Das Opfer ermöglicht bei Kleist das Einsehen der oben genannten Tragik. Das macht Penthesilea oder Alkmene zu wahrhaft tragischen Figuren – aber dadurch werden sie zugleich fast himmlische Wesen, worauf es in den Stücken übrigens viele Anspielungen gibt. Insofern sind sie in ganz enger Verwandtschaft mit den großen tragischen Figuren der antiken Dramen.

MF: Und Goya wäre, sagen Sie in ihrem "Saturn"-Buch, an der Möglichkeit dieser Heilung verzweifelt? Ihm fehlte also Penthesileas - oder Kleists - letzte Hingabe?

Földényi:Ja, ihm gelang es – mindestens in seinen sogenannten "Schwarzen Gemälden" - nicht, den Weg aus der Sinnlosigkeit zu finden: im "Saturn" gibt es keine Spur der Ordnung, wodurch auch das Opfer vergeblich ist. Statt den Sinn für irgendwelche Transzendenz zu finden, mündet bei Goya alles in Sinnlosigkeit und Vergeblichkeit.

MF: Ihrer Ansicht nach bestände die Inspirationserfahrung Goyas also darin, unverstellt des Nichts ansichtig zu werden und gewissermaßen in seiner permanenten Gegenwart nicht nur zu leben, sondern, schlimmer noch (wenn man das sagen darf), auch zu malen. Eigentlich könnte, so verstanden, nur das Schöpferische wirklich, also wissend, in der Hölle existieren?

Földényi:In Goya’s Fall ja. Aber jeder Künstler hat ein unterschiedliches Programm. Wenn ich z.B. Dostojewskij oder Gombrowicz lese, habe ich das Gefühl, dass ich mich in der Hölle von Goya befinde. Und dennoch, immer wieder leuchtet bei ihnen der leidenschaftliche Glaube auf – manchmal bis ins Absurde gesteigert, aber immer überzeugend.

MF: Wie würden Sie vor diesem Hintergrund den Ausdruck des Gesichts von Capricho Nr. 1 beschreiben? Wundert Sie nicht auch, was der Goya-Kenner Peter K. Klein in seinem Beitrag zum Katalog der Ausstellung in Marburg sagt, nämlich dass aus diesem Selbstporträt ein "beachtliche(s) Selbstbewusstsein" und eine "ostentative(...) Nichtbeachtung des Betrachters" spreche, und Goya (durch den Typus des Büstenporträts in Profilansicht) "seine aufklärerisch-fortschrittliche Gesinnung zum Ausdruck bringen" wolle?

Földényi:Diese Interpretation verrät mehr über den Interpreten als über den Künstler selbst. Goya hat sich gehütet, die Betrachter seiner Bilder mit so eindeutigen Formulierungen zu vergewaltigen. Auch den genannten Stich könnte man meiner Ansicht nach in unterschiedlichen Weisen interpretieren: Spott, Unsicherheit, Skepsis, In-Sich-Gekehrtsein, Abweisung, Hohn, etc.: all dies kann man in diesem Portrait entdecken. Goya war ein Meister auch darin, dass er jede Position in Frage gestellt hat und sich nicht scheute, sogar sich selbst zu bezweifeln. Bedeutungen hat er mit neuen Bedeutungen ausgelöscht – das macht seine Werke so vielschichtig und unideologisch. Den genannten Stich kann man aber nicht ohne den Stich Nr. 43 derselben Serie betrachten: dieselbe Figur liegt dort an einem Tisch wie verzweifelt. Den Titel – "El sueño de la razón produce monstruos" – kann man auf zwei unterschiedliche Weisen übersetzen. Falls wir unter sueño "Schlaf" verstehen, bedeutet der Titel: "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer"; falls "Traum", heißt der Satz: "Der Traum der Vernunft bringt Ungeheuer hervor". Der erste beinhaltet eine aufklärerische Deutung: Die Vernunft muss immer wach sein, sonst droht uns die Gefahr der Ungeheuer. Der zweite ist eher antiaufklärerisch: Gerade die Vernunft bringt die wahren Ungeheuer hervor. Goya hat keine eindeutige Position bezogen – das macht sein Werk untauglich für ideologische Interpretationen.

MF: Der Traum, von dem Sie in der Einleitung berichten, hat Ihnen, wie Sie sagen, einen Weg aus diesem Nichts gewiesen. Wie kann man diesen Weg heute finden?

Földényi:Dieses Erlebnis hatte ich vor zehn Jahren. Ich bin überzeugt, dass man, im Besitz von innerer Freiheit, Aufmerksamkeit, Unvoreingenommenheit oder Humor auch aus den hoffnungslosesten Situationen einen Ausweg findet.

MF: Kann man sagen, dass Ihre philosophische Arbeit der Aufgabe gewidmet ist, einen solchen Weg zu suchen?

Földényi:Ja. Wobei solche Wege jeden Tag in neue, unerwartete Richtungen laufen, d.h. man darf nie sagen, ich bin im Besitz des Weges. Institutionen, Kirchen, Ideologien, Parteien, Sekten – ja, sie behaupten von sich immer, einen Ausweg zu kennen. Individuen können so etwas nur sagen, wenn sie verblendet sind. Es ist aber eine uralte Erfahrung, dass – mit den Worten von Maurice Blanchot – die Last unserer individuellen Existenz niemand von unserer Schulter nimmt.

MF: Sehen Sie denn eine Chance darin, dass sich die Gesellschaft heute der Anstrengung dieser Suche unterzieht?

Földényi:Nein. Im Gegenteil. Was ich heute sehe – egal, in welcher Ecke von Europa – ist der Glaube an die Allmacht der Institutionen, die Überzeugung, dass alles machbar ist. In einer Welt, wo jegliche Spur von Transzendenz verdächtig ist, ist auch der Glaube an die individuelle Verantwortung und Freiheit verlorengegangen – oder höchstens auf höfliche, aber leere und inhaltslose Formulierungen reduziert worden.

MF: Herr Földényi, wir geben zu, das war eine tour de force. Wir danken Ihnen, das Sie sich in diesem Gespräch der Mühe unterzogen haben, solche Fragen zu beantworten! Wir haben sie Ihnen gestellt, weil wir der Überzeugung waren (und sind), dass Sie, wie wenige Autoren heute, zu den hier angesprochenen Bereichen etwas Genuines zu sagen haben. - Aber nun zum Schluss, gleichsam zur Erholung, nur noch dies: wohin verreisen Sie gerne? Welche Musik hören, welche Romane oder Gedichte lesen Sie? Und welche Bilder beeindrucken Sie besonders?

Földényi:Ich danke auch für Ihre Fragen und für das Gespräch. Und nun, zu den letzten Fragen: In die südlichen Länder reise ich immer gerne – nach Spanien oder Italien. Vielerlei Musik mag ich, aber begeistert bin ich eher für bestimmte Interpreten. Ich habe fast alle Einspielungen von Pablo Casals, auf CD’s oder Schallplatten, ebenso die von Svjatoslav Richter. Ich bin einer der Gründer der ungarischen Furtwängler-Gesellschaft; seine Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern während der Kriegsjahre sind mir besonders lieb. Ich sammle die unterschiedlichen Aufnahmen von Beethovens Streichquartetten – meine liebste Aufnahme ist die mit dem Ungarischen Quartett aus den frühen fünfziger Jahren, aufgenommen in den USA. Von den Zeitgenossen mag ich besonders John Cage und Morton Feldman. Andererseits mag ich Sänger wie die Isländerin Björk, den früh verstorbenen Rocksänger Klaus Nomi, David Bowie, oder die frühen Velvet Underground-Aufnahmen mit Nico. Romane lese ich seit einigen Jahren immer seltener; zu meinen Lieblingsautoren gehören weiterhin Dostojewskij, Thomas Hardy, Céline und Genet. Und was Bilder betrifft, diese Frage kann ich schwer beantworten – die Palette reicht von Caravaggio bis Jean-Michel Basquiat. Der Antwort willen erwähne ich doch einen Namen: zur Zeit beschäftige ich mich intensiv mit dem Werk der französischen Konzept-Künstlerin Sophie Calle, die vor kurzem auch in München eine große Retrospektive hatte.

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