Der zweyweibige Landgraf
Eine Bildergeschichte von Daniel Twardowski
unter Mitarbeit von Ulrike Rohde
Hessische Familienverhältnisse sind manchmal kompliziert. Das gilt noch heute auf jedem Dorf zwischen Marburg und Kassel, und es stimmt wenigstens im Zeitalter der Reformation auch für das hessische Herrschergeschlecht. Daniel Twardowskis Stück über Landgraf Philipp den Großmütigen, das das Hessische Landestheater jetzt als Uraufführung (Premiere: 10. 2. 2001) herausgebracht hat, ist alles andere als dokumentarisches Theater und stellt doch (auch) eine Lehrstunde in hessischer Geschichte dar. Inwieweit beim Publikum die Voraussetzungen des Verstehens gegeben sind, darf mit Fug bezweifelt werden. Die der Premiere vorausgehende Einführung versuchte nach Kräften, diesem Mangel an historischer Kenntnis abzuhelfen. Bei den weiteren Vorstellungen wird man eine solche Einführung wohl vermissen. Doch auch das ungewöhnlich umfangreiche Programmheft ist ein hilfreiches Kompendium mit viel historischer Information. Und schließlich kommt es am Ende darauf gar nicht an: Die Geschichte liefert nicht selten den Stoff, aus dem die Dramen sind, aber was daraus entsteht, ist zum Glück - vor allem anderen: Theater, nicht Historie.
Binnen eines Dreivierteljahrs bringt das Hessische Landestheater nach Dieter Fortes "Martin Luther und Thomas Münzer" nun wiederum ein Stück, das in der Reformationszeit spielt. Beim "zweyweibigen Landgraf" handelt es sich um eine Auftragsarbeit für eine spezielle Spielstätte. Das Hessische Landestheater ist ja ein "teatro mobile", ist nicht nur im Lande unterwegs sondern spielt auch an seinem Stammsitz Marburg an sehr verschiedenen Orten. Zu einer guten Tradition der letzten Jahre gehört im Frühjahr eine Inszenierung im Fürstensaal des Landgrafenschlosses. Die Stätte verlangt nach entsprechenden Stoffen, und in dieser Spielzeit gibt es ein eigens auf diesen Spielort hin konzipiertes Stück. Natürlich könnte dies Stück auch anderswo, auf Bühnen oder in anderen Schlössern gespielt werden, aber auf dem Landgrafenschloß, das emblematisch über Marburg thront, ist es an seinem ureigensten Ort. Wir befinden uns gewissermaßen am Originalschauplatz, denn das Stück spielt auf eben diesem Schloß, sozusagen in eben diesem Saal. Wenngleich die Szenen als solche dichterische Fiktion sind, fallen beim Ort des Geschehens Inszenierung und Wirklichkeit, Theater und Leben zusammen.
Ohne daß ein besonderes Jubiläum dazu nötigte, ist die Beschäftigung mit Landgraf Philipp von Hessen stets von einigem Interesse. Er hat Bedeutung nicht nur für Marburg (als Begründer der nach ihm benannten Universität), sondern auch für Hessen, freilich auch in dem traurigen Sinne, in dem man im Winter der dahingegangenen Blüten des Sommers gedenkt, denn unter Philipp hatte die Landgrafschaft Hessen ihre größte Ausdehnung und Machtstellung, die er selbst preisgab durch die Realteilung des Landes unter seine vier Söhne.

Philipp, der schon zu Lebzeiten der "Großmütige" genannt wurde, gehört zu den bemerkenswertesten Fürsten Deutschlands im 16. Jahrhundert und zu den herausragenden Gestalten der Reformationsgeschichte. Seiner Initiative ist die Gründung des Schmalkaldischen Bundes zu verdanken, dem er dann auch (neben dem sächsischen Kurfürsten) als Feldhauptmann vorstand und der über eineinhalb Jahrzehnte den protestantischen Territorien Deutschlands einen militärischen Schirm bot, unter dem die Reformation sich festigen und dauerhaft ausgestalten konnte. Ob weitere ins Auge gefaßte Pläne, wie eine Allianz mit den französischen Hugenotten, zu verwirklichen gewesen wären, muß Spekulation bleiben. Tatsache ist jedenfalls, daß Philipp in trauriger Weise Geschichte gemacht und der Reformation einen Bärendienst erwiesen hat durch seine berüchtigte Doppelehe. Nachdem er sich heimlich bei den Wittenberger Reformatoren unter dem Mantel eines Beichtrates eine vorauslaufende Absolution hatte erteilen lassen, schloß er 1540 eine zweite Ehe mit dem blutjungen Edelfräulein Margarete von der Saale. Sogar seiner noch lebenden ersten Ehefrau Christine hatte er die Zustimmung zur Doppelehe abgerungen. Der höchst ungewöhnliche Schritt sollte eine Lösung für die inneren Konflikte des Landgrafen zwischen ehelicher Treue und außerehelichen Gelüsten sein und somit eine Kur gegen die Hurerei, für die Philipp sich schon durch die Syphilis vom Himmel gestraft sah. Da er außerdem noch ein frommer Mann war, der auch selber seine Bibel las, war ihm aufgegangen, daß diese kein ausdrückliches Verbot einer Doppelehe kennt, wohl aber in den Geschichten von den Erzvätern einige Beispiele dafür, daß ein Mann mehrere Frauen gleichzeitig hatte. Aber der Welt Gesetze sind manchmal strenger als die der Bibel: Die Peinliche Halsgerichtsordnung sah für Bigamie schwere Strafen vor, und da die Sache nicht geheim blieb, war Philipp in die Hand des Kaisers gegeben und mußte im Geheimvertrag von Regensburg Zugeständnisse machen, die die Position des Schmalkaldischen Bundes erheblich schwächten. Im Schmalkaldischen Krieg 1546/47 geriet er schließlich in Gefangenschaft und blieb über fünf Jahre in kaiserlichen Kerkern, bis er durch den spektakulären Frontenwechsel seines Vetters Moritz von Sachsen (des "Judas von Meißen") und den sich anschließenden Fürstenaufstand gegen Karl V. endlich wieder frei kam, politisch und menschlich ein gebrochener Mann. Wie er sich in jungen Jahren nicht zwischen zwei Frauen entscheiden mochte und neben seiner "übel riechenden" und beim Akt Gebete murmelnden Christina noch die junge Margarete von der Saale heiratete, so könnte man auch die Aufteilung des Landes unter seine vier Söhne aus erster Ehe als ein Zeichen von Entscheidungsschwäche deuten.
Tatsächlich war also die Doppelehe für Philipp selbst wie für die Sache der Reformation und die hessische Geschichte ein krisenhafter Wendepunkt. Die Doppelehe, die Philipp seinen Zeitgenossen als ein Monstrum erscheinen ließ, warf einen tiefen Schatten auf die Sache des neuen Glaubens. Zudem schuf sie und darauf ist das Stück von Twardowski vor allem angelegt komplizierte Familienverhältnisse. Neben den legitimen Nachkommen mußten auch noch die Kinder aus der zweiten Ehe versorgt werden, und die innerfamiliären Verhältnisse waren alles andere als einfach.
Die Geschichte Philipps und seiner Doppelehe ließe sich auf viele Weisen erzählen oder auf das Theater bringen, als aufwendiger Bilderbogen und in epischer Breite. Twardowski wählt einen anderen, kunstvolleren Weg: "Der zweyweibige Landgraf" ist ein kompaktes Stück mit knapp 90 Minuten Spieldauer. Das Fehlen einer Pause mag ein Mangel für die Nebenkommunikation der Theaterbesucher sein, ist aber dem Stück und seiner Inszenierung sehr angemessen. In eine Rahmenhandlung, die 1577 im Marburger Schloß spielt, ist eingebettet eine Rückblende auf einen bestimmten Tag zehn Jahre zuvor am selben Ort, den Tag, an dem Philipp endgültig die Aufteilung der Landgrafschaft unter seine vier (legitimen) Söhne verfügt. Diese Rückblende macht den Hauptteil des Stückes aus. Zum Schluß kehrt die Handlung noch einmal zurück in das Jahr 1577, aber nur zu einem kurzen stummen (sehr eindrucksvollen) Nachspiel.
Dabei lehnt sich der Autor, so weit möglich, an die Historie an, andererseits scheut er in dichterischer Freiheit auch nicht vor "gröbsten historischen Fehlern" zurück, greift entschlossen zum Mittel der Fiktion. Am deutlichsten tritt das zutage in der Gestalt der Elisabeth von Rochlitz, der älteren Schwester Philipps, die schon 1557 gestorben war, im Stück aber noch 1577 auftritt. Im Programmheft gibt der Autor selbst bereitwillig Auskunft über das, was "richtig" und das was "falsch" an der historischen Darstellung ist.
Aber die geschehene, belegbare Geschichte ist ohnehin nur Rahmen und Ausgangspunkt. Dies wird deutlich im Auftreten Till Eulenspiegels. Im Volksbuch von Till Eulenspiegels Streichen und Taten gibt es tatsächlich eine Episode, die in Marburg spielt und von den vorgeblichen Malkünsten Eulenspiegels handelt: Die Bilder, die er für den Landgrafen malt, kann nur der sehen der ehelich geboren ist. (Das Motiv kehrt variiert wieder in Andersens Märchen von "Des Kaisers neuen Kleidern".) Diese Eulenspiegelgeschichte war zwar schon 1510/11 zu lesen, "(...) kann sich also beim besten Willen nicht auf Philipp beziehen es gibt aber kaum eine Landgrafenfamilie, auf die sie besser gepaßt hätte." (Der Autor im Programmheft)

Till Eulenspiegel hat in diesem Stück eine mehrfache Funktion. Abgesehen von der Gaukelei mit den vorgeblichen Gemälden erfüllt er die Rolle des Narren und des Weisen, des philosophischen Kommentators und nicht zuletzt die eines Zauberers, der nicht nur tote Persönlichkeiten wiedererstehen läßt (so kommt auch der schon 1546 verstorbene Luther in diesem Stück noch einmal auf die Bühne), sondern eben einen ganzen Tag aus der Vergangenheit noch einmal lebendig werden lassen kann. Die Zauberkraft des Narren Eulenspiegel ist der dramentechnische Kniff, der den Zeitsprung zehn Jahre zurück möglich macht.
Das Stück liefert vielfältige Eindrücke: Das Charakterbild des Landgrafen, eines Fürsten hin- und hergerissen zwischen Frömmigkeit und Libido, zwischen politischen und persönlichen Interessen, ist gefärbt (und z.T. wie in einem Prisma gebrochen) durch die wechselnden Perspektiven der Erinnerung, der distanzierten Selbstwahrnehmung, schließlich der Rechtfertigungsversuche für die Doppelehe auch im Angesicht ihrer Folgen. Darüber hinaus entsteht aus vielen Einzelbildern eine komplexe Familienstudie, die handelnden Personen gewinnen im Laufe des Stückes immer mehr an Kontur, sind auf dem Weg zu eigenen Charakteren. Über alles aber legt sich wie ein schöner Schleier das poetisch-verspielte Element in der Gestalt des Till Eulenspiegel, der der Welt im Spiegel der Eitelkeit ihre eigene Torheit zeigt.

Die Inszenierung von Ekkehard Dennewitz ist straff und geschlossen. Aktuelle Bezüge und Anspielungen (Verquickung von persönlichen Interessen und Politik) stecken schon im Stoff und müssen nicht eigens hinzugefügt werden. Daß im Zeitalter der Reformation von einem wohlverstandenen "Interesse des Volkes" nicht gesprochen wird, ist eher wohltuend.
Auf der Bühne agieren die sechs Schauspieler mit Sprechrollen sicher und gewandt. Die herausragende Darstellerin des Abends ist Uta Eisold als ehestiftende und fädenziehende Elisabeth von Rochlitz, aber auch die übrigen Schauspieler spielen ihre Rollen gut und fast durchweg überzeugend.
Thomas Streibig ist ein ziemlich abgeklärter Landgraf, der nicht nur im Zorn zurückschaut auf sein Leben; Ronald O. Staples spielt überzeugend Philipps Sohn Wilhelm IV. als einen machthungrigen jungen Mann, der sich vom Schicksal hintergangen und vom Vater getäuscht sieht; der arme "Bastard" Christoph von Dietz (David Gerlach) ist, überall hinausgestoßen und abgelehnt, von allen guten und bösen Geistern verlassen, ein harmloser Trottel, gefährlich nur für Damenröcke; da macht seine zickige Schwester Ursula Ferberin (Cornelia Schönwald) als Hofdame ihrer Tante Elisabeth doch eine bessere Figur. Den Till Eulenspiegel schließlich spielt Gabriel Spagna: Sein Till wird allen Kinderbuchklischees gerecht, er ist ein gutmütiger, braver Dämon, wendig und nachdenklich, die leibhaftig gewordene Weisheit des Volkes.
Beim Thema "Die Doppelehe Landgraf Philipps" darf auch die berühmte Triorchie nicht fehlen, seine durch Autopsie auf dem Totenbett bestätigte Dreihodigkeit, ein beliebtes Erklärungsmotiv für seine übergroße Lust, die sich in der Doppelehe Luft machte. Die Triorchie kommt natürlich im Stück zur Sprache und wird im Katalog drei Seiten lang (!) behandelt, auch von medizinischer Seite. Wenn die Libido so nicht nur indirekt eine Rolle spielt, bleiben Anzüglichkeiten nicht aus, es wird gekniffen und gedrückt und unter den Rock gegriffen, aber ohne dergleichen geht es auf dem deutschen Theater ja kaum noch ab. Daß allerdings der ohnehin unter übersteigerter Lust leidende Christoph von Dietz (David Gerlach) sich noch vor dem Bildnis seiner Mutter masturbierend unter die Mönchskutte greift, ist des Drastischen ein bißchen viel und auch nicht recht motiviert.
Das Bühnenbild (Axel Pfefferkorn) ist von überzeugender Schlichtheit. Es spielt in der Aufführung eine eigene Rolle, ist durchaus mehr als nur Dekoration, läßt aber doch die mit historischer Akribie gefertigten Kostüme von Renate Ostruschnjak, die in ihrer Detailtreue (bis hin zu den Flohpelzen der weiblichen Gewänder und den Schamkaspeln für die Männer) auch für ein historisches Museum taugen würden, nur um so deutlicher hervortreten. Sehr gelungen ist auch die unaufdringliche musikalische Begleitung durch das Ensemble für alte Musik "Saltarello".
Die Inszenierung ist dem Fürstensaal mit seinen besonderen Lichtverhältnissen und Sichtproblemen und nicht zuletzt mit seiner halligen Akustik gut angepaßt. Das Marburger Landestheater bewegt sich in einem vertrauten Raum.
Die Dramaturgin Ulrike Rohde, die den Einführungsvortrag hielt, ist im Programm zugleich als "Mitarbeiterin" am Stück ausgewiesen: Sie ist die Ehefrau des Autors. Das Stück ist für diesen Ort geschrieben und im Hinblick auf seine Theaterwirksamkeit bearbeitet worden, und das hat ihm sicher nicht geschadet. Vieles an historischer Information ist in das Stück eingeflossen, was streckenweise zu Lasten des Theatralischen geht. Auch historische Zitate werden direkt eingebaut (etwa aus dem berühmten "geheimen Beichtrat" aus Wittenberg), was dann manchen sprachlichen Modernismen ("Ach, Willi!") seltsam, vielleicht ungewollt, kontrastiert. Daß andererseits eine historisierende Sprache vermieden wird, tut dem Stück gut.
Hoch zu loben ist das Programmheft, das viele gute Hintergrundinformationen liefert und sehr sorgfältig zusammengestellt wurde.
Daniel Twardowski, 1962 geboren, hat schon mehrere Theaterstücke geschrieben, aber noch kein anderes gelangte bisher auf eine Bühne. Ob sein "Zweyweibiger Landgraf" über Marburg oder gar Hessen hinaus Interesse findet, scheint mir ungewiß. Aber dieses Stück wird nicht Twardowskis letzte Theaterarbeit gewesen sein.

Der Beifall bei der Uraufführung war eher verhalten und höflich. Das Grelle und Sensationelle des Sujets ist in diesem Stück ganz eingewoben in zeitlose Poesie. Vielleicht war enttäuscht, wer eine Geschichtsstunde erwartet hatte. Angekündigt war das Ganze in der Einführung auch als Komödie aber das Lachen wollte sich doch nicht so recht einstellen, eher das leise Lächeln über den schönen Schein und seine Vergeblichkeiten. Und das lockt dann eher zum Nachsinnen als zu frenetischem Beifall.
"Der zweyweibige Landgraf" ist einen Besuch wert, kein Historiendrama und auch keine Komödie, aber ein gut gemachtes Stück konventionellen Theaters. Wer den Aufstieg zum Schloß und den Sprung in die Vergangenheit nicht scheut, wird mit einem Theaterabend belohnt, der zum Nachdenken anreizt über Welt und Leben in ihrer vielgestaltigen Wirklichkeit und ihrer ewig sich gleich bleibenden Torheit.
Uwe Kühneweg