Die vergessenen Opfer
Fadila Memisevic und ihre Arbeit für vergewaltigte und vertriebene Frauen in Bosnien-Herzegowina
Zusammenfassung eines Vortrags in Marburg und Gespräch
Fadila Memisevic ist 55 Jahre alt und war vor dem Krieg Gymnasiallehrerin. Heute arbeitet sie im Auftrag der Gesellschaft für bedrohte Völker" in Sarajevo. Des weiteren ist sie Vorsitzende einer Kommission der UN, welche sich mit der Diskriminierung von Frauen in vielen Ländern der Welt auseinandersetzt. Ab 1992 dokumentierte sie die Kriegsverbrechen in ihrer Heimat und bekam für ihr Engagement 1996 den Friedenspreis der Schweizer Stiftung für Freiheit und Menschenrechte.
Im Rahmen eines Vortrages am 5.12.2000 im Marburger Philippshaus" schilderte sie die Schwerpunkte ihrer Arbeit und gab einen Einblick in die Situation Bosnien-Herzegowinas fünf Jahre nach Kriegsende. Natürlich herrscht bei uns wieder Frieden, aber Frieden bedeutet nicht, dass die Waffen schweigen, Frieden ist mehr als das." Frau Memisevic nannte als einen ihrer drei Hauptschwerpunkte die Arbeit mit Frauen aus der Region Srebrenica östlich von Sarajevo. Am 11-13.07.1995 nach dem Fall der Schutzzone Srebrenica wurden fast alle Männer Srebrenicas durch die Serben ermordet, auch 500 Frauen und 150 Kinder fielen den Milizen zum Opfer, viele wurden vertrieben. Heute wohnen ca.6000 vertriebene Frauen in der Nähe von Sarajevo. Sie leben allein ohne ihre Ehemänner und Söhne, was eine große Herausforderung darstellt, wenn man bedenkt, aus welch traditionell patriarchalischen Familienstrukturen sie stammen.
Die Gesellschaft für bedrohte Völker" hilft den Frauen auf sehr unterschiedliche Weise. Hilfe zur Selbsthilfe ist hierbei ein wichtiges Motto. Durch die Unterstützung der Gesellschaft wurde es den Betroffenen ermöglicht, eine Mütterbewegung" zu gründen, welche u.a. das Gedenken an die verstorbenen Männer aufrecht erhält. Sie wollen die Wahrheit über das wissen, was damals mit ihren Ehemännern und Söhnen geschehen ist." Oft ist es unklar, ob diese wirklich getötet wurden, oder ob sie z.B. immer noch in Konzentrationslagern und Gefängnissen am Leben sind. Viele Frauen haben noch Hoffnung, dass ihre Angehörigen nicht ermordet wurden, aber wenn dem so ist, dann wollen sie Gewissheit darüber haben." Das internationale Rote Kreuz hat die Aufgabe, das Schicksal der Vermissten zu klären. In einer Dokumentation des Roten Kreuzes sind 30.000 Personen als verschwunden aufgeführt (600 Kroaten, 2.000 Serben und 27.400 Bosniaken). Davon stammen 10.000 aus Srebrenica. Erst zwei Jahre nach dem Massaker begann die Suche nach den Opfern, was bei den Hinterbliebenen auf großes Unverständnis gestoßen ist. Frau Memisevic kritisierte deshalb die Arbeit des Roten Kreuzes, damals wurde den Spuren nicht mit der notwendigen Sorgfalt nachgegangen. So galten beispielsweise gefundene Pässe als Beweis für den Tod einer Person. Inzwischen liegt die Hauptarbeit der internationalen Kommission für die Vermissten bei der Identifizierung der Opfer durch DNA-Analysen. Diese ist für die Hinterbliebenen aus menschlichen und religiösen Gründen sehr wichtig. Insgesamt kosten die Untersuchungen mehr als 13 Millionen Mark. Dramatisch ist jedoch, dass durch die langwierigen Prozesse der Identifikation viele ältere Hinterbliebene versterben, noch bevor sie das Ergebnis erfahren.
Um das Massaker in Srebrenica nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, ist für die Zukunft die Errichtung eines Denkmals fünf Kilometer vor Srebrenica geplant. Zur Zeit fehlt dafür aber noch die Zustimmung von serbischer Seite.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit ist für Frau Memisevic die Betreuung von Frauen aus den ehemaligen Frauenlagern, die permanent vergewaltigt wurden. Diese Frauen sind verlassen und vergessen". Viele von ihnen waren während der Kriegsereignisse noch Kinder. Diese Opfer sind besonders traumatisiert und bekommen keinerlei Unterstützung von der eigenen Regierung. Aber auch die Weltöffentlichkeit, die 1993 von dem Schicksal der Frauen erfuhr, nimmt heute kaum Anteil an der Situation dieser Kriegsopfer. Von diesen Frauen leben heute etwa 700 in Sarajevo und hausen dort unter teilweise schrecklichen Bedingungen. Ihre Unterkünfte sind zerbombte Häuser und Wohnungen, deren Eigentümer selber Vertriebene sind, die aber jetzt ihre Wohnungen zurück haben wollen. Die Frauen haben keine eigenen finanziellen Mittel, sind ohne Ausbildung oder Beruf und wurden oftmals auch noch von ihren Männern verlassen. Die Selbstmordrate ist unter diesen Frauen besonders hoch. Allein in den letzten Monaten haben zehn sehr junge Frauen ihr Leben beendet.
Ein dritter Arbeitsschwerpunkt von Frau Memisevic ist die Verbesserung der Situation der Roma in Bosnien-Herzegowina. Bereits vor dem Krieg war diese drittgrößte ethnische Gruppe gesellschaftlich in einer Randposition. Nach Kriegsende hat sich ihre Situation noch weiter verschlechtert. Die Gesellschaft für bedrohte Völker unterstützt diese Gruppe beim Aufbau von Projekten, die einen ersten Schritt zur Integration in die bosnische Bevölkerung darstellen. Dazu gehören u.a. die Beschaffung von Schulmaterial für die Kinder, Kleidung und Nahrungsmittel. Unterstützt wird Frau Memisevic bei dieser Arbeit auch von der SFOR, sowie der Bundeswehr.
In Bosnien-Herzegowina leben zur Zeit zusätzlich 3.000 Roma aus dem Kosovo, die in ihrer Heimat unerwünscht sind.
Frau Memisevic hat 1999 eine Dokumentation über die Kriegsverbrechen an das internationale Tribunal in Den Haag weitergegeben (Publikation: Suche nach Gerechtigkeit"). Sie plädiert für eine multi-ethnische Gesellschaft und lehnt ethnisch bereinigte Gebiete ab.
In Bosnien leben zur Zeit über 800.000 Vertriebene. Sie sind Flüchtlinge im eigenen Land". Insgesamt gibt es im ehemaligen Jugoslawien zwei Millionen Vertriebene, die außerhalb der eigenen Orte und Häuser leben. Frau Memisevic vertritt die Ansicht, dass die internationale Gemeinschaft mit größerem Nachdruck dafür Sorge tragen müßte, Vertriebenen die Möglichkeit zur Rückkehr in ihre Heimatorte zu gewährleisten. Sie kritisiert auch, dass 80 % der Gelder für den Aufbau des Landes für Personalkosten ausgegeben werden. Nur zu 20 % fließen die Mittel dem eigentlichen Zweck zu.
Besonders beschämend ist die Tatsache, dass viele der damaligen Kriegsverbrecher noch immer auf freiem Fuß sind, und sogar hohe Positionen in öffentlichen Ämtern erlangt haben. Kriegsverbrecher haben einen Namen, haben ein Gesicht. Wir wollen, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden. Egal, welcher Nationalität sie sind."
Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass es bislang anscheinend keinen ausreichenden politischen Willen gibt, die eigentlichen Kriegsverbrecher, Karadzic und Milosevic, zu verhaften. Bisher zieht die SFOR meist nur die kleinen Fische zur Rechenschaft". Das Verurteilen der Kriegsverbrecher ist eine Voraussetzung für die Wiederbesiedlung mit Einheimischen. Erfahrungen haben gezeigt, dass in Gebieten, in denen die meisten Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt wurden, der meiste Zuwachs von ehemaligen Flüchtlingen herrscht. Gleichzeitig begünstigend für die Rückkehr der Vertriebenen wäre die Strategie, große Gruppen von 300 bis 3000 Personen in ihre angestammten Orte zurückzuführen. Dafür sind Orte ein Beweis, in denen es früher Todeslager gab, und in die zunehmend mehr Vertriebene zurückgekehrt sind.
(Die Zusammenfassung des Vortrags stammt von Silvia Brambring und Manuel Ott.)
Fragen an Fadila Memisevic
Marburger Forum: Frau Memisevic, wir haben Ihren Vortrag Ende letzten Jahres in Marburg gehört und dann Kontakt mit Ihnen in Sarajevo aufgenommen, weil wir der Meinung sind, dass es wichtig ist, über Ihre Arbeit im Forum zu berichten. Beginnen wir mit einigen Fragen, die sich aus dem Vortrag ergeben:
Wie ist heute die Situation der von Ihnen betreuten vergewaltigten und vertriebenen Frauen?
Fadila Memisevic: Die vergewaltigten Frauen in Bosnien-Herzegowina haben heute noch ein sehr schweres Leben. Die Mehrheit von ihnen lebt in serbischen Häusern oder Wohnungen und muss sie nun verlassen, da die ehemaligen Bewohner nun nach und nach zurückkehren. In die Orte, aus denen sie vertrieben wurden, können sie nicht zurück, da diejenigen, die sie vergewaltigt und gefoltert haben, noch immer frei sind. Sie sind psychisch sehr instabil, da ihnen keine adäquate medizinische Hilfe gewährleistet worden ist. Noch heute sieht man ihnen die Spuren der Vergewaltigung und Folter an wie auch Angst wegen der in Frage stehenden weiteren Existenz. Die Mehrheit von ihnen hat keine Arbeit, weshalb ihr Leben sehr schwer ist.
MF: Wie, auf welche Weise, leben und überleben diese Frauen, wie sieht ihr Alltag aus?
Fadila Memisevic: Es gibt spezielle Kliniken für diese Frauen wie "Medica" - Zenica oder "Amica" in Tuzla, die Kapazität dieser Kliniken ist jedoch bei weitem nicht ausreichend. Dort werden meistens diejenigen Frauen untergebracht, die aus diesem Gebiet kommen. Es gibt jedoch Tausende von vergewaltigten Frauen, die nicht die Möglichkeit haben, in solchen Kliniken behandelt zu werden.
MF: Mit welchen finanziellen Mittel müssen sie auskommen?
Fadila Memisevic: Ihr Leben ist sehr schwer. Viele von ihnen bekommen von den lokalen Regierungen Subventionen (1/2 kg Brot und 1 l Milch täglich). Sie fühlen sich vergessen und verlassen. Sie leben in der Angst, dass die ehemaligen Bewohner jeden Tag an ihre Tür klopfen könnten, was für sie ein wiederholtes Suchen nach einer neuen Bleibe bedeuten würde.
MF: Wer hilft ihnen und auf welche Weise?
Fadila Memisevic: Sie haben keine oder nur sehr kleine Einnahmen (100 DM monatlich). Eine Rente im Betrag von 100 DM haben nur ältere Frauen während die jüngeren absolut keine Einnahmen haben.
MF: Sie sprachen bei Ihrem Vortrag von den "vergessenen Frauen" - es gibt also keine Medienberichte mehr, und auch das Interesse der Menschen in Westeuropa, ihnen zu helfen, ist erlahmt?
Fadila Memisevic: Den Begriff "vergessene Frauen" benutze ich in dem Sinn, dass sie von allen vergessen wurden - von Politikern, der Internationalen Gemeinschaft wie auch von den Medien. "Vergewaltigte Frauen" waren nur 1993 ein Top-Thema für die internationalen Medien.
MF: Welche Erfahrungen haben Sie in diesem Zusammenhang mit den Medien oder Vertretern von Hilfsorganisationen gemacht?
Fadila Memisevic: Ich denke, es war sehr wichtig, dass die Medien über Menschenrechtsverletzungen und vor allem über Vergewaltigungen berichtet haben. Mit ihren Berichten haben sie die Öffentlichkeit informiert und sie hat dann auf die westlichen Politiker Druck gemacht, den Angriffskrieg auf Bosnien-Herzegowina zu stoppen.
MF: Können Sie für unsere Leser Ihre Kritik am Roten Kreuz erläutern?
Fadila Memisevic: Das
Internationale Rote Kreuz war zu "neutral", wenn es um die Aggression auf
Bosnien-Herzegowina geht. Weltweit ist die Tatsache bekannt, dass das Rote Kreuz eine
Woche vor dem US-Journalisten und Publizisten Roy Gutman Konzentrationslager wie Omarska,
Keraterm, Manjaca betreten hat, sie haben jedoch die Weltöffentlichkeit nicht darüber
informiert, was sie in diesen KZs gesehen haben. Dies musste dann eine Woche später Roy
Gutman machen und bezeichnete Omarska als ein Todeslager.
Heute, nach Ende des Krieges in Bosnien-Herzegowina, ist es die Aufgabe des Roten Kreuzes,
die Wahrheit über die 30.000 Vermissten, darunter mehr als 10.000 Männer aus Srebrenica,
herauszufinden. Es passiert oft, dass die Vertreter des Roten Kreuzes Totenscheine anhand
der gefundenen persönlichen Dokumente, die die Menschen bei der Flucht weggeworfen haben,
herausgeben. So passierte es z.B., dass sie einer Frau aus Srebrenica den Totenschein für
ihren Mann brachten, den sie unterzeichnen sollte. Sie war aber geschockt und sagte:
"Mein Ehemann sitzt im Zimmer nebenan und ist heil und gesund".
MF: Sie sprachen davon, dass 80% der Gelder für den Aufbau des Landes für Personalkosten ausgegeben werden. Woher stammen diese Gelder und um welche Personalkosten handelt es sich?
Fadila Memisevic: Dies entspricht der Wahrheit. Allein für das Amt des Hohen Repräsentanten für Bosnien-Herzegowina, Herrn Wolfgang Petritsch, hat die Internationale Gemeinschaft für das Jahr 2000 60 Millionen DM ausgegeben, davon 55 % die EU, 22 % USA, 10 % Japan, 4 % Russland, 3,3 % Kanada, Islamische Staaten 2,5 % und andere 5,479 %.
MF: Es ist für die hier lebenden Menschen vielleicht nicht ohne weiteres nachvollziehbar, dass die überlebenden Frauen 13 Millionen Mark für die Identifizierung ihrer Toten ausgeben wollen. Aber wahrscheinlich verstehen wir die Gesamtsituation der Frauen viel besser, wenn Sie uns hierzu einige Erläuterungen geben.
Fadila Memisevic: Hier handelt es sich um den Identifikationsprozess der Männer aus Srebrenica, die nach dem Fall dieser UN-Schutzzone am 11.Juli 1995 in Massenexekutionen liquidiert wurden. Es handelt sich hierbei um über 10.000 Menschen. Die Mütter aus Srebrenica, die diese Tragödie überlebt haben, haben innerhalb eines Tages alle Söhne, Ehemänner, Brüder, Väter, Verwandten, alle männlichen Familienmitglieder verloren. Die Knochen ihrer Liebsten befinden sich in Massengräbern oder, wenn sie exhumiert wurden, in Plastiksäcken in Kommemorativzentren und warten auf den Identifikationsprozess. Bis heute konnten 5.300 Überreste der Männer aus Srebrenica exhumiert werden, nur 53 wurden jedoch auch identifiziert. Die Knochen sind in einem schrecklichen Zustand, da Serben die Massengräber umgegraben haben, so dass der Identifikationsprozess nun zusätzlich erschwert ist. Die Mütter aus Srebrenica möchten, dass ihre Liebsten nach Gottes- und Menschengesetzen bestattet werden. Dafür muss man aber zuerst die Identifikation mit der DNA-Analyse durchführen. Diese Analyse wird von der Internationalen Kommission für Vermisste mit dem ehemaligen US-Senator Bob Dole an der Spitze durchgeführt. Allein für die Identifikation der Männer aus Srebrenica sind 13 Millionen US-Dollar benötigt.
MF: Vielleicht dürfen wir Ihnen eine private Frage stellen? Wie verkraften Sie die dauernde Konfrontation mit diesem Elend und diesem Leid? Kommt Ihnen das menschliche Schicksal nicht manchmal grauenhaft sinnlos vor?
Fadila Memisevic: Mit dieser Arbeit oder präziser gesagt mit den tragischen Schicksalen der Menschen befasse ich mich schon seit acht Jahren. Ich bin darüber nicht abgestumpft, sondern erlebe jede dieser Tragödien wie meine eigene. Meine Arbeit ist jedoch sinnvoll, denn ich kann den Leuten wirklich helfen. Wenn ich es schaffe, ihnen zu helfen, dann bekomme ich neue Kraft, die mich vorantreibt und mir hilft, mit Leuten zusammen zu sein, deren Leiden ich wirklich lindern kann.
MF: Wir haben in Marburg nach zwei philoSOPHIA-Veranstaltungen für die von Ihnen betreuten Frauen gesammelt und konnten 378 DM nach Sarajevo überweisen. Würden Sie uns sagen, wofür dieses Geld verwendet worden ist?
Fadila Memisevic: Das Geld, das in Marburg gesammelt worden ist, werden wir sofort der Sektion der ehemaligen weiblichen Lagerinsassen (vergewaltigte Frauen) übergeben. Sie werden es dann für Fahrkarten für ihre Mitglieder ausgeben, die wegen einer Therapie die Räume der Sektion besuchen müssen.
MF: Frau Memisevic, wir möchten Ihre Arbeit auch weiterhin unterstützen: indem wir über sie berichten, aber auch, indem wir dazu aufrufen, gerade für die vergessenen überlebenden Opfer des Krieges zu spenden. Bitte nennen Sie uns hier noch einmal die Konten, auf die Geld überwiesen werden kann.
Fadila Memisevic: Unsere Kontonummer lautet:
VOLKSBANK BH d.d. SARAJEVO
GESELLSCHAFT FUER BEDROHTE VOELKER
KONTONUMMER : 503022/5/6 002590
Das Gespräch führte Max Lorenzen.
Anhang: Zwei Aussagen betroffener Frauen (aus: Eine Dokumentation der Sektion Bosnien-Herzegowina der Gesellschaft für bedrohte Völker, November 2000)
N.N., 58, aus Bosanski Samac
"Während des gesamten Krieges und bis 1996 habe ich gemeinsam mit meinem 65jährigen Mann in Bosanski Samac in der Obilicev Venac Straße Nr. 15 gelebt. Jeden Tag wurden wir zur Zwangsarbeit abgeführt. Mein Ehemann musste Straßen fegen und Toiletten reinigen, ich musste für die Tschetniks die Kneipen putzen. Doch das war nicht alles. Oft schlugen und misshandelten sie uns. Am schlimmsten war es in der Nacht, wenn sie in unsere Wohnung kamen. Ich sollte für sie kochen, aber ich hatte nichts, was ich ihnen vorsetzen konnte. Deshalb zwangen sie mich, mich auszuziehen und vergewaltigten mich viele Nächte lang vor den Augen meines Ehemannes. Seitdem sind wir beide psychisch schwer krank. 1996 flohen wir über Minenfelder auf das Territorium der Föderation von Bosnien und Herzegowina. Es war uns gleichgültig, ob wir dabei getötet werden oder nicht, denn unser Leben war für uns nichts mehr wert.
Nun leben wir in Sarajevo in einer Wohnung, in der früher Serben lebten. In drei Monaten werden wir die verlassen müssen. Wir haben unsere eigene Wohnung in Bosanski Samac zwar zurückerhalten, aber sie ist nur noch eine Ruine. Nur die Außenwände sind noch geblieben. Und so hat unser Leiden kein Ende. Ich kann ohne Beruhigungstabletten nicht mehr leben. Manchmal muss ich bis zu 10 Tabletten täglich einnehmen und zittere trotzdem am ganzen Körper. Mein Ehemann ist schwer depressiv. Er spricht nicht mehr, hat sich in sein Schneckenhaus zurückgezogen, schweigt. Unser Psychiater hat uns empfohlen, uns in einer Fachklinik behandeln zu lassen, aber ich denke, dass wäre definitiv unser Ende. Oftmals denke ich darüber nach, zwei Handgranaten für uns zu kaufen und so unserem Leid ein Ende zu setzen - solange ich noch halbwegs normal bin und mir noch etwas Würde geblieben ist."
N.N., 30, aus Visegrad
"Was ich ihnen jetzt sagen werde, ist die Wahrheit; eine Wahrheit, von der die ganze Welt wissen sollte, denn sie hätte dieses Leid verhindern können und hat es nicht getan. Warum? Ich weiß es nicht, doch ich weiß, dass vor diesem unseligen Krieg das Leben sehr schön war, dass wir uns mit unseren Nachbarn gut vertragen haben, mit jenen Nachbarn, die mich dann festgenommen und ins Lager gebracht haben, die Tschetnik-Lieder gesungen haben, in denen sie mich beleidigten, und die ihr Serbentum verherrlicht haben. Diese gleichen Nachbarn haben mich ausgeraubt, geschlagen. Als letzte dieser Misshandlung folgte das Schrecklichste von allem: Die Vergewaltigung. Diese schreckliche Tat werde ich niemals vergessen können. Es ist das größte von allen Verbrechen, die ich erlitten habe, und es wurde in allen besetzten Städten Bosnien-Herzegowinas verübt, vor allem an Bosniakinnen.
Täglich hörte ich die gequälten Schreie der Gefolterten, die aus den Gängen und Räumen des Lagers heraus drangen. Ständig kamen neue Gruppen von Tschetniks. Bevor sie ihr blutiges Fest begannen, suchten sie Gold und Geld, aber da man uns bei der Festnahme schon alles weggenommen hatte, konnten wir ihnen nichts mehr geben. Daraufhin teilten sie regelmäßig fürchterliche Schläge aus. Auch dieses Schreckensbild werde ich niemals vergessen.
Noch heute, acht Jahre später, fühle ich mich sehr schlecht. Ich lebe in Sarajevo in einem serbischen Haus zusammen mit 12 Familienmitgliedern. Wie lange noch? Ich weiß es nicht. Ich lebe in der ständigen Ungewissheit, jeden Moment auf die Straße gesetzt werden zu können. Meine Familie wurde zur Hälfte ausgelöscht. Ich weiß nicht einmal, wo ihre Gräber sind. Es geht mir gesundheitlich sehr schlecht. Ich bin aggressiv. Meine Seele schmerzt, wenn ich daran denke, dass ich trotz allem überlebt habe. Schon oft habe ich daran gedacht, mich umzubringen, aber da sind auch meine Kinder. Was sollen sie ohne mich anfangen, auch wenn ich so armselig und zerquält bin und von Tag zu Tag immer mehr unter den an mir verübten Verbrechen leide. Ich kann mich einfach nicht mit der Tatsache abfinden, dass wir, die Frauen, als Opfer vergessen wurden."