Der Dichter als Seismograph

R. M. Rilke und die geistigen Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts *

Renate Scharffenberg (Marburg)

Ein Seismograph ist ein Instrument, das frühzeitig und genau Bewegungen im Innern der Erde aufzeichnet – es müssen nicht immer gleich schwere Erdbeben sein. Es sei mir erlaubt, dies als Bild zu übertragen auf die menschliche Fähigkeit, Veränderungen wahrzunehmen, die bei einzelnen stärker ausgebildet ist als bei uns anderen. Nicht dass Dichter prophetische Gaben hätten, ist damit gemeint, sondern dass sie ein besonderes Sensorium haben können für das, was entsteht und wächst, von Mitlebenden nicht sogleich wahrgenommen. Rilke fand dafür mehrfach eigene Umschreibungen.

In seinem Prager Vortrag über „Moderne Lyrik" vom 5.3.1898 heißt es:

„Wie die kleinste Menge Elektrizität sich in den isolierten Blättchen des Gold-Elektroskops nachweisen lässt, ehe die elektrische Wirkung sonst irgendwo bemerkbar wird, so rührt der Hauch der neuen Zeit auch erst an die Tiefen von einigen isolierten, einsamen Menschen, lange bevor die Menge die Strömung empfindet..." (S.W. 4, S. 369).

Einige Jahre später findet der Dichter (die Entstehungszeit wird zwischen 1902 und 1906 angenommen) ein eigenes Bild:

„Vorgefühl.

Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
die Türen schließen noch sanft, und in den Kaminen ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch schwer.

Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem großen Sturm." (S. W. 1, S. 402)

Gerade in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts finden sich die meisten von Rilke selbst veröffentlichten Hinweise auf seine aufmerksame Zeitgenossenschaft. Das hat mehrere Ursachen. Einmal hatte er sich von seinem umfangreichen Frühwerk abgewandt. Bis zu dem Band „Mir zur Feier" von 1899 hatte er ganz regelmäßig in jedem Jahr eine Gedichtsammlung veröffentlicht, daneben Dramen, Erzählungen und Zeitschriftenbeiträge, von denen er sich nun distanzierte – auch in späteren Jahren stimmte er ungern dem Erscheinen seiner „Frühen Gedichte" zu. Jetzt versuchte er auf einer neuen Stufe seines Schaffens neben der eigentlichen Arbeit am lyrischen Werk durch Essays, Künstlermonographien und Rezensionen die Grundlage für die wirtschaftliche Existenz seiner Familie zu schaffen: seit dem April 1901 mit der Bildhauerin Clara Westhoff verheiratet, hoffte er für sie beide und ihre Tochter Ruth eine Lebensgrundlage zu ‚erschreiben’. Nachdem dieser Versuch spätestens 1903 endgültig gescheitert war, ging die im engeren Sinne schriftstellerische Tätigkeit Rilkes zurück und wir finden Zeugnisse für seine Teilnahme am Zeitgeschehen und den geistigen Bewegungen seiner Zeit eigentlich nur noch in den Briefen, soweit sie nicht ins dichterische Werk selbst eingegangen sind.

Wo nun beginnen? Im Juni 1902 bringt das Bremer Tageblatt Rilkes Besprechung vom Buch der schwedischen Schriftstellerin Ellen Key: „Das Jahrhundert des Kindes", das soeben in deutscher Übersetzung erschienen ist (S. W. 5, S. 585). Rilke betont, es sei dies „ein Ereignis,, ein Dokument, über das man nicht wird hinweggehen können". Um nur einige Passagen zu zitieren: „Vom Rechte des Kindes handelt dieses Buch, und nun sieht man mit einem Male ein, dass es, nachdem die Frau der jahrhundertelangen Sklaverei entwachsen ist, das Nächste sein wird, den Kindern die Freiheit zu geben." Rilkes spürbare Ergriffenheit vom Ton und der Konsequenz des Buches, besonders, was die Erziehung durch Eltern und Schule angeht, ist gewiß durch seine eigenen Kindheitserfahrungen geprägt – wurde er doch als Zehnjähriger ohne viel Vorbereitung aus der verzärtelnden Obsorge der Mutter, die seine Talente bewunderte, in die harte Realität der Militärschule von St.Pölten verbracht, wo ihm der Unteroffizier, der die steifen Uniformen ausgab, das goldene Kettchen mit dem Amulett vom Halse riß. „Es gibt keine Eltern, welche in ihrem Kinde, vom ersten Tage an, die neue Individualität sehen und achten", betont er in seiner Rezension, und weiter: „Während der ganzen jahrelangen Schulzeit lässt man das Kind selbst, seine Bedürfnisse, Sorgen und Hoffnungen, nicht ein einziges Mal zu Worte kommen und gebraucht es nur als Reproduktionsmaschine fertiger Phrasen und Formeln, die es, auf das Marterrad des Examens gespannt, möglichst tadellos wiederholen muß". Jede Schulreform müsse vom Kinde ausgehen – aber auch Ellen Key träume nur von einer neuen Schule. Dabei, so meint Rilke, werde dies Jahrhundert zu den größten gehören, wenn an seinem Ende, also jetzt, dieser Traum erfüllt sein sollte.

Tatsächlich hatte Rilke zwei Jahre später in Göteborg Gelegenheit eine dem Traum Ellen Keys schon sehr nahe kommende Schule kennen zu lernen, die er in seinem Essay „Samskola" beschreibt (S.W. 5, S. 672; veröffentlicht in: Die Zukunft, Berlin, 1.1.1905). Er beginnt:

Ich werde erzählen, was sich neulich in Gothenburg begeben hat. Es ist merkwürdig genug. Es geschah in dieser Stadt, dass mehrere Kinder zu ihren Eltern kamen und erklärten, sie wollten auch nachmittags in der Schule bleiben, auch wenn kein Unterricht ist, immer. Immer? Ja, soviel wie möglich. In welcher Schule? Ich werde von dieser Schule erzählen." Rilke beschreibt die „völlig unimperativische Schule", die Eltern und Lehrer gemeinsam gegründet haben und in der die Kinder die Hauptsache sind: „Man begreift, dass damit verschiedene Einrichtungen fortfallen, die an anderen Schulen üblich sind. Zum Beispiel: jene hochnotpeinlichen Untersuchungen und Verhöre, die man Prüfungen genannt hat, und die damit zusammenhängenden Zeugnisse...". Er beschreibt eingehend das Klima an dieser Schule, die bis in die Einrichtung hinein wenig mit den üblichen Lehranstalten gemein hat und vieles einschließt, was für die Zukunft vorbereitet – spielerisch und ernsthaft. „Denn ganz leise nur, ohne Last, liegt das Netz des Stundenplanes über den Tagen. Es wird oft verschoben. Die Wochen gehen einem nicht mit der monotonen Eile eines Rosenkranzes durch die Finger. Jeder Tag fängt an als etwas Neues und bringt unerwartete und erwartete und völlig überraschende Dinge. Und für alles ist Zeit..."Samskola" bedeutet „Gemeinschule", eine gemeinsame Schule für Knaben und Mädchen, für Kinder, Eltern und Lehrer. Besonders hebt Rilke hervor, dass es an dieser Schule keinen förmlichen Religionsunterricht gibt – und daran schließt sich ein weiterer pädagogischer Aufsatz Rilkes an, „Religionsunterricht?", den er für die Vereinigung für Schulreform in Bremen verfasste. (S.W. 5, S. 683) Man muss sich vielleicht klar machen, dass an den öffentlichen Schulen damals die Kinder nach Stand, Geschlecht und Bekenntnis getrennt unterrichtet wurden.

Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Rilke sich des Buches von Ellen Key annahm, mit der ihn später eine herzliche Freundschaft verband: zu Beginn des letzten Jahrhunderts kamen aus den skandinavischen Ländern bedeutende Impulse für das geistige Leben in Deutschland. Für die Philosophie war es Sören Kierkegaard, dessen Briefe an seine Verlobte Rilke 1904 in größeren Abschnitten übersetzte (S.W. 7, S. 1041). Auf dem Theater hatten Henrik Ibsen und August Strindberg die stärkste Wirkung, in der Malerei war es Edward Munch. Für Rilke waren von großer Bedeutung Jens Peter Jacobsen, dem eine Monographie zu widmen, er lange hoffte, und Herman Bang. Aber unter seinen Rezensionen fällt auf, dass er fast ein Viertel zeitgenössischen skandinavischen Autorinnen widmete, was sicher nicht nur damit zusammenhing, dass sein damaliger Verleger, der Däne Axel Juncker, ihn auf die eine und andere aufmerksam gemacht hatte. Für Rilke standen Autorinnen gleichberechtigt neben ihren männlichen Schriftstellerkollegen und er legte keineswegs geringere Maßstäbe für sie an. Während er einige Jahre lang für Juncker als eine Art Lektor fungierte, wird das aus seinen Gutachten deutlich.

Unter den von Rilke besprochenen Büchern finden sich auch die Frühwerke zweier späterer Nobelpreisträger, doch auch ein Beweis für seine Fähigkeit Bedeutendes früh zu erkennen. Es waren Thomas Mann und Hermann Hesse. Hesses erster Prosaband, eine Sammlung von Studien in der Nachfolge von Dantes „Vita Nuova" unter dem Titel „Eine Stunde nach Mitternacht", erschienen 1899 bei Eugen Diederichs in einer besonders schön ausgestatteten Ausgabe, erinnerte Rilke im Ton wohl an sein „Stunden-Buch": „Der Anfang der Kunst ist Frömmigkeit... Die Worte sind wie aus Metall gemacht und lesen sich langsam und schwer. Die vielen Bilder vereinfachen hier den Stil", wie es zur „Frau Gertrud", des siebenten Teils heißt. Und weiter: „Für die anderen Teile des Buches erscheint er nicht in gleichem Maße unwillkürlich. Er hängt nicht genug mit dem Stoff zusammen und seine Schönheiten verschmelzen nicht mit ihm: dadurch kommt etwas Abstraktes in das Buch. Es ist eine gewisse Sonntagssprache darin, und der Autor scheint noch wenige Sonntage gefühlt zu haben: zu neu und unbenützt erweist sich manches Wort. Dennoch ist das Buch sehr unliterarisch. An seinen besten Stellen ist es notwendig und eigenartig..." (S.W. 5, S. 466) Rilkes Besprechung entstand im August 1899.

Zweieinhalb Jahre später bei der Rezension der „Buddenbrooks" von Thomas Mann spricht Rilke in sachlicherem Ton: „Man wird sich diesen Namen unbedingt notieren müssen. Mit einem Roman von elfhundert Seiten hat Thomas Mann einen Beweis von Arbeitskraft und Können gegeben, den man nicht übersehen kann. Es handelte sich ihm darum, die Geschichte einer Familie zu schreiben, welche zugrunde geht, den ‚Verfall einer Familie’. Noch vor einigen Jahren hätte ein moderner Schriftsteller sich damit begnügt, das letzte Stadium dieses Verfalls zu zeigen, den Letzten, der an sich und seinen Vätern stirbt. Thomas Mann hat es als ungerecht empfunden, in einem Schlusskapitel die Katastrophe zusammenzudrängen, an welcher eigentlich Generationen arbeiten, und er hat, gewissenhaft, dort begonnen, wo der höchste Glücksstand der Familie erreicht ist. Er weiß, dass hinter diesem Höhepunkt notwendig der Abstieg beginnen muß, erst in kaum merkbarer Senkung, dann immer jäher und jäher und schließlich senkrecht abfallend in das Nichts". Eigentlich sollte man die gesamte Rezension zitieren, von der Thomas Mann noch 1941 sagte: „...daß Rilke eine der ersten und besten Besprechungen von ‚Buddenbrooks’ geschrieben hat". Noch ein weiteres Beispiel: „Thomas Mann fühlte ganz richtig, daß er, um die Geschichte der Buddenbrooks zu erzählen, Chronist werden müsse, das heißt ruhiger und unerregter Berichterstatter der Begebenheiten, und daß es sich trotzdem darum handeln würde, Dichter zu sein, und viele Gestalten mit überzeugendem Leben, mit Wärme und Wesenheit zu erfüllen. Er hat beides in überaus glücklicher Weise vereint..." Rilke geht dann – wie könnte es anders sein – auf den kleinen Hanno ein: „Auch der letzte... geht mit nach innen gekehrtem Blick umher, aufmerksam die innere seelische Welt belauschend, aus der seine Musik hervorströmt. In ihm ist noch einmal die Möglichkeit zu einem Aufstieg (freilich einem anderen als Buddenbrooks erhoffen) gegeben: die unendlichen Möglichkeiten eines großen Künstlertums, die nicht in Erfüllung geht. Der kränkliche Knabe geht an der Banalität und Rücksichtslosigkeit der Schule zu Grunde und stirbt am Typhus..." (S.W. 5, S. 577)

Wiederum zwei Jahre später, im Frühjahr 1904. beginnt Rilkes Arbeit an seinem „Prosa-Buch", das er selbst niemals als „Roman" bezeichnete, an den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", die er erst im Januar 1910 abschließen kann. Die erste Fassung des Anfangs sieht einen Erzähler vor, zu dem der junge Däne – hier hat er noch keinen Namen – einmal gesprochen hat: „Nun sind Jahre vergangen. Ich wohne an einem anderen Orte. Ich höre seine Stimme nichtmehr und mir ist, als hätte ich alle jene Begebenheiten, von denen sie zitterte, in einem Buche gelesen. Trotzdem, ich weiß, daß es dieses Buch nicht giebt, und darum soll es in diesen einsamen Tagen geschrieben werden. (S.W. 6, S. 949). Soweit dieser Vorentwurf.

Noch die zweite Fassung des Anfangs sieht vor, dass „erzählt" wird, diesmal von Malte Laurids Brigge selbst, der einen „von den wenigen Bekannten" besucht, „die er in Paris besaß". Eine Situation am Kamin wird geschildert, in der Brigge dann zu erzählen beginnt: „Zwölf Jahre oder höchstens dreizehn muß ich damals gewesen sein. Mein Vater hatte mich nach Urnekloster mitgenommen..." (S.W. 6, S. 950). Dieses berühmte Kapitel hat Rilke im folgenden Jahr bei seinem Besuch auf Schloss Friedelhausen neugewonnenen Freunden vorgelesen und 1909 in der Neuen Rundschau vorveröffentlicht.

Erst in einem nächsten Arbeitsschritt verzichtet Rilke auf alles herkömmliche Erzählen, die „Aufzeichnungen" setzen als eben solche ohne jede Einführung ein mit den Zeilen „11.September, rue Toullier. / So, hierher kommen die Leute um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier..." (S.W. 6, S. 709) Und damit beginnt der erste große deutsche Text der Moderne. Man kann dieses Werk aufschlagen, wo man will, nichts ist vorgegeben. Rilke verzichtet auf eine tradierte Form: die Sicht Maltes ist eingeschränkt und zwingt den Leser in seine Blickrichtung. An seinen polnischen Übersetzer schreibt Rilke, den jungen Malte Laurids Brigge verlange es danach „das fortwährend ins Unsichtbare sich zurückziehende Leben über Erscheinungen und Bilder sich fasslich zu machen; er findet diese bald in den eigenen Kindheits-Erinnerungen, bald in seiner Pariser Umgebung, bald in den Reminiszenzen seiner Belesenheit" (10.11.1925). Also verzichtet der Autor auf eine fortlaufende Handlung und wir erfahren nicht, was aus Malte wird, auch wenn sein „Untergang" gewiss erscheint. In einem Brief an Gräfin Manon zu Solms-Laubach (nach Marburg) heißt es: „Es ist nur so, als fände man in einem Schubfach ungeordnete Papiere und fände vorderhand nicht mehr und müsste sich begnügen" (11.4.1910). Das wird freilich der Komposition des Buches kaum gerecht, denn die „mächtige Zusammenfassung der Bruchstücke" verlangt vom Leser, dass er den inneren Zusammenhang selbst ermittelt. Aber nicht nur in der Form, vor allem in der Thematik sind die „Aufzeichnungen" ein eminent modernes Buch: hier ist die Großstadt Gegenstand einer überaus kritischen Auseinandersetzung: Paris ist dargestellt wie eine riesige Zentrifuge, aus der an den Rand geschleudert wird, wer krank und arm ist, wer nicht mithalten kann in der schönen neuen Welt. Dabei erinnere ich mich besonders an einen Abschnitt, den ich vor sechzig Jahren zuerst gelesen habe und den ich nie vergaß. Malte sieht eine Wand, die von einem abgerissenen Haus stehen geblieben ist. Diese Wand wurde sicher nicht nur für mich eine Vorwegnahme aller jener Ruinenwände, die wir im Krieg vor Augen hatten in den zerstörten Städten. Für Malte beginnt diese Zerstörung viel früher.

Ehe wir uns einem weiteren Aspekt von Rilkes Zeitgenossenschaft zuwenden, möchte ich noch auf zwei Beispiele seiner aufmerksamen Teilnahme am literarischen Leben hinweisen. Einmal ist dies seine zustimmende Entdeckung der Gedichte des jungen Franz Werfel unmittelbar nach ihrem ersten Erscheinen. Am 24.7.1913 schreibt Rilke an Katharina Kippenberg: „Herrliches Buch Gedichte entdeckt von Franz Werfel ‚Wir sind’", und am 8.8.1913: „Was mich sonst am meisten, fast täglich, beschäftigt, ist, seit den Leipziger Tagen, jener junge, ich kann nicht weniger sagen, große Dichter Franz Werfel, den ich mir dort entdeckte und der mich immer tiefer ergreift." Rilke hatte dies Erstlingswerk auf einem Tisch im Insel-Verlag gefunden. Es war bei Kurt Wolff erschienen, dem mit Rilke gut bekannten Verleger der nächsten Generation, der Expressionisten, zu denen auch Werfel gehört. Noch im Spätsommer dieses Jahres entstand Rilkes Prosaarbeit „Über den jungen Dichter" mit der für den geplanten Druck (der dann erst aus dem Nachlass 1931 zustande kam) bestimmten Vorbemerkung: „Für den Verfasser war die vielfach beglückende Beschäftigung mit den Gedichten Franz Werfels gewissermaßen die Voraussetzung zu diesem Aufsatz. Es sei daher auf Werfels beide Bände Gedichte (‚Der Weltfreund’ und ‚Wir sind’) an dieser Stelle hingewiesen".

Über den zweiten, etwas späteren Eindruck durch das Werk eines Jüngeren sind wir weniger gut unterrichtet. Aus dem Jahr 1914 erinnert eine Freundin, Rilke habe damals Kafka gelesen, und in seiner Bibliothek finden sich „Die Verwandlung", „Das Urteil" und „Ein Hungerkünstler. Vier Geschichten". – Gleichzeitig mit der Entstehung seiner „Sonette an Orpheus" im Februar 1922 dankt Rilke dann am 17.2.1922 Kurt Wolff für eine Büchersendung: „ – nur das Buch Kafka’s hab ich mir schon jetzt, gestern Abend, mitten in anderen Beschäftigungen, vorweggenommen. Ich habe nie eine Zeile von diesem Autor gelesen, die mir nicht auf das Eigenthümlichste mich angehend oder erstaunend gewesen wäre. Und da ich, wie Sie mich so freundlich erkennen lassen, wünschen darf, so merken Sie mich, bitte, immer ganz besonders für alles vor, was von Franz Kafka bei Ihnen an den Tag kommt. Ich bin, darf ich Sie versichern, nicht sein schlechtester Leser. (Wie schön ist übrigens diese Edition der ‚Kleinen Erzählungen‘!)" Kurt Wolff hatte Rilke „Ein Landarzt. Kleine Erzählungen" (1919) gesandt.

Man mag es kaum für zufällig halten, dass Werfel und Kafka wie Rilke aus Prag stammen, auch wenn dies für Rilke gewiss keine Bedeutung hatte.

Zurück zur Jahrhundertwende: Vor einigen Jahren zeigte die Ausstellung „Rainer Maria Rilke und die bildende Kunst" die große Bedeutung, die seiner Beschäftigung mit Malerei, Skulptur und Kunsthandwerk vor allem um und seit 1900 zukam. Rilke spielte eine Zeitlang mit dem Gedanken, ob er nicht – neben der Arbeit am Werk – Kunstschriftsteller sein könne.

Ich greife einiges aus der Fülle der Zeugnisse heraus. Zunächst den Bereich der Buchkunst: Rilkes erste Buchausgaben waren in Ausstattung und Druck dem 19.Jahrhundert verhaftet – das führte zu seiner Auseinandersetzung mit Verlegern und Druckern um die Auswahl von Illustrationen (etwa durch seinen Freund Heinrich Vogeler, den Jugendstilkünstler ) zur typographischen Gestaltung, wovon z.B. seine Briefe an Axel Juncker handeln. „Wenn Sie das Buch in Ihren Verlag nehmen wollen, dann wollen wir zusammentreten und ein sehr schönes Buch machen mit denselben Mitteln der Einfachheit, die wir bei den ‚Letzten’ anzuwenden versucht haben. Es soll festlich und einfach zugleich sein. Wie ich mir die Ausstattung denke ist rasch gesagt; an der Hand der Schriftproben, die ich hier beilege ist fast der ganze Styl, des sonst ganz schmucklosen Buches zu bestimmen..." Weiter heißt es: „Es giebt nichts Unwichtiges, nichts unfestliches da. Jedes Wort, das mitgehen darf im Triumphzug des Verses, muß schreiten und das Kleinste darf dem größten nicht nachstehen an äußerer Würde und Schönheit." (7.11.1901) Auch zum Format hat Rilke genaue Vorstellungen und das Titelblatt vom „Buch der Bilder", um das es sich hier handelt, schmückt eine eigens entworfene Vignette Vogelers, eine Fontäne.

In seinen Münchner und Berliner Jahren (1897–1900) schrieb Rilke „Kunstbriefe" für verschiedene Zeitungen, in denen er von Ausstellungen moderner Kunst, besonders moderner Malerei, berichtete. Und nach seinen Reisen in Russland bemühte er sich, die Künstler, denen er in Moskau und St.Petersburg begegnet war, im Westen bekannt zu machen.

Schließlich – während der schon gekennzeichneten wirtschaftlichen Schwierigkeiten der kleinen Familie – kam es dann zu zwei Auftragsarbeiten: so der Monographie „Worpswede" (1902), in der Rilke fünf Maler dieser Künstlergruppe darstellte.

Hier heißt es „Zum Eingang. Dieses Buch vermeidet es zu richten. Die fünf Maler, von denen es handelt, sind Werdende. Was mir bei der Betrachtung eines jeden Einzelnen vorbildlich war, lautet mit Jacobsens Worten: ‚Du sollst nicht gerecht sein gegen ihn; denn wohin kämen die Besten von uns mit der Gerechtigkeit; nein; aber denke an ihn, wie er die Stunde war, da du ihn am tiefsten liebtest..." (S.W. 5, S. 8) Tatsächlich hat Rilke sich nicht zum Kunstrichter aufgeworfen – da, wo er nicht zustimmen konnte, hat er geschwiegen, und so ist es nicht zu verwundern, dass aus dem Plan der Kunstschriftstellerei nichts werden konnte, ihm ging es nicht darum, zu kritisieren, sondern zu ermutigen, anzuerkennen, was geleistet war – allenfalls zu kennzeichnen, wohin Wachstum führen könne.

Die zweite Monographie dieses Jahres war „Auguste Rodin" gewidmet und ist ein Buch geworden, das bis in die Gegenwart weiterwirkt. Für die erste Fassung suchte Rilke den Bildhauer in Paris auf, mit dem ihn seither eine unerhört fruchtbare, wenn auch schwierige Beziehung verband. Rilke hat sich lange als dessen Schüler empfunden, in erster Linie, was seine Fähigkeit zu Sehen betraf, die ihre erste Ausprägung in den „Neuen Gedichten" (1907/08) fand. Rilkes Buch beginnt mit den berühmten Worten: „Rodin war einsam vor seinem Ruhme. Und der Ruhm, der kam, hat ihn vielleicht noch einsamer gemacht. Denn Ruhm ist schließlich nur der Inbegriff aller Mißverständnisse, die sich um einen neuen Namen sammeln..." (S.W. 5, S. 141). In der Begegnung mit Rodin hatte Rilke in seiner Fähigkeit, das zu erspüren, was für seine eigene Entwicklung von Bedeutung sein würde, untrüglich die Anregungen gefunden, die ihm seine eigene Arbeit auf einer neuen Stufe ermöglichten: der Schritt vom „Stunden-Buch" zu den „Neuen Gedichten", wahrlich ein großer Schritt, ist ohne das Vorbild Rodin nicht zu denken.

Auch in diesem Zusammenhang möchte ich auf einen weiteren Künstler verweisen, auf den uns Rilke aufmerksam macht. Er fand 1904 in der Internationalen Kunstausstellung in Düsseldorf, wo er die Bilder des ihm aus Paris bekannten spanischen Malers Ignacio Zuluoga sehen wollte, einige Gemälde des dänischen Malers Vilhelm Hammershöj, die ihn so stark beeindruckten, dass er den Maler Anfang Dezember 1904 in Kopenhagen aufsuchte. Den Kontakt stellte für ihn der Sammler Alfred Bramsen her, ein Zahnarzt, der eine größere Anzahl von Bildern Hammershöjs besaß. An diesen schrieb Rilke mehrere Briefe, die einzigen Zeugnisse dafür, dass er vorhatte, dem Künstler eine Monographie zu widmen: „Das Werk dieses großen Künstlers hat nicht aufgehört, meine Gedanken zu erfüllen" (22.11.1904). Er werde eigens noch einmal nach Kopenhagen kommen, um die Arbeiten im Besitz Bramsens eingehend zu betrachten, und er hoffe auf einen Besuch bei dem Maler, den er Lou Andreas-Salomé ankündigt. An seine Frau schreibt er am 4.12.1904: „...Gestern habe ich zum erstenmal Hammershöj gesehen... Er ist anders als auf seinen Selbstporträts, älter und weniger schlicht, weil langes Haar und ein vollwachsender Bart das Gesicht über seine einfachen Konturen hinaus erweitern und scheinbar komplizieren. Aber ich bin sicher, je öfter man ihn sieht, desto deutlicher wird man ihn erkennen, und desto mehr wird man seine wesentliche Schlichtheit finden. Ich werde ihn wiedersehen, ohne mit ihm zu sprechen, denn er spricht nur Dänisch und versteht kaum Deutsch. Man fühlt, daß er nur malt und nichts anderes kann oder will..." Im folgenden Jahr erläutert er Bramsen, warum es ihm bisher nicht gelungen sei, sich über das Werk Hammershöjs zu äußern; er habe sich noch nicht intensiv genug in dessen Bilder vertiefen können, habe aber den Plan, über ihn zu schreiben, keineswegs aufgegeben (11.11.1905). Rilke ist später nicht wieder in Dänemark gewesen.

Wenn man die Gemälde Hammershöjs sieht, der als Maler erst vor nicht langer Zeit wiederentdeckt worden ist, versteht man sogleich, was Rilke zu ihm hingezogen hat. Er ist der Maler der Einsamkeit und des Lichtes, wie man ihn heute charakterisiert; seine Landschaften, seine Interieurs und die Porträts strahlen eine unbeschreibliche Stille aus. Graue und braune Töne herrschen in seinen Bildern vor, dies jedoch in unglaublich feinen Abstufungen – er ist ein Vermeer seiner Tage genannt worden, und man vergleicht ihn mit Caspar David Friedrich. Auch er könnte Gedichte aus Rilkes späterem Werk inspiriert haben.

*

Wenn wir nun auf die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und Brüche zu Beginn des 20.Jahrhunderts eingehen wollen, so ist der tiefste Einschnitt, die Entfesselung des Weltkrieges, für Rilke von entscheidender Bedeutung gewesen. Zuvor war er unpolitisch im landläufigen Sinne, jetzt musste sich das ändern. Allerdings darf man seine Ausgangssituation nicht übersehen: schon als Knabe in Prag, deutsch unter Tschechen, dann als Militärschüler für eine ihm unzuträgliche Laufbahn bestimmt, in Prag wiederum, wo er im Privatunterricht auf das Abitur vorbereitet wurde, um später die Kanzlei des wohlhabenden Onkels, der für die Kosten auch des Jurastudiums aufkommen wollte, zu übernehmen – stets musste er sich als Außenseiter empfinden, auch wenn er im Strom der literarischen Kreise der Stadt eine Zeitlang mitzuschwimmen schien. Nach den ersten längeren Aufenthalten in Deutschland lebte er seit 1905 fast dauernd in Paris, unterbrochen durch weite Reisen. Damals konnte man in Europa ohne Ein- und Ausreisegenehmigungen zwischen Russland und Spanien, Schweden und Italien unterwegs sein und als ein Europäer hat Rilke sich schon damals am ehesten empfunden.

Ein wichtiges Dokument noch aus früherer Zeit ist Rilkes „Offener Brief an Maximilian Harden", den Herausgeber der „Zukunft" vom 9.Februar 1901. Es geht um einen in Wien abgelaufenen Strafprozess, in dem der Angeklagte unter dem Beifall der Presse zum Tod durch den Strang verurteilt wird. Nun handelt es sich um einen wirklich abscheulichen Tatbestand, auf den ich nicht näher eingehen möchte. Wichtig ist, dass Rilke sich gegen die Vertreter der Staatsmacht und des Rechts wendet, die ohne jedes Einfühlungsvermögen und auf Grund mangelhafter Ermittlungen über einen Unglücklichen den Stab brechen. Besonders aufgebracht ist Rilke über den Missbrauch der rhetorischen Mittel, die Staatsanwalt und Verteidiger anwenden und über den Richter, dem es um billige Lacherfolge beim Publikum geht. Der Brief Rilkes wird nicht in Wien und auch in Berlin an entlegener Stelle veröffentlicht, ist also kein lauter Protest gegen die Todesstrafe, trotzdem wird das Engagement des Autors für einen gequälten Außenseiter deutlich. Übrigens wurde das Urteil auch aus manchen der von Rilke vorgebrachten Einwänden, aber unabhängig von diesen, alsbald aufgehoben und in eine Kerkerstrafe umgewandelt.

Bei diesem Schritt in die Öffentlichkeit ist es dann geblieben. Das heißt jedoch nicht, dass Rilke nicht in aller Deutlichkeit Stellung genommen hätte, wo es ihm möglich war, in Briefen an seine Zeitgenossen vor allem, auch an die, von deren Entscheidungen er sich etwas versprechen konnte. Gesammelt liegen diese „Briefe zur Politik" seit 1992 vor, sie haben das Bild Rilkes in der Rezeption durch Forscher und Freunde erheblich korrigiert, zumal bei der ersten Veröffentlichung von Rilkes Briefen in den 30er Jahren alles ‚nur Zeitgebundene’ fortgelassen wurde. Im folgenden werde ich mich an den ‚politischen Briefen’ orientieren.

Zunächst allerdings möchte ich auf eine sehr umstrittene Gedichtfolge Rilkes eingehen, die „Fünf Gesänge" bei Ausbruch des Krieges, die heutzutage viele Leser peinlich berühren mögen.

„Zum ersten Mal seh ich dich aufstehn
hörengesagter fernster unglaublicher Kriegs-Gott..."

Diese Mythisierung des Krieges nimmt Rilke zwar schon im dritten der „Gesänge" ein Stück weit zurück:

Seit drei Tagen, was ists? Sing ich wirklich das Schrecknis,
wirklich den Gott, den ich als einen der frühern
nur noch erinnernden Götter ferne bewundernd geglaubt?...",

aber zunächst hatte er doch reagiert auf das, was die Menschen damals bewegte – auch darin ein Seismograph – unwillentlich ausschlagend. Er hat später ganz schroff betont: „Die Welt ist in die Hände der Menschen gefallen..."

Rilke selbst schreibt dazu: „ die ersten Tage trieb mein Geist in der großen allgemeinen Strömung, konnte auf seine Art mit; dann besann ich mich als unsäglich Einzelner, auf mich selbst, auf mein altes, mein bisheriges Herz (das ich nicht aufgeben kann)..." (29.8.1914), und etwas später: „In den ersten Augusttagen ergriff mich die Erscheinung des Krieges, des Kriegs-Gottes... jetzt ist mir längst der Krieg unsichtbar geworden, ein Geist der Heimsuchung, nicht mehr ein Gott, sondern eines Gottes Entfesselung über den Völkern" (6.11.1914).

Rilke, der ahnungslos für einige Wochen aus Paris abgereist war und alle Habe dort verlor, weil er während des Krieges die Miete nicht zahlen konnte– es kam zur Versteigerung, aus der einige Freunde nur persönliche Papiere retten konnten – beschreibt seine Situation im Brief an Ilse Erdmann vom 11.9.1915: Um zu wissen, wie arg mir diese Zeitläufte anhaben, müssen Sie wissen, daß ich nicht ‚deutsch’ empfinde, – in keiner Weise, ob ich gleich dem deutschen Wesen nicht fremd sein kann, da ich in seiner Sprache, bis an die Wurzeln ausgebreitet bin, so hat mir doch seine gegenwärtige Anwendung und sein jetziges aufbegehrliches Bewußtsein, soweit ich denken kann, nur Befremdung und Kränkung bereitet; und vollends im Oesterreichischen, das durch die Zeiten ein oberflächliches Kompromiß geblieben ist (die Unaufrichtigkeit als Staat), im Oesterreichischen ein Zu-hause zu haben, ist mir rein unausdenkbar und unausfühlbar! Wie soll ich da, ich, dem Russland, Frankreich, Italien, Spanien, die Wüste und die Bibel das Herz ausgebildet haben, wie soll ich einen Anklang haben zu denen, die hier um mich großsprechen!"

Rilke war während der Kriegszeit dauernd bemüht zu erfahren, was wirklich geschah und hielt sich deshalb zeitweilig in Berlin auf, wo er Verbindungen schloss zu Walter Rathenau, Harry Graf Kessler, Richard von Kühlmann und dies trotz aller Hoffnungslosigkeit doch in dem Gedanken, es könne aus einer derartigen Katastrophe doch etwas Neues, das Alte Überwindendes erwachsen. Dieser Gedanke beseelte ihn auch, als in Rußland die Revolution ausgebrochen war. Vor Weihnachten 1917 schreibt er: „Ich werde nichts feiern in meinem Hotelzimmer, – wäre nicht der Gedanke an das herrliche Rußland, ich hätte keinen, der mir zuversichtlich und erbaulich wäre. Wie erkenn ich’s nun wieder. Dieser Aufruf der Regierung von vorgestern, mit der Überschrift: ‚an alle, die leiden und ausgenutzt worden sind’.... dies als Sprache einer Regierung,: neue Zeit, Zukunft, endlich!" (17.12.1917) Bei diesem Aufruf „an die Völker Europas" handelt es sich um den Aufruf Trotzkis als Außenkommissar im Anschluss an Lenins „Dekret über den Frieden"

Im Zusammenhang mit dem wirklichen Ende der Kriegshandlungen hat sich ein Briefentwurf Rilkes an den Reichskanzler Prinz Max von Baden erhalten, der sich auf das Waffenstillstandsangebot an die Alliierten bezieht: „Denn die Entschließung, die seit zwei Tagen der Welt gehört, eröffnet unerschöpflich den dringenden Ausblick in eine neue Zeit. Die Möglichkeit ist vielleicht nie so vollkommen dagewesen, ein neues Blatt der Geschichte aufzuschlagen ... „ (6.10.1918). Aus den folgenden Tagen und Wochen häufen sich die Zeugnisse von Rilkes aktiver Teilnahme an den Ereignissen in München, besonders eindrucksvoll sind seine Berichte von Anfang November. So beschreibt er in einem langen Brief an Clara Rilke eine Versammlung in München, auf der Max Weber sprach: „Plötzlich stieg ein blasser junger Arbeiter hinauf, sprach ganz einfach: ‚Haben Sie oder Sie, habt Ihr’, sagte er, ‚das Waffenstillstandsangebot gemacht? und doch müssten wir das tun, nicht diese Herren da oben; bemächtigen wir uns einer Funkenstation und sprechen wir, die gewöhnlichen Leute zu den gewöhnlichen Leuten drüben, gleich wird Friede sein!" Rilke fährt fort: „Solche Momente sind wunderbar, und wie hat man sie gerade in Deutschland entbehren müssen, wo nur die Aufbegehrung zu Worte kam, oder die Unterwerfung, die in ihrer Art auch nur ein Machtanteil der Untergebenen war." (7.11.1918).

Aus diesen Novembertagen berichtet Oskar Maria Graf später: „In Rilkes Atelierwohnung in der Ainmillerstraße kamen aktive Revolutionäre wie Toller oder der Kommunist Kurella mit seinem jungen Kreis, kamen Schriftsteller und bürgerliche Männer, die es aufrichtig mit der Revolution meinten. Sie wussten, daß Rilke über den Krieg, den er tief verabscheute, der ihn schöpferisch völlig lahmgelegt und fast zermalmt hatte, nie ein Wort in der Öffentlichkeit hatte verlauten lassen..." Rilke war damals patriotischen Freunden wie seinem Verleger Anton Kippenberg und dem Bankier Karl von der Heydt unendlich voraus in seiner Beurteilung der Lage und ließ es auf Konflikte ankommen – doch dann wurde in München im Februar 1919 Kurt Eisner ermordet, der von Rilke geschätzte Ministerpräsident der neuen Münchner Regierung, und die Freicorps ‚eroberten’ die Stadt. Es ist bezeugt, dass Rilke damals nicht nur Ernst Toller bei seiner Flucht geholfen hat und selbst überwacht, seine Wohnung durchsucht wurde. Tief enttäuscht zog er sich zurück und bereitete eine Reise ins Ausland vor. Einige Jahre später fasste Rilke in einem Brief zusammen, was ihm das Kriegsende bedeutet hatte: „Deutschland hätte, im Jahre 1918, im Moment des Zusammenbruchs, alle, die Welt, beschämen und erschüttern können durch einen Akt tiefer Wahrhaftigkeit und Umkehr. Durch einen sichtlichen, entschlossenen Verzicht auf seine falsch entwickelte Prosperität –, mit einem Wort: durch jene Demut, die so unendlich seines Wesens gewesen wäre und ein Element seiner Würde und die allem zuvorgekommen wäre, was man ihm an fremdartiger Demütigung diktieren konnte. Damals – so hoffte ich einen Augenblick – sollte in das seltsam einseitig und einwillig gewordene deutsche Gesicht der verloren gegangene Zug jener Demut, die in den Zeichnungen Dürers so konstruktiv anmutet, wieder eingetragen, nachgetragen werden! Vielleicht waren ein paar Menschen da, die das fühlten, deren Wünsche, deren Zuversicht nach einer solchen Korrektur gerichtet waren, – jetzt beginnt es sich zu zeigen und schon zu rächen, daß sie nicht geschehen ist." (2.Februar 1923) Wir neigen dazu, das Wort „Demut" aus unserem Wortschatz zu streichen – verwenden eher „Bescheidenheit" oder „Zurückhaltung". Das ändert nichts daran, dass Rilke unter der Großmannssucht des Deutschen Reiches litt, die sich unter anderem im leichtfertigen Gebrauch des Zitats verriet, am deutschen Wesen solle die Welt genesen.

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Rilke hat im Sommer 1919 Deutschland für immer verlassen; er folgte einer Einladung in die Schweiz, wo er einige Lesungen halten sollte. Dieser zunächst sehr eng befristeten Aufenthaltserlaubnis folgten die „Wunder der Schweizer Gastfreundschaft", so dass Rilke, dessen österreichischer Pass verfiel, der in München kein Wohnrecht mehr hatte als nach Kriegsbeginn zugezogener Ausländer, schließlich dankbar war, als tschechischer Staatsbürger anerkannt zu werden. Die Unsicherheit der ersten Jahre nach dem Krieg machte Rilke seine Situation als Asylant – wie wir heute sagen würden – nur zu deutlich, führten aber auch dazu, sich nicht nur als Europäer zu fühlen, sondern auch der Idee einer europäischen Einigung Sympathie entgegenzubringen. In diesem Sinne warb er für einen deutschen Beitrag zur Wiederherstellung der Rose an der Kathedrale von Reims, was ihm, zumal er begonnen hatte, in französischer Sprache zu dichten, in Deutschland nur Anfeindungen eintrug.

Aber da war er schon weit fort – hatte das Elegien-Werk abschließen und die „Sonette an Orpheus" vollenden können. Noch einmal hat Rilke früher als andere auf eine eben beginnende Entwicklung hinweisen können, so wenn er an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz im November 1925 schreibt von dem ‚immer rascheren Hinschwinden von so vielem Sichtbaren, das nicht mehr ersetzt werden wird’, denn: „nun drängen, von Amerika her, leere gleichgültige Dinge herüber, Schein-Dinge, Lebens-Attrappen...", ein Hinweis auf die in Massenproduktion maschinell hergestellten Dinge, in denen Rilke den Verlust von Realität empfand. Wie viel stärker sind wir heute davon betroffen angesichts der virtuellen Welt, die sich auftut.. In den „Sonetten an Orpheus"gibt es eine ganze Reihe von Beispielen, wie deutlich Rilke auf das Kommende reagiert. Ich greife nur einige von den Bildern heraus, die das Neue wie selbstverständlich einbeziehen, so die Verse: „Sieh die Maschine: / wie sie sich wälzt und rächt / und uns entstellt und schwächt. // Hat sie aus uns auch Kraft, / sie, ohne Leidenschaft, / treibe und diene." Dringlicher noch heißt es im X. Sonett des Zweiten Teils: „Alles Erworbne bedroht die Maschine, solange / sie sich erdreistet, im Geist, statt im Gehorchen, zu sein". Und auch vom Geld ist die Rede: „Irgendwo wohnt das Gold in der verwöhnenden Bank / und mit Tausenden tut es vertraulich..." Ins Positive gewendet finden wir das Neue in den Zeilen: „Ohne unsern wahren Platz zu kennen, / handeln wir aus wirklichem Bezug. / Die Antennen fühlen die Antennen, / und die leere Ferne trug..."

Es wäre ein Missverständnis, annehmen zu wollen, es sei eine konservative Position, von der aus Rilke die Zukunft betrachtete – er hat vielmehr versucht, von Anbeginn an das Beginnende, das Wachsende, das Neue einzubeziehen in seine Sicht der Dinge, hat sich davon inspirieren lassen, nicht bedingungslos, aber im Bewusstsein seiner Aufgabe: „Hier ist des Säglichen Zeit, hier seine Heimat / Sprich und bekenn", wie es in der Neunten Duineser Elegie heißt.

Rilkes Leben war in gewisser Weise eine Dauerkrise; ungesichert im bürgerlichen Sinn, heimatlos und ausschließlich werkbezogen bis in die letzte, tödliche Krankheit, wahrte sich der Dichter die Offenheit, mit der er aufzunehmen vermochte, was vielen seiner Zeitgenossen verborgen blieb – an Gefährdungen sowohl, als auch an Möglichkeiten. Rilke gewann daraus nicht nur die Inspiration für seine „Arbeit", sondern die Bejahung des Irdischen, die Bereitschaft zum Rühmen des Daseins.

Als Vortrag gehalten in Marburg am 25. Januar 2001

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