Peter Weiss: Die Situation. Roman, aus dem Schwedischen von Wiebke Ankersen, mit einem Nachwort der Übersetzerin, Frankfurt/M.: Suhrkamp-Verlag, 2000, 268 S., ISBN 3-518-41154-3, DM 38,-
Der Roman stammt aus dem Nachlaß. Er entstand 1956 und spielt in diesem Jahr in Stockholm. Dorthin war Peter Weiss 1940 emigriert. Der Roman wurde damals von schwedischen Verlagen abgelehnt. Dazu äußert sich die Übersetzerin: Die avantgardistisch-kritische Prägung des Textes paßt(e) nicht in die restaurative Tendenz."
Peter Weiss starb 1982 in Stockholm Er war Schriftsteller, Maler, Filmemacher.
Der Roman ist in drei Kapitel unterteilt: Nacht - Tag - Nacht. Auf eine dialektische Bewegung ist angespielt. Alle Thesen und Antithesen sammeln sich in der Nacht, streben zur Synthese des Traums.", heißt es auf der vorletzten Seite. Die Kapitel erhalten eine Gliederung nur durch die Abschnitte. Es gibt keine Zeichen der wörtlichen Rede und Redeeinleitung. So kommt es zur Verschmelzung der Reden und damit der Redenden, ihrer inneren Monologe und ihres äußeren Sprechens. Es gibt keinen Erzähler. Das Beobachtete entsteht aus den Perspektiven der anwesenden Personen. Der letzte Abschnitt führt alle Handlungsfäden in einem Kaleidoskop zusammen. Eine Synthese ist es dann doch nicht im Sinne einer Entwicklung durch Entscheidung oder Tat. Sondern durch Aufzählung sind alle Schicksale gleichrangig gesammelt in einem Guß. Der Guß ist Die Situation", eine zeitliche und örtliche Einheit, auf die der Text anspielt.
Worum geht es? In der kurzen Zeitspanne einiger Stunden im Jahre 1956 begegnen sich die Hauptpersonen in Stockholm und versuchen, Klarheit zu gewinnen über ihre Lebens- und Kunstauffassung. Die gegenwärtige Situation ist die durch zwei Weltkriege zerstörte Tradition. Erstens geht es um die Frage nach dem Sein von Kunst. Denn die Ästhetik der alten Kunstwerke mit ihrer geschlossenen Form ist vergangen. Und zweitens geht es um die Form der menschlichen Beziehungen wie auch des Einzelnen, die keine Ganzheit mehr ist. Was bleibt? Das Verstehen der alten Kunst, ja. Aber so können sich die Künstler nicht mehr ausdrücken, weil die Wirklichkeit um sie herum chaotisch geworden ist. Sie suchen nach neuen Formen und können doch nur die der Zertrümmerung wählen. Es ist die offene des Kaleidoskops, der zirkulären Reihung, der Beschreibung und Vereinzelung von Dingen, der isolierten Aufzählung von Geschehnissen. Das ist die Aussage des Autors ebenso wie der handelnden Personen. (Den Leser drängt das zum Widerspruch. Er will die Architektur eines Gebäudes erkennen.)
Über eine Nacht, einen Tag und eine anbrechende Nacht treten Intellektuelle auf wie auf einer Bühne. Sie stehen über eine willkürliche Zeitspanne im Scheinwerferlicht mit ihren Reden, Gedanken, Handlungen. Werden verlassen. Wieder angestrahlt. Diese Hauptfiguren sind Vertreter der Künste:
1) Leo, der Maler. Er malt menschliche Figuren auf der Flucht, bedrängt von phantomartigen Tieren". Ein brutales Geschehen" aus glänzend harten Ölfarben". Der Leser erfährt etwas aus seiner Biographie, weil er es der Schriftstellerin Fanny preisgibt. Die Antithese zu seiner Kunstauffassung wird ihm präsentiert durch einen Arbeiter, der angesichts seiner Bilder irritiert ist: Man will doch richtig malen." Darauf antwortet der Maler mit seiner Theorie vom Erlebnis des Malens. Was dabei gesucht, ja gemacht wird, ist das Erschütternde. Dabei wird wiedererlebt, wie die Geschichte, die Zeit, über ein Gesicht hinweggeht und es zerstückelt. Die Kunstauffassung von Leo - und anderen Hauptfiguren - ist konsequent antithetisch gegenüber einer ganzheitlichen Seinsweise, die als endgültig vergangen erlebt wird.
2) Fanny, die Schriftstellerin. Sie betrachtet die Menschen, die ihr auf dem Flur des Hotels entgegenkommen, augenblickshaft. Hinter deren scheinbar leeren Blicken drängt ihr Blick in die Pupille, hinter der ein Strom von Bildern" spielt. Die Dinge können und sollen nichts mehr bedeuten, nur sie selbst sein". Auch sie will sich - wie die anderen Intellektuellen - in Solidarität mit den Arbeitslosen wissen, aber nicht so hilflos. Denn in Fannys Kreisen kann das zerfetzte Ich" mit Stift, Pinsel, Notenpapier", dem Material der Künstler, ein selbstgewähltes Dasein mit eigenen Schöpfungen" bevölkern. Diesen rettenden Zug hat sie von ihrem Vater Viktor.
3) Paul der Filme- und Theatermacher, Komponist. Er verabscheut das Genre des Romans und des Illusionstheaters. Er will das chaotische innere Material herausbringen. Das gilt auch für seine Beziehungen. Das gefällt ihm bei Knut: der ungeordnete Gedankenstrom" und das vollständige Fehlen von Linie und Komprimierung" in den wirren Handlungen. Aber Paul vertritt nicht die reine Antithese, die ihm von der Geschichte aufgedrängt wird. Sondern in der Begegnung mit dem vom Bau eines Gesamtkunstwerks besessenen Freund Ossian fragt er diesen, ob er seine Seele dem Teufel verkauft habe. Ossian will in seinem Kunstwerk das Welttheater durch Ausgeschnittenes wiedergeben, ein Grollen der Gleichzeitigkeit", das unerfahrbar wird und das Subjekt verzehrt. Deine Ausschneidetechnik hält dich am Mechanischen fest, sie verschließt die Phantasie."
4) Thel, die Schauspielerin. Sie genießt die Reinheit des Bühnenraumes, da jederzeit ein Engel eintreten kann". Sie fühlt sich zu Paul hingezogen. Der meidet sie, betrügt sie - nicht ohne schlechtes Gewissen - auch wie besessen. Dann geht sie mit Jean, der keine Wurzellosigkeit aushalten kann.
5) Knut, der Ingenieur. Er ist kein Künstler und der Haltloseste. Er wird Landstreicher, kehrt zurück zu seiner Frau, geht weg, kehrt zurück. Einmal fällt ihm der verlorene Sohn ein und Odysseus.
6) Viktor, Leiter einer Presseagentur und Kulturkritiker. Er ist der einzige, der der älteren Generation angehört, die beide Weltkriege erlebte. Nach dem ersten war er bei der Avantgarde, die mutig mit der Auflösung der Formen spielte. Jetzt, 1956, er hat Frau und Sohn im zweiten Weltkrieg verloren, ist er müde vom Untergangsrausch. Welche Verankerungen gibt es? Was bleibt, über die todgeweihten Lebensformen hinaus? Für ihn bedeutet die alte Kunst mehr als für alle anderen Hauptpersonen. Er gibt die weitgehendsten Stellungnahmen ab. Die Klassiker sind ihm lebendig, weil die Erfahrung mit den Kunstwerken zu seiner Lebensgeschichte gehört. Er erinnert sich an die statischen Figuren eines alten Meisters, deren Bewegungen zu Symbolen kristallisiert" sind und zu ewiger Gültigkeit". Und an Giottos Figuren, menschlicher als jene, angefallen von Dämonen". Humanitäre Ideale - sind Phrasen. Dennoch ist er Humanist, wenn er die Möglichkeit menschlichen Daseins als kommunizierende Gefäße" beschreibt. Diese bedeuten ihm wechselseitige Mitteilung", in der sich die besten Eigenschaften entwickeln", der Mensch sich als Krone der Schöpfung" erleben kann.
Hinter der philosophischen Position von Viktor könnte sich der Autor verstecken. Sein Dialog-Roman ist aus einem Guß, die avantgardistische Form benutzend als Widerspiegelung der zerstörten Tradition und doch auch widerständig durch seine Theorie der schöpferischen Kraft des Geistes.
Was ist erreicht am Schluß? Keine Entwicklung. Kein Resultat. Aber manche Worte und Bilder haben eine größere Dichte in uns gewonnen". Vielleicht muß der Prozeß der Zersetzung auch wieder von vorne beginnen.
Für Weiss ist dies der letzte Roman in schwedischer Sprache. Drei Jahre später wird er erfolgreicher mit Veröffentlichungen in Deutsch beim Suhrkamp-Verlag. In seinem letzten Roman Ästhetik des Widerstands" von 1975-1981 ist die Form der wechselnden Perspektiven, zum Beispiel der Verschmelzung von Bild- und Betrachterrealität, meisterlich ausgeführt. Immer noch geht es um das humanistische Anliegen, die Bewahrung des Menschlichen. Die Kunstwerke spielen dabei eine wichtige Rolle. In sie ist die Widerstandskraft des schöpferischen Geistes eingegangen. In der Ästhetik des Widerstands" setzen sich Arbeiter- wie Bürgersohn gemeinsam mit dieser Tradition auseinander.
Gisela Böckler