Olga Tokarczuk: Ur und andere Zeiten. Roman. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky, Berlin Verlag, 2000, 336 Seiten, ISBN 3-8270-0340-7, DM 39,80
Olga Tokarczuk wurde 1962 in Polen geboren. 1996 erschien ihr dritter Roman auf Polnisch, "Ur und andere Zeiten".
Wenn der Leser auf der letzten Seite dieses Buches angekommen ist, hat er über zwei Generationen, beginnend 1914, die Geschichte der Menschen, besser gesagt: der Lebewesen, in und um das Dorf "Ur" verfolgt. Sein Blick für die Vergänglichkeit der Welt ist geweckt. Er schaut hinter die zermahlenen Schalen auf das Wesen allen Lebens. "Ur" ist nicht nur ein Ort und als dieser Mittelpunkt des Kosmos, sondern auch ein Name für die mythologische Ur-Zeit. Hier hängt alles miteinander zusammen und alles hat füreinander Bedeutung.
Die einzelnen Gestalten sind nicht Individuen, sondern Typen und Archetypen. Der Leser gewinnt eine Vorstellung von der Überzeitlichkeit alles Seienden, über das der Sturm der Geschichte hinwegfegt. Die geschichtlichen Ereignisse blitzen nur auf in der Kreisbewegung von Werden und Vergehen.
Diese Wirkung entsteht nicht nur durch die Sprach- und Bildebene, sondern schon in der Großstruktur der Kapiteleinteilungen. Sie erinnern an Zeitraffer eines Films mit sprunghaften, willkürlichen Ausschnitten von Abläufen. Es gibt 82 Kapitel, alle mit der Wendung "Die Zeit von..." eingeleitet. Dann folgt eine Genitivverbindung, die ein Lebewesen oder Ding nennt. Dieses steht dann - schillernd als Subjekt und Objekt - in diesem Kapitel bzw. der Zeitsequenz im Mittelpunkt. Aber das ist nicht durchgängig so, zum Teil kommt es auch nur am Rande vor.
Die Kapitelfolge ist von keiner strengen Rhythmik. Zum Beispiel gibt es viermal die Überschrift "Die Zeit Genowefas", fünfmal "Die Zeit Michals" (ihres Mannes), neunmal "Die Zeit Misias" (ihrer Tochter) und siebenmal "Die Zeit des Spiels". Die meisten Überschriften kommen nur einmal vor wie z. B. "Die Zeit des Hauses", " - des Pilzgeflechts", " - der Toten", " -Gottes".
Zur Veranschaulichung von Erzählinhalt und -stil sollen die ersten drei Kapitel näher beschrieben werden.
Erstes Kapitel "Die Zeit von Ur": Ur ist der umzirkelte Raum, ein Dorf in Polen, zu einer bestimmten Zeit, 1914, gerade so groß, daß man zum Durchqueren von Norden nach Süden und von Osten nach Westen je eine Stunde braucht. Die vier Erzengel bewachen die Grenzen. Von außen droht vierfache Gefahr: durch Unrast, durch Verlangen zu besitzen und besessen zu werden, durch Hochmut und Dummheit. Dies ist ein spiegelverkehrtes Bild zur biblisch- mythologischen Rede vom Beginn der Geschichte jenseits des Paradieses. Da wird der Mensch daraus vertrieben und der Engel als Wächter des Baumes des Lebens aufgestellt. Hier dagegen beschützen die Engel Ur. Im zweiten Kapitel beginnt das Unheil aber auch dieses Ur zu treffen, die geschichtliche Zeit dringt ein. Am Ende des ersten Kapitels hat Olga Tokarczuk in ihrer schönen Bildersprache diesen Übergang zum Zermahlen durch die Zeit vorbereitet: "An der Mühle vereinen sich die Flüsse. Anfangs strömen sie ein wenig unentschlossen nebeneinander her, die ersehnte Nähe macht sie befangen, aber dann fließen sie zusammen und gehen ineinander auf. Der Fluss (...) treibt mühelos das Mühlrad an, mit dem das Korn gemahlen wird."
Zweites Kapitel "Die Zeit Genowefas": Sie besitzt mit ihrem Mann die Getreidemühle in Ur. Im Sommer 1914 kommen zwei Soldaten des Zaren, um ihren Mann Michal zu holen. Sie führt nun die Mühle, wie es Michal getan hätte. Vom Hörensagen weiß sie, "der Krieg" ist nur "die erste der Plagen".
"Sie legte sich ins Bett, doch trotz der Kissen und Wollstrümpfe wurde ihr nicht warm. Und weil man in den Schlaf steigt wie ins Wasser, nämlich mit den Füßen zuerst, konnte sie lange nicht einschlafen. Deshalb hatte sie viel Zeit zum Beten."
Drittes Kapitel "Die Zeit von Misias Engel": Während Michal im Krieg ist, bringt Genowefa ein Mädchen zur Welt, Misia. Dabei ist Misias Schutzengel, den Gott ihr zugewiesen hatte, anwesend. "Der Engel sah Misias Geburt in einem ganz anderen Licht als die Hebamme Kucmerka. (...) Engel sehen die Welt nicht in ihrer sichtbaren Gestalt, die immer wieder entsteht und sich selbst zerstört, sondern in ihrem Wesen und in ihrer Seele." Hinter dem Rücken der Hebamme nimmt der Engel Misia auf der Welt in Empfang und "machte Platz für ihr Leben". Zuvor hatte er den Körper der Mutter gesehen bei der Geburt, "hilflos wie ein Fetzen Stoff im mutwilligen Spiel der Wellen".
Die Erzählerin beschreibt, worin das Wesen des Engels besteht. Sein Wissen ist, da er die Frucht des Baumes der Erkenntnis in sich trägt, kein Denken, er zieht keine Schlüsse und fällt keine Urteile. Aber auch er ist begrenzt, das Antlitz des Herrn sieht er nicht.
Soviel zu den ersten drei Kapiteln. Nimmt man einmal eines der archetypischen Bilder, z. B. das von "Gott", heraus und verfolgt es im weiteren Roman, so sieht man, daß ein Bild immer wieder durch verwandte Bilder verdichtet wird. Beispielsweise heißt es im 31. Kapitel "Die Zeit Gottes": "Gott ist in der Wandlung. Gott pulsiert im Wandel. Mal ist er mehr da, mal weniger, mal gar nicht. (... ) Im Sommer neunzehnhundertneununddreißig war Gott in allem ringsum gegenwärtig, deshalb kam es zu seltenen und ungewöhnlichen Ereignissen." Und im 22. Kapitel "Die Zeit des Spiels" wird Gott in der Materie durch das Licht geweckt und erlebt die Offenbarung, er betrachtet sich mit den Augen der Menschen.
Die verschiedenen Mitspieler in dieser Kosmologie sind keine Individuen, sondern Typen, Archetypen und magische Dinge. Diejenigen, die den Kapitelüberschriften die Namen gegeben haben, lassen sich in sieben Klassen einteilen:
1. Ur, die umzirkelte Raum-Zeit, Schauplatz des kosmischen Spiels.
2. Die Menschen der Familien in Ur über zwei Generationen, vom Urpaar Genowefa und Michal bis zur Enkelin Adelka, die Ur am Ende des Buches verläßt mit der geretteten elterlichen Kaffeemühle in der Hand.
3. Die geistigen Wesen: Erz- und Schutzengel, Gott, die Muttergottes von Jeszkotle.
4. Die Vertreter der Stände: der Pfarrer, der Freiherr Popielski.
5. Die Zwitterwesen: der Wassermann Pluszcz, der Böse Mann, Ähre, Florentynka, die Toten.
6. Magische Dinge: das Spiel, die Kaffeemühle, das Haus, die Vierfachen Dinge.
7. Andere Wesen: der Garten, die Linden, das Pilzgeflecht, die Hündin.
Die geschichtliche Zeit mit Sinnerfüllung und Sinnverlust spielt nur an der Oberfläche der Erzählung. Es gibt keinen Fortschritt durch Zivilisation, vielmehr apokalyptische Zeitqualität, dahinter eine Kreisbewegung, und dahinter wird die Kosmologie eines grandiosen Zusammenhangs entworfen.
Diese Jagd durch die Zeiten, diese atemberaubende Vergänglichkeit mag Widerspruch im Leser wecken. So übermenschlich erfährt er nicht die Welt.
Seine Perspektive ist eng an seine Erfahrung gebunden. Da geht es um Entwurf, Krise, persönliche Entscheidung, Entwicklung. Zwar ist ihm die Periodizität aller Erfahrung vertraut, wie sie im alttestamentlichen Buch Kohelet ausgedrückt wird: Alles ist "Windhauch". "Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit des Gebärens und eine Zeit zum Sterben (... ), eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen..." (So zitiert O. T. in ihrem Erzählband "Der Schrank".)
Auch in "Ur und andere Zeiten" geht es zwar vordergründig um Periodizität. Alle Überschriften sind eingeleitet mit "Die Zeit von...". Diese Zeit wird jedoch nicht Geschehnissen zugeordnet, sondern Personen und Personifikationen. Sie ordnen die Zeit und werden von ihr geordnet in der unwandelbaren Ordnung des Seins, in die sogar Gott eingebunden ist.
Ihr überzeitliches Wesen begegnet den Existentialien von Liebe und Tod.
Zum Schluß ein Bild für dieses statische Wesen im Kapitel "Die Zeit der Muttergottes von Jeszkotle". "Eingeschlossen in den geschmückten Rahmen ihres Bildes sah sie nur einen Ausschnitt der Kirche. (...) Sie schenkte die Kraft und Macht zur Genesung allen ohne Ausnahme, nicht aus Barmherzigkeit, sondern weil es in ihrer Natur lag, denen, die es brauchten, die Kraft zur Genesung zu geben. Was weiter geschah, mußten die Menschen bestimmen. (...) Andere ließen diese Kraft aus ihren Körpern wie aus einem geborstenen Gefäß entweichen, und sie versickerte im Boden."
Gisela Böckler