Sechs Personen, ein Autor und seine Frau oder Wie ein Theaterstück entsteht - Gespräch mit dem Autor Daniel Twardowski und der Marburger Dramaturgin Ulrike Rohde
Marburger Forum: Wie fühlt man sich als Autor, wenn man der ersten Uraufführung eines eigenen Stückes beiwohnt?
Twardowski: Ich war viel weniger nervös als ich gedacht habe, weil ich ja nichts mehr machen konnte. Bei der ersten Probe, die ich besuchen durfte, war ich aufgeregter, weil ich nicht wußte, was auf mich zukommt: Was haben sie gestrichen? Was machen sie und wie? Aber jetzt hatte ich das Stück schon ein paar Mal in den Proben gesehen, auch die Generalprobe, und da war ich ganz zuversichtlich, daß es nun etwas werden würde. Alles was ich tun konnte, hatte ich ja nun getan, mein Teil war erledigt, sozusagen.
MF: Waren Sie zufrieden mit dem, was sie gesehen haben? Entsprach es dem, was Ihnen innerlich vorschwebte, als Sie Ihr Manuskript beim Theater einreichten?
Twardowski: Es entsprach sicher nicht dem, was ich mir vorgestellt habe, als ich die Feder angesetzt habe. Auch als ich es eingereicht habe, sah das ganze Stück noch anders aus. Ich hatte mir ein sehr reduziertes Bühnenbild mit weißen Wänden vorgestellt und hatte auch Schattenspiele und ähnliches in das Stück hineingeschrieben, damit der Phantasie des Zuschauers noch einiges überlassen bleibt. Aber ich muß sagen: Ich habe mich mit der Idee der drehbaren Bilder, denen die Personen entsteigen, sehr schnell angefreundet. Das Bühnenbild gibt dem Stück jetzt etwas Opulentes, aber das ist dem Fürstensaal auch angemessen. So war ich doch sehr zufrieden mit dem, was ich gesehen habe.
MF: Wie sind Sie als Nichthesse auf diesen Stoff verfallen?
Twardowski: Meine Frau (Ulrike Rohde) war Regieassistentin bei "Nun frage ich dich, Elisabeth", da habe ich mitbekommen, daß für den Fürstensaal immer wieder Stücke gebraucht und gesucht werden. Gleichzeitig wurde ich im Zuge meiner Dissertation auf die Familiengeschichte Philipps aufmerksam. Ich schreibe über Giordano Bruno und seine Aufnahme in Deutschland. Einer seiner deutschen Freunde, Nikodemus Frischlin, hatte ein Buch geschrieben, das er den Landgrafen von Hessen gewidmet hat. Er ist herumgereist und hat es persönlich überreicht: Dem Landgrafen in Kassel, dem Landgrafen in Marburg, dem Landgrafen in Darmstadt. Das weckte in mir die Frage, wie viele dieser Landgrafen es eigentlich gab und warum. So begann ich mich für diese Familiengeschichte zu interessieren und stieß bald auf die Doppelehe. Und diese ganze Geschichte schrie gewissermaßen nach einer literarischen Verarbeitung, nach einem Theaterstück. So entstand der erste Entwurf.

MF: Es hat aber doch große Veränderungen gegeben, nicht nur beim Bühnenbild, sondern auch beim Aufbau und beim Umfang des Stückes? Jetzt ist das Stück mit eineinhalb Stunden Spielzeit sehr kompakt.
Twardowski: Nachdem ich mein Exposé hier beim Theater eingereicht hatte, habe ich mich mit dem Intendanten, Herrn Dennewitz, getroffen und erst einmal allgemein gefragt: Wie lang darf das Stück werden? Wie viele Personen habe ich zur Verfügung? Wenn man das vorher absprechen kann, sollte man das auch tun. Das Theater muß ja kalkulieren können, welche Schauspieler eingesetzt werden müssen. So haben wir uns auf die sechs Personen geeinigt, die jetzt im Stück auch vorkommen. Außerdem hatten wir uns auf eine Länge von ca. 2 Stunden verständigt, mit einer Pause. Entsprechend habe ich das Stück konzipiert, sogar mit einem Zwischenspiel, in dem Eulenspiegel als Pritschemeister auftritt und das Publikum am Ende der Pause wieder in den Saal jagt. In der "heißen Phase", seit Anfang dieser Spielzeit, galt es dann, das Stück "spielfähig" zu machen. Da hat sich herausgestellt, daß ich viel zu viele historische Details eingebaut hatte. Die sind dann unter dramaturgischen Aspekten wieder gestrichen worden. Es hätte zur Verwirrung der Zuschauer beigetragen, und es ist auch wenig theatralisch, wenn über Personen gesprochen wird, die gar nicht auftreten.
Rohde: Hier sollte man ergänzen, daß wir zunächst auch bewußt Textstellen beibehalten haben, von denen wir schon wußten, daß sie auf der Bühne später gar nicht gesagt werden würden, damit die Beteiligten im Hause schon mal historische Hintergrundinformationen bekamen.
Twardowski: In meinem Text standen auch viele Regieanweisungen, die wurden einfach gestrichen. Die Theaterleute brauchen den Freiraum zu entscheiden, wie sie eine Szene anlegen wollen. Die gestrichene Fassung hätte dann ca. 100 Minuten gedauert, aber der Regisseur entschied, lieber noch etwas herauszunehmen als künstlich das Tempo zu verlangsamen, damit eine Pause gerechtfertigt wäre.
MF: Die Pause hätte dann jenen aus der Vergangenheit emporgeholten Tag unterbrochen, nicht wahr?
Twardowski: Ja, man kann die Stelle noch erkennen, da ist ein kleines Loch: Wenn Eulenspiegel die Fähnchen an die Zuschauer verteilt, da wäre es dann nach der Pause weitergegangen.
MF: Gehörte die Figur des Eulenspiegel zum ursprünglichen Konzept, oder ist sie Ihnen über dem Schreiben erst zugewachsen?
Twardowski: Im Laufe meiner Stofferarbeitung habe ich ja schon geschrieben. So hielt ich es anfangs für klar, daß die beiden Ehefrauen Philipps auftreten müssen. Dann habe ich aber festgestellt, daß es eine Boulevardkomödie zu werden drohte. Ich fand es interessanter, mich auf die Folgen zu konzentrieren, auf die Kinder aus diesen beiden Ehen und auf die politischen Konsequenzen. Weil somit aus der Retrospektive erzählt werden mußte, ist mir der Gedanke an diese alte Eulenspiegelgeschichte gekommen, die so gut auf Philipp paßt, daß ich mich gewundert habe, daß vor mir noch niemand darauf gekommen ist.
MF: Sie verlassen den Raum der herkömmlichen Überlieferung und machen Eulenspiegel auch zu einem Magier, zu einem Zauberer.
Twardowski: Diese Figur zu verändern, das steht schon in einer gewissen Tradition, darum habe ich mich nicht davor gescheut.
MF: Im Programmheft geben Sie als Autor selbst sehr akkurat Auskunft über das, was historisch richtig, was historisch möglich und was historisch falsch ist. Hatten Sie Sorge, man könne Ihnen zu viel freie Fiktion vorwerfen?
Twardowski: Das habe ich eigentlich zu meiner eigenen Beruhigung geschrieben. Ich bin ja Literaturhistoriker und bin es gewohnt, alles mit wenigstens zwei Fußnoten nachzuweisen. Wenn ich eine Figur noch zwanzig Jahre nach ihrem Tod auftreten lasse, wollte ich das kenntlich machen, zur eigenen intellektuellen Hygiene gewissermaßen.
MF: Wie verhält sich ihr wissenschaftliches Arbeiten zum literarischen Schreiben?
Twardowski: Ich schreibe immer dann Literatur, wenn ich keine Fußnoten mehr sehen kann. Vielleicht merkt man an dem Artikel im Programmheft, daß ich sie dann aber doch vermisse.
MF: "Der zweyweibige Landgraf" ist nicht ihr erstes Theaterstück. Was für Stücke haben Sie früher geschrieben? Hatten die auch historische Inhalte?
Twardowski: Nein, historische Stoffe waren das alles nicht. Hier beim Landestheater habe ich schon mal eine Boulevardkomödie eingereicht, eine Verwechslungskomödie. Aber weil ich noch ganz ungeübt war, hätte sie dann viereinhalb Stunden Spielzeit gebraucht. So lange kann man gar nicht lachen.
Rohde: Das Stück kam hier im Haus schon gut an, und Frank Damerius hatte auch Lust auf eine Inszenierung, aber nur in einer stark gekürzten Fassung, die dann eine völlige Neufassung bedeutet hätte. Das ist aber nur aufgeschoben.
Twardowski: Dann habe ich noch ein Stück eingereicht, das eigentlich spielfähig wäre: "Königliche Hoheiten". Aber es hat seine unmittelbare Aktualität verloren: Es geht um eine Frau die arbeitslos wird, weil sie als Doppelgängerin von Lady Diana gearbeitet hat. Durch die eingereichten Arbeiten war ich im Hause jedenfalls schon bekannt.
MF: Eine Frage an die Dramaturgin: Werden einem Theater öfter unaufgefordert Stücke eingereicht?
Rohde: Ja, eigentlich regelmäßig. Zum einen von den Verlagen, die neue Stücke herumschicken, gerade bei unbekannten, neuen Autoren; aber auch von Autoren selbst, von Privatleuten. Ich gehe mit gemischten Gefühlen an solche Lektüre. Manchmal ist etwas Interessantes dabei, aber eher selten. Gerade in Marburg werden auch von Universitätsangehörigen Stücke eingereicht, die sehr gelehrt sind, aber gar nicht theaterwirksam.
MF: Die Prüfung solcher Stücke gehört zu ihren Aufgaben als Dramaturgin?
Rohde: Ja, mein Kollege und ich teilen uns das. Wenn es um Kinder- und Jugendtheater geht, prüft das die Theaterpädagogin. Man kann sich leicht vorstellen, wie es in den Verlagen zugeht, die ja kiloweise mit unverlangt eingesandten Theatermanuskripten überschüttet werden.
MF: Sie sind ein Ehepaar, d.h. Daniel Twardowski ist dem Theater ja sozusagen angeheiratet...
Twardowski: Daß meine Frau hier Dramaturgin ist, war natürlich ein Vorteil: Ich habe sehr früh mitbekommen, daß ein Stück für den Fürstensaal gesucht wird. Und dann verfüge ich nicht über so viel Theatererfahrung. Aber da meine Frau nun beim Theater ist, kommt bei jedem neuen Text, wenn er noch warm vom Denken ist, ein Profi daher und macht mir gleich Verbesserungsvorschläge. Das Stück als solches ist mein Text, aber vieles wurde doch auch abgesprochen und gemeinsam verändert, das war eine große Hilfe.
MF: Sie schreiben nicht nur Theaterstücke?
Twardowski: 1982 ist ein erster Lyrikband von mir in Österreich erschienen, der war so erfolgreich, daß der Verlag pleite gegangen ist. Eine Zeitlang habe ich mich mit dem Film beschäftigt und wollte selbst Filme produzieren. Bei einem Filmprojekt in New York habe ich übrigens meine Frau kennengelernt: Sie hatte die Kameraführung, ich war der Produzent. Es ging um die unabhängige Filmszene in New York, der Film ist nicht schlecht geworden, ließ sich dann aber doch nicht verkaufen, weil er nicht sendefähig war: Die Kamera und das ganze Equipment war älter als alle anderen Beteiligten, aus den vierziger Jahren noch. Dann habe ich noch einen Roman geschrieben oder eine längere Erzählung, habe aber noch keinen Verlag gefunden. Jetzt plane ich einen Roman über Philipp. Der Stoff ist so interessant, daß nicht alles in 90 Minuten Raum hat. Es ist noch nicht viel auf dem Papier, aber um so mehr im Kopf.
MF: Im "Hauptberuf" sind Sie Literaturwissenschaftler und arbeiten über Giordano Bruno.
Twardowski: Ja, es geht um seine Rezeptionsgeschichte in Deutschland. Bruno selbst war einige Jahre in Deutschland, u.a. auch in Marburg, und ich befasse mich mit seinen Kontakten zu deutschen Dichtern und mit Schülern in Deutschland.
MF: Verstehen Sie sich als Wissenschaftler oder können Sie sich auch vorstellen, die Germanistik an den Nagel zu hängen zugunsten eigener literarischer Produktion?
Twardowski: Ich mag das eine und das andere nicht lassen. Das wechselt sich immer ab.

MF: Frau Rohde, an Sie die Frage: Wie sind Sie Dramaturgin geworden?
Rohde: Oh, ganz zufällig. Noch während meines Studiums (Medienwissenschaft) erfuhr ich, daß eine Aushilfs-Regieassistentin gesucht wurde, und zwar für eine Inszenierung von Frank Damerius: "Frank und Stein", dem alten Frankensteinfilm mit Boris Karloff nachempfunden. Bei dieser Produktion war ich Regieassistentin und habe auch souffliert. Noch während diese Produktion lief, bekam ich ein Angebot aus Gießen und habe dort Krankheitsvertretung in der Inspizienz gemacht, was sehr interessant war. In der Inspizienz sitzt man an der Nahtstelle zwischen dem künstlerischen und dem technischen Bereich des Theaters. Dann war ich wieder per Werkvertrag bei "Nun frage ich dich, Elisabeth...", dann bei "Stella" als eine Art Dramaturgieassistentin. Als dann die Stelle des Dramaturgen frei wurde, habe ich mich beworben. Aber der Anfang war reiner Zufall. Weil ich nicht Theaterwissenschaft studiert habe, war das in keiner Weise absehbar.
MF: Ist Dramaturgie für Sie nun eine berufliche Perspektive auf Dauer?
Rohde: Das Theater ist die Perspektive. In der Dramaturgie wird gebraucht, was ich kann. Inzwischen interessiere ich mich aber fast mehr für die Regie. Bei einem anderen Theater würde ich mich wiederum als Regieassistentin bewerben.
MF: Das Programmheft zum "Landgrafen" ist ungewöhnlich umfangreich...
Rohde: Es sind im Vergleich mit dem Üblichen tatsächlich fast doppelt so viele redaktionelle Seiten. Wir hatten festgestellt, daß auch die einheimischen Marburger gar nicht so viel über Philipp wissen. Er ist natürlich bekannt als Gründer der Universität, aber viel weiter reicht die Kenntnis oft nicht.
MF: Sind Sie auch beteiligt an der Spielplangestaltung?
Rohde: Ja, das ist auch Aufgabe der Dramaturgie. Wir lesen die Stücke, und sind natürlich beteiligt an der Planung des Spielplans. Das muß beim Landestheater wegen der Gastspiele schon zwei Jahre im voraus geschehen, damit wir die Termine rechtzeitig festmachen können. Bei einer ersten Besprechung bringen Dramaturgie und Leitung (Intendant, Oberspielleiter) ihre Vorschläge ein. Jeder kann Stücke vorschlagen oder ein Thema für eine ganze Saison. Die Planung selbst ist dann ein längerer Prozeß, der sich über Monate erstreckt. Alle Verantwortlichen lesen die vorgeschlagenen Stücke, und in dieser Phase suchen sich die Dramaturgen dann auch schon die Stücke aus, die sie nachher betreuen.
MF: Herr Twardowski, wie geht es bei Ihnen weiter, eher in Richtung Wissenschaft oder in Richtung Theater und Literatur?
Twardowski: Das richtet sich nach dem Angebot.
Das Gespräch führte Uwe Kühneweg.
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