"Zeit im Raum" – Skulpturen von Hans Brockhage und Malerei von Annette Schröter im Marburger Kunstverein (bis 7. März 2001)

Beim Betreten der neuen Kunsthalle scheint der Weg verstellt von schwarzen Riesen. Schon im Eingangsbereich der Ausstellung ziehen die großen, meist vertikalen Holzarbeiten von Hans Brockhage die Aufmerksamkeit des Blickes und der Seele an. Wiewohl sie sich durchweg in die Höhe strecken, füllen sie den Raum, strahlen sie eine Aura des Ernstes aus.Brockhage1.jpg (79115 Byte)

 

 

 

In einer Doppelausstellung zeigt der Marburger Kunstverein Arbeiten zweier Künstler aus Ostdeutschland, die einen starken Kontrasteindruck hervorrufen: Da sind einmal die Holzplastiken von Hans Brockhage (geb. 1925 in Schwarzenberg im Erzgebirge), zum anderen Bilder von Annette Schröter (geb. 1956 in Meißen). Brockhages Plastiken dominieren im Erdgeschoß, Schröters Bilder im ersten Stock, doch gibt es auch einige Arbeiten in der jeweils "anderen" Abteilung, entspannend und anregend für den Blick.

Brockhages Skulpturen: Das sind vertikale Holzplastiken aus Eichenstämmen, mit Eisen-III-Chlorid schwarz gefärbt und übermannshoch (2,10 – 2,80 m). Bei einigen Stücken gibt es Teile in Bronze. Der nähere Blick zeigt: Hier ist Holz in Bronze gegossen worden.

Die schiere Größe der Plastiken gebietet Ehrfurcht. Den ersten Rundgang unternehme ich ohne das Informationsblatt mit den Titeln, und das ist eine gute Entscheidung. Beim Herumgehen warten immer neue Entdeckungen: Da sind Zeichen der Bearbeitung mit grobem Werkzeug neben den Spuren der reinen, nackten Natur mit all ihren Wunden: Risse und Ringe, die auch durch die Schwärzung dramatisch hervortretende Maserung. Oft sind mehrere Stämme verbunden und ergeben so Figuren mit grotesken Verrenkungen oder, noch geheimnisvoller: Zeichen einer Schrift, die ihrer Entzifferung noch harrt. Runen kommen mir in den Sinn, Fragmale, Symbole von fremder Größe und großer Fremdheit.

Das Herumgehen lohnt sich. Jeder neue Winkel öffnet andere Einblicke. Beim Betrachten steht etwas in mir auf, was die Altvorderen das Gefühl der Erhabenheit genannt haben.

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Dann der zweite Gang mit dem Informationsblatt in der Hand: Viele Titel haben biblische oder religiöse Anklänge: "Er aber zog seine Straße fröhlich", "Hebräisches Tor I + II", "Opferung", "Aus den Zweigen des Weltenbaumes". Ich bin nicht überrascht. Diese Skulpturen sind der heiligen Vertikale verpflichtet.

Brockhages Material ist Eichenholz, das er später zum Teil in Bronze gießt. Er wählt die zu bearbeitenden Stämme an Ort und Stelle aus, oft in seiner erzgebirgischen Heimat. Nach einer langen Karriere als Werkkünstler und Designer, schließlich als Professor an der Fachschule für angewandte Kunst in Schneeberg, hat sich Brockhage erst im siebten Lebensjahrzehnt der freien Vollplastik zugewandt.

Wo Figürliches angestrebt ist, bleibt es bei der gestischen Andeutung. Kein Gesicht ist auszumachen, kein Mensch und kein Gott – aber in der verhaltenen Bewegung, in der erstarrten Gebärde werden Körper sichtbar, gewinnt der Raum Leben und Ausdruck.

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Ein Kontrast könnte stärker kaum sein als der zwischen den schwarzen Monumenten Brockhages und der grellbunten Ölmalerei von Annette Schröter.

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Von der Malerin, die in Leipzig lebt und arbeitet, werden Beispiele aus verschiedenen Serien von Gemälden gezeigt: Winter- und Gartenbilder, mit breitem Pinselstrich hingeworfen, impressionistisch anmutende Bilder von Tieren (Möwen, ein Hund), Darstellungen von Parklandschaften und Rosengärten, schließlich eine ganze Reihe von Beispielen aus der Serie "Turnen": Kleine Mädchen mit seltsam verrenkten Gliedmaßen beim Bodenturnen, a tribute to Olga Korbut. Die Köpfe der turnenden Kinder scheinen allesamt zu groß; was sie tun, wirkt alles andere als gesund; sie gleichen aufgezogenen Puppen, denen ein böses Mädchen im Zorn die Glieder verdreht hat. Mitleid aber kommt nicht auf, dazu ist die Irritation zu stark, schon durch die z. T. übergroßen Formate, vor allem aber durch die grelle Farbigkeit, die alle ausgestellten Bilder Schröters auszeichnet. Die Rosengärten sind zunächst einmal vor allem rot, die Parks grün, die Matte unter den Kindern ist blau. Aber dieses Blau wandelt sich auf dem Bild "Turnen XV" bei längerem Hinschauen in das Blau einer Wasserfläche, die Schatten der Turnerinnen werden zu Seerosen, und eine riesige Erbsenschote scheint auf dem Wasser herumzutreiben. Ein Mädchen kauert am Rand und schaut den Betrachter an. Die Farben des Gesichts und das Muster des Trikots lassen das Kind wie eine Geisha erscheinen, der lange schwarze Zopf unterstreicht diesen Eindruck. Und die Mädchen im Hintergrund sind schon lange nicht mehr turnende Kinder, sondern Elfen, der Zeit und dem Raum entrückt, hingegeben an ihr Spiel.

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So haben viele Bilder von Annette Schröter mehrere Ebenen, erschließen sich nicht auf einen Blick. Dekorativ wirken freilich die Tier- und Winterbilder. Aber die Darstellungen der unbelebten Parks und der Rosengärten lassen Entdeckungen zu.

Die Parks, die ihre künstliche Anlage von Menschenhand nicht verleugnen, sind menschenleer. "Parkwächterinnen" – so heißen auf einigen Bildern Skulpturen in jenen Gartenwelten. Sie scheinen auch das äußerste an Menschengestaltigem zu sein, was diese Parks vertragen. Anders – ähnlich und doch ganz anders – bei den "Rosengärten": Hier ist Natur noch stärker vom Menschen geformt, kultiviert, gezüchtet – um des Menschen willen. Aber bei Annette Schröter obsiegt die Natur: Da drängen sich Menschen wie dicke Kinder (und zugleich als Greise mit erstarrten Gesichtern) in ekler Neugier um nicht sehr natürlich wirkende, überzüchtete Rosenblüten – aber in dieser fremden Welt sind sie selbst Fremdlinge. Der Mensch weiß nicht recht, wozu er auf der Welt ist. Die Rosengartenbilder, in der Grundstimmung rot-orange, sind zudem in ein fahles Licht getaucht, es sind Bilder der Entfremdung, Bilder eben nicht von einem anderen, sondern von unserem Stern.

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Im Obergeschoß dominieren Schröters Bilder nicht nur zahlenmäßig – sie lassen die dort aufgestellten (wenigen) Skulpturen Brockhages seltsam alt und blaß aussehen. Ist das ein Triumph der Farbe oder der Sieg des Figürlichen? Vielleicht bedürfen die Skulpturen Brockhages doch des leeren Raumes mit weißen Wänden, um zu voller Wirkung zu gelangen.

Der Titel der Gemeinschaftsausstellung ("Zeit im Raum") will sich mir auch bei einigem Überlegen nicht recht erschließen, und auch der von Wolfgang Tichy bei der Eröffnung gehaltene Einführungsvortrag hilft mir nicht weiter. Vielleicht sind die beiden Künstler und ihre ausgestellten Arbeiten einfach zu unterschiedlich, als daß man unbedingt einen gemeinsamen Titel suchen und finden müßte. Gemeinsam ist das Ergreifende: Das Schrille ergreift uns, und das Erhabene auch, doch in je eigener Weise.

Uwe Kühneweg

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