Mein Buch des Monats März 2001: Marie Luise Kaschnitz, Tagebücher aus den Jahren 1936 bis 1966

Marie Luise Kaschnitz: „Tagebücher aus den Jahren 1936-1966" Herausgegeben von Christian Büttrich, Marianne Büttrich und Iris Schnebel-Kaschnitz. Mit einem Nachwort von Arnold Stadler. Zwei Bände. 1339 Seiten. Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2000. ISBN 3-458-16971-7, DM 148.00

Marie Luise Kaschnitz sagte 1961 über ihre Aufzeichnungen in vielen unterschiedlichen Heften, von denen die ersten 18, die dreißig Jahre umfassen, jetzt anlässlich ihres 100. Geburtstags am 31. Januar 2001 herausgebracht wurden: „Ich möchte sie für meine zukünftigen Arbeiten auswerten. Was mit dem geschieht, was dann noch übrigbleibt, soll nicht meine Sorge sein." (S. 963) An anderer Stelle um die selbe Zeit heißt es: „Die Frage: wie man einen ganzen Schatz von Erfahrungen, von Gesehenem, Gehörtem in eine Form bringen kann, die eben dieses ‚Material’ über die äußere Wahrheit hinaushebt und ihm den Charakter einer Einheit gibt. In einem Tagebuch ist das Vereinigende das Ich, das eine Paar Augen, durch die alles gesehen wird, das persönliche ‚Temperament’ , das die Auswahl getroffen hat – des Sehenswerten, des Wissenswerten, des Erinnerungswerten. Aber gerade deswegen ist ein Tagebuch keine Kunstform ..." (S. 700).

Die sorgfältigen Erläuterungen helfen dem Leser dazu, die zahlreichen Zusammenhänge zwischen diesen Aufzeichnungen und dem veröffentlichten Werk zu erkennen: „das für das Schreiben von Marie Luise Kaschnitz typische Geflecht von Tagebuch, autobiographischem und literarischem Werk" (so in der Nachbemerkung der Herausgeber Christian Büttrich, Marianne Büttrich und Iris Schnebel-Kaschnitz, der Tochter der Schriftstellerin, S. 967). Die Herausgeber erleichtern es dem jeweiligen Leser zudem, das zu finden, was ihn besonders angeht, indem sie nicht nur ein umfassendes Personenregister bieten, sondern – für diese Bände besonders wertvoll im Hinblick auf Marie Luise Kaschnitz’ „Orte" - .auch ein Verzeichnis aller genannten Orte eben und schließlich das Werkregister. Denn da es sich hier nicht um eine fortlaufende Begleitung des eigenen Lebens mit seinen Befindlichkeiten handelt (wie etwa in den Tagebüchern Thomas Manns), wird man weniger zur zusammenhängenden Lektüre verleitet als eher zur Suche nach dem, was für einen selbst aufschlussreich sein könnte.

Das Tagebuch setzt ein am 31. Januar 1936, dem 35. Geburtstag der Autorin, die, seit ihr Mann, der Archäologe Guido Freiherr von Kaschnitz-Weinberg, 1932 einem Ruf an die Universität in Königsberg gefolgt war, in Ostpreußen lebte. Und die ersten Aufzeichnungen rufen eine versunkene Welt herauf mit den Menschen und ihren Lebensverhältnissen – dazwischen ist von der Lektüre die Rede, von Begegnungen mit Kunstwerken, vor allem aber der genau beobachteten Landschaft im Wechsel der Jahreszeit. Als Beispiel sei die Eintragung vom 21. Juli zitiert: „Der große Ebereschenbaum bei Jenichs Garten voll roter Beeren. Die Linden auf der Straße blühen noch. Im Luisenwald alles dicht verwachsen, tiefes Grün, Schatten. Der Schoßteich tief grün. Das Wasser blüht." Schon diese ersten Niederschriften zeigen das Interesse an der Welt, das Tagebuch erhält die Funktion, die Skizzenbücher für den Maler haben.

Noch im selben Heft finden wir Aufzeichnungen von einer Fahrt durch Deutschland, weiter die Stationen Thurnstein, Wien und Bollschweil – den Heimatort der Autorin - und dann: Reisen in Griechenland und Unteritalien. Immer wieder wird im Laufe der Jahre das Tagebuch zum Reisetagebuch. Um nur einige dieser intensiv erlebten und festgehaltenen Reisen zu nennen: Spätherbst 1951 die Studienfahrt von Rom über Neapel nach Sizilien oder im Tagebuch von 1962: Brasilien.

1937 erhielt Professor von Kaschnitz-Weinberg einen Ruf nach Marburg, wo er und seine Frau sich am 15. September zum ersten Mal umsahen: „in Marburg. Wir gingen abends noch spazieren. Nach ein paar Schritten in jeder Richtung schien die Stadt zu Ende. Es war sehr still und dunkel. ‚Was für ein Abenteuer’, dachten wir. Zum ersten Mal eine kleine Stadt. Vergebliche Wohnungssuche. Rundgang durch das schöne Institut. Alte Straßen mit Fachwerkhäusern. Frauen in hübscher Tracht mit einem häßlichen Haardutt mitten auf dem Kopf ..." (S. 184). Am 15. Oktober wurde die Wohnungssuche fortgesetzt, die sich als schwierig erwies, bis sich in einem der Nebengebäude des Kurhotels am Ortenberg etwas fand. „Dort ist es schön und frei, der Wald ist nah, und sobald man den Berg hinaufsteigt, fühlt man eine wohltuende Entfernung von der kleinen Universitätsstadt, das ganze Tal erscheint von hier aus wie ein breiter Fluß oder eine große Straße, die über die kleinen Hügel hinaus in eine Ferne führt, an der man auf diese Weise einen Anteil hat. Das Schloß liegt gegenüber, nicht sehr hoch, nicht sehr weit, auf dem hinter der Stadt aufsteigenden Berg, hat aber etwas sehr Entferntes und Geheimnisvolles, so als ob man es wie das Kafkasche Schloß nie erreichen könnte ..." (S. 197).

Im Oktober erkundet die Verfasserin auf Fahrten die Umgebung der Stadt und besucht auch die Elisabethkirche: „Ein sehr schöner frühgotischer Raum mit bräunlichen Sandsteinsäulen und Kreuzgewölben und Seitenschiffen, die ebenso hoch wie das Mittelschiff sind. Stein-Sarkophage aus mehreren Jahrhunderten, frühe, sehr starr, kräftig und geschlossen, spätere Ritter elegant gelagert mit etwas aufgestütztem Bein. Die Seele eines Kindes, ein winziger Putto, entflieht durch das Ohr und wird von 2 Engeln genommen, die sie zum Himmel tragen werden. Der heilige Martin auf einem dicken Pony. Der prächtige vergoldete Sarkophag der Elisabeth und die kleine bunt bemalte Steinkapelle, die Begräbnisstätte, um welche dann die ganze Kirche gebaut wurde. Schöne Flügelaltäre von dem Marburger Meister und rheinischen Meistern." 1963 entstand das Hörspiel „Ein königliches Kind", in dem die Gestalt der heiligen Elisabeth heraufgerufen ist.

Begleitet wurde Frau von Kaschnitz schon in diesen ersten Wochen von Marie-Louise Hensel, der Schwiegertochter des Marburger Mathematikers Kurt Hensel – in der Erzählung „Das rote Netz" (erschienen in dem Band „Lange Schatten") gestaltete sie deren Schicksal: Sie wollte einer jüdischen Familie aus Marburg zur Flucht in die Schweiz verhelfen, wurde verraten und festgenommen und beging in der Haft Selbstmord. Ihr gilt auch das Gedicht „Letzte Stunde". Aber das geschah schon während des Krieges, dessen Beginn die Autorin in unserer Stadt erlebte (27. bis 31. August 1939): „Drückend schwüle Tage voll Angst und Erwartung, von Erinnerungen an Kindheitserlebnisse 1914, von Zukunftsbildern. Große Stille, keine Flieger, nur noch wenig Autos, aber Züge, Züge, fast ununterbrochen, schrill pfeifend. Man kann nichts denken, nichts fühlen als nur das eine: keinen Krieg."

In diesen Tagen beschäftigte sich Marie Luise Kaschnitz intensiv mit den Wiedergaben von Goyaschen Bildern und Radierungen im Kunstinstitut . Sie notierte: „Ich ... las einiges über sein langes und merkwürdiges Leben", zu dem sie sich Aufzeichnungen machte, weil sie begann, einen Essay über Goya zu planen. Hier heißt es unter anderem: „... er beugt sich der Gewalt. Dabei sieht er nur zu genau Unrecht und Grausamkeit. Auf den Bildern ‚Der 2. Mai’ und ‚Der 3. Mai... die Erschießung der Aufständischen’ stellt er das entsetzliche Blutbad dar, und die ‚Desastres de la Guerra’ berichten erschütternd von allen Schrecken des Krieges und der Grausamkeit der Menschen – diese Blätter sind sein politisches Vermächtnis ...". Das Ergebnis ihrer Beschäftigung mit Goya ist der Essay „Gedanken zur Gestaltenwelt Goyas", im Oktober 1939 entworfen, im ersten Kriegswinter geschrieben, erst 1947 veröffentlicht.

Die sparsamen Eintragungen während der ersten Kriegsmonate brechen im Juni 1943 völlig ab, erst im August 1946 kommt es zu einem neuen Beginn mit der ersten Reise in die Schweiz und der großen Frage: „ist das hier die wirkliche Welt oder ein Reservat ?" Zum Staunen eröffnen sich die Wochen der Wiederbegegnung mit Menschen, Städten, Kunstwerken, mit Bildern, Musik, Theater, Büchern... Einmal heißt es: „(Sehr vage Vorstellung eines Aufsatzes: ‚Dort, in Gottes eigenem Land’)" (S. 312). Die Rückkehr führt dann schon nicht mehr nach Marburg, 1941 bereits hatte Professor von Kaschnitz einen Ruf an die Universität in Frankfurt erhalten, wo seither die Wohnung in der Wiesenau 8 Lebensmittelpunkt blieb.

Häufig stößt man bei der Lektüre der Tagebücher auf Miniaturen. So in den sehr präzisen Beobachtungen: „Einiges über die Katze Namenlos" (S. 330/34), die konzentriert eingehen in das Gedicht „Die Katze" von 1957. Wenige Tage später, am 2. August 1950, beschreibt die Diaristin akribisch die „Vorführung der Polizeihunde an der Oper" in Frankfurt; auch diese Beschreibung ist, aus dem zeitlichen Zusammenhang gelöst, eingegangen ins Werk: „Wohin denn ich" (1963).

Alle Tagebücher, so unterschiedlich sie im Einzelnen sein mögen, was den Charakter der Eintragungen angeht, zeigen die aufmerksame Zeitgenossin – ob es nun politische Entwicklungen betrifft, Neues im Bereich von Kunst und Literatur oder Eigentümliches im Sprachgebrauch . Für letzteres ein Beispiel: „Ich ‚zerbreche mir den Kopf’ was für ein brutales Bild. Nehme ich ihn dazu auf den Schoß? Oder zerbreche ich ihn an Ort und Stelle? Jedenfalls wühlen meine Finger emsig in dem Aufgebrochenen herum, suchen, suchen – " (S. 945).

Über die vielen Lesungen, für die Marie Luise Kaschnitz reisen musste, findet sich wenig, doch ist eine Diskussion mit Schülern in Berlin lebhaft nachgezeichnet.: „ – die Schüler saßen im Halbkreis, jede Reihe hatte ein Mikrophon, das sie sich gegenseitig wegrissen – sie waren lebhaft und gut vorbereitet, diskutierten auch oft miteinander. Sie hatten sich zunächst die Geschichte Ja, mein Engel herausgesucht, da interessierte es sie vor allem, ob ich schlecht von der Jugend dächte, sie nahmen die Geschichte sehr persönlich, und ich mußte erklären, daß die Grausamkeit der jungen Leute in der Geschichte eine ganz legale, die des Lebens selber ist. Es wurden noch viele Formfragen erörtert. Die lustigste, nach Verlesen eines Satzes von mir, wann man legitimiert wäre, so stilistisch schlechte Sätze wie diese zu schreiben, wann man sich das erlauben dürfe, was jeder Lehrer rot anstreichen würde." (S. 911)

Neben den häufigen Entwürfen für eigene Geschichten, Hörspiele und Gedichte findet sich immer auch eine Wiedergabe von Gelesenem , besonders anrührend im Fall der kurzen Erzählung „Das Fenstertheater" von Ilse Aichinger (S. 941). Selbstverständlich nahm die Autorin an den Arbeiten ihrer ‚Schriftstellerkollegen’ lebhaft Anteil. 1949 wurde sie Mitglied des PEN, zehn Jahre später der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, 1961 war sie Ehrengast der Villa Massimo in Rom, wurde 1967 in den Orden Pour le mérite für Wissenschaft und Künste aufgenommen, um nur einige der Ehrungen zu nennen, die ihr zuteil wurden und von denen in den Tagebüchern kaum die Rede ist. Ausgespart – aus völlig anderen Gründen - sind Krankheit und Tod Guido von Kaschnitz-Weinbergs in den Jahren 1956 bis 1959.

Warum nun fiel meine Wahl für das Buch des Monats auf diese Tagebücher? Zunächst wohl, weil mir die Lesungen von Marie Luise Kaschnitz in Marburg ganz unvergesslich sind, zumal ich sie aus diesen Anlässen auch selbst kennen lernen durfte. Und eine persönliche Begegnung ergibt sich in gewisser Weise auch bei der Lektüre der vorliegenden Bände – die Begegnung mit einem Menschen und einer Dichterin von großer Diskretion und Ausstrahlungskraft. Dazu kommt natürlich auch, dass ich in meinem Leben vielen Menschen, Landschaften und Kunstwerken, von denen hier die Rede ist , einmal gegenüberstand und eigenes Erleben und Wahrnehmen sich spiegelt und intensiviert, wenn man es mit anderen, ‚begabteren’ Augen sieht.

Ich kann dies an einzelnen Beispielen noch ein wenig verdeutlichen: seit Jahren habe ich nicht mehr an die Sammlung chinesischer Kunstwerke gedacht, die der Alttestamentler Professor Balla zusammengetragen hatte – erlesene Einzelstücke, die sehen zu dürfen damals, Ende der 40er Jahre, eine Auszeichnung war. Manche der Marburger Freunde von Frau von Kaschnitz habe ich selbst noch gekannt, Bultmanns, Reidemeisters, Steinmeyers. Und so hat es mich besonders berührt, davon zu lesen, wie Frau Steinmeyer von Rilkes Muzot und seinem Grab in Raron erzählt (S. 265), wo ich selbst wenige Jahre später so starke Eindrücke empfing, auf meiner ersten Reise in die Schweiz, 1951 war es, als ich ähnliche Empfindungen hatte, wie vier Jahre zuvor die Dichterin: „ist dies Wirklichkeit ?" – auch für mich war es die erste Auslandsreise nach dem Krieg...

Es gibt gewiss für jeden Leser dieser Tagebücher Augenblicke, in denen er sich unmittelbar angesprochen fühlt – ich wünsche jedem von ihnen viele solcher glücklichen Momente.

Renate Scharffenberg (Marburg)

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