Perspektivität und Pluralität bei Michel de Montaigne

von Hans Schauer (Marburg)

Vorbemerkung

Dieser Beitrag ist der letzte Abschnitt des Kapitels "Michel de Montaigne, ein mutiger Denker in wirrer Zeit", Teil eines im Entstehen begriffenen Buches mit dem Arbeitstitel "Die Monotheismen von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende".

Michel Eyquem de Montaigne (1533 - 1592) lebte in Frankreich noch in der ausgehenden Renaissance und schon zur Zeit der Reformation und beginnenden Gegenreformation. Er war ein gleichermaßen mutiger wie auch besonnen-geschickter Vermittler zwischen Königen und Thronprätendenten, zwischen konservativen Katholiken und reformerischen Calvinisten, zwischen den Machthabern und dem einfachen Volk. Er schrieb ein Buch mit dem so bescheiden klingenden Titel "Essais" (=Versuche), dessen hohe philosophische Qualität schon früh erkannt und das im Zeitalter der Aufklärung gern gelesen und zitiert wurde.

Die drei letzten Abschnitte des Montaignekapitels aus dem o. g. Buch werden im Folgenden mit leichten Kürzungen wiedergegeben.

Die Zitate folgen, wenn nichts anderes vermerkt ist, der maßgeblichen neuen deutschen Übersetzung: Montaigne, Essais, übersetzt von Hans Stilett, Eichborn Verlag Frankfurt am Main, 1998.

 

Michel de Montaigne, ein Liberaler, der Vielfalt und Verschiedenheit schätzt

Montaigne schätzt und achtet die Verschiedenheit der Menschen: " ... und abweichend von der großen Mehrheit komme ich leichter mit den Unterschieden als mit den Ähnlichkeiten zwischen uns zurecht" (S. 121), oder an anderer Stelle (S. 462): " ... Kein Glaube verletzt mich, so sehr er auch dem meinen zuwiderlaufen mag", und er fügt noch hinzu (S. 467): " ... es zeugt immer von tyrannischem Starrsinn, (irgendwelche) Einstellungen und Verhaltensweisen, die von der eigenen abweichen, nicht ertragen zu können". Montaigne kann Menschen verschiedenster Art und verschiedensten Glaubens voller Achtung und mit liebevoller Zuwendung einfühlend charakterisieren. Man kann ihm einen wissenschaftlich-neugierigen und zugleich menschenfreundlichen "ethnologischen Blick" zusprechen. Er ist bereit, auch von den "wilden" Indios etwas zu lernen (1.Buch, Kap. 31 "Über die Menschenfresser", S. 109 ff.), und er kommt gleichermaßen gut auch mit den Christen, den katholischen und den protestantischen, seines Heimatlandes zurecht, und nicht weniger gut auch mit "Heiden". Er hat jedenfalls viel Verständnis für die religiös-kulturellen Besonderheiten von Menschen aus aller Welt, obwohl sie ihm manchmal auch ein leises Kopfschütteln oder ein freundlich-ironisches Lächeln abnötigen. Montaigne vermag die Religion "überhaupt nur in Verbindung mit dem Menschlichen zu betrachten: Gewohnheit und Milieu bestimmen unser religiöses Verhalten" (H. Friedrich: Montaigne. Bern/München 1949, ²1967, S. 99). Seine Verschiedenheitstoleranz ist aber nicht mit Indifferenz gleichzusetzen; er findet keineswegs unterschiedslos alles gleichermaßen akzeptabel. So kann er sich über manches ("Hexen"-Verbrennung, Folter etc.) sehr kritisch äußern, auch über die Verführbarkeit der Massen, noch mehr über die Verführungstricks der Mächtigen, vor allem wenn sie den Anspruch haben, über den Glauben Anderer zu verfügen. Seine Toleranz findet also ihre Grenze an der Intoleranz und dem Fanatismus derjenigen, die zwar Duldung, Schutz und Freiraum für sich selber und ihresgleichen fordern, aber nicht bereit sind, dasselbe anderen zu gewähren.

Ist Montaigne nach all dem als ein Denker der Multikulturalität einzuschätzen? Im weltweiten Maßstab sehr wohl, und er hat einiges getan, um diese Einstellung praktisch zu realisieren: er ist ein polyglotter Internationaler des Geistes, beherrscht mehrere Sprachen auch beim Verfassen anspruchsvoller Texte, er war viel auf Reisen auch im fremdsprachigen Ausland, und man findet in seinen Essais kaum Stellen, an denen er die Franzosen als etwas Besonderes herausstreicht oder die Ausländer generalisierend schlecht macht. Aber für die weniger gebildete Masse sieht er offenbar eine gewisse Eindeutigkeit der Lebensformen als besser orientierend an; zu große Differenzen könnten ihre Verarbeitungskapazität überfordern. So betont er nach außen hin: "Ich stehe fest zur gesetzestreueren (!) Partei, aber mir liegt nichts daran, mich wider alle Vernunft durch besondere Feindseligkeit gegen die andern hervorzutun" (S. 510). In jedem Falle möchte er die Oberhirten der christlichen Kirchen mit den Worten des Kaisers Julian Apostata in die Pflicht nehmen, "die inneren Zwistigkeiten zu dämpfen und jeden ohne Fessel und Furcht seine eigene Religion ausüben zu lassen" (S. 335).

Das Miteinander von Toleranzanspruch für sich selbst und Toleranzgewährung für andere verwirklicht Montaigne auch im Innenverhältnis zu sich selbst: er hält sich dazu an, auch sich selbst gegenüber tolerant zu sein, und er nimmt solche Toleranz für jede Seite seiner Persönlichkeit in Anspruch. Er hat das in einem bildkräftigen Satz prägnant ausgedrückt: "Ich könnte im Notfall wahrhaftig - und ich scheue mich nicht, es zu gestehen - wie jenes alte Weiblein in der Sage ohne Bedenken dem heiligen Michael eine Kerze darbringen und eine zweite seinem Drachen" (S. 392). Dazu muß einer aber mit dem Drachen in sich selber ins Reine gekommen sein, was Montaigne offenbar gelungen ist. Er hat Sinn für das Bekämpfte, Verpönte, Unterdrückte nicht nur im sozialen Umfeld, sondern auch in sich selbst; er kann interne Spannungen und Konflikte aushalten und vor einseitigen oder vorschnellen Erledigungen bewahren. In Außen- und im Innenverhältnis ist er somit ein Liberaler im alten Sinne des Wortes: einer, der Freiheiten verteidigt.

Konnte Montaigne mit den in den letzten Abschnitten skizzierten Einstellungen noch ein Monotheist sein - ganz abgesehen davon, daß er offensichtlich kein Christ war? Er war wohl aus guten Gründen vorsichtig genug, sich nicht deutlicher (und eben negativ) dazu zu äußern, aber wir können aus anderen Belegen dennoch ableiten, woran er positiv glaubte: Montaigne erscheint mir als ein aufgeklärter Polytheist, der diesen Glauben aber nicht offen bekennt und seine Götter weder ausdrücklich benennt noch öffentlich verehrt, sondern insgeheim privat respektiert, mal diesen, mal jenen stärker. Aus seinen Äußerungen erschließbar ist seine positive Beziehung zu Göttern, die dem Menschen Glück zufallen lassen oder schicken, auch zu Göttern oder Göttinnen der Liebe; aber auch der Tod kann ihm als ein ernstes, aber keineswegs böses göttliches Gegenüber erscheinen. Montaigne praktiziert solchen Polytheismus aber immer mit dem Wissen, daß es neben dem Gott, der ihm im Augenblick gerade besonders wichtig ist, noch andere Götter gibt, die zu anderen Zeiten für ihn wichtig waren oder werden könnten. Er hält es damit wie die Katholiken mit ihrem Glauben an die Heiligen. Diese werden für die Gläubigen wichtig, wenn sie gerade gebraucht werden. Wenn man sie nicht braucht, kann man die Heiligen im Himmel und in Ruhe lassen! Denn was soll das Denken und Glauben an den Hl. Christophorus, wenn einer nicht unterwegs ist und auch keinen Fluß oder Meeresarm zu überqueren hat? Was soll das Stoßgebet an den Hl. Florian ("Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd‘s andere an!"), wenn der Himmel blau ist, kein Gewitter aufzieht, kein Blitz und Einschlag zu befürchten ist? Wenn dagegen ein hinreichender Anlaß gegeben ist, dann ist der oder die Heilige auch schon in der Nähe: "Santa Barbara bendita, ayuda nos a vivir!" Aber wer war noch der Heilige, den man anrufen kann, wenn man etwas verlegt, verloren oder vergessen hat? Wer hilft mir, wenn ich den Namen gerade dieses Heiligen vergessen habe?

Ich selber habe seit meiner Pubertät immer die eine oder andere Göttin verehrt, mal mehr aus der Ferne und mal mehr in der Nähe oder ganz nah; manche Göttin verehrte ich über Monate und Jahre. Vielleicht waren es auch nur unterschiedliche Erscheinungsweisen ein und derselben Göttin der Schönheit, der Anmut und des Liebreizes! Montaigne hätte Verständnis dafür gehabt, weil er tolerant war gegenüber Menschen, die an Götter glauben. Er hütete sich nur, selber positiv von seinen Göttern zu sprechen, weil ihm sein Leben lieb war.

Anstelle eines schlichten Polytheismus ist bei Montaigne eher eine polyphile philosophische Orientierung festzustellen, in der die Vielheit den höheren Rang vor der Einheit hat. Nach H. Friedrich rückt bei Montaigne "an die Stelle des Gattungsbegriffs `Mensch`.. der Begriff der Vielheit, der Individualität und der Unterschiedlichkeit des Menschen" (S. 11). Er sucht nicht das verallgemeinernde Gesetz, sondern das individuelle Bild (S. 11), das Partikuläre eines Dings (S. 149) oder die fallweise verschiedene Wirklichkeit des Menschenwesens (S. 179). Er wehrt sich damit gegen die Gefahr der Gattungsbezeichnungen, "das Verschiedenartige in eine Scheingleichheit mit anderem zu verwandeln und darin zu vernichten" (S. 149). Diese Einstellung bringt ihn dazu, solche Vielheit zunächst einmal zu beschreiben und dabei von einem zum anderen fortzuschreiten. Das könnte in einigen Essais als Geschwätzigkeit mißverstanden werden und hat tatsächlich dazu beigetragen, daß manche systembauenden Philosophen ihn nicht ernst nahmen, ihn nicht als ihresgleichen anerkennen konnten. Sie müssen dann aber übersehen haben, daß Montaigne innerhalb solcher Folgen von Beschreibungen immer wieder das Wesentliche heraushebt und daß in der Folge der Kapitel deutliche inhaltliche Schwerpunkte festzustellen sind, so die Themen Krankheit und Tod, Sitten und Gebräuche fremder Völker, Kindererziehung, Gewissensfreiheit usw. Montaigne weiß selber, daß sein Stil als anekdotisch und undiszipliniert erzählend mißverstanden werden kann, und er klärt den Leser deshalb über die Hintergründe dieses Eindrucks auf: "Ich schweife häufig ab, doch eher mit meine Freiheit nutzendem Vorbedacht als unbedacht; meine Gedanken folgen einander durchweg, wenn auch zuweilen von weitem; sie behalten sich stets im Blick, wenn auch zuweilen nur aus den Augenwinkeln" (S. 501)... "Es ist der unaufmerksame Leser, der meinen Gegenstand aus den Augen verliert, nicht ich. In irgendeiner Ecke wird sich stets ein Wort finden, das, wie knapp auch immer, hinlänglich zu verstehen gibt, worum es geht" (S. 502). Es lohnt sich also, unter der zum Schutz vor Verfolgung aufgesetzten Maske der Geschwätzigkeit den sehr folgerichtig denkenden Philosophen Montaigne zu entdecken.

Hugo Friedrich hebt des weiteren die "antinomische Widersprüchlichkeit" (S. 170) als Thema des Denkens von Montaigne hervor: Er sieht den Menschen, "aus den Hüllen der Vorurteile, der absichtlichen und unabsichtlichen Selbstverfälschung, der Konventionen, der öffentlichen Haltung, der idealisierenden Überlieferung hervorgezogen, ... als Träger aller möglichen Widersprüche" (S. 155). In zahlreichen meist anthropologischen Abwandlungen kehre das Thema der Antinomien bei Montaigne wieder, nach Friedrichs Einschätzung "ein Fortleben der antiken Formel der concordia discors, die heraklitischen Ursprungs ist" (S. 290) und die als "coincidentia oppositorum" bei Nicolaus von Cues eine zentrale Rolle spielt. Für Montaigne ist dies aber nicht eine philosophisch-theoretische Einsicht, sondern primär seine Erfahrung mit sich selbst und mit den Menschen, denen er begegnet ist. Er widmet diesem Thema das erste Kapitel des zweiten Buches unter der Überschrift "Über die Wechselhaftigkeit unseres Handelns". Dort schreibt er ganz offen über sich selbst (S. 167): "...Alle Widersprüche finden sich bei mir in irgendeiner den Umständen folgenden Form. Schamhaft und unverschämt, keusch und geil, schwatzhaft und schweigsam, zupackend und zögerlich, gescheit und dumm, mürrisch und leutselig, verlogen und aufrichtig, gebildet und ungebildet, freigebig und geizig und verschwenderisch - von allem sehe ich etwas in mir, je nach dem, wie ich mich drehe; und wer immer sich aufmerksam prüft, entdeckt in seinem Innern dieselbe Wandelbarkeit und Widersprüchlichkeit,..." und er setzt auf der nächsten Seite (S. 168) fort: "Wir bestehen alle nur aus buntscheckigen Fetzen, die so locker und lose aneinanderhängen, daß jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will; daher gibt es ebenso viele Unterschiede zwischen uns und uns selbst wie zwischen uns und den andern". Als Psychologe kann ich nur kommentieren: Das hat Montaigne doch wirklich besser gesagt als die heutigen Vertreter der Differentiellen Psychologie und Persönlichkeitsforschung, die die "interindividuelle Variabilität" mit der "intraindividuellen Variabilität" vergleichen und dabei zu ähnlichen Ergebnissen kommen!

Montaigne erlaubt sich, was anderen verächtlich schien: "Selbstwiderspruch ... Subjektivität, Meinungsbildung aus dem Moment und unendliche Beweglichkeit" (H. Friedrich, S. 120). Und er respektiert damit die Vielheit nicht nur in der ihn umgebenden Welt, sondern auch in sich selbst; er nimmt "die zeitlose Vielfalt des Menschentums" (H. Friedrich, S. 106) als Wandelbarkeit wahr. Montaigne vermeidet mit Bedacht, solche Gegensätzlichkeiten über den einen Kamm von Gut und Böse (bzw. gut und schlecht, himmlisch oben und irdisch unten, göttlich und teuflisch, fromm und sündhaft etc.) zu scheren. Er ist kein Dualist, kein Gnostiker oder Manichäer, der alle Unterschiede auf eine Grundpolarität zurückführen muß, die wiederum alle Differenz bis zum Gegensatz extremalisiert. Er kann vielmehr auf beiden Seiten einer Polarität Negatives (oder Positives) finden, wie in seiner Aufzählung auf S. 167, wo sowohl "geizig" als auch "verschwenderisch" negativ sind gegenüber dem positiven Merkmal "freigebig" (und, ich ergänze: gegenüber dem gleichermaßen positiven Merkmal "sparsam", wobei nach Helbig .... alle vier zum "charakterologischen Wertequadrat" zusammengestellt werden können. Auch die verschiedenen weiteren von ihm aufgestellten Polaritäten stehen je für sich und sind inhaltlich unterschiedlichen Dimensionen zuzuordnen (die in der heutigen Persönlichkeitstheorie faktorenanalytisch definiert werden können). Es ist also richtig, wie H. Friedrich das Denken von Montaigne als ein "antinomisches Gefüge" (S. 289) zu kennzeichnen. Dieses wäre im geometrisierenden Schema nicht mit dem gegensätzlichen Oben versus Unten des Kegels (mit der einen positiven Spitze und der beliebig umfänglichen negativen Basis) wiederzugeben, sondern mit den ausbalancierten Gegensätzlichkeiten innerhalb eines 2-dimensionalen Vielecks oder 3-dimensionalen Vielflächners.

Montaigne selber wählt zur Veranschaulichung des Gemeinten den schon in der Antike (so bei Pythagoras) beliebten Vergleich mit der Harmonie der Töne in der Musik (III. Buch, 13. Kapitel, also im letzten Essay): "Unser Leben besteht, wie die aus dem Gegensätzlichen gefügte Harmonie der Welt, aus ungleichen Tönen, schönen und rauhen, hohen und tiefen, sanften und schweren. Was wäre der Musiker, der nur die einen liebte? Er muß mit allen spielen und alle mischen - so auch wir das Gute und das Üble, das beides unserm Leben wesenseigen innewohnt. Unser Dasein kann ohne diese Mischung nicht bestehen, und eine Seite ist dazu genau so notwendig wie die andere" (zit. nach H. Friedrich, S. 299). Bezogen auf das von Montaigne aus seinem eigenen Seelenleben Erfahrbare spricht H. Friedrich von der "harmonischen Breite der gleichwertigen Leib- und Seelenvermögen ..." (S. 32), vom "polyphonen Nebeneinander der menschlichen Bezirke" (S. 32) und vom Menschen als einem polyphonen Wesen (S. 33). Ich fasse zusammen: Montaigne geht es nicht um die quasi kakophonische Verschiedenheit des unendlich Aufzählbaren, als leeres Geräusch vergleichbar dem "weißen Rauschen" der Physik; es geht ihm auch nicht um eine prinzipiell dualistisch verstandene Gegensätzlichkeit von Gut und Böse, sondern vielmehr um die immer neue Polyphonie einer begrenzten Anzahl von Tönen (oder Farben, Seinsarten oder Wesentlichkeiten etc.). H. Friedrich sieht diese Sichtweise Montaignes nicht als zufällig an, sondern bezieht sie darauf, daß seit Ende des 15. Jahrhunderts aus der bisher geltenden universalen Norm nunmehr selbständige Wertbezirke sich herauslösten, die relativ unabhängig voneinander Geltung beanspruchen konnten, so etwa in der Idee der Staatsraison, die die Prinzipien der allgemeinen Ethik als unzuständig für die politische Praxis, mindestens für Konfliktfälle, ansah.

Perspektivenwechsel und Relationismus

Solche multizentrische Sicht des Menschen und der Welt hat Konsequenzen für das Erkennen. H. Friedrich betont mit Recht den Perspektivenwechsel als Montaignes Methode, die Komplexität und Wandelbarkeit einer Sache einzufangen (S. 177). Ein solches Vorgehen "umkreist nur annäherungsweise seinen Gegenstand, den Menschen, oder durchkreuzt ihn mit Für und Wider so lange, bis aus dem dichten Schnittpunktgewebe der gegensätzlichen Aussagen sein komplexes Bild hervorschimmert" (S. 152). Montaigne nimmt mit seinem Perspektivismus einiges vorweg, was uns später bei Nietzsche begegnet, und nicht zufällig sind es bedeutende Psychologen unserer Zeit, die diese Denkorientierung wieder aufgegriffen haben. So sprach mein Göttinger akademischer Lehrer, der Gestaltpsychologe J. v. Allesch, in seinen Vorlesungen von der "Bereichsverschiedenheit" der Charakterzüge: Jemand könne jemand in seinem Beruf durchaus korrekt, pünktlich, gewissenhaft und verläßlich sein kann, aber als dieselbe Person in privaten Beziehungen ein hohes Maß an Unzuverlässigkeit, Rücksichtslosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Interessen Anderer aufweisen. Der Charakter insgesamt (und verallgemeinert: jede Ganzheit) könne daher nur in einer Folge tangentialer Bestimmungen erfaßt werden, von denen keine das "Eigentliche" zu erfassen erlaube, sondern der Ergänzung durch andere Zugänge bedürfe. Ähnliche Themen hat dann C. F. Graumann in seiner sehr lesenswerten Monographie über "Perspektivität" aufgegriffen. Nach H. Friedrich gestattet es Montaigne gerade die literarische Form des Essays, "im Schreiben selber die Perspektiven zu verschieben und alles unter wechselnde Belichtung zu rücken, wobei keine zur endgültigen wird" (H. Friedrich, S. 326). Solcher Perspektivismus sollte nicht mit einem reduktionistischen Relativismus verwechselt werden, für den alles "nur" oder "eigentlich" irgendein "solches" ist: in dieser Sicht wäre die Seele "nur" Materie, die Liebe "nur" hormonbedingt, in der Politik ging es "nur" um Klassendifferenzen, und schließlich, "der Mensch ist (nur), was er ißt". Im Gegenteil: anders als der Reduktionismus, der viel Verschiedenes auf eines und nur eines zurückzuführen versucht, betont der Perspektivismus die Vielzahl möglicher Hinsichten auf etwas und verteidigt die Freiheit, eine Perspektive zu wählen, eben auch eine andere als bisher, aus der etwas betrachtet wird. Ich selber spreche gern von einer polyzentrischen Relationalität (nicht: Relativität!), in der verschiedene Seinsarten oder -ebenen aufeinander beziehbar werden, ohne daß eine davon vollständig von einer anderen abgeleitet werden könnte (auch nicht von "Gott"!). Keine der Seinsarten ist nur fundierend, etwa für alle anderen, keine ist nur fundiert (von einer anderen her vollständig bestimmbar).

Nach H. Friedrich sind für Montaigne die größeren Zusammenhänge von jedem beliebigen Ausgangspunkt her zu erreichen (S. 313). Mit seiner Methode der Vorläufigkeit und des Offenlassens (S. 319) halte er sich frei im schwebenden Vermuten, das im Spiel mannigfaltiger Perspektiven kreise. Die Vielheit und Wandelbarkeit des Seins, vor allem des Menschen selbst, sei "sprachlich unausschöpfbar ... Sprache und ihr jeweiliger Gegenstand sind beide in sich selbst beweglich; beide vermögen sich nur in einem flüchtigen Augenblick zu nähern..." (S. 26). Offenkundig sei der Geschmack, den er (Montaigne) am Schriftsteller Platon findet, der die perspektivisch wechselnde Behandlung einer Sache in die Vielheit der redenden Personen auseinanderlegt. Montaigne deute - und mit einem gewissen Recht - den platonischen Dialog als die angemessene Gestalt eines offenlassenden, schwebenden Denkens. "Seiner Auffassung nach ist der Dialog die schriftstellerische Verwirklichung der Urteilsenthaltung, der Unfixierbarkeit des Geistes wie der Sachen und das Sprachmittel der improvisierenden Subjektivität, die hier ihren Reichtum und ihre wechselnden Perspektiven durch Verteilung auf verschiedene Figuren darstellen kann. Walter Pater (1893) hat in der Dialogtechnik der Griechen das skeptisch essayistische Verfahren hervorgehoben, eine `literarische Form, die sich besonders für ein vielseitiges, aber zögerndes Wahrheitsbewußtsein eignet`, das `sozusagen niemals zu Ende kommt`", (also unendbar ist!). Man ist hier versucht, von einem Perspektivenwechsel nicht im Dialog, sondern im "Polylog" zu sprechen, möglichst in einer Gesprächsrunde eines Symposions, wo es für die Diskutanten auch etwas zu trinken und ggf. auch etwas zu essen geben sollte!

In den "Essais" wird die Perspektivität nicht abstrakt abgehandelt, sondern im praktischen Zusammenhang realisiert. Ich möchte das an einigen Zitaten deutlich machen. So betont Montaigne: "Die Frage der Religion meines Arztes oder meines Anwalts läßt mich kalt. Sie hat mit den freundschaftlichen Diensten, die sie mir schulden, nichts zu tun; und in den häuslichen Beziehungen zwischen meinen Bedien(ste)ten und mir halte ich es genau so" (S. 103). Und weiter: "In den gegenwärtigen Wirren dieses Staates läßt mich meine Parteinahme weder die rühmlichen Eigenschaften unsrer Gegner noch die unrühmlichen derjenigen verkennen, denen ich folge. Die Leute beten alles an, was auf ihrer Seite ist; ich wiederum finde die meisten Vorgänge sogar auf meiner Seite unentschuldbar" (S. 509), und auf der folgenden Seite (510): "Ich erwähnte an anderer Stelle bereits den religiösen Übereifer, der selbst rechtschaffne Menschen auf Irrwege trieb. (Was mich angeht, kann ich ohne weiteres von ein und demselben Mann sagen: "Hier handelt er verwerflich, und hier untadelig")". Besser kann man die "Bereichsverschiedenheit" (nach v. Allesch) nicht deutlich machen, und es sind eben die spezifischen Hinsichten oder Perspektiven, nach denen die Einschätzung eines anderen Menschen so oder anders ausfallen kann.

Der Perspektivenwechsel ist nun keineswegs nur eine beliebig wählbare oder auch verzichtbare Methode oder gar Mode des Erkennens, etwa bloß Ausdruck der Unbeständigkeit des Beobachters, sondern er ist begründet im Reichtum der Aspekte und in der Wandelbarkeit des Seins, das unerkennbar wäre für den starr gehaltenen Blick, der das kindlich-neugierige und erwachsen-skeptische Umherschauen verlernt hat. H. Friedrich spricht in diesem Zusammenhang von der "unfixierbaren Spielbewegung des Geistes" (S. 34). Die Skepsis (offenbar wieder im alten Sinne des Wortes gemeint) öffne dem Menschen das Auge "für das von Unerschöpflichkeiten trächtige Wunder der Welt und seiner selbst" (S. 127). H. Friedrich betont die heraklitische Eigenart von Montaignes Weltbild (S. 132), dessen zentrales Motiv die Veränderlichkeit sei, der fließende Wandel des Dinglichen und Menschlichen. Der Mensch sei bei Montaigne "als Teil alles Seienden ... mitergriffen vom Charakter alles Seienden: fließend, wechselnd, unzuverlässig wie dies" (S. 132).

Zur näheren Kennzeichnung von Montaignes Weltbild verwendet H. Friedrich einige Begriffe, die schon sprachlich eine bemerkenswerte Ähnlichkeit miteinander haben (ich lasse bei ihrer Aufzählung weg, wovon im jeweiligen Kontext gerade die Rede ist): unerschöpflich ... unfixierbar (S.34), unendlich (S. 120), Unerschöpfbarkeit (S. 125), Veränderlichkeit (S. 132), unausschöpfbar (S. 149), unaufhörlich (S. 152), Wandelbarkeit (S. 170), Unfaßlichkeit (S. 179), Unerkennbarkeit (S. 315), Unfixierbarkeit (S. 335), "(etwas), das ... niemals zu Ende kommt" (S. 335). Diese von H. Friedrich verwendeten Begriffe möchte ich am Ende dieses Kapitels zusammenfassen in einer eigenen Aussage: Montaigne betont die Unendbarkeit des Seins und der menschlichen Erkenntnis gegenüber der Allendlichkeit des Monotheos. Sein Philosophieren ist damit griechisch-abendländisch weltoffen, in deutlichem Kontrast zur Abgeschlossenheit, ja zur Provinzialität des jüdisch-christlich-islamischen Glaubens. Angesichts des Gewichts dieser Behauptung muß ich eine Frage stellen, auf die mich Montaigne selber bringt: Habe ich ihn vielleicht mit den letzten Bemerkungen allzu sehr für mein eigenes Denken vereinnahmt? Es gibt allerdings ein probates Korrektiv gegen diesen möglichen Fehler und der Leser oder die Leserin hat es selbst in der Hand, dieses Mittel anzuwenden: Man lese die Essais von Montaigne! Er wird dort selber erklären, ob und wo ich ihn mißverstanden und fehlgedeutet habe! Und auch wo ich ihn verstanden und angemessen vermittelt habe! Das zu tun hatte ich mir jedenfalls vorgenommen.

Montaignes geistige Nachkommen

Man erlaube mir noch ein paar abschließende und zugleich weiterführende Bemerkungen zu den geistigen "Nachkommen" von Michel de Montaigne. In literarischer Hinsicht mag der französische Dichter La Fontaine (1621 - 1695) Anregungen des Philosophen aufgenommen haben: in seinen Schwänken, Märchen und Fabeln bezieht auch er seine Motive aus antiken Vorbildern, überträgt und imitiert er antike Muster. In seiner bildhaft-anschaulichen, aber lakonisch knappen Sprache mit umgangssprachlichen Elementen kommt er zu Aussagen, die nicht moralisierend sind, sondern in denen er die moralische Bewertung dem Leser überläßt.

Montaignes philosophischen Ansätzen begegnen wir wieder bei dem französischen Philosophen Pierre Bayle (1647 - 1706). Mit seinen freisinnigen und skeptischen Ansichten war er einer der einflußreichsten Wegbereiter der Aufklärung. Er bekämpfte jeden Dogmatismus, propagierte die Trennung von Kirche und Staat und forderte unbedingte Toleranz auch gegenüber Atheisten. In seinem Buch "Montaigne and Bayle. Variations on the theme of skepticism" (New York 1963) befaßt sich C. B. Brush vergleichend mit diesen beiden Philosophen.

Wiederum stilistisch läßt sich der englische Dichter Laurence Sterne (1713 - 1768) mit Montaigne vergleichen. Er wurde als Domherr "mit sinnesfrohem Lebenswandel" charakterisiert, und dies kennzeichnet auch sein bekanntestes Werk "Tistram Shandy", eine fiktive Autobiographie, in der er sich eine Fülle eingestreuter Anekdoten und reflexiver Abschweifungen erlaubt und das Leben des Helden und seiner Umgebung in ironisch-humoristischer Grundhaltung beschreibt.

Als weiterer Nachfolger wäre zu nennen der französische Philosoph und Schriftsteller Denis Diderot (1713 - 1784). Formal angeregt von Sterne ist Diderots Roman "Jakob und sein Herr". Auch hier wird die Handlung ständig durch Anekdoten, weltanschauliche Überlegungen und Dialoge des Autors mit dem Leser unterbrochen und in einer dialektisch unabschließbaren Denkbewegung weitergeführt. Inhaltlich zeigt sein Briefroman "La Religieuse" (dt. "Die Nonne") eine massiv antikirchliche Tendenz mit der Kritik an der Pervertierung menschlicher Natur durch falsche Frömmigkeit. Bekannter geworden sind Diderots maßgebliche Beiträge zur "Enzyklopädie", in denen er aufklärerische Ideen vom Fortschritt der Wissenschaften und des menschlichen Geistes vertritt in der Überzeugung, das menschliche Denken gegen Irrlehren, Vorurteile, Unterdrückung und Fanatismus seiner Selbstbestimmung zuführen zu können. So stellt er im Artikel "Autorité" das Recht, über vernünftige Menschen mit Gewalt zu bestimmen, kritisch in Frage und proklamiert die Freiheit jedes Menschen, von seiner Vernunft Gebrauch zu machen. Bedingt durch ihre kritisch-undogmatische Grundtendenz erschienen mehrere seiner Werke erst nach seinem Tod, was noch einmal deutlich macht, wie gefährlich es in diesen Zeiten war, kritisch zu denken und offen darüber zu sprechen und zu schreiben.

Im deutschen Sprachraum war Georg Christoph Lichtenberg (1742 - 1799) ein unabhängiger Vertreter der Aufklärung von universaler Bildung. In satirischen Aufsätzen bekämpfte er die religiöse Intoleranz. Auch mit den sehr freien und treffenden Aphorismen in seinen Tagebüchern, die er "Sudelbücher" nannte, trug er zu einer kritischen Durchleuchtung seines Zeitalters bei.

Friedrich Nietzsche (1844 -1900) hat solche Anregungen aufgegriffen und weitergeführt. Dies im einzelnen auszuführen, ist hier nicht der Ort.


Der vollständige Text (ergänzt um die Abschnite 2 - 10, insgesamt 46 Seiten) ist abrufbar von www.hansschauer. Dort sind auch andere Texte des Autors zugänglich, die nicht auf eine "kritische" Tendenz beschränkt bleiben, sondern ganz positiv für einen Pluralismus plädieren.

Vorschläge für Korrekturen oder Ergänzungen dieser Texte sind zu senden an: mail@hansschauer.de. Rückfragen werden aber aus Zeitnot nur ausnahmsweise beantwortet.  Hans Schauer


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