Geschichten aus dem Wienerwald
von Ödön von Horváth
im Hessischen Landestheater Marburg (Premiere: 7. April 2001)
Eine Tochter aus kleinbürgerlichem Hause ist dem Handwerksmeister von nebenan versprochen. Auf ihrer Verlobungsfeier aber entdeckt sie ihre große Liebe zu einem liebenswerten Nichtsnutz und macht sich mit ihm davon. Die beiden haben ein Kind, sie kommen auf keinen grünen Zweig, und die junge Frau landet schließlich im Tanzensemble einer Nachtbar; das Kind kommt aufs Land zu Verwandten des Vaters, der sich von seiner Geliebten lossagt. Der ursprünglich vorgesehene Bräutigam aber liebt sie immer noch, am Ende steht die große Versöhnung und die Wiederherstellung der bürgerlichen Ordnung: Das uneheliche Kind ist mittlerweile gestorben.
So melodramatisch ist der Handlungskern von Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wienerwald." Ein "Volksstück" nannte der Autor sein Werk, das seinen Reiz und Charme bezieht aus seinem Personal, das einem kleinen Panoptikum gleichkommt, und aus der Entlarvung des Mythos von der wienerischen Gemütlichkeit. Der walzerbeschwingte Bilderbogen erweist sich bei näherem Zusehen als ein Totentanz im ¾- Takt.
Der Premierenapplaus im Marburger Theater am Schwanhof blieb zurückhaltend. Nicht unbedingt darum, weil das Publikum mit der schauspielerischen Leistung oder der Regie von Ekkehard Dennewitz unzufrieden gewesen wäre, sondern eher deshalb, weil ihm der Schrecken des Stückes noch in der Kehle steckte.

Der in Deutschland verfemte und dann im Exil jung gestorbene Horváth ist – nach seiner Wiederentdeckung im Umkreis der Studentenrevolte und der neuen Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit in den 60er und 70er Jahren – mittlerweile zu einem modernen Klassiker avanciert, seine Stücke sind zu einem festen Bestandteil des Repertoires der deutschsprachigen Bühnen geworden. In den 70er Jahren war Horváth – neben Marieluise Fleißer – der große Anreger für Autoren wie Martin Sperr oder Franz Xaver Kroetz.
In diesem Jahr wäre der Autor 100 Jahre geworden, und das Stück "Geschichten aus dem Wienerwald" wurde vor nunmehr 70 Jahren uraufgeführt, in Berlin unter der Regie von Heinz Hilpert. Damals löste das "Volksstück" aus politischen Gründen in der Presse eine Kritikerfehde aus. Die politische Provokation hat an Aktualität nur wenig verloren. "Ich bin stolz darauf, ein Deutscher zu sein." Nein, dieser Satz steht nicht bei Horváth. Wenn aber der corporierte Jus-Student Erich ihn auf der Marburger Bühne sagt, fügt er sich bruchlos in seine Rolle.
Ödön von Horváth hat – mit Ferdinand Bruckner, Marieluise Fleißer und anderen - das Volksstück (in der Tradition Nestroys und Anzengrubers) aufgegriffen und unter behutsamen Vorzeichenänderungen für die große Bühne neu fruchtbar gemacht. Horváths Personal (nicht nur in diesem Stück) ist eine Versammlung von Kleinbürgern aller Schattierungen, die sich mit Aufgelesenem und Aufgeschnapptem großtun, mit lateinischen Zitaten um sich werfen und am Strand der schönen blauen Donau über Seelenwanderung sinnieren. Es wird munter an Weltbildern gezimmert, nur die Teile wollen nicht zusammen passen. Da wird in metaphysischer Selbststilisierung das Schicksal beschworen und das eigene Scheitern gedeutet, da wird mit Gott gerungen – aber all das ist nur geliehener Text. "Über uns webt das Schicksal Knoten in unser Leben." Und keiner lacht. Natürlich ist das Kitsch, aber da in den "Geschichten aus dem Wienerwald" alle Personen gleichermaßen je und je von solchen Anwandlungen des Tiefsinns überwältigt werden, gibt es da nichts zu lachen. Der Tanz geht weiter – immer hart am Abgrund entlang. Das ist Theater der Entlarvung und Demaskierung, aber sie betrifft das Publikum gleichermaßen, auch in Marburg. Und darum bleibt ihm das Lachen im Halse stecken und die Hände sind gelähmt und wollen sich nicht recht zum Beifall rühren.

In Horváths Stücken bilden die Elemente des Volkstheaters die Kulisse für banale Schreckensbilder vom scheiternden bürgerlichen Leben. In diesem Falle sind es die von der Operette bis zur Touristikbranche gleichermaßen verwerteten Regionalmythen vom weinseligen, gemütvollen Wien und vom Wienerwald. "Draußen in der Wachau" – wie das bekannte Lied, so lautet eine wiederholte Ortsangabe und Szenenüberschrift. Aber unter der Herrlichkeit wohnt das Grauen, in besonderer Weise personifiziert durch eine tyrannische alte Frau, die ihr unehelich geborenes Urenkelkind, das gehaßte Bankert, so lange im Kinderwagen in den Durchzug schiebt, bis es stirbt. Aber das Fürchterliche unter dem dünnen Eis des bürgerlichen Anstands durchzieht das ganze Stück, und wiewohl sich Licht und Schatten verteilen, sind doch alle handelnden Personen mehr oder minder verwoben in das Geflecht aus Lüge und Selbsttäuschung, aus Kitsch und Haß. Das eigentlich Erschreckende daran ist wohl – vor 70 Jahren nicht anders als heute -, daß uns all diese Gestalten so bekannt vorkommen. Horváths Theater ist beklemmend realistisch.
Der Wiedererkennungseffekt gründet nicht zuletzt in der starken Typisierung, die dem Volkstheater entlehnt ist. Weil die Rollen eher Typen denn Charaktere sind, läßt Horváth der Freiheit des Regisseurs weniger Möglichkeiten als andere klassische Autoren des Repertoires, engt auch die Möglichkeiten der Darsteller erheblich ein. Im Puppentheater haut der Kasper so lange mit seinem Knüppel auf das böse Krokodil ein, bis es klein bei gibt. Und bei Horváth ist ein Halodri eben ein Halodri, und er hat auch so auszusehen, so zu sprechen, sich so zu benehmen.

Unter diesen Voraussetzungen bietet die Inszenierung von Ekkehard Dennewitz eine geschlossene Ensembleleistung ohne Ausfälle und mit einigen herausragenden Höhepunkten. In den "Geschichten aus dem Wienerwald" heißt der Halodri Alfred und versteht sich vor allem auf Pferdewetten und darauf, sich aushalten zu lassen. Michael Boltz spielt diesen Alfred mit großer Gewandtheit und obligater Schmachtsträhne, und der Strohhut steht ihm gut. Alfreds Problem ist schon immer das Geld. "Draußen in der Wachau" ist ihm seine Mutter (Cornelia Schönwald, sehr mütterlich, sehr alpenländisch) zugetan, aber sie steht selbst unter der Fuchtel der Großmutter (leider zu grotesk als alte Hexe gespielt von der kaum wiederzuerkennenden Uta Eisold). In der "stillen Straße im achten Bezirk" begegnen wir dem städtischen Wiener Kleinbürgertum in seinen typischen Vertretern: Da betreibt der einfältig-bigotte Fleischermeister Oskar (Ronald O. Staples) mit seinem allewege wurstmümmelnden Gesellen Havlitschek (Stefan Gille) seine Fleischhauerei. Nach Ablauf der einjährigen Trauerzeit (nach dem Tod seiner Mutter) kann nun endlich die Verlobung mit der Nachbarstochter Marianne (Erika Spalke, ein wenig zu naiv) aus der Puppenklinik des "Zauberkönigs" (Fred Graeve) stattfinden. Des weiteren gehören zum Biedermeier vor Ort u.a. noch ein alter Rittmeister a.D. (Thomas Streibig als wandelndes Klischee der k.u.k. Monarchie) und Valerie, die Besitzerin einer Tabaktrafik: Diese Valerie, die sich mit allen Mitteln gegen das Altern auflehnt, spielt Christine Reinhardt mit umwerfendem Charme und breitem Spektrum des Ausdrucks, darstellerisch ist das unter vielen guten Leistungen deutlich die herausragende. Aber auch Jürgen Helmut Keuchel (in zwei Rollen als Hierlinger Ferdinand und als amerikanischer Verwandter) und Peter Meyer (als deutscher Student Erich) können überzeugen. Bis in die vielen Nebenrollen kommt die Besetzung durchweg den Möglichkeiten und Fähigkeiten der Schauspieler entgegen.

Die Regie des Marburger Intendanten ist behutsam um Werktreue bemüht. Daß im "Kleinen Café im zweiten Bezirk" Dart und nicht Billard gespielt wird, ist vermutlich weniger der Regie als dem Ausstattungsetat und der Bühnentechnik zuzuschreiben. Überzeugend umgesetzt ist die Beichtszene, in der in Marburg der Zauberkönig, Mariannes Vater, selbst den Beichtvater abgibt, ihre beiden "Verehrer" Oskar und Alfred aber zwei Racheengel. Die kirchliche Moral haben alle gefressen, aber genau darum ist sie ohne wirkliche Bedeutung.
Das Volksstück Wiener Tradition lebt nicht zuletzt von der Musik. Für die Walzerseligkeiten ist Raidar Seeling am Klavier zuständig.
Der sehr umfangreiche Text Horváths wurde behutsam zusammengestrichen, trotzdem dauerte die Aufführung – incl. Pause - fast drei Stunden, über eine halbe Stunde länger als im Programmheft angekündigt. Zum Teil mag das an den zahlreichen Umbauten gelegen haben, die nur gelegentlich auch einmal auf offener Bühne erfolgten: Axel Pfefferkorn zeichnet für die Ausstattung verantwortlich, und er bedient die Zuschauer weitgehend mit realistisch-romantischen Bühnenbildern. Vor allem aber ist das Tempo des Spiels insgesamt sehr verhalten. Horváths häufige Szenenanweisung "Stille" wird präzise beachtet. Und genau dieser Zeitlupeneffekt erzeugt Beklemmung, die so weit geht, daß im dritten Teil nach der Pause mehrmals sogar der Vorhang zwischen den Szenen in eine atemlose Stille fällt, der distanzierende Szenenapplaus ausbleibt.
Die Welt, die Horváth beschreibt, ist nicht unsere und doch unsere. Die Träume, die seine Kleinbürger träumen, sind nicht ausgeträumt, und weil wir das deutlich empfinden, ist der Kontrast des Bösen in allem Bemühen um das Gute noch stärker. Wien liegt nicht nur an der schönen blauen Donau, sondern hat auch Vororte an der Lahn, oder anders gesagt: Die Mythen von der besseren Welt sind noch immer sehr lebendig. Die Marburger Inszenierung verdeutlicht das sehr schön dadurch, daß die angetrunkene Heurigengesellschaft auf ihrem Weg ins "Maxim", wo sie Marianne in ihrer letzten Erniedrigung als halbnacktes Showgirl begegnen wird, durch den Zuschauersaal tanzt, wo sich alsogleich gemütliche Schunkelstimmung breit macht. Um so erschütternder ist der Absturz aus den Höhen der Ideale der Gemütlichkeit, an dem das Publikum direkten Anteil hat.
Wem gilt nach einem Theaterabend der Beifall – dem Ensemble und dem Regisseur – oder nicht auch dem Stück und seinem Autor? Beim Klatschen stellte sich mir die Frage. Die Inszenierung mag ein wenig verhalten sein, aber das Stück trägt. Den Marburger "Geschichten aus dem Wienerwald" sind viele Besucher mit wachen Augen und Ohren zu wünschen, Besucher, die den Blick in die eigenen Abgründe nicht scheuen.

(Fotos: R. Strauss/HLTh)
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