Der Widerspenstigen Zähmung
Komödie von William Shakespeare
Als Intendant Ekkehard Dennewitz nach Vorstellungsende dem Regisseur des Abends einen Blumenstrauß überreichte, bat er sich eine kurze Unterbrechung des Beifalls aus und teilte offiziell mit, was auch schon in den Zeitungen zu lesen gewesen und somit kein Geheimnis mehr war: Nach zehn Jahren Tätigkeit für das Hessische Landestheater in Marburg wechselt Frank Damerius zur nächsten Spielzeit nach Franken, genauer nach Nürnberg. Das Bedauern war bei Dennewitz Worten nicht zu überhören.
Zum Abschied also wieder einmal eine Shakespeare-Komödie. "Der Widerspenstigen Zähmung" gehört selbst nach Ausweis der einschlägigen Lexika nicht zu den literarisch besonders wertvollen oder tiefsinnigen Werken Shakespeares, erfreut sich aber allezeit bei Theatermachern wie beim Publikum großer Beliebtheit aufgrund seiner Bühnenwirksamkeit. Davon zeugen nicht zuletzt die zahlreichen Bearbeitungen bis hin zu Cole Porters Musical Kiss me Kate!"

Die Zähmung einer widerspenstigen jungen Frau mit allen Mitteln von Essens- und Schlafentzug bis hin zur Suggestion, ihre kulturelle "Brauchbarmachung" als gefügige Ehefrau, das ist ein Stoff von mehr als nur zeitgebundenem Interesse. Weiterhin stellen die Titelrolle wie auch die Figur des "Bändigers" Petruccio, interessante schauspielerische Herausforderungen dar. Und schließlich ist da ein gutes Dutzend weiterer dankbarer Rollen für ein komisches Ensemble. An derb-possenhaften Zügen fehlt es auch nicht: Verkleidung, Verwechslung, Rollentausch von Herr und Diener abenteuerliche Verwicklungen in Haupt- und Nebenhandlung und schließlich eine wundersame Lösung des Knotens : Wie die meisten Shakespeare-Komödien ist auch die "Widerspenstige" für ein spielfreudiges Ensemble eine Delikatesse.

Damerius Marburger Inszenierung greift die grotesken Züge des Textes gerne auf, hält sich aber an einigen Stellen noch zurück. Nach der Pause gerät im 4. Akt die Szene im Haus des Petruccio allerdings fast doch zum Klamauk. Beim Schluß wie oft bei Shakespeare eine eher komplizierte Wendung mit dem Auftritt neuer Personen findet die Inszenierung aber wieder zu ihren früheren Qualitäten zurück, ja mehr noch: Die schwierige und viel diskutierte Schlußszene wird in Marburg zu einem wirklichen Höhepunkt des Abends: Nachdem glücklich drei Ehen geschlossen sind, haben die Frauen die Gesellschaft verlassen, die Männer sind unter sich. Petruccio, der unerschrockene Bezwinger der "Widerspenstigen", will nun seinen Triumph vollenden und seine gefügig gewordene Katharina vorführen. Die Wette gilt, und die andern gehen nur zu gern darauf ein: Welche Ehefrau als erste und ohne Widerstreben sich herbeirufen läßt, dem soll der Preis gehören. Zu aller Überraschung weigern sich nun die sanfte Bianca und die jung wiederverheiratete Witwe, während Katharina pflichtschuldig herbeieilt. Danach hält sie den anderen Frauen eine Art Grundsatzpredigt über die Pflichten der Frau, wobei dem überlieferten Text nicht zu entnehmen ist, ob der Autor ihn ironisch oder ernst gemeint hat. Möglicherweise rückt die "besänftigte Wilde" hier für Shakespeare und sein Publikum am Ende des Theaterspiels mit seiner "verkehrten Welt" die Geschlechterordnung wieder zurecht. Wie dem auch sei: In Marburg wird dieser Schluß zu einem schauspielerischen Triumph für Kerstin Westphal, die mit wunderbarer Ironie in Stimme und Gestik sich von dem, was sie sagt, distanziert und sich der Solidarität der Frauen versichert die Männerwelt aber in schweigende Irritation stürzt.

Das Marburger Ensemble bietet eine überzeugende Gesamtleistung, die Spielfreude und die Lust an der ausgelassenen Komödie springen am Premierenabend über auf das Publikum, das mit langanhaltendem Beifall dankt.
Klaus Weber hat eine multifunktionale, hölzerne Bühnenkonstruktion ersonnen, die mit Treppen und Geländern, Aufgängen und einer Brücke der Szenengestaltung (und auch der Beleuchtung) viele Möglichkeiten eröffnet. Die Kostüme und Requisiten schlagen einen ungezwungenen Bogen durch die Jahrhunderte. Es wird fotografiert, man bedient sich gelegentlich aus einem Kühlschrank, der vor Erschöpfung ohnmächtige Diener Grumio (Harald Schwamm) wird vom lieblichen Klappern der Bierflaschen im Kasten zu neuem Leben erweckt das alles schaut sich auf der Bühne viel selbstverständlicher an als es sich liest. Und daß gelegentlich ein rosaroter Panther herumgeschleppt wird, daß sich auch noch ein modern gekleideter Monteur um den Kühlschrank kümmert die Phantasie des Regisseurs schießt vielleicht gelegentlich über das Ziel hinaus, aber selbst diese Extravaganzen können den guten Gesamteindruck nicht stören.
Der wird nicht zuletzt mitbestimmt durch die Musik, die teilweise vom Tonband kommt und die Szenen ineinander überfließen läßt, teils mit Trommeln, Klanghölzern, Rasseln und Flöten erzeugt wird von Michael Boltz, wenn er nicht gerade seine Pudelmütze überzieht und sich als Bursche Biondello mit Riesenschritten ins Geschehen mengt, ein verirrter Strandläufer im Italien der Renaissance. Die Musik akzentuiert und ironisiert, läßt Stimmungen aufsteigen oder liefert einfach der Komödiantentruppe Anlaß zu einem kleinen Tanztheater. Die Ensemblemitglieder des Hessischen Landestheaters zeigen, was sie können, und das nicht nur in der Sparte Schauspiel, sondern auch im Tanz und in der Akrobatik. Eine kluge Regie läßt das alles aber nie zum Spektakel um seiner selbst willen werden.

Dreizehn Darsteller in zwanzig Rollen, da müssen auch schon einmal zwei oder (Miriam Ternes) drei Rollen gespielt werden. Das Gesinde Petruccios begegnet vorher und nachher unter anderen Namen, aber Kostüm, Maske und ungewohnte Dialekteinfärbung machen den Rollenwechsel ganz glaubhaft.
Baptista, der Vater der widerspenstigen Katharina und ihrer sanften Schwester Bianca, wird von Fritz Graeve mit großer Altersweisheit verkörpert, ein bedächtiger alter Mann, der auch seiner allseits verschrienen Tochter zu einem Mann verhelfen will. Diese Katharina spielt Kerstin Westphal anfangs in furioser Vehemenz, im Laufe des Abends gewinnt sie an Gesicht, Charakter und natürlich an Sympathie bis hin zum schon erwähnten Schlußmonolog.
Ihre vielumworbene Schwester Bianca verkörpert Erika Spalke anfänglich scheu und puppenhaft steif, später dann mit erwachendem Eigenleben und zunehmendem Selbstbewußtsein. Das brave Mädchen wird so brav nicht bleiben.
Verwirrend ist beim Lesen des Stückes die Fülle der männlichen Rollen, der Nachbarn und Verehrer aus Mantua, Pisa und Verona, der Herren und ihrer Diener, die dann noch teilweise im Stück neue Namen annehmen. Die Darsteller (und die Kostüme) setzen hier allerdings so klare Akzente, daß die Verwirrung sich in Grenzen hält. Wenn Lucentio und sein Diener Tranio die Kleider tauschen, damit der Diener sich für seinen Herrn, der Herr aber für einen Lehrer ausgeben kann, um der begehrten Bianca nahezusein, dann gelingt der Kleidertausch angesichts der sehr unterschiedlichen Statur der beiden Schauspieler (Thomas M. Held und Stefan Gille) nur aufgrund eines kleines Meisterstücks der Schneiderwerkstatt.
Lucentio muß es mit den beiden Verehrern seiner Bianca aufnehmen, die als Nachbarn schon vorher auf dem Platz waren. Während der lächerliche Greis Gremio (Peter Meyer) am Ende leer ausgeht, gibt Hortensio (Peter Liebaug) sich rechtzeitig geschlagen und heiratet eine Witwe (Miriam Ternes); Lucentio trägt den Preis davon und führt seine Bianca zum Altar. Daß es zu diesem Schluß kommen kann, dafür sorgt aber letztlich ein anderer, Petruccio, den die schreckliche Fama nicht abhält, sondern eher noch dazu anreizt, Katharina zur Frau zu begehren. Jochen Nötzelmann spielt mit obligater nackter Abenteurerbrust den Petruccio als siegesgewissen, mitunter brutal wirkenden macho, dem es im Grunde sowieso nur um die Mitgift geht. In einem Zeitalter, das eine Ehe aus Liebe praktisch nur als literarische Fiktion kannte, war seine Einstellung zu den Fragen der Eheschließung vermutlich einfach ehrlich und realistisch. Am Ende wird seine Katharina aber doch das letzte Wort behalten, und ihm wie allen anderen Männern - wird es die Sprache verschlagen.

Das Stück handelt nicht nur vom Geschlechterkampf, sondern auch von einem Aufstand und Sieg der jungen gegen die alten Männer. Die Generation der Väter (neben Baptista auch Lucentios Vater Vincentino, gespielt von Jürgen Helmut Keuchel) wird betrogen und gefoppt, es siegt der Witz der Jugend.
Shakespeare ist auf dem Theater der Meister aller Klassen, der Schöpfer großer Charaktere in seinen Tragödien und Historien, in seinen Komödien aber ein Virtuose im Wortwitz, in Verkleidungs- und Verwechslungsszenen, ein Autor, dem die derben Typen nicht weniger gelingen als die großen Heroen. Eine gute Shakespeare-Inszenierung läßt es auch immer wieder hervortreten, daß dieser Autor nicht nur ein Dichter in seinem Kämmerlein, sondern ein schreibender Theaterpraktiker war, mit klarem Blick für Effekte, Bühnenwirksamkeit und den Geschmack des Publikums, der sich in vierhundert Jahren eben doch nicht völlig gewandelt hat. Vor allem aber ist Shakespeares Werk ein Kosmos des Menschlichen mit all seinen Facetten, mit seiner Lächerlichkeit und Größe, seiner Tragik und Narretei, mithin immer wieder eine Herausforderung für Theatermacher und Theaterbesucher.

Die der Inszenierung zugrundeliegende Übertragung von Ellen Schwiers und Peter Jacob ist an vielen Stellen erstaunlich nahe an der klassischen deutschen Lesefassung von Wolf Heinrich Graf Baudissin. Die Aufführung dauert mit zweieinviertel Stunden reiner Spielzeit ein wenig länger als im Programm angekündigt, aber das temporeiche und witzige Spiel des Marburger Ensembles läßt keine Langeweile aufkommen. So ist dem scheidenden Frank Damerius zu danken für seine Abschiedsgabe: "Der Widerspenstigen Zähmung" ist ein gelungener Theaterabend, gute Unterhaltung, die überdies zum Nachdenken einlädt.
Uwe Kühneweg
(Fotos: Jochem Görtz und Ronald Strauß)
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