Mein Buch des Monats Mai 2001:
Anne Sexton: Buch der Torheit. Das ehrfürchtige Rudern hin zu Gott. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Elisabeth Bronfen. Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz, Frankfurt/M: S. Fischer 1998 ISBN 3-10-072511-5
von Uwe Kühneweg
Das Buch, das ich vorstellen möchte, ist für mich mehr als ein "Buch des Monats", kein Werk, das man einmal kauft und liest und dann beruhigt auf das Regalbrett stellt und vergißt. Oder eines Tages weiterverschenkt. Es gibt Bücher, die werden zu treuen Begleitern, zu guten Freunden; aber um so ein Werk, das ich zu Zeiten immer wieder einmal gerne zur Hand nehme, handelt es sich auch nicht. Vielmehr ist es so: Einige Bücher sind wie Bluthunde, wie Ratten, wie Würmer, die an meinem Herzen nagen, die sich festsaugen wie Blutegel, die ihre Wörter wie spitze Zähne in mein Fleisch bohren, sich festbeißen. Um so ein Buch geht es, eines, das ich nicht loswerde und vielleicht auch nicht loswerden will.
Vom Umschlagtitel blickt uns die Autorin an, welches andere Motiv käme auch in Frage?! Aber es ist ein halbiertes, ein durchgeschnittenes Gesicht. Das Halbgesicht lockt zum Aufschlagen, und auf der Innenseite des Schutzumschlages findet sich die andere Gesichtshälfte:

Eine selbstbewußte Amerikanerin schaut uns von einem Schwarzweißfoto an, nicht schön, nicht häßlich, leicht lächelnd, aber auch seltsam starr blickt sie direkt in das Objektiv des Fotografen. Die Umschlaggestaltung führt auf gelungene Weise hin zu einem Buch, das von seiner Autorin und ihrem Geschick nicht zu trennen ist, von ihren Ängsten und Träumen, von einem Leben zwischen Therapie und Tod, zwischen Wahn und Ruhm.
Anne Sexton wurde 1928 als jüngste von drei Töchtern in einer bürgerlichen Familie in Massachusetts geboten und verbrachte den größten Teil ihres Lebens an der amerikanischen Ostküste. Im Sommer des Jahres 1948 brannte sie mit einem Medizinstudenten durch, den sie später auch heiratete und von dem sie erst ein Jahr vor ihrem Tode geschieden wurde. 1953 und 1955 brachte sie zwei Mädchen zur Welt. Schon die erste Schwangerschaft und Geburt waren mit Erfahrungen des Schreckens und Entsetzens verbunden gewesen, nach der Geburt der zweiten Tochter Joyce Ladd treten akute Angstzustände auf, die Anne Sexton 1956 erstmals in psychiatrische Behandlung bringen. Am 8. November 1956, einen Tag vor ihrem 28. Geburtstag, unternimmt Anne Sexton ihren ersten Suizidversuch, dem im Laufe ihres Lebens noch einige folgen werden. Wiederum in einer psychiatrischen Klinik, beginnt sie auf Anraten ihres Therapeuten Dr. Martin Orn damit, ihre Seelenzustände in lyrischer Gestalt zu verarbeiten. War Anne Sextons Leben bis zu ihrem 28. Geburtstag äußerlich eine amerikanische Durchschnittsgeschichte, so beginnt nun der zweite, der andere Teil ihres Lebens: Eine Erfolgsstory unter dem Stern der hemmungslosen lyrischen Selbstdarstellung, der radikalen Selbstentblößung. Schon 1957 schreibt sie sich in John Holmes Lyrikseminar in Boston ein, im Jahr darauf ist sie bei Robert Lowell. In dessen Seminar trifft sie Sylvia Plath. 1960 erscheint ihr erster Gedichtband To Bedlam and Part Way Back und wird prompt für den National Book Award nominiert. Anne Sexton wird mit Förderung und Ehrungen in den folgenden Jahren geradezu überschüttet, sie erhält Stipendien, Gastdozenturen, Ehrendoktortitel, gewinnt den Pulitzerpreis und wird 1972 Ordentliche Professorin an der Boston University.
Das ist die Außenseite, deren Glanz und Erfolg sich nährt von der schrecklichen Innenseite. Aus der bürgerlichen Hausfrau und Mutter wurde die gefeierte Literatin, die ihre eigenen Ängste in Verse goß, die in immer neuen Anläufen und Transformationen durch literarische Bearbeitung sich mit ihrer psychischen Krankheit auseinandersetzte, zerrissen zwischen literarischen Erfolgen und Todessehnsucht, zwischen Ehrgeiz und Sinnsuche. Aber Anne Sexton macht auch noch aus dieser Zerrissenheit ein Gedicht:
Vogel Ehrgeiz
So weit ist es also gekommen:
schlaflos nachts Viertel nach drei,
die Zeiger der Uhr rücken vor
wie
ein Frosch, der einer Sonnenuhr
nachkriecht, doch alle Viertelstunden
einen elektrischen Schlag bekommt.
Die
Sache mit den Wörtern hält mich wach.
Ich trinke Kakao,
die warme, braune Mama.
Ein
einfaches Leben wäre mir recht,
und dennoch leg ich die ganze Nacht
Gedichte ab in eine lange Kiste.
Das
ist meine Unsterblichkeits-Kiste,
mein Ablage-Plan,
mein Sarg.
Die
ganze Nacht schlagen
dunkle Flügel in meinem Herzen.
Jeder ein Vogel Ehrgeiz.
Der
Vogel will heruntergeschossen werden
von so hoch oben wie der Tallahatchie Bridge.
Er
will ein Streichholz anzünden
und sich in den Flammen opfern.
Er
will Michelangelo in die Hand fliegen
und sich als Deckenfresko wiederfinden.
Er
will in das Hornissennest stechen
und sich wiederfinden in langem Nachruhm.
Er
will Brot und Wein zu sich nehmen
und einen Mann ausspucken, der selig schwimmt in der Karibik.
Er
will ausgestanzt werden wie ein Schlüssel,
damit er die drei Weisen aus dem Morgenland herauslassen kann.
Er
will Abschied nehmen im Kreise von Fremden
und Stücke seines Herzens reichen wie Hors d'uvres.
Er
will beim Kleiderwechseln sterben
und wie ein Diamant zur Sonne schießen.
Er
will, ich will.
Guter Gott, würde es denn nicht genügen,
nur Kakao zu trinken?
Ich
brauche einen neuen Vogel,
eine neue Unsterblichkeits-Kiste.
In dieser hier ist schon Torheit genug.
Was als "therapeutisches Schreiben" begann, führte Anne Sexton rasch zu der sich eben formierenden lockeren Gruppierung der "Confessional school of Poetry", die in Boston und New York in den sechziger und siebziger Jahren eine bei Kritik und literarischem Publikum recht erfolgreiche bekenntnishafte Art von Dichtung hervorbrachte. Der Begriff "Bekenntnis-Lyrik" kam bei den Kritikern auf, er erinnert von ferne, aber ganz richtig an Augustinus und dessen rückhaltlose Selbsterforschung in seinen Confessiones. Zu den "Bekenntnislyrikern" zählten neben Anne Sexton und der schon genannten Sylvia Plath etwa Theodore Roethke, John Berryman oder W. D. Snowgrass, die durchweg geprägt waren durch Robert Lowells Bostoner Kurse in "creative writing". Das gemeinsame Anliegen war es, für sehr persönliche und oft sehr verstörende, traumatisierende Erfahrungen eine Sprache, einen neuen Ausdruck zu finden. Gesellschaftlich mit dem Schweigegebot belegte Themen wie Wahnsinn und Sexualität, Mißbrauch und Inzest, Suizid und das Ringen mit den eigenen Abgründen wurden nun in aller Öffentlichkeit zur Schau gestellt, zur Sprache gebracht in Gestalt von Lyrik, die sich nach Belieben an ältere poetische Muster anschließen konnte. Die schreckliche Innenseite, die eigenen Ängste und Wahnvorstellungen, das Unterbewußte mit seinen verborgenen Wünschen und Phantasien, die Sehnsucht nach dem Tod, das persönliche Leid, der Wahnsinn (und was man so nennt) und die Angst vor dem Wahnsinn all das wurde auch für Anne Sexton zum Material ihrer poetischen Produktion. Exhibitionismus und Voyeurismus gehören zusammen. Im gesellschaftlichen Umbruch der damaligen Zeit bilden die Werke der confessional poets einen wesentlichen Faden im Muster der Befreiung. Das Moment des Tabubruchs gibt dieser Art Lyrik etwas Zeitgebundenes, aber einiges wird darüber hinaus Bestand haben, und ich bin überzeugt, daß Anne Sextons Gedichte dazu gehören.
Der Band, den ich vorstelle, ist der abschließende vierte Band einer sehr verdienstvollen zweisprachigen Werkausgabe im S. Fischer Verlag. Er enthält zwei selbständig veröffentlichte Lyrikbände: "Buch der Torheit" (The Book of Folly) aus dem Jahr 1972, in das noch eine Auswahl aus den "Sterbeheften" aus dem Jahr 1974 integriert worden ist, und "Das ehrfürchtige Rudern hin zu Gott" (The Awful Rowing Toward God), in einem Zuge innerhalb von drei Wochen niedergeschrieben im Januar 1973.
Unmöglich, den Kosmos auch nur dieser beiden Gedichtbände auszuschöpfen! Sie bieten Stoff für dicke wissenschaftliche Arbeiten aus unterschiedlichen Disziplinen. Man kann über Anne Sextons Lyrik unter ganz verschiedenen Aspekten schreiben: Eine biographische Betrachtung wird die Bezüge zwischen Gedicht und Entstehungszeitpunkt hervorheben, eine lieraturwissenschaftliche Sicht wird stärker auf die Form ihres Schreibens eingehen. Daneben bieten sich viele inhaltliche Zugänge an: Der Tod, die Aufnahme der Ödipussage, das Suchen nach Liebe und noch vieles mehr. Ich möchte hier vor allem die religiöse Lyrikerin Anne Sexton ins Auge fassen.
Von der jüdisch-christlichen Tradition läßt sich Anne Sexton nicht nur Themen, sondern auch Formen geben. Die "Sterbehefte" enthalten zehn Psalmen, die sich zunächst an die alttestamentliche Sprachform anschließen, um sich dann immer weiter davon zu entfernen und in einen ganz persönlichen Ton einzumünden:
Denn gleich dem Kind, das wie ein Seestern in seine Million Lichtjahre
aufbricht, erkennt auch Anne, daß sie ihren eigenen Berg erklimmen muß.
Doch auch da, wo sich die Poetin an die alten Dichtungsformen anlehnt, ist ihr Ton unverkennbar eigen: "Denn ich bete, daß ich Gott bekömmlich sei." (For I pray that God will digest me.)
Ein Teil des "Buches der Torheit" trägt den Titel "Die Jesus-Akte" (The Jesus Papers). In neun Gedichten werden Motive aus den Evangelien locker umkreist, nicht zuletzt geht es um die Sexualität Jesu, auch um Phantasien über inzestuöses Verlangen. In Anspielung auf Michelangelos Pietà heißt es am Ende des Gedichts "Jesus schläft":
Er schwamm durch Gott,
und weil er nicht erkannt hatte Maria,
wurden sie vereint bei seinem Tod,
das Kreuz mit dem Weib,
in einer letzten Umarmung,
in der Pose erstarrt
wie ein Tafelaufsatz.
In einem ehrfürchtigen und doch auch wieder ganz respektlosen Ringen durchrudert Anne Sexton nicht nur das Meer ihrer Angst und ihres Zweifels, sondern auch den Ozean christlicher Ikonographie und Metaphorik bis hin zur letzten Begegnung mit Gott, der am Ende nichts ist als der bessere Pokerspieler.
Das Rudern endet
Ich vertäue mein Ruderboot
am Kai der Insel, die Gott heißt.
Dieser Kai hat eine etwas zweifelhafte Form,
und viele Boote sind vertäut
an vielen verschiedenen Kais.
"Macht nichts", sage ich mir
trotz der Blasen, die aufgingen, heilten
und aufgingen, heilten -
sich immer wieder erholten.
Salz klebt mir an Armen und Gesicht wie
eine mit Tapiokakörnern gesprenkelte Leimhaut.
Ich räume mein hölzernes Boot
und ergieße mich auf das Fleisch der Insel.
"Na, los jetzt!" sagt Er, und so
hocken wir uns auf die Klippen am Meer
und spielen - ist das zu glauben
eine Partie Poker.
Er will sehen.
Ich gewinne mit einem Royal Straight Flush.
Er gewinnt mit fünf Assen.
Eine Wild Card war angesagt worden,
doch ich hatte es überhört,
noch so befangen vor Ehrfurcht,
als Er die Karten hervorzog und gab.
Während Er Seine fünf Asse hindrischt
und ich noch strahle über meinen Royal Flush,
fängt Er an zu lachen.
Das Lachen rollt Ihm wie ein Reifen aus dem Mund
und in den meinen,
ein solches Lachen, daß Er schier auf mich kippt,
in Jubelrufe ausbricht über unsere beiden Siege.
Da lache ich, und dieser hanebüchene Kai lacht,
das Meer lacht. Die Insel lacht.
Das Absurde lacht.
Du
mein Kartengeber,
ich mit meinem Royal Straight Flush
mag dich so mitsamt deiner Wild Card,
diesem unbändigen, ewigen, herzhaften Ha-ha
und Glücksfall von Liebe.
Mit ihrem leiblichen Vater (und all den anderen Vätern) hatte Anne Sexton abgerechnet in früheren Gedichten, im Bild Gottes begegnet ihr das männliche Prinzip in eigenartiger Maske wieder - und Elisabeth Bronfen bemerkt [in: "Nun breche ich in Stücke..." Leben, Schreiben, Suizid, Berlin 2000, S. 132], die Liebe zu Gott habe Anne Sexton die letzte Sicherheit in ihrer psychischen Welt gegeben. Das mag überraschen, aber es hat den Anschein, als sei tatsächlich auch das religiöse Suchen ihr großes Thema gewesen.
Ohne Gott sein heißt eine Schlange sein,
die einen Elefanten verschlingen will.
Und wenn es keinen Gott gibt, dann muß die Dichterin ihn ins Dasein rufen:
Es werde ein Gott, groß wie eine Höhensonne, der euch seine
Wärme zulacht.Es werde eine Erde in der Art eines Puzzles, und es gehe auf für
euch alle.
Das oben zitierte Gedicht "Das Rudern endet" ist das letzte des Bandes "Das ehrfürchtige Rudern hin zu Gott". Am 4. Oktober 1974 ging Anne Sexton mit ihrer Freundin Maxine Kumin noch einmal die Druckfahnen dieser Sammlung durch. Danach fuhr die Dichterin nach Hause in ihre Garage, wo sie - im Pelzmantel ihrer Mutter und mit einem Whiskeyglas in der Hand - sich dem Gift der Auspuffgase ihres Wagens anheimgab.
Nicht jede "psychische Krankheit" bringt große Kunst hervor, aber für nicht wenige Künstler war und ist der Wahnsinn Elixier, Antrieb und Katalysator ihres Schaffens. Anne Sextons Lyrik ist aufregend und verstörend zugleich, sie wirkt auf mich atem- und gedankenraubend einerseits, andererseits weckt sie die Phantasie auf zu Sprüngen.
Was das mit Religion zu tun hat?
Heilige kennen kein Maß,
Dichter ebensowenig,
nur das Überfließen.
Jesus bemerkt einmal, nicht die Gesunden bedürften des Arztes, sondern die Kranken. Die Gedichte Anne Sextons möchte ich meinen Theologiestudenten und allen religiös Suchenden ans Herz legen, auf daß sie sich anhand dieser Texte prüfen, ob das, was sie umtreibt, wirklich den Namen Religion verdient.