Yasmina Reza: Drei Mal Leben – Hessisches Staatstheater Wiesbaden

(Gastspiel bei den 18. Hessischen Theatertagen am 9. Juni 2001)

Situation und Inhalt des neuen Stücks von Yasmina Reza sind schnell beschrieben. Henri (Lars Wellings), von Beruf Astrophysiker, und seine Frau Sonja (Franziska Geyer), haben Hubert Finidori, einen einflussreichen Kollegen, und seine Frau Ines (Iris Atzwanger), zum Abendessen eingeladen. Henri, der längere Zeit nichts veröffentlicht hat und deswegen eigentlich schon als Versager gilt, hat endlich eine neue Arbeit abgeschlossen. Mit ihrer Veröffentlichung hofft er, durch die Unterstützung von Hubert Finidori, einen wichtigen Schritt nach oben auf der Karriereleiter tun zu können. Durch eine Verwechslung kommen die Finidoris jedoch einen Tag zu früh und treffen Henri und seine Frau völlig unvorbereitet an. Der Verlauf des Abends steht dadurch von vornherein unter ungewöhnlichen Vorzeichen. Die Zuschauer werden Zeugen eines ausufernden Ränkespiels, in das die Ehefrauen der Männer miteinbezogen werden: es geht um Macht und Einfluss, Unter- und Überlegenheit, um Hass und Ablehnung, die zunächst notdürftig unter den gesellschaftlichen Konventionen verborgen sind, dann aber offen hervorbrechen. Natürlich macht Hubert sich an Henris Frau heran, selbstverständlich ändern sich die Fronten, weil auch die jeweiligen Ehepaare einander herabsetzen und bekriegen.

Yasmina Reza lässt nun den Verlauf dieses Abends drei Mal, in unterschiedlichen Konstellationen, spielen. In der ersten Variante ist Henri hoffnungslos unterlegen, servil bis ins Groteske, seine Frau entsprechend dominant, in der zweiten gewinnt er an Stärke, scheitert aber trotzdem mit seiner Hoffnung, in der dritten endlich ist er zynisch und skrupellos genug, um zum Erfolg zu kommen. Er scheint die eigene Frau direkt aufzufordern, sich mit dem für ihn wichtigen Kollegen einzulassen – mit einem einzigen Satz: "Findest du Finidori attraktiv?" – , nun endlich gelingt es diesem, sich mit Sonja zu verabreden, und offensichtlich spielt das bei der Henri jetzt zugesicherten Unterstützung die ausschlaggebende Rolle. Ines ist in der zweiten Fassung des Abends eine alkoholabhängige, nervlich zerrüttete, von ihrem Mann gedemütigte Frau, in der dritten versucht sie, mit dem stärkeren Henri anzubändeln.

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Die Wiederholungen im Stück sind durchaus abwechslungsreich, sie ermüden nicht, vielmehr führt die von der Autorin geschickt durchgeführte unterschiedliche Verwendung von Versatzstücken, etwa der Laufmasche von Ines, zu Lacherfolgen. Der Inszenierung von Siegfried Bühr gelingt es, die verschiedenen Akzentsetzungen herauszuarbeiten, ohne jemals ins Grelle oder Peinliche abzugleiten. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind (vielleicht bis auf eine Ausnahme) hervorragend, besonders Iris Atzwanger stellt eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Man langweilt sich also zu keinem Zeitpunkt, und die Marburger applaudieren am Schluss des anderthalbstündigen, ohne Pause gespielten Stücks lebhaft. Die Leerheit, das Lieblose, die Zufälligkeit der jeweiligen Konstellationen in diesen Leben sind nicht marktschreierisch, sondern auf eine gewisse Weise amüsant in Szene gesetzt. Abgründe tun sich nicht auf: wir, die Zuschauer, wissen doch längst, wie es zugeht, wir kennen die Trivialität unseres Daseins, die wir hier noch einmal vorgeführt bekommen. Im Programmheft, sonst das heute leider übliche Sammelsurium von Texten (angefangen mit Stephen Hawkins "Die illustrierte kurze Geschichte der Zeit" über Kafka bis hin zu Auszügen aus Traktaten über Kindererziehung), findet sich immerhin auch eine Stelle aus "Hammerklavier" von Yasmina Reza, "Orte und Orte" überschrieben:

"Eines Tages war ich nicht, eines Tages werde ich nicht sein. Zwischen diesen beiden Augenblicken der Gleichgültigkeit der Welt bemühe ich mich zu sein. Es ist eine wankende Welt, aufgerührt von Wirbeln, verunsichert.

Zwischen diesen beiden Abwesenheiten gehen wir dorthin, wohin uns unsere Schritte führen, wir setzen unsere Füße auf die Welt und ihre Orte.

Es gibt Orte und Orte. Die schönen, die berühmten oder die sehr hässlichen lassen uns am Ende gleichgültig. Bestenfalls interessieren sie unseren Bildungsdrang, den mittelmäßigsten. Die wahren Orte, jene, die uns befruchten, jene, die unser Gedächtnis gefangennehmen, sind die, die uns außer uns gesehen haben, die unsere Maßlosigkeit gedeckt [?] haben, das Eingeständnis unserer Begierden oder das Entsetzen davor, all jene Orte, die das Lager eines Scheiterns waren."

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Ein solcher Ort, der uns "außer uns" sieht, ist für die Autorin sicherlich auch das Theater und in "Drei Mal Leben" das Wohnzimmer von Sonja und Henri, eigentlich ein exterritorialer Raum, in dem das sonst Zugedeckte, "unsere Maßlosigkeit" und "Begierden", offenbar wird. Aber die vier Protagonisten, die sich in ihm bekämpfen, sind nichts weiter als Versatzstücke, wie gerade die Variationen desselben Themas zeigen sollen. Das "Entsetzen", das sie kennen und ausdrücken, bezieht sich auf die fehlschlagenden Aspirationen innerhalb ihrer kläglichen Existenz, kaum auf diese als Ganzes. Weil dem so ist, wird letztlich die Banalität dieser Menschen auch zu der des Stücks. Das Gleiche gilt, würde ich meinen, auch für die zitierte Prosa ("Zwischen diesen beiden Abwesenheiten gehen wir dorthin, wohin uns unsere Schritte führen ..." oder: "all jene Orte, die das Lager [?] eines Scheiterns waren").

Eben weil nur Schatten und Schemen, nicht aber wirklich leidende Menschen gezeigt werden, amüsieren wir, die Zuschauer, uns, sogar mehr oder weniger ohne Häme, über die Verwicklungen und Verstrickungen. Schreck oder "Entsetzen" stellen sich sicherlich nicht ein, ohne dass uns ein Missverstehen der Intention der Autorin vorzuwerfen wäre. Deswegen bleibt dieser Theaterabend auch ohne Nachhall. Man verlässt die Marburger Stadthalle mit dem Gefühl, kurzweilige anderthalb Stunden verlebt zu haben, aber bereits unmittelbar nach dem Ende der Aufführung beschäftigt sie weder den Verstand, noch das Gefühl mehr. Am nächsten Tag, heute, bleibt in mir die Erinnerung an eine gute Inszenierung, sonst aber eigentlich nichts oder so etwas wie eine leere Stelle, denke ich nicht an die Schauspieler, sondern an das Stück.

Glücklicherweise wird im Programmheft, wohl wegen des Bezuges zum Weltall, ein Gedicht von Ivan Goll zitiert (es stammt aus: Ivan und Claire Goll: Die Antirose). Es lautet:

Rückkehr ins All

Täglich
bröckelt
ein Stück von mir ab:
Stunde um Stunde
Haar um Haar
Kuss um Kuss
Fallen zurück ins Unendliche:

Nur meine Augen altern nicht
Geliebte
Solange dein Licht sie bestrahlt

Was hier in unendlicher Melancholie ausgedrückt ist, die Verbindung von Verfallensein ans Anonyme und individualisierender Liebe, fehlt in "Drei Mal Leben" vollständig. Ich bedauere das umso mehr, weil ich glaube, dass die Autorin ihr Handwerk beherrscht. Yasmina Reza ist zweifellos eine Frau mit Gespür für die besonderen Gesetze des Theaters. Das zum einen zeigt ihr Erfolg – zum anderen bedeutet er, dass unsere Zeit nicht die der großen Stücke ist. Aber gerade, wenn man etwas sieht, was gut gemacht ist, entsteht die Sehnsucht nach, dass ich es nur geradeheraus sage, Tiefe, vielleicht gar nach Tragik. Yasmina Reza könnte die Fähigkeit besitzen, nicht nur erfolgreiche, sondern auch Stücke mit einem wirklichen dramatischen Gehalt zu schreiben. Ich wünsche mir, dass sie es versucht. Sie käme dann dem nach, was sie selbst für die Aufgabe der Kunst hält: "Die Kunst soll den Menschen in eine Dimension versetzen, die über dem Alltag steht, sie soll ihn klüger machen", sagt sie im Gespräch mit Sacha Verna, das am 17. Mai in der ZEIT abgedruckt ist.

Max Lorenzen

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