Hamlet nach Shakespeare. Übersetzung Heiner Müller (Staatstheater Kassel)

zu Gast bei den 18. Hessischen Theatertagen in Marburg

Das Staatstheater Kassel hat sich unter der Intendanz von Christoph Nix spezialisiert auf die Schlachtung klassischer Stücke. Mit "Stella" und "Hamlet" wurden dem Marburger Publikum gleich zwei Kostproben geboten, die sich beide als reichlich unbekömmlich erwiesen.

Zum "Hamlet" war die Marburger Stadthalle ausverkauft. Die Fama, die der Kasseler Inszenierung vorausging und die im Programmheft der Theatertage noch bestärkt wurde, etwa mit einem Pressezitat aus der Neuen Westfälischen ("Regisseur Armin Petras zündet ein Trash-Feuerwerk..."), mochte dazu beigetragen haben, auffallend viele junge Leute anzulocken. Dem Beifall nach zu urteilen, kam das Publikum auf seine Kosten. Aber was da eigentlich zu sehen war, läßt sich gar nicht so einfach sagen.

Ein Theaterabend "nach Shakespeare": Der kam auch vor, meist angestrengt und flach rezitiert wie in einem Fahrstuhl, in dem die Luft knapp wird. Der schwerverdauliche Braten Shakespeare/Müller war dick eingelegt in selbstgemachtes Aspik von billigen Gags und mehr oder weniger gekonnter Pop-Persiflage. Eine zeitgemäße Inszenierung sollte das sein, in ihrer irritierenden Bilderflut Theater für die Gegenwart und zugleich ein Spiegel unserer atemlosen Weltstunde, die wir mit bitterer Melancholie die Postmoderne nennen.

Regisseur Petras notiert im Programmheft: "Die Quantität und Schnelligkeit der Bilder scheint ein(!) Verlust an Qualität und Historizität zu bedeuten, dennoch bedeutet diese Geschwindigkeit zunächst einmal nichts anderes als: jetzt, guten Tag, heute." Also denn: Hamlet heute, hervorgezogen aus der Tiefkühltruhe der Weltliteratur, neu angerichtet auf dem Teller der nimmersatten Spaßgesellschaft.

Den anderen Regieeinfall gab es nur im Programmheft zu entdecken, in Versen von Ferdinand Freiligrath aus dem Jahr 1844:

Deutschland ist Hamlet!
Ernst und stumm
In seinen Toren jede Nacht
Geht die begrabne Freiheit um,
Und winkt den Männern auf der Wacht.

Dazu tritt eine Ausführung von G. G. Gervinus aus dem Jahr 1849, in der es unter anderem heißt: "Hamlet ist Deutschland. Und dieser Ausspruch ist in der That kein geistreiches Spiel mit Worten oder verworrenen Vorstellungen. [...] Ganz so wie Hamlet verloren wir die Freude an unserer Existenz und flüchteten aus dem realen Leben in das Reich der Ideale; wir schadeten dem sicheren Tacte des instinctiven Lebens durch allzuviele Geistesübung und Reflexion und der gewissen Erkenntniß des Wirklichen durch Grillen und Phantasien." Der Vergleich der damaligen deutschen Seelenlage mit der Gestalt Hamlets mag nur beim ersten Hören gewagt erscheinen, er ist eindrücklich und treffend. Die Übertragung vom Vormärz auf unsere Gegenwart ist vielleicht überraschender, aber intellektuell nicht ohne einen gewissen Reiz. Nur leider braucht man doch das Programmheft, um diesen Gedankenhaken zu schlagen.

Hamlet und Deutschland: Vielleicht ist das der Grund dafür, daß die Handlung trotz dänischer Fahnen mehr oder weniger deutlich an die Spree verlegt zu sein scheint. Dafür verantwortlich ist natürlich zunächst der Darsteller des Titelhelden (Milan Peschel) mit seiner Berliner Schnauze, aber auch Ophelia (Rahel Ohm) als Würstchenbraterin erinnert stark an die "Drei Damen vom Grill". Aus dem Schloß Helsingör ist ein Hausboot geworden, auf dem der "Badelatschenkönig" Claudius/Klaus (Andreas Haase) und seine schicke Gertrud (Nicola Gründel) wohnen, Polonius (Wolfram Mucha) schließlich ist zu einem abgetakelten Fischer mutiert. Der ganze Abend schwimmt in einer Lake von Musik: Viele nette Rock-Oldies bilden den akustischen Rahmen, nicht selten übertönen sie auch die Shakespeare-Worte, auf die es ohnehin nicht wirklich ankommt. Hamlet als Karaoke-Sänger, Ophelia als dickliches Go-Go-Girl, Rosencrantz und Güldenstern als Prolo-Jugendliche - was ist das und was soll das? Ein Regisseur auf der Suche nach der verlorenen Jugend? Und wenn Polonius dann noch sein Akkordeon auspackt, sind wir endgültig beim Hafenkonzert angelangt.

In diesem wüsten Ragout noch nach Shakespeares Anteilen zu suchen, verriete nur überfeinerten Geschmack. Hamlet gerät zur Karikatur eines verwöhnten, fordernden Jugendlichen, der vor dem Fernsehgerät lautstark sein Nutella-Brot verlangt und seine ödipalen Neigungen heftig auslebt. Seinen Wahnsinn und seine Umgetriebenheit nimmt man ihm in diesem Pop-Theater, in dem Sekt und Dosenbier nur so fließen und spritzen, kaum ab. Hamlets Ratlosigkeit wird schließlich im Dunkeln vor heruntergelassenem Vorhang als Provokation des Publikums inszeniert: "Keine Idee" – monoton wiederholt, Schweigephasen dazwischen, - bis es den Zuschauern zu langweilig wird und sie Hamlet in Dialoge verwickeln. Das ist als Theater alles gar nicht schlecht, nur mit dem Hamlet-Stoff hat es wenig bis nichts zu tun.

Weil der Gong der Marburger Stadthalle defekt war, dauerte die Pause übrigens fast eine halbe Stunde, (erst einem Bühnentechniker fiel es endlich auf), aber niemand schien sich daran zu stören. Denn der Trash-Stil und das hohe Tempo ließen sich eben nicht über fast drei Stunden Aufführungsdauer durchhalten, so brachte vor allem der Mittelteil fast quälende Längen. Die originalen Texte (in Heiner Müllers Übersetzung) standen seltsam fremd im Raum, ermangelten meist jeder Inspiration, jedes Regieeinfalls. Offenbar hatte sich Armin Petras doch eher auf die Zutaten als auf das Hauptgericht verstanden.

Die nachträgliche Lektüre des Programmheftes bringt eher Irritation als Erhellung. Die reale Inszenierung einerseits und die konzeptionellen Gedankensplitter der Regie samt den ambitionierten Texten postmoderner Denker (Lacan, Sennett) andererseits aufeinander zu beziehen, das will mir nicht gelingen. Zwischen intellektuellem Anspruch und der Bühnenwirklichkeit dieses "Hamlet" klaffte ein Abgrund. Im angestrengten Trash ging das Konzept anscheinend unter.

hamlet.jpg (47245 Byte)

"Hamlet nach Shakespeare" – das war ein streckenweise vergnüglicher Abend mit guten schauspielerischen Leistungen und mancherlei Überraschungen: eine bunte Collage mit vielen lauten Platzpatronen, einem lebendigen Hund auf der Bühne und eingeblendeten Filmszenen, leichtverdauliche Mischkost also. Hamlet revoltiert – auf seine Weise - gegen eine verrückt gewordene Welt, in der das Unrecht regiert. Beim Sprung in die Gegenwart ist er irgendwo zwischen der Popkultur der späten 60er oder 70er Jahre und der unmittelbaren Gegenwart gelandet, und es entsteht eine Ahnung davon, daß das Aufbegehren der Jugend gegen tödlich-festgefahrene Strukturen etwas Überzeitliches an sich hat. Natürlich ist aber unsere Gegenwart besonders geprägt von einer beklemmenden Ungewißheit: Etwas ist faul, nicht nur im Staate Dänemark. Etwas schreit nach den verlorenen großen Fragen. Ob wirklich "die Zerstörung des Charakters eine unvermeidliche Folge" der neuen Instabilität unseres Lebens ist, wie Richard Sennett meint, scheint mir noch keineswegs ausgemacht; die gebetsmühlenartige Wiederholung einer Diagnose ist noch keine Therapie. Ansätze des Rettenden, eines Weges hinaus aus der Krise der Sattheit und der dunklen Ratlosigkeit in einer neondurchfluteten Welt kann der Regisseur immerhin denken: "Die Unzufriedenheit allein genügt nicht. Die Geschichte eines Unzufriedenen ist die Geschichte der Anpassung oder die Geschichte des Untergangs. Die Geschichte einer Weiterentwicklung wird nur die Geschichte desjenigen sein, der sich anpasst und untergeht, der sich einordnet in eine Gruppe und seine Unzufriedenheit auf neue Ziele richtet." Das ist nicht Hamlets Weg, aber er leiht immerhin mit seiner Unzufriedenheit der Jugend eines jeden Zeitalters seine Stimme:

"Was ist ein Mann
Wenn sein Hauptgut, die Ernte seiner Zeit
Schlafen und Fressen sind? Ein Vieh, nicht mehr.
Er, der mit so viel Denkkraft uns begabt hat
Voraus zu schaun und rückwärts, gab uns nicht
Die mächtige und gottgleiche Vernunft
In uns zu schimmeln ungebraucht (...)."

Daß Shakespeares "Hamlet" mit der Lage der Gegenwart etwas zu tun und uns etwas zu sagen hat, das ist gewiß kein abwegiger Gedanke. Aber bei Armin Petras bleibt zwischen Lightshow und Jukebox von Shakespeare eben doch nur Frikassee übrig. Die Frage ist: Warum dann nicht gleich ein neues, ein aktuelles Stück? Warum muß erst ein Klassiker durch den Wolf gedreht werden, was doch offenbar auch einige Mühe macht?

Diese Frage ist vermutlich nicht postmodern genug. Wie schreibt der Regisseur im Programmheft? "Die Vernunft will schlafen: das ist das Problem der Vernunft." Manchmal kann Postmoderne recht langweilig sein.

Uwe Kühneweg

Diese Kritik als Word-Dokument herunterladen