Das Hessische Landestheater Marburg vor der neuen Spielzeit 2001/02
Noch läuft die Saison, vom 8. bis 14. Juni ist das Marburger Theater Gastgeber der 18. Hessischen Theatertage, und das offizielle Spielzeitende ist erst am 30. Juni - aber die Planungen gehen natürlich weiter in die Zukunft.
Nach der 2. Vertragsverlängerung beginnt im Herbst die dritte Phase der Marburger "Ära Dennewitz". Der Spielplan bietet wiederum eine bewährte Mischung, deren geheimen Leitfaden nach Auskunft der Theaterleitung das Stichwort "Verantwortung" (für sich und andere) abgeben soll. Eröffnet wird die Saison am 26. August 2001 mit der Premiere des Stückes "Wer..." von Oscar van Woensel (geb. 1970). Das eigenwillig-provokative Stück des jungen Niederländers wirft einen schonungslosen Blick auf unsere Gegenwart und die Situation ihrer Jugend auf der Suche nach Identität. Inszenierung und Ausstattung besorgt Uta Eisold. Politischen Anspruch beweist auch die für den 1. September 2001 im Jugendtheater vorgesehene Premiere des Stückes "Die weiße Rose" von Lillian Garrett-Groag (eine theatralische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Geschwister Scholl). Regie führt Intendant Dennewitz. Für den Oktober angekündigt ist ebenfalls in der Regie von Dennewitz - Ariane Mnouchkines "Mephisto" (nach dem Roman von Klaus Mann). In der Sparte "Komödie" wird Sean O`Caseys Einakter "Das Ende vom Anfang" zu sehen sein. Im weiteren Spielplan dominiert Bewährtes: Tschechows "Möwe" und Goethes "Clavigo" (im Schloß, Regie: Gabriele Gysi) setzen die Auseinandersetzung mit großen Werken der europäischen Dramenliteratur fort, die in Marburg eine gute Tradition hat. Als Musical wird in der Stadthalle "Jesus Christ Superstar" gegeben (Regie: Peter Radestock), als Freilichtaufführung zum Spielzeitende (Ort noch unbestimmt) Edmond Rostands "Cyrano de Bergerac". Wie in früheren Jahren auch sind zwei Leerstellen freigehalten für aktuelle Studioproduktionen. Als Wiederaufnahmen begegnen die "Geschichten aus dem Wienerwald" und "Der zweiweybige Landgraf" sowie diverse Kabarett- und Musikprogramme, im Kinder- und Jugendtheater "Flußpferde" und "Robinson Crusoe". Nach den Worten von Jürgen Sachs (Leitender Dramaturg) erweist sich die Rubrik "Jugendtheater" zunehmend als problematisch. Jugendliche wollen ins Theater der Erwachsenen und nicht mit Kindern zusammen in eine Schublade gesteckt werden. Ob damit eine Tendenz bezeichnet ist, wird man bei der 7. Marburger Kinder- und Jugendtheaterwoche (im März 2002) überprüfen können.
Fünf Abgängen im Schauspielensemble (Frank Damerius, Cornelia Schönwald, Miriam Ternes, Kerstin Westphal und Thomas M. Held) stehen vier Neuzugänge gegenüber. Drei neue Ensemblemitglieder kommen frisch von der Schauspielschule: Bernhard Hackmann (Rostock), Nadine Pasta (Berlin) und Regina Leitner (Wien). Außerdem wechselt Iris Stibbe (Berlin), die schon einige Erfahrung mitbringt, nach Marburg.
In der Dramaturgie scheidet Ulrike Rohde aus, für sie tritt Anne-Kathrin Guder ein. Die Lücke, die der vielseitige Frank Damerius in der Regie hinterläßt, wird durch mehrere Gastregisseure geschlossen.
Ein Haus wie das Hessische Landestheater Marburg ist zu einem beständigen Spagat zwischen künstlerischem Willen und ökonomischen Erfordernissen gezwungen. Der neue Spielplan läßt aber darauf hoffen, daß auch künftig in Marburg gutes, engagiertes Theater zu sehen sein wird.