"Nun breche ich in Stücke ...". Leben / Schreiben / Suizid. Über Silvia Plath, Virginia Woolf, Marina Zwetajewa, Anne Sexton, Unica Zürn, Inge Müller. Hrsg. von Ursula Keller, Verlag Vorwerk 8, Berlin 2000, 205 Seiten, ISBN 3-930 916-29-0, DM 38,-
Die Idee des Buches beinhaltet eine Frage: gibt es einen spezifisch weiblichen Suizid? Lässt sich also eine zumindest ähnliche Problemkonstellation bei Frauen, die sich das Leben genommen haben, finden? Hieße das vielleicht sogar, dass es für Schriftstellerinnen, die sich umgebracht haben, Formen der Produktivität gibt, die mit jener Problemkonstellation zusammenhängen? Die Eingangsfrage, wie die ihr folgenden, werden jedoch in den Beiträgen des Bandes, die jeweils Leben und Tod einer Autorin darstellen, nicht konsequent verfolgt. Nur die Psychoanalytikerin Benigna Gerisch entwickelt in ihrem Aufsatz "Denn die Gestalt meiner Sehnsucht ist weiblich. Psychoanalytische Hypothesen zur Suizidalität und zum Suizid von Marina Zwetajewa" detaillierte Überlegungen, die dem Zusammenhang von Lebensumständen, Schreiben und Selbstmord der russischen Dichterin nachfragen. Die übrigen Autorinnen und der eine Autor begnügen sich, einen mehr oder weniger genauen Umriss des im selbstgewählten Tod endenden Daseins der jeweiligen Schriftstellerinnen zu geben.
Es wäre ungemein wichtig, möglichst genaue Aufschlüsse über die Suizidalität bei Frauen, sowie über ihre vielleicht besonderen Bedingungen schöpferischer Tätigkeit zu gewinnen. Aber was etwa Gisela von Wysocki hierzu über Silvia Plath äußert, ist wenig, nein, gar nicht geeignet, auch nur die Fragestellung zu präzisieren: "Ein ganzes Bündel von Beweggründen [für den Suizid] mag dabei eine Rolle gespielt haben, ohne dass wir entscheiden könnten: Waren es Leidenschaften, die dieses Selbstmordende verursacht haben, oder Lähmungen, Gefühle der Verlassenheit und des Trotzes, frostige, "eisblumen-hafte" Erstarrung und eine starke narzisstische Komponente - in diesem Universum, so möchte man vermuten, kannte sich nicht einmal die Plath selber aus. Wie sollten wir, ihre Leser, es besser machen? Man kann nur darauf hinweisen, dass es Todesnähe und die Zustände der Psychose sind, die in der poetischen Erfahrung der Dichterin aufs engste verknüpft sind. (...) Silvia Plath hat sich in die Zustände der Bewusstlosigkeit so erstaunlich authentisch eingefühlt, dass man in ihrer Selbsttötung die Qualität des Experimentellen kaum übersehen kann. Beispielhaft legt ihr Gedicht Tulpen Rechenschaft darüber ab. (...) Der Tod mag hier vorgefühlt worden sein: als ein Zustand, der frei von Störung ist" (S. 26f).
Noch schwammiger äußert sich Eva-Maria Alves in ihrem Beitrag über Unica Zürn. Ich zitiere etwa: "Indem ich Unica Zürn zu beschreiben versuche, bleibt mir nichts anderes, als ihrem Schreiben, ihrem wunderwahnsinnigschönen Schreiben nachzufahren" (S. 156), sowie, eigentlich unerträglich: "Für Dichterinnen und Dichter, für diese Teilnehmenden am Ursprünglichen, Mystischen und Ewig-Gegenwärtigen, am Ekstatischen, verliert sich Paradoxie, Wider- oder Gegensinnigkeit, nie. Sie sind Schwarmgeister, offen für Lug- und Trugbilder, die zusammengelesen die ganze Wahrheit offenbaren. Unica Zürns Wahrheit ist, dass sie für sich, von Kindheit an, keine Ergänzung finden kann, dass sie immer wieder auf sich selbst und den Lust-Schrecken ihrer eifrigen und zornigen Selbsterkundungen zurückgeworfen wird" (S. 162).

Soweit die schlechten Beispiele. In den übrigen Beiträgen entsteht aber doch jeweils das Bild eines entsetzlich belasteten Lebens, einer Literatur, die schonungslos und offen Einblicke in die Untiefen unserer Existenz gewährt und deswegen ebenso fasziniert, wie erschrecken macht, sowie eines Sterbens, das Ausdruck einer fürchterlichen Verlassenheit ist. Die oben formulierten Fragen stellen sich also bei dieser Lektüre immer dringlicher. Benigna Gerisch untersucht, um Antworten zu finden, die frühkindliche Situation Marina Zwetajewas und schlussfolgert: " Bei meinen Patientinnen wie auch bei Zwetajewa zeigte sich ein zentraler Aspekt suizidalen Erlebens von Frauen, nämlich eine komplexe weibliche Identitätsproblematik und -störung, die aus einem verzweifelten und häufig nur partiell gelösten Separations- und Individuationsprozess rührt und mit einer geschlechtsspezifischen Besonderheit korrespondiert: Diese besteht darin, dass sich das Mädchen, um zur Frau zu werden, mit der Weiblichkeit der Mutter identifizieren und zugleich eine von ihr getrennte weibliche Identität entwickeln muss" (S. 73).
Bei "einer erschwerten und konfliktreichen Genese von Geschlechtsidentität" könnte es zur "Ausgestaltung einer bewussten oder unbewusst bleibenden Suizidalität" kommen; Merkmale einer solchen "erschwerten und konfliktreichen Genese" wären: "die Ablehnung der Tochter durch die Mutter auf Grund der Gleichgeschlechtlichkeit, die Funktionalisierung der Tochter als Selbstobjekt und narzisstische Projektionsfläche, die ausgeprägte Ambivalenz gegenüber der Mutter mit z.T. abgewehrten aggressiven Verschmelzungsängsten einerseits und tiefer Sehnsucht nach der Mutter andererseits, das Nicht-Loskommen von ihr, das Verklammertbleiben auch im Hass, der glühende Neid auf den realen oder imaginären Bruder, das Misslingen der Triangulierung und die Idealisierung des psychisch nicht verfügbaren Vaters, die Aufspaltung der weiblichen Identität i.S. einer fundamentalen Identitätsdissoziation von Weiblichkeit und Männlichkeit, die konfliktreiche Auseinandersetzung mit einem imaginierten Bild von Weiblichkeit und Männlichkeit und die synthetisierende Funktion des Suizids, sowie der Suizidalität als Ausdruck der Tötung des falschen Selbst" (S. 73).
Die aufgezählten Charakteristika sind mit Sicherheit bedeutsam, um selbstzerstörerische Tendenzen im Leben von Frauen zu begreifen. Dadurch jedoch, dass nur ein psychoanalytisches Modell im vorliegenden Band vorgestellt wird, entsteht der Eindruck, es sei vorrangig oder gar allein geeignet, weibliche Suizidalität zu verstehen. Liest man neuere Literatur zum Suizid-Thema, in der z. T. ganz andere Erklärungsansätze zu finden sind, so wirkt diese Einseitigkeit mindestens befremdend.
Es gibt aber in den publizierten Texten andere Merkzeichen, die auf eine äußerst prekäre Verbindung von Autodestruktion und Kreativität deuten. So spricht etwa Ilma Rakusa in: "Marina Zwetajewas grundsätzliches Nein" von einem "Akt tragischer Vitalität, die sich gegen das eigene Leben richtete" (S. 65); der Selbstmord selber kann "zur Allegorie für das verzehrende künstlerische Schaffen" werden. Rakusa sagt zu dieser Parallele: "Mutterschaft und Künstlertum sind gleichermaßen durch die Lust der Hervorbringung wie durch die Gefahr des Exzesses, der Selbstaufopferung gekennzeichnet. Zwetajewas innere und äußere Biografie belegen, wie der Aspekt der Selbstaufgabe schließlich zum Verhängnis geriet" (S. 66). Welches ist aber oder worin besteht die Selbstaufopferung des Künstlertums, was macht auch sie zu einem "Akt tragischer Vitalität"? In einem Brief schreibt Marina Zwetajewa: "Von Geburt an wollte ich sterben" (zit. S. 75), und in einem anderen: "Denn ich bin nicht für das Leben gemacht. Bei mir ist alles - Brand! (...) Oh, die ganze Zeit: sterben, wegen allem!" (zit. S. 90).
Elisabeth Bronfen zitiert, in: "Die schillernden Transformationen der Anne Sexton", eine Briefstelle der Dichterin, an ihre Freundin Anne Clarke gerichtet: "Wenn (so sehe ich es) der Tod dich nimmt und durch die Mangel dreht, ist er ein Mann. Aber wenn du dich selbst tötest, ist er eine Frau" (S. 134). Und Benigna Gerisch paraphrasiert die folgende Briefstelle Marina Zwetajewas: "Im Suizid als einer omnipotenten Geste wird der quälenden Depression durch den Umschlag in ein manisches Fest entronnen": "Wenn es in diesem Leben Selbstmord gibt, so ist es nicht einer, sondern zwei, und keiner von beiden ist Selbstmord, denn der erste ist eine großartige Leistung, der zweite ein Fest. Die Überwältigung der Natur und die Lobpreisung der Natur" (S. 109). Hier ist der Doppelaspekt des Suizids bezeichnet, seine Destruktivität und sein Rauschhaftes. Man könnte die Briefstelle Anne Sextons auf diejenige Marina Zwetajewas beziehen und sie in ihrem Licht uminterpretieren: der suizidale Akt wäre so die fatale Verbindung von Tötung und Fest, "männlicher" gegen die Natur gerichteter Gewalt und "fraulicher" Hingabe, mithin die in der Aggression angestrebte Steigerung der Selbstaufgabe bis zum realen Tod - und eben das war gleichermaßen ein durchaus traditionelles Bild des künstlerischen Prozesses, das so offenbar auch gerade in der Moderne von Schriftstellerinnen verwendet wurde, um sowohl den kreativen Vorgang, als auch die Selbsttötung darzustellen. Man fände hier folglich einen ersten Hinweis auf psychische Vorgänge, die eine genuin philosophische Theorie, der Verbindung von Suizidalität und schöpferischem Prozess, zusätzlich zu psychologischen, soziologischen und biologischen Erklärungsansätzen, deren Notwendigkeit nicht bestritten wird, erforderlich machen. In den folgenden Rezensionen soll deswegen diesem Aspekt des Themas, wenn auch nicht ihm allein, nachgegangen werden.