Eher besinnlich als ein Spaß: "Don Quijote" von Michail Bulgakow nach Miguel de Cervantes Saavedra im Hessischen Landestheater Marburg

Wenn das Dasein ein Gefängnis ist (wie Platon meinte), dann ist die Begegnung mit der Kunst der Hofgang. Zur Premiere der Freilichtaufführung am Saisonabschluß lud das Landestheater wiederum (wie schon 1999 bei "Lysistrate") in den Hof des alten Marburger Gefängnisses in der Wilhelmstraße. "Don Quijote" von Bulgakow nach Cervantes in der Regie von Peter Radestock erwies sich dabei nicht so sehr als der im Programmheft avisierte "Freiluftspaß für die ganze Familie", vielmehr als ein kontrollierter Freigang für die Phantasie, bei dem die nachdenklichen und rührenden Momente insgesamt die komödiantischen überwogen.

Am Anfang stand die Entscheidung für den Stoff. Eine Bearbeitung des Don-Quijote-Stoffes sollte es sein, da mit den beiden Schauspielern Stefan Gille und Thomas M. Held eine schon von der Statur her geradezu ideale Besetzung für das ungleiche Paar des berühmten tapferen Hidalgo von der Mancha und seines Knappen und Waffenträgers zur Verfügung stand. Aus einer größeren Anzahl von Dramatisierungen wurde diejenige von Bulgakow ausgewählt, nicht zuletzt wegen ihrer zupackenden Dialoge. In einer Freilichtaufführung dürfen nicht nur Reiter (Ritter), sondern auch Rosse (Don Quijotes Pferd "Rosinante", dazu der Esel des Sancho Pansa) leibhaftig auftreten. Daß die Marburger Aufführung sich dennoch an keiner Stelle dem grobianischen Stil so mancher deutscher Freilichttheaterkomödien auch nur annäherte, ist der Regie und der Disziplin des Ensembles gleichermaßen zu verdanken. Einen gewissen Anteil daran hat natürlich Bulgakows Text, der auch den leiseren Tönen Raum läßt und den Titelhelden nicht einfach dem Gelächter preisgibt.

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Michail Bulgakow, der in der Sowjetunion in den 20er Jahren von allen Theaterspielplänen und aus allen Verlagsverzeichnissen gestrichene und vom Geheimdienst mit allen Mitteln umschnüffelte kritisch-satirische Autor, bekam nach einem persönlichen Telefonat mit Stalin im Frühjahr 1930 immerhin die Chance, für das Moskauer Künstlertheater Bühnenfassungen berühmter Stoffe und Romane sowie Libretti für das Bolschoi schreiben zu dürfen. In dieser Phase seines Lebens, in der er zugleich in größter Heimlichkeit an seinem Roman "Der Meister und Margarita" weiterarbeitete, der ihm nach seinem Tod zu Weltruhm verhalf, entstand auch die Bearbeitung des Don Quijote für Stanislawski. Den Titelhelden läßt Bulgakow auf dem Sterbebett sagen: "Mein Verstand ist frei von den düsteren Schatten." Die himmelstürmenden Illusionen sind abgelegt, aber der "Ritter von der traurigen Gestalt" bewahrt sich (wie bei Cervantes auch) doch eine hellsichtige Würde und gewisse Ideale bis zuletzt, und mit ihm sein russischer Bearbeiter.

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Der Don-Quijote-Roman des Cervantes ist ein Buch aus der Zeit, als das Lesen noch geholfen hat, gegen die Traurigkeit und die Langeweile, vielleicht sogar gegen die Macht der Bücher. Denn der Titelheld ist ja als eifriger Leser den Ritterromanen und ihrer Welt so sehr anheim gefallen, daß die Welt seiner Lektüre ganz und gar von ihm Besitz ergreift und ihm zur Realität wird. Cervantes‘ Roman parodiert die Gattung der zu seiner Zeit so überaus erfolgreichen Schauer- und Ritterromane – und markiert zugleich ihr Ende. Daß er über diesen Zeitbezug hinaus immer wieder und vielleicht auch heute noch Leser findet, liegt am Reiz des flirrenden Wechselspiels von Illusion und Realität, das den selbsternannten fahrenden Ritter etwa gegen Windmühlenflügel kämpfen läßt, weil er in ihnen feindliche Mächte erkennt, - alles zu Ehren seiner angebeteten Dulcinea von Toboso ("Ein Name, den ich selbst im Feuer meiner Liebe geschmiedet habe."), die in Wahrheit aber nur eine Bäuerin aus seinem Heimatort ist. Die beiden Hauptgestalten des Romans – der in seine Phantasiewelt eingesponnene kastilische Junker und sein bauernschlauer Begleiter Sancho Pansa – haben sich als Paar ihren Platz im Ensemble des europäischen Mythos erobert. Jeder meint nun, sie zu kennen, aber ist das so? Cervantes‘ "Don Quijote" ist ein Stück Weltliteratur, ein Euphemismus dafür, daß der Roman wohl kaum noch gelesen wird, denn ein Buch von über 1000 Seiten hat es schwer in einer Welt, die über dem Schauen das Lesen verlernt. Das virtuelle Dabeisein, das heute zählt, wird über die Augen direkt vermittelt, nicht mehr durch das altmodische Aufnehmen von Gedrucktem, das noch die schöpferische Phantasie des Lesers fordert. Von daher ist eine Dramatisierung zur Begegnung mit einer nur scheinbar wohlbekannten Geschichte sehr willkommen.      

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Bulgakows Theaterfassung lebt von der kongenialen Beschränkung auf wenige wichtige Szenen und vermeidet so alle Wiederholungen und Längen, die der Roman für heutigen Geschmack zweifellos aufweist. Bulgakow berücksichtigt auch den zweiten Teil des Buches, zu dem auch der eifrige Leser nur mit Mühe vordringt: Don Quijote und Sancho Pansa haben eine gewisse, auch schon literarische Berühmtheit erlangt, und in besseren Kreisen macht man sich nun einen Spaß mit ihnen. So wird Sancho Pansa (Theater im Theater!) tatsächlich auf den langersehnten Posten des Statthalters einer Insel befördert und bewährt sich dort als salomonischer Richter. Aber es ist nur ein Spiel, man wollte sich einen Spaß mit ihm machen. Als die Insel angeblich von Feinden überfallen wird, flüchtet der Statthalter unter seinen Stuhl, bis alles vorbei ist und er wieder Sancho Pansa sein darf. Sein sonst so erprobter, starker Realitätssinn, der seinen Herrn Don Quijote schon manchmal vor schlimmerem Geschick bewahrt hat, ist ihm über den eigenen Träumen abhanden gekommen – und er hat nur den Narren abgegeben. Verglichen mit der liebenswert-ernsthaften Narrheit Don Quijotes, entlarvt die inszenierte Narretei der Hofgesellschaft vor allem ihre Menschenverachtung.

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Schließlich und endlich siegt die Realität über die Macht der Illusion, bei Cervantes wie bei Bulgakow: Um Don Quijote endlich von seinen Träumen zu heilen und ihn heimzuholen in sein Dorf in der Mancha, zieht der befreundete Baccalaureus Carrasco aus, um als "Ritter des weißen Mondes" den fahrenden Ritter mit seinen eigenen Waffen zu schlagen und zur Heimkehr zu zwingen. Am Ende stirbt im heimatlichen Dorf ein abgeklärter Don Quijote in den Armen seines treuen Sancho Pansa. Ein unspektakulärer, besinnlicher Schluß.

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Herausragend waren unter den Darstellern die beiden Protagonisten: Stefan Gille gibt einen eher intellektuell-versponnenen Don Quijote, Thomas M. Helds Sancho Pansa ist ein liebenswerter, erdverbundener Gesell mit schlauem Kopf und immer hungrigem Bauch. Die meisten übrigen Ensemblemitglieder verkörpern gleich mehrere Rollen, und das – auch dank Maske, Requisite und Gewandmeisterei – sehr überzeugend. Stellvertretend für andere seien genannt Cornelia Schönwald als Don Quijotes Nichte Antonia, Ronald O. Staples als ein der Notzucht bezichtigter Schweinetreiber und Peter Liebaug als Simson Carrasco.

Anders als bei Lysistrate wird der geräumige Gefängnishof dieses Mal als Spielfläche voll genutzt. Klaus Weber hat am Rande des Hofgevierts drei Spielorte durch eigene Teilbühnenbilder mit iberischem Kolorit markiert: Das heimatliche Haus des Titelhelden, eine Schenke und ein Kastell. Der weite Raum in der Mitte, mit einem kleinen Robinienwald und einigen Baumstümpfen, dient als vielseitig nutzbare Spielfläche für die wirklichen und die vorgestellten Abenteuer der beiden Helden. Spanische Gitarrenmusik und eine Erzählerstimme vom Tonband (die des Regisseurs Peter Radestock) verbinden die Szenen. Die ganze Inszenierung ist auf Tempo angelegt, so daß für Szenenapplaus kaum Gelegenheit bleibt. Dabei wird an theatralischen Mitteln nicht gespart: Schwertkampf in slow motion, die Statisterie in prächtigen Gewändern der scheidenden Gewandmeisterin Renate Ostruschnjak, rasante Verkleidungs- und Verwandlungsszenen, um Don Quijote hinters Licht und damit auf den Weg zurück zur Realität zu führen, schließlich gekonnt eingesetzte pyrotechnische Effekte lassen keine Langeweile aufkommen. Auch das Ensemble agiert sehr professionell, und selbst Pferd und Esel spielen gut mit.

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Trotzdem wollte der Funke nicht recht überspringen. Der Beifall blieb höflich verhalten, wie so oft bei Marburger Premieren. "Don Quijote" wirkte, bei aller Geschlossenheit der Inszenierung, wie ein poetisches Lehrstück, eine zeitlose Parabel in gemessener Distanz, eine Geschichte von törichten Illusionen und notwendigen Idealen. Wie traurig und arm aber wäre unser Leben ohne Ideale?! Fast ein Gefängnis. So geht der Dank des Rezensenten an Peter Radestock und sein Ensemble für diesen besinnlichen Spielzeitausklang im Hessischen Landestheater.

Uwe Kühneweg

 

Die Probenfotos stammen von Martin Kreutter (HLTh).

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