Staatstheater Kassel: Stella - Ein Trauerspiel nach Goethe
Sowie: Ein kleines Fazit der 18. hessischen Theatertage
von Max Lorenzen
Stella
Hilke Altefrohne
Fernando Aljoscha Stadelmann
Cäcilie Diana Neumann
Verwalter Petra Förster
Lucie Ronja Reiff
Boxer Mohammed Rasuli / Özcan Cetinshaya / Ersoy Girgin
Regie
Sebastian Baumgarten
Bühne / Kostüme Annette Riedel
Dramaturgie Martina Grohmann
Der genauer lesende Zuschauer ist vorgewarnt: das Stück ist nicht von, sondern nach Goethe, aber immerhin soll es sich noch um ein Trauerspiel handeln. Auf der Bühne sieht man im hinteren Mittelgrund drei Sandsäcke, die ab und zu von den Boxern bearbeitet werden, auch die Schauspieler drücken ihre häufigen cholerischen, jedenfalls unkontrollierbaren Wutanfälle unter anderem dadurch aus, dass sie gegen diese Säcke schlagen. Aber natürlich wälzen sie sich auch über den Boden, schreien herum, murksen einander ab - oder legen sich, wenn sie gerade Pause haben, in die Regalwand, die hinten auf der Bühne aufgebaut ist.
Manchmal nehmen die drei Hauptpersonen Einweckgläser zur Hand, schauen mehr oder weniger tiefsinnig hinein und holen dann etwas Rosarotes (hoffentlich nicht Klebriges) heraus, das sie von ihren Fingern ablecken. Leider wird nicht nur geschrien oder Play-back "gesungen", sondern auch Text gesprochen, und noch betrüblicher ist es, dass sich in ihn immer wieder einmal auch Passagen aus der goetheschen Stella verirren. Gott sei Dank dauert das aber nur jeweils Minuten, danach fallen die Protagonisten wieder in ihren Jargon und äußern Dinge wie "ach du Scheiße" oder "ich geh dann mal um Block" etc. Natürlich gibt es Tanzeinlagen, auch fallen Revolverschüsse, zudem dürfen die Zuschauer auf einer kleinen Leinwand einen Ausschnitt aus dem Hollywoodfilm "Jenseits von Afrika" sehen. Man erkennt durchaus eine Handlung und sieht zuletzt, dass Regisseur und Schauspieler sich nicht für eine der beiden Schlussfassungen entschieden, sondern eine dritte gedichtet haben, in der Lucie Stella zu Tode bringt, indem sie ihr einen Sack über den Kopf zieht und sie ersticken lässt.
Ein oder zwei Mal während der Aufführung dachte ich, die Sache habe Ansätze von dem, was einmal avantgardistisches oder experimentelles Theater hieß. Aber dieser Eindruck verflog rasch: Zu infantil waren die Aktionen und Dialoge, zu dilettantisch und, ich kann es nicht anders sagen, dümmlich die Regieeinfälle. Trotz, nein wegen des ganzen Klamauks habe ich mich entsetzlich gelangweilt und, wenn die Lichtverhältnisse es zuließen, immer wieder auf die Uhr geschaut. Die Zeit kroch auf eine Weise dahin, wie es sonst nur Schüler in den ödesten Unterrichtsstunden erleben. Die einzige positive Überraschung: die Chose endete erheblich früher, als man erwarten durfte - weil sich, wie ich später erfuhr, manches technisch auf der Marburger Bühne nicht umsetzen ließ.
Nun sollte auch noch eine Diskussion mit dem Regisseur, der Dramaturgin und der Bühnenbildnerin stattfinden, zu der sich immerhin noch knapp zehn Leute einfanden (im Theater waren beinahe fünfzig gewesen). Ich fasse meinen Eindruck von dem Gespräch zusammen: die drei jungen Leute äußerten sich dermaßen konfus, dass so etwas wie eine Idee oder ein Konzept der Inszenierung nicht erkennbar wurde. Klar war nur: mit dem ursprünglichen Text konnten sie nicht viel anfangen, er stellte also nur so etwas wie ein beinahe beliebiges Material dar, mit dem sich machen lässt, was man will - eine Anschauung, die wohl leider an Schauspielschulen und Bühnen heute gleichermaßen verbreitet ist. Ansonsten sollten die Entindividualisierung und Standardisierung - wer hätte das gedacht! - der modernen Welt gezeigt werden, die auch auf Gefühle und Liebesbeziehungen übergegriffen habe. Als aber ein Zuschauer äußerte, er habe den Abend genossen, habe sich aus den gebotenen Versatzstücken das herausgegriffen, was ihn angesprochen habe, sonst eben auch einmal abgeschaltet, zeigte sich der Regisseur erfreut. Offenbar sollte das Konsumverhalten unserer Zeit ebenso kritisiert, wie auch geradezu gefordert und gutgeheißen werden, denn es schien der Inszenierung nun auch adäquat zu sein, das Theater als Nummernrevue zu goutieren. All das vermittelte den Eindruck von Beliebigkeit und fehlendem Können. Aber wer verliert schon gerne einen ganzen Abend in seinem begrenzten Leben, welcher Autor, Rezensent oder Kritiker, der seine Sache ernst nimmt, setzt sich nicht lieber mit "etwas", statt mit "nichts" auseinander? Ist es nicht doch möglich, einige weiterführende Überlegungen über dieses klägliche Desaster anzustellen?

Zunächst einmal lässt sich vielleicht ein vorsichtiges (denn wir haben nicht alle Stücke sehen können) Fazit der 18.hessischen Theatertage ziehen. Es gibt im Moment wohl keine wirklich bedeutenden neuen Stücke, wohl aber gute und schlechte kleinere. Zu den ersten sollte man "Kindertransport" von Diane Samuels zählen, eine ernsthafte und engagierte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, gut inszeniert und gespielt vom Hessischen Staatstheater Wiesbaden, zu den letzten "Ein schreckliches Kind" von Petter Rosenlund, gezeigt vom Staatstheater Darmstadt. Der Vergleich macht deutlich, was man auch ex negativo von "Stella - nach Goethe" lernen kann: das Theater hat es immer mit der Gegenwart und mit seiner eigenen Tradition zu tun - ein oberflächlicher Umgang mit der einen zeigt und rächt sich unmittelbar an der anderen.
"Drei Mal Leben" von Yasmina Reza nimmt vielleicht eine Mittelstellung ein. Das Stück ist gut gemacht und in gewisser Hinsicht theaterwirksam, aber es hinterlässt keinen bleibenden Eindruck, weil es eben auch nur ein banalisierendes Abziehbild der Gesellschaft, ohne wirklichen Inhalt, auf die Bühne bringt. Die Wiesbadener Regie und die guten Schauspieler lassen den Abend aber nicht schal werden.
"Hamlet" und "Stella" sind verfehlte Versuche, sich den sogenannten Klassikern zu nähern. Darüber wurde, in diesen konkreten Fällen, schon das Nötige gesagt.
Das Marburger Theater spielte zwei außerordentliche Inszenierungen, "König Ödipus" von Sophokles und "Die Troerinnen des Euripides" von Jean-Paul Sartre, über die das Marburger Forum bereits anlässlich der Premieren berichtet hat. Beide Aufführungen vermitteln den Zuschauern eine ernsthafte Auseinandersetzung von Regie und Dramaturgie mit den Stücken und bieten so einen wirklichen Zugang zu deren Gehalt. Deswegen folgt man dem Geschehen mit großer Spannung. Ein Vergleich der Bühnen zeigt also, dass auch anderswo in Hessen (Wiesbaden) gutes Theater gemacht wird, wir aber in Marburg gar nicht schlecht daran sind. Wir bekommen die Chance, mehr und anderes zu sehen, als Banalitäten und Klamauk, und das ist in unseren Tagen wahrhaft erfreulich.
Zum Schluss noch einige vielleicht provokante Thesen zum Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit in der Theaterarbeit, angeregt durch das Stella-Debakel:
1. Nach dem endgültigen Zerbrechen des sogenannten klassischen Bildungskanons folgte seit Mitte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts auf dem Theater eine Phase der radikalen Modernisierung und Bearbeitung der alten Stücke. Sprache und Handlung wurden oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ich erinnere an Peter Zadeks Shakespeare- , oder an Ruth Berghaus Büchner-Inszenierungen. Seither gilt im Umgang mit den Dramen des 18., 19. und neuerdings auch 20. Jahrhunderts: "anything goes".
2. Lasse ich die auf dem Theater oder im Fernsehen gesehenen Inszenierungen in der Erinnerung Revue passieren, so finde ich kein einziges Beispiel einer gelungenen Bearbeitung der traditionellen Stoffe - einer Bearbeitung wohlgemerkt, die sich nicht am Gehalt der Stücke orientierte, sondern glaubte, ihn auf- , oder gar zerbrechen, jedenfalls ihn mit modernem Inhalt füllen zu müssen.
3. Deswegen scheint es mir, als sei das Unternehmen, das klassische Theater "gegen den Strich zu bürsten", gescheitert, ja, als habe es in der Konsequenz einen nicht nur völlig sorglosen, sondern auch schrankenlos banalisierenden Umgang mit der Substanz der Werke gezeitigt. Die Folgen, auch für die Ausbildung von Regisseuren und Schauspielern, sind mittlerweile unabsehbar.
4. Weil es längst keine humanistische Bildung klassischen Zuschnitts mehr gibt (was ich keineswegs bedauere), und die Phase ihrer aktiven Zersetzung nun schon seit 20 Jahren Maßstäbe der Bühnenarbeit setzt, die selber wieder zum Kanon geworden sind, ist es dringend geboten, dem heutigen Theaterpublikum, das die Stücke der vergangenen Jahrhunderte zum großen Teil nur noch in ihrer entstellten Form kennt, wieder einen Zugang zu ihnen und ihrem Gehalt zu ermöglichen.
5. Damit ist selbstverständlich nicht gemeint, eine historisierende Inszenierung sei der Weisheit letzter Schluss. Aber gefragt wäre eine Regie, die den Mut hätte, die heutigen Zuschauer mit einer ihnen fremd gewordenen Zeit zu konfrontieren, indem sie sich an der Sprache - und deren Gestus - der alten oder neueren Dramen orientiert. Es könnte sich zeigen, dass sie radikaler ist, als alle Versuche, sie zu zerstören. Der wirkliche Inhalt eines Stücks öffnet sich, wenn die es Spielenden, wie die Zuschauer seiner inneren Sprachlinie folgen. Daraus entsteht eine Spannung, die zu vermitteln und wahrzunehmen das spezifische Erlebnis eines Theaterabends ausmacht.
6. Wer in dieser oder ähnlicher Weise (denn es handelt sich hier nur um Vorschläge und Denkanstöße, nicht um die Formulierung von Imperativen) Regie führt, auf der Bühne steht oder zuschaut, wird sich auch nicht mehr mit den banalisierenden Darstellungen einer angeblich gänzlich entfremdeten Gesellschaft zufriedengeben. Es ist nicht auszuschließen, dass eine solche Erwartungshaltung auch mit dazu beiträgt, andere - bessere - Stücke entstehen zu lassen.
7. Ich bin weit davon entfernt, hier das - naive - Ideal einer neuen großen Zeit des Theaters entwerfen zu wollen. Es gibt gegenwärtig, und das ist gut so, unterschiedliche Strömungen in Kunst, Philosophie, Literatur und Theater, die gerade nicht mehr auf einen Maßstab zu beziehen sind. Aber einige von ihnen, die sich mit der Bühnenarbeit befassen, sollten sich, jeweils auf ihre unterschiedliche Weise, auf die Vermittlung der untergegangenen Gehalte einlassen. So könnte sich zeigen, dass die zurecht von dramatischen Inszenierungen zu fordernde Unterhaltung und ihre Substanz denselben Ursprung haben.