Die Wirtschaftskrise in der Türkei

Hintergründe zur derzeitigen Lage im "europäischen" Orient

von Roland Benedikter

Bei der Betrachtung der Vorgänge im nahen Orient wird von den westlichen Kommentatoren meist vergessen, welch entscheidende Rolle die Türkei in dieser Krisenregion spielt. Der östlichste Verbündete Europas ist eng in die Geschehnisse verflochten – mit allen Folgen sowohl geistiger als auch materieller Art, die indirekt auf Europa und seine werdende Gestalt zurückwirken.

I

In Kleinasien

Ende Mai gehe ich nach einem Seminar über Goethes Faust im Zentrum von Mersin spazieren. Die Stadt liegt nördlich von Zypern etwa 300 km von der syrischen Grenze und ist der Haupthafen der Südosttürkei. Ich bin mit einem Kollegen der hiesigen Universität auf der Suche nach einer Saz. Die Stimme dieser seit 500 Jahren unveränderten orientalischen Leier klingt hier, im geistigen Raum Kleinasiens, im alten Kilikien, ganz besonders.

Schon bei der Ankunft in Adana, dem nahegelegenen Flughafen, dessen US-Luftwaffenbasis während des Golfkrieges zur Bombardierung des Irak durch NATO-Flugzeuge diente, erfahre ich unterbewußt, aber mit Bestimmtheit und innerer Klarheit, daß ich in den geistigen Raum des Griechentums eintrete. Bereits die erste Berührung mit diesem geographischen Raum, mit dem besonderen, strahlenden, wie geistig-verinnerlichten Licht des Meeres der türkischen Südküste, läßt mich sofort den feinstofflichen und zugleich tiefen und warmen Umkreis, das weiche und zugleich unendlich helle Licht des Griechentums spüren. Dieses Licht, seine geistige Stimmung, spricht von der ersten Minute an zu einem, gleich wenn die Füße zum ersten Mal die Erde berühren, ohne daß man es merkt. Man merkt es später. Von diesem Licht hat der griechische Geist sein Zentrum empfangen. Von diesem Licht ging Europa aus. Und in diesem Licht ist der griechische Bezug zum Geistigen noch immer ganz konkret eine realpräsente Wirklichkeit für den, der den Sinn dafür hat. Viele spüren es nur im Unterbewußten, richten aber nicht den Sinn darauf, was da in ihren tieferen Untergründen gräbt und arbeitet. Es gräbt und arbeitet trotzdem.

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Die meisten Fremden - es gibt hier wenige, man sieht kaum europäische Gesichter, Tourismus ist hier weitgehend ein Fremdwort, die örtliche Tourismusbehörde, seltsam an einer großen Durchgangsstraße gelegen, ist den größten Teil der Zeit geschlossen - sehen vor allem die Widersprüche, durch die man sich im Zentrum von Mersin bewegt. Und in der Tat: es ist eine vielgestaltige Welt von Ambivalenzen und Widersprüchen. Man bewegt sich in einer Welt zwischen tiefem Orient (der Muezin rezitiert singend im näselnden Ton der Lautsprecher alle vier Stunden die Koranverse vom Minarett und fordert dadurch zum Gedanken an das Gebet auf) und westlichem Luxus und Lebensstil. Das teuerste Modegeschäft hat zwar vor kurzem wegen der Wirtschaftskrise bankrott gemacht und ist verrammelt. Trotzdem folgen in dem Gewimmel der Haupteinkaufsstraße die jungen Frauen voll freudigem Elan und hauteng bekleidet den Lockungen der Bekleidungs- und Modeindustrie. Öffentliche Erotik westlichen Stils ist allgegenwärtig, von Verhüllung keine Spur (nur im Dolmusch, dem öffentlichen Kleinbus, habe ich einige traditionell in lange weiße Umhänge gekleidete Frauen gesehen, die sich auf meinen Blick hin sogleich von mir abwandten und die Haare noch sorgsamer bedeckten). Es gibt noch dutzende und aberdutzende gut besuchte Luxusgeschäfte, die mit dem alten Gewürz- und Bulgurmarkt samt dem allgegenwärtigen Pfefferminzegeruch des Mittelmeer-Orients koexistieren. Streunende Kinder suchen auf dem betonierten Hauptplatz vor der Moschee ein paar Geldstücke mit einer Waage zu ergattern. Sie fordern unbefangen zur Prüfung des eigenen Gewichts auf.

II

Goethes Helena an der Küste Kleinasiens

Die Orangenplantagen, die früher am Meer bis zum Horizont reichten und mit ihrem Geruch die ganze Stimmung am Meeressaum über hunderte von Kilometern bestimmten, sind verschwunden. Stattdessen reiht sich seit einigen Jahren Hochhaus an Hochhaus, in moderner Betonbauweise. Komfortabel und nackt. Mit Orangen ist zu wenig zu verdienen. Besser, das Feld zu verkaufen und das Geld auf dem Konto zu haben, und vielleicht eine moderne Wohnung dazu. Mersin wächst in atemberaubendem Tempo wie eine Art sich ausdehnender Halbmond um das Meer herum. Nur drei Parallellstraßen laufen am Ufer entlang, so breit wie ein Schlauch ist die Stadt, die sich dafür am Meer entlang endlos dahinzieht. Und an den Rändern wird weiter gebaut. Tarsos, Geburtsort des Apostels Paulus und des Propheten Daniel, geheimer Treffpunkt der Liebenden Antonius und Kleopatra, altes Machtzentrum des alexandrinischen Reiches, früher eine halbe Wegstunde entfernt, ist heute ein Vorort von Mersin. Man spürt das Tarsische in der Stadt.

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Die Zuwanderung ist groß. Die Bevölkerung steigt weiterhin sprunghaft, auch weil das Militär von den verbündeten US-Truppen nach Vietnam-Vorbild gelernt hat, ganze Gegenden im nahen Kurdengebiet zu entvölkern, um den Soldaten der Kurdenarmee PKK das Hinterland zu entziehen. Dabei gibt es wie im gesamten Südosten wenig Arbeit. Denn die traditionelle Haupteinnahmequelle, der Handel mit dem Irak und mit dem Erdöl, ist wegen des Golfkrieges seit Anfang der 90er Jahre versiegt. Seit damals ist man praktisch mit allen Nachbarn verfeindet, auch mit den östlichen und südlichen, alle möglichen Handelswege sind abgeschlossen. Nur mit Israel besteht Austausch, mit dem vor kurzem gegen viel Geld und Rüstungshilfe ein vor allem gegen Syrien gerichteter Militärpakt geschlossen wurde. Die Türkei, der billige Soldat der anderen. Mersin ist eine der Hauptleidtragenden dieser Entwicklung. Die Stadt wäre dafür prädestiniert, durch den Handel mit den arabischen Nachbarn und durch die Vermittlung zwischen Arabien, der Türkei und Europa ein Zentrum des Reichtums an der Südküste zu sein. Stattdessen ist man isoliert. Man baut gerade einen Jachthafen, hat Neuland vom Meer an der Uferpromenade gewonnen. Dadurch hofft man, neue Einkommensquellen zu erschließen.

Mersin besteht aus einem Flair von Widersprüchen, die sich hier zur lebendigen Wirklichkeit eines ätherisch sehr fein wirksamen immateriellen Raumes verbinden. Das traditionell zirkuläre Element des Orients bewegt sich hier im geistigen Raum des Griechentums, und beides ist eingetaucht in den tief wirksamen türkischen Islam und in eine Art atatürkische Postmoderne. Dazu kommen die internationalen Machtinteressen an den nahen Schlüsselpunkten des mittleren Ostens und die Echos der Globalisierung. Doch vom Balkon eines Beton-Hochhauses auf das Meer hinausblickend, kann man Goethes Helena real sehen. Genau dort, wo sich Himmel und Meer im kleinasiatischen Raumesall begegnen und ineinander übergehen, ist sie sehr deutlich als Wirklichkeit anwesend. Mersin leuchtet im Mai.

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Der türkische Süden ist Heimat für viele türkische Freimaurer, die aus anderen Gegenden hierher ziehen, weil sie sich mit diesem geistigen Raum schicksalshaft verbunden fühlen. Sie leben allerdings in der heutigen Südosttürkei und in der Nachbarschaft der fundamentalistisch-mittelalterlichen Regimes Arabiens gefährlich. Denn die wachsende Zahl der islamischen Fundamentalisten will einen Staat nach dem Vorbild der afghanischen Taliban und des Iran. Auch der Irak und Syrien wirken mit ihren Interessen merklich in die Gegend herein. Die große Wirtschaftskrise seit Februar arbeitet den Fundamentalisten und den Gegnern der Republik in die Hände. Sie beweist nur auf andere Weise die Verkommenheit und Illogizität des westlichen Universums.

III

Die Wirtschaftskrise

Die Wirtschaftskrise bringt die Dinge in Mersin in Bewegung – in eine mehr als ambivalente Bewegung allerdings. Denn sie bringt auch eine neue, "tiefe" Instabilität, die nicht auf ökonomische Aspekte beschränkt bleibt. Wie kam es zu dieser Krise?

Auslöser der jüngsten Entwicklungen war das aggressive Vorgehen von führenden Kreisen des einflussreichen türkischen Militärs und des Staatspräsidenten Ahmet Sezer - im Bündnis mit dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank. Sie versuchen, das etablierte Netz von Politikern, Beamten und Geschäftsleuten aufzubrechen, das die türkische Gesellschaft seit Jahrzehnten dominiert. Auch der Unternehmerverband Tüsiad gehört zu diesem Bündnis, das den Kampf gegen die Korruption und die Demokratisierung im Munde führt, um öffentliche Unterstützung im In- und Ausland zu mobilisieren.

Die gegenwärtige Krise war Ende Februar durch einen gezielten Affront von Sezer gegen Regierungschef Bülent Ecevit im Nationalen Sicherheitsrat (einem von Militärs dominierten Staatsorgan) losgetreten worden. Sezer hatte Ecevit vorgeworfen, er versage im Kampf gegen die Korruption. Der Skandal wurde allenthalben in den Medien kolportiert. Daraufhin kam es zunächst zu einem Einbruch der Börsenkurse, dann, nach der Freigabe der türkischen Lira, zur Abwertung der Währung und der Reallöhne um über 40%." (1)

"Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern: es war der 21. Februar. Von einem Tag auf den anderen kostete der Dollar nicht mehr 690.000 Türkische Lira, sondern 850.000. Das war noch vor der offiziellen Bekanntgabe der Freigabe der türkischen Lira. Bis zum 28. Februar 2001, dem Haupttag der Wirtschaftskrise, hat er sich bis knapp über 900.000 TL erhöht. Heute steht der Kurs bei 1.300.000 TL." (2)

Und die Aussichten auf die weitere Entwicklung sind nicht gerade rosig. "Die Wirtschaft ist eingebrochen. Während das Bruttosozialprodukt schrumpft, wird die Inflation stark ansteigen. Die Regierung geht mittlerweile offiziell von einem Negativwachstum von 3% und einer Inflation von über 50% aus, internationale Investmentbanken sogar von 7,2% Negativwachstum und fast 70% Inflation. Die Industrieproduktion schrumpfte innerhalb sechs Wochen um 10%, mehrere tausend Kleinbetriebe mußten schließen, ganze Branchen wie die Textil- und Schuhindustrie kamen großteils zum Erliegen. Bis zu eine halbe Million Menschen wurden arbeitslos, während die Arbeitslosigkeit schon vor der Krise bei über 18% gestanden hatte. Zeitungsberichten zufolge werden in Krankenhäusern teilweise die Medikamente und sogar Blutplasma knapp, weil internationale Pharmaproduzenten wegen der unsicheren Währung nichts mehr liefern wollen.

Anfang März wurde die Verantwortung für den größten Teil des Wirtschafts- und Finanzwesens an Kemal Dervis (sprich: Derwisch) übertragen, bis dahin Vizepräsident der Weltbank. Dervis trat früher für einen Kompromiß in der Kurdenfrage, Zugeständnisse an den politischen Islam und vor allem für einen radikalen Wirtschaftsliberalismus ein. Er plant Strukturreformen. Hauptziele sind: die öffentlichen Ausgaben werden drastisch um ein Viertel gekürzt, die Staatseinnahmen um 10% erhöht. Ab Anfang 2002 werden die Agrarsubventionen abgeschafft, alle staatlichen Landwirtschaftsbetriebe verkauft. Die radikalsten Maßnahmen treffen den Bankensektor: Besitzer bankrotter Finanzinstitute sollen mit ihrem Privateigentum haftbar gemacht werden.

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Das staatliche Sparprogramm reicht von der Vorgabe, Schreibpapier beidseitig zu gebrauchen, bis zur Streichung einer Großteils der mehr als 5000 Investitionsvorhaben. Die Mehrheit der 230.000 Beamtenwohnungen wird verkauft, ein Teil der 2,5 Millionen Beamten und Angestellten vorzeitig pensioniert. Millionen von Bewohnern illegal gebauter Häuser sollen gegen Entgelt ihr Eigentum legalisieren: das allein soll dem Staat mehr als fünf Milliarden Dollar einbringen. Internationales Kapital soll außerdem durch die Privatisierung der staatlichen Banken, des Energiesektors, der Fluggesellschaft und der Telekom hereingeholt, die Zentralbank unabhängig von der Politik gemacht werden. Außerdem soll ein Kredit der Weltbank 10 Milliarden Dollar ins Land bringen. Bisher hat die Regierung jedoch kaum etwas von den Strukturreformen umgesetzt. Sie hat lediglich versucht, durch wiederholte drastische Preiserhöhungen für Benzin, Alkohol, Tabak, Zucker und Papier, für die es noch staatliche Monopole gibt, die Krise auf die Bevölkerung abzuwälzen." (3)

Die Folgen sind Lebensverhältnisse mit Preisen, die in vielen Bereichen höher sind als in Europa– bei einem ungleich niedrigeren Durchschnittseinkommen.

"Wie ist nun die Lage für den normalen Durchschnittsmenschen, wie überlebt man? Ein normaler Durchschnittsverdiener an der unteren Grenze hat ein monatliches Einkommen von etwa 350 bis 500 DM. Der mittlere Durchschnitt liegt bei 700 bis 900 DM, alles darüber gehört zu den überdurchschnittlich gut Verdienenden. Je nach Einkommen geht ungefähr ein Drittel in die Unterkunftskosten, der Rest bleibt fürs Überleben. Und das Leben in der Türkei ist nicht, wie man in Europa glaubt, billig. Ganz im Gegenteil, es ist unbeschreiblich teuer. Das Telefonieren kostet im Vergleich zu europäischen Ländern mindestens dreimal soviel – gemessen am realen Einkommen also zehn bis zwölf Mal soviel. Ein Paar normale Schuhe kosten in Mersin im Durchschnitt 80 bis 100 DM. Lebensmittel - außer Obst und Gemüse - kosten ungefähr gleich viel wie in Deutschland, Fleisch ist teurer. Ein Flug nach Österreich kostet, von der Türkei aus gebucht, etwa 100 bis 150 DM mehr als in Deutschland. Nach Bekanntgabe des staatlichen Statistikinstituts braucht eine vierköpfige Familie in der Türkei ein Monatseinkommen von 1000 DM, um an der Armutsgrenze überleben zu können. Dieselbe Familie muß, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können, ein Einkommen von mindestens 1.800 DM aufbringen. Wie ein normaler Mensch mittleren Einkommens hier überlebt, ist ein Rätsel für sich. Vielleicht stimmt es, dass Not kreativ macht." (4)

"Die Umstrukturierung der Wirtschaft sieht drastische Einschnitte in den Lebensstandard vor. Das Wirtschaftsprogramm läßt sich nur durch eine regelrechte Verelendung der ohnehin armen Bevölkerungsmehrheit verwirklichen." (5) Und genau dagegen gab es in den vergangenen Monaten nachhaltige Proteste von breiten Bevölkerungskreisen. "Nachdem in den vergangenen Monaten hunderttausende Selbständige und Kleinunternehmer in der ganzen Türkei demonstriert und den Rücktritt der Regierung gefordert hatten, gab diese teilweise nach. Die für Gewerbetreibende zuständige staatliche Volksbank soll die nach der Finanzkrise auf bis zu 110% angehobenen Zinsen wieder auf 55% senken." (6)

IV

Einige Hintergründe

Die schwierige Lage zeigt sich überall. Man sieht verstreut in der ganzen Gegend halbfertige Baugerüste, in verschiedenem Reifungszustand. Das ist gewöhnlich ein Zeichen für hohe Inflation und niedriges Vertrauen in die eigene Währung. Man investiert sofort, was man verdient. Und man baut dann ein Stückchen weiter, wenn wieder Geld da ist. Denn sparen hat keinen Sinn. Bis man das Geld für das ganze Haus beisammen hätte, bekäme man dafür nur noch ein Butterbrot.

Eine Frage stellt sich vor allem: Wer verdient an der Spanne zwischen niedrigem Einkommen und "europäischen" Kosten? Leistungen werden erbracht, Waren werden produziert – zu türkischen Kosten hergestellt, aber zu europäischen Preisen verkauft. Wer streicht das überschüssige Geld ein?

Die in den Parteien organisierten Interessenskreise im Verein mit den Banken. Sie setzen sich nach Art von Großfamilien an den staatlichen Töpfen fest und versuchen, gegen Stimmen und Loyalität möglichst viele ihrer Anhänger in guten Positionen unterzubringen. Das garantiert umgekehrt Abhängigkeiten und damit die weitere Existenz der Partei. Das Gesamtsystem stellt - schizophren genug für ein Land, in dem das Militär eine so wichtige Rolle spielt - eine Art sozialen Halbkommunismus dar. Der Staat soll für alles sorgen, Familienbande sind entscheidend. Die Parteien haben Versorgermentalität. Sie sind eher Familien- und Interessenlobbys für Einflußgruppen als Volksvertreter.

Der ungebrochene Klientelismus zeigte sich erst kürzlich in einer landesweiten Umfrage. Auf die Frage, wie sie die Parlamentarier einschätze, antwortete die überwältigende Mehrheit der Befragten, daß es ein Traumziel sei, Abgeordneter zu werden. Denn dann sei das beste Einkommen und ein sicheres, vom Staat finanziertes Leben gewährleistet. Gleichzeitig bewerteten dieselben Befragten den Vertrauensfaktor der Parlamentarier mit 0. Die Folgen dieser weit verbreiteten Einschätzung für das System liegen auf der Hand. "Nach Meinungsumfragen sind bereits jetzt alle Parteien so diskreditiert, dass bei Parlamentswahlen keine über die gesetzliche Zehnprozenthürde kommen würde." (7)

Das ist der Grund dafür, warum Dervis mit starken Gegenkräften praktisch aller traditioneller Parteien konfrontiert ist. Er wird von so gut wie allen Parlamentariern und Regierungsmitgliedern argwöhnisch beäugt. Links oder rechts spielt bei dieser Gegnerschaft keine Rolle. Dervis darf nicht Erfolg haben. Denn das hieße, daß die traditionellen Parteien geschlafen haben und daß ihr System versagt. Ein Professor sagt mir in Anspielung auf die Rolle des Teufels am Kaiserhof im zweiten Teil von Faust: "Hoffentlich ist Dervis auch eine Art Mephisto, der die Leute in den Machtzentralen verzaubern und mit frischem Papiergeld alles heilen kann." Lieber ein Mephisto als die traditionellen Parteien. Das ist die gegenwärtige Stimmung. In der Türkei sind heute keine herausragenden moralischen Persönlichkeiten - wie etwa Kim Dae-Jung in Südkorea (8) - sichtbar, denen man zutrauen würde, das System aus persönlicher Integrität und aus individueller moralischer Intuition heraus zu verändern. Daher ruhen alle Hoffnungen vorläufig auf dem Techniker Dervis.

Ob aber die von Dervis ins Auge gefaßten Strukturreformen angesichts der politischen Verhältnisse im Land überhaupt umgesetzt werden können, ist fraglich. Denn "die staatlichen Banken und Unternehmen gehören zu den wichtigsten Instrumenten, mit denen sich die Parteien politische Loyalität erkaufen. Die meisten Politiker haben außer Populismus nichts gelernt. Alle traditionellen politischen Führer wehren sich dagegen, daß die Republik ihr überkommenes ideologisches Korsett abstreift, daß der teure Etatismus und der billige Populismus, der orientalische Klientelismus und byzantinische Nepotismus der Vergangenheit angehören und daß die Türkei endlich ein moderner Staat wird, der das Entstehen einer offenen Gesellschaft fördert, sich an Prinzipien wie Transparenz und Effizienz orientiert. In der Vergangenheit hat die Türkei akute Krisen, die von Politikern verschuldet wurden, durch die Berufung von Technokraten in die Regierung abgewehrt." (9)

Zu alledem kommt als weiterer entscheidender Faktor eine Art ungezügelter, orientalischer Neoliberalismus. Die Ausbeutung der Armen durch die eng mit den verschiedenen Interessensgruppen verbundenen Reichen ist ein offenes Geschäft, über das sich nach vielen Jahrzehnten Parteienherrschaft kaum mehr jemand wundert. Die Neoliberalisten dürfen hier sozusagen orientalisch frei agieren. Der neoliberalistische Geist zeigt hier, kombiniert mit einer korrupten Staats- und Verwaltungsmaschinerie und internationalen politisch-ökonomischen Machtinteressen, das volle Ausmaß seiner negativen Seiten zum Schaden der Bevölkerung. Und so holt sich jeder eben das, was und wie er kann, um zu überleben. Die Menschen versuchen, sich so gut wie möglich am Nächsten abzusichern. Aber auch das ist wiederum schwierig und kompliziert. Denn gewisse Grenzen der Höflichkeit können nur im äußersten Notfall überschritten werden. Zugleich zwingen die harten Gesetze der Realität immer wieder an diese Grenzen heran - und über sie hinaus.

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Natürlich ist von diesen Prozessen nicht nur die Bevölkerung in der Türkei, sondern auch die große türkische Bevölkerungsgruppe in Deutschland betroffen. Die Einkünfte aus Mieten von Wohnungen in der Türkei sinken, die Wertanlagen halten ihren Wert nicht. Die Deutschtürken (hier in Mersin meist wenig schmeichelhaft almanci genannt), die Mitte der 80er Jahre zurückgekehrt sind, als man ihnen in Deutschland dafür eine nach hiesigen Maßstäben hohe Abfindung bezahlte, scheiterten großteils bei ihren Versuchen, in der Heimat neu Fuß zu fassen. Viele wurden übers Ohr gehauen und haben nun noch weniger als vor ihrer Auswanderung nach Deutschland. Sie haben ihre Jahre in Deutschland ökonomisch unterm Strich fast umsonst verbracht.

Zugleich werden hier in Mersin alle Mieten, Kaufverträge, wichtigen Geschäfte nur in DM abgeschlossen, nie in türkischen Lira. Es gibt faktisch zwei Landeswährungen nebeneinander. Ob es in dieser Lage mehr als ein Linderungsweg sein kann, "den Weiterfluß von harter Auslandswährung ins Land sicherzustellen, indem neue Investitionsmöglichkeiten für türkische Arbeiter im Ausland ausgearbeitet und sie bei der Privatisierung von lukrativen Staatsbetrieben wie Turkish Telekom und Turkish Airlines mit eigenen Aktienpaketen geködert werden" (10), wie das in Essen ansässige "Zentrum für Türkeistudien" fordert, muß sich erst noch zeigen.

"Die Türkei ist wirklich in einer schwierigen Situation, sagte der Wirtschaftsminister. Gleichzeitig dämpfte er Hoffnungen, daß die Krise innerhalb kurzer Zeit überwunden werden könne. Das ist ein langfristiger Kampf, so Dervis." (11)

V

Politische Geheimnisse - manchen offenbar, manchen verborgen

"Es lebe die Republik" steht über dem größten Einkaufszentrum, in dessen vollklimatisierten Hallen die Preise höher sind als in Deutschland. Und bei der Einfahrt in die Stadt passiert man das Schild mit der Aufschrift: "Unsere Republik ist gefestigt wie nach tausend Jahren, und sie ist jung und kraftvoll wie nach einem Tag." In Wirklichkeit ist es, wie hier jedes Kind weiß, eine von Atatürk geschenkte Republik. Sie hat keine Tradition und auch wenig Stärke. Denn das Orientalische ist nicht unbedingt demokratisch. Es betont den Vatergott vor dem Sohnesgott. Es betont das Sein des Umfassenden vor dem Werden des Besonderen - die Ordnung des Ganzen vor der verändernden Wirkung des Ich-Willens. Das gilt nicht mehr umfassend für die heutige Türkei, ist aber doch als allgemeine Gemüts- und Geistesverfassung noch stark spürbar. Diese Verfassung trägt etwas aus Vergangenem gespeistes Großartiges und Erhabenes in sich, das man besonders in der Begegnung mit älteren Menschen bewundern kann. Sie hat aber unter den neu einbrechenden Bedingungen auch etwas zutiefst Ratloses.

Es ist zielsicher genau an diesem Punkt des unsicheren Grenz- und Übergangsbereiches zwischen Vater- und Sohnesgott, an dem die ökonomisch-politischen Machtinteressen des Westens - also Amerikas und des amerikanisierten Europa - seit Jahren ansetzen. Der Westen ist an der Unterstützung der Republik interessiert, die seinen östlichen Eckpfeiler bildet und in den komplexen Kernbereich der Erdölgebiete des Nahen Ostens hineinreicht. Er liefert daher Rüstung, gibt Kredite, stützt das Militär als einzigen ideologisch verläßlichen politischen Faktor. Umgekehrt läßt er sich seine Unterstützung aber auch mit konkreten Leistungen wie Überlassung von Militärbasen, Hilfe bei militärischen Interventionen (wie im Golfkrieg) und strategischen Bündnissen wie letzthin mit Israel bezahlen. Es ist insgesamt eine Art fortwährender Tauschhandel zwischen den fortschrittlichen Kräften in der Türkei und den harten machtpolitischen Interessen des Westens. Gerade dadurch aber kommt die Aura der Kraftlosigkeit des demokratischen Impulses im Land wesentlich mit zustande. Diese Kraftlosigkeit ist zu einem guten Teil dem Umstand geschuldet, wie der Westen hier seine Interessen verfolgt und durchsetzt.

Vor allem die Amerikaner verfolgen ihre Interessen im Nahen Osten vergleichsweise offen und zum Teil auch brutal mit Hilfe der Türkei. Durch den Golfkrieg, von dem die Türkei nichts hatte, wurde der früher hauptsächlich über Mersin laufende Handel mit dem Irak vollständig abgewürgt. Der Irak ist nun ein Todfeind der Türkei. Alle Handelswege sind - bis auf die Schmuggelpfade - zu. Dadurch verarmt die Osttürkei. Aber das kümmert die westlichen Interessen wenig. Der Wohlstand der Region wird umfassenderen Zielen geopfert. Die Osttürkei dient aus westlicher Sicht vor allem der Kontrolle Mesopotamiens. Warum?

Der Irak könnte aufgrund seiner Bodenschätze und seiner geopolitischen Lage die Schweiz des nahen Ostens sein - blühend und reich, ein Anziehungspunkt für neues Leben und ein geistiges Zentrum der Mitte im Nahen Osten. Davon würde auch die gesamte Osttürkei profitieren. Aber das wäre für die Interessen des Westens ein zweifelhaftes Wagnis. Denn dann hätte man einen weiteren Partner in dieser ebenso komplexen wie entscheidenden Region, der mittelfristig unweigerlich ein zusätzliches Machtzentrum bilden würde und mit dem man diplomatisch und konsultatorisch umgehen müßte. Leichter ist vorläufig eine bloße Besatzungs- und Beherrschungspolitik gegenüber diesem potentiellen Zentrum, auch angesichts des mittelfristig erwarteten Aufstiegs Chinas zu einem möglicherweise gleich starken Rivalen. Die Figur Saddam Husseins ist in dieser Lage geradezu ein Geschenk. Der unberechenbare, mittelalterlich denkende Despot gibt den denkbar besten Grund ab, Kontrolle durch Machtpolitik vor Demokratisierung und Entwicklung zu stellen. Schwerlich wird man in den westlichen Machtzentralen den Fehler begehen, ihn vor der Zeit abzusetzen.

Hier in Mersin gehen im Mai Gerüchte aus sehr gut informierten Kreisen, daß die Amerikaner die bestehende Situation auch nach dem angesichts der Krebserkrankung Husseins zu erwartenden Ende des Despoten absichern wollen. Dazu genügt die wesentlich über die Türkei ausgeübte Kontrollfunktion kaum. Daher, so diese Gerüchte, wollen gewisse Kreise mittelfristig einen kleinen Kurdenstaat als leicht kontrollierbaren Rumpfstaat im Norden des Irak, um von dort aus die Erdölquellen noch besser auch dann noch kontrollieren zu können, wenn eine direkte Beherrschung des Iraks nicht mehr möglich ist. Daher soll die für Unabhängigkeit kämpfende Kurden-Armee der PKK auch von amerikanischen Militärs ausgerüstet und ausgebildet werden. Sollten diese Gerüchte wahr sein, dann wären die wesentlichen Interessenskreise also einerseits mit der Türkei verbündet, und würden andererseits im Hintergrund zugleich an ihrer Modifizierung gemäß ihren eigenen Globalinteressen arbeiten. Viele Türken der höheren Bildungsschichten sind jedenfalls von diesem Doppelspiel überzeugt.

Der Krieg gegen die Kurden kostet die Türkei nach Auskünften, die mir von gut informierten Kreisen in Mersin zugetragen werden, etwa 10 Milliarden Dollar jährlich. Das ist etwa soviel, wie die - durch eben diesen Krieg in den 90er Jahren real geschrumpfte - Tourismusindustrie dem Land einbringt. Hier in Mersin leben viele Kurden. Etwa 40% der 1,2 Millionen Einwohner stammen nach offiziellen Zählungen aus der Ost- und Südosttürkei. Etwa 10% von ihnen spricht nur Kurdisch. Man kann sie meist an ihrem etwas dunkleren Teint erkennen. Viele sind integriert und fühlen sich als kurdische Türken. Aber man munkelt auch, daß einige große kurdische Geschäftsleute Sympathisanten der PKK sind. Bis zur Festnahme des Kurdenführers Abdullah Öcalan im Februar 1999 und dem seither geltenden Waffenstillstand war es hier nicht selten, daß man solche Persönlichkeiten ertränkt im Hafen treibend fand.

Das Bedürfnis der Kurden nach Selbstbestimmung und Autonomie erscheint den meisten Türken gerade hier im Osten des Landes zwar grundsätzlich verständlich. Allerdings ist die PKK im wesentlichen eine stalinistisch ausgerichtete Organisation. Ihre Führer sind großteils Steinzeitkommunisten. Sie versuchten kaum je nachhaltig, demokratische Mittel zu benutzen, um ihre Ziele zu erreichen. Sondern sie führen mit einer etwa 100.000 Mann starken, gut ausgerüsteten und hoch motivierten Armee Krieg gegen die Türkei. Und in dem Gesamtprozeß tritt ein vielsagendes Zwielicht von Bündnissen auf. Abgrenzungen verschwimmen.

So wird kolportiert, daß es in den vergangenen Jahren geheime Allianzen zwischen der streng laizistischen Regierung und der fundamentalistischen Hisbollah - an sich Todfeinde - gab, um den gemeinsamen Feind, die stalinistische PKK, zu beseitigen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wurden Tausende potentielle PKK-Sympathisanten individuell ermordet. Viele sind auch einfach verschwunden, und nur ein kleiner Teil ist wieder aufgetaucht. Manches deutet darauf hin, daß es sich um eine konzertierte Aktion handelte. Die entscheidende Frage lautet: Von wem kam der Befehl?

Es scheint hier in der Osttürkei ein offenes Geheimnis zu sein, daß der Befehl von höchsten Regierungskreisen ausging. Sollte das wahr sein, dann zeigt das nur ein weiteres Mal, wie komplex die Lage im Land ist. Denn die Regierung ist ja zugleich auch mit dem Westen im Bund. Die strategisch wechselnde Auseinandersetzung zwischen geistigen Überzeugungen, Kreisen und Zirkeln ist in dem Gewirr an Fäden und Verbindungen ausschlaggebend. Und in der Mitte und als Schlüssel in dem gesamtregionalen Spiel bewegt sich die Türkei als Ganzes. Eine zu starke Annäherung an diese Zusammenhänge kann für manchen gefährlich sein.

VI

Der Vormarsch der Fundamentalisten

Man muß diese Zusammenhänge auch aus der türkischen Geschichte verstehen. In den 20er Jahren wurde das Land unter seinen Nachbarn aufgeteilt. Das Trauma des Verschwindens der Nation stand real im Raum. Dann kam Atatürk, und mit ihm die kriegerische Rekonstitution der Türkei. Atatürk war eine wirkliche Schicksalsfigur für den Nahen Orient. Er stellte die Weichen der Türkei weg vom Orient, hin zu Europa. Seitdem begann die große, die Gegenwart insgeheim prägende und für die Zukunft alles entscheidende Auseinandersetzung zwischen den großen Lagern der (westlich orientierten) Republikaner inklusive Militär auf der einen und islamischen Fundamentalisten auf der anderen Seite. Diese Auseinandersetzung mündete in eine permanente Verhinderungsstrategie des republikanisch ausgerichteten Militärs gegen den nur demokratisch getarnten Vormarsch der Fundamentalisten. Es kam immer wieder zu Putschen gegen zweifelhafte Wahlsieger. Erst am 28. Februar 1998 gab es den letzten, diesmal allerdings "sanften" Putsch der Armee gegen den ersten fundamentalistischen Ministerpräsidenten, der bei den damaligen Wahlen 21% der Stimmen errungen hatte und offen ankündigte, die republikanischen Spielregeln genau so lange nutzen zu wollen, bis die Macht sicher in den Händen der radikalen Islamisten sei. Der Putsch wurde vom Westen im vorhinein sanktioniert, was hier auch jeder wußte.

Die Lage ist seitdem aber nicht sicherer geworden. Im Gegenteil: vom Ausland aus findet seit einigen Jahren eine starke Mobilmachung der Fundamentalisten statt. Bedeutsam ist, daß diese Mobilmachung keineswegs vom Gebiet der Todfeinde Syrien und Iran ausgeht. Jene, die in der Türkei den Umsturz planen, dürfen sich dort vor allem aus innenpolitischen Gründen nicht politisch aktivieren. Die fundamentalistische, gegen die türkische Republik gerichtete Mobilmachung geht vielmehr paradoxerweise von europäischem – vorrangig mitteleuropäischem - Boden aus. Seit Jahren ergeht von Seiten republikanischer – und hinter ihnen stehender freimaurerisch-aufklärerischer – Kreise der Türkei der Vorwurf an mitteleuropäische und deutsche Regierungen, diejenigen Fundamentalisten auf ihren Gebieten zur freien Agitation zuzulassen, die mehr oder weniger offen auf den Sturz der Republik in der Türkei hinarbeiten. Vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz herrsche, so Vertreter dieser Kreise im Gespräch mit mir, ein falsch verstandenes Toleranzdenken, das die Fundamentalisten dankbar für ihre Ziele in Anspruch nehmen. Doch jemand, der gegen Demokratie und Menschenrechte eintritt, sollte diese Rechte auch nicht für sich selbst in Anspruch nehmen können.

Wie immer man zu diesen Vorwürfen steht: Tatsache ist, daß die Fundamentalisten in der Türkei mittlerweile etwa das Kopftuch klar als Uniform eines Weltanschauungskampfes benutzen. Und weil das Kopftuch als Uniform gebraucht wird, muß auch Europa endlich verstehen, daß das Verhüllungsverbot in öffentlichen Institutionen des Rechtsstaates (wie dem Parlament) keine Usurpation, sondern gerechtfertigt ist. Hier ist mit anderen Augen zu schauen als in Europa. Das wollen viele europäische Politiker noch immer nicht begreifen, denn sie denken nur in Maßstäben, die in europäischen Staaten gelten.

Tatsache ist auch, daß die heutige Türkei im wesentlichen nur von Feinden umgeben ist, und zwar größtenteils von mittelalterlichen Regimes, die gegen Menschenrechte und Rechtsstaat stehen.

Und Tatsache ist auch, daß der verlustreiche Kurdenkrieg intern ein ständiger Stachel im Fleisch ist, für den es keine einfachen Lösungen gibt. Bei einer völligen Unabhängigkeit der Kurdengebiete würde die Türkei mit großer Wahrscheinlichkeit Unruhen haben, und ein Auseinanderbrechen des maroden Staates wäre nicht ausgeschlossen. Eine territoriale Autonomie, zum Beispiel nach dem Vorbild Südtirols, wäre am besten. Aber die Türkei ist nicht Italien. Die Kurden vertrauen den türkischen Militärs wenig. Zum anderen reicht auch das Vertrauen der türkischen Generäle in die stalinistischen Führer der PKK nicht weit. Sie befürchten, daß eine kurdische Autonomie nur Ausgangspunkt für eine ideologische und militärische Destabilisierung der gesamten Grenzregion und für weitere, unkalkulierbare Unabhängigkeitsbestrebungen sein würde.

Es hat eine gewisse Logik, daß das Militär in dieser Lage mehrfacher Bedrohung wohl oder übel als ambivalenter, aber einzig glaubwürdiger Beschützer der Republik gelten muß. Folter ist an der Tagesordnung, die Meinungsfreiheit ist immer wieder unsicher, Massenmorde an Bevölkerungsteilen der Osttürkei geschehen zumindest mit schweigender Zustimmung ranghoher Militärs. Aber immerhin ist dieses Militär der Beschützer der Republik und verhindert noch weit Schlimmeres. So empfindet ein Großteil der Bevölkerung. Und dieses Militär, aus seiner eigenen Sicht der wahre Erbe Atatürks, der die Republik gegen die Fundamentalisten schützt, muß seinerseits vom Westen gestützt werden. Dabei ist es eben kein Vertreter einer Demokratie, sondern einer Republik, und das ist nicht dasselbe.

VII

Die Wirtschaftskrise, nun deutlicher sichtbar

Das Vermächtnis Atatürks ist überall, so wie seine Statuen, die man am Strand, inmitten des Stadtzentrums, in staubigen Wohnparks findet, in vielfachen Variationen, aber stets die hellen Augen und das blonde Haar hervorgehoben. Eine Art Messias mit seltsam europäischen Zügen. Aber dieses Vermächtnis ist in vielerlei Hinsicht in der zunehmend komplexen Lage auch im Verfall begriffen. Das strahlende Bild vergilbt deutlich. Andere Kräfte und Ideen erweisen sich - hinter dem offiziellen Vorhang - immer deutlicher als prägend.

Vor diesen Hintergründen erweist sich die Bedeutung der Wirtschaftskrise für die heutige Türkei deutlicher. Die großen - westlich finanzierten - Kredite der Weltbank, die der Türkei nun aufgrund der Wirtschaftskrise gewährt werden, müssen auch auf den Grundlagen dieser Situation gesehen werden. Es sind Kredite, die die Türkei mit großer Wahrscheinlichkeit nie wird zurückzahlen können. Die Geldgeber wissen das sehr wohl. Trotzdem werden die Kredite gewährt. Sie werden, gerade weil sie nicht zurückgezahlt werden können, von sehr verschiedenen Kräften gern gesehen. Sie werden gern gesehen von den Westmächten, die im wesentlichen die Weltbank kontrollieren, weil diese Kredite die Türkei noch enger an den Westen binden. Auch in Zukunft wird also gelten: billige türkische Soldaten gegen westliches Geld. Die Türkei als Flugzeugträger des Westens im Nahen Osten wird es auf unbestimmte Zeit weiterhin geben.

Die Kredite werden aber auch von manchen Republikanern, Aufklärern und mit ihnen verwandten Kreisen in der Türkei selbst gern gesehen. Denn diese erhoffen sich von der dadurch erwachsenden stärkeren Abhängigkeit, daß die Türkei gar nicht mehr in den Orient zurückkehren kann - und also ein moderner Staat bleiben wird, schon weil die Westmächte sich mit zu großen materiellen Interessen an sie gebunden haben und sie daher nie den Fundamentalisten überlassen werden.

Die Interessen überlagern sich also in beiderseitigem, weitgehend schweigendem Einvernehmen. Damit soll weder gesagt sein, daß das gut, noch daß das schlecht für die Türkei oder für den Westen ist. Es ist zunächst ein geistiges Faktum hinter den Vorgängen der Gegenwart.

VIII

Die ambivalente Rolle Europas

Und Europa? Aus der Sicht der meisten Türken ist die derzeitige Rolle Europas zumindest ambivalent, zum Teil auch widersprüchlich und unverständlich. Weite Kreise spüren, daß der Hauptkampf zwischen Republikanern und Fundamentalisten gerade unter den Bedingungen dieser mittlerweile achtzehnten - und zugleich mit Abstand schwersten - Wirtschaftskrise der vergangenen 50 Jahre erst noch bevorsteht. Doch die Warner werden heute in Europa wenig ernst genommen. Dabei haben sie die langfristige geistige und soziale Entwicklung der Region sehr genau im Auge.

"Als ich vor Jahren bei einer Podiumsdiskussion in Deutschland darauf hinwies, daß bei einer Machtübernahme der Taliban-Fundamentalisten in Afghanistan Ströme von Blut fließen würden und das Mittelalter in seiner barbarischsten Form zurückkehren würde, da hat man mich ausgelacht. Nun, wir haben leider sehen müssen, was geschehen ist. Und wenn ich heute darauf hinweise, daß in der Türkei ganz real eine ähnliche Entwicklung droht, deren zunehmendes Gären von Europa nicht genügend beachtet wird, dann lacht man mich vor allem in Deutschland und Österreich wieder aus. Man glaubt dort unterschwellig, zwar nicht im Kopf, aber im personalen geistigen Horizont und im realmenschlichen Ermessensraum, daß die ganze Welt wie Europa ist - oder doch zumindest potentiell so ist, oder auch sein wird.

Das ist ein großer Irrtum. Im nahen Osten, schon in der Osttürkei ist der Ernst der Wirklichkeit ein ganz anderer. Und es sind ganz andere Dimensionen und Kräfte als in Europa im Spiel. Wie Deutschland mit diesen Fragen umgeht, das Nichtsehen dieser Fragen, grenzt geradezu an eine bewußte Strategie, um der Türkei zu schaden. Will Europa etwa durch seine passive Unterstützung der Fundamentalisten gar die Türkei zerschlagen, um nur kleine Staaten in seinem Umkreis zu haben, die leichter zu beherrschen sind? Weiß man denn nicht, daß man die Republikaner dringend aktiv (nicht nur mit Worten, die überhaupt keinen Bezug zur hiesigen Wirklichkeit haben, sondern wohlfeile tagespolitische Formeln im "ruhigen" Raum Mitteleuropas sind, die aber auch dort kaum mehr jemanden interessieren) unterstützen muß, wenn die Zukunft des nahen Ostens wirklich in den Blick genommen wird? Weiß man nicht, daß sich gerade hier in der Osttürkei entscheidende Prozesse und Entwicklungen anbahnen, bei denen von der Unterstützung und Beachtung, von der vertieft - anschauend - verstehenden Teilhabe Europas ungemein viel abhängt?

Als Republikaner in der Türkei habe ich derzeit nicht das Gefühl. Sollten die Fundamentalisten an die Macht kommen, werde ich mit der Waffe in der Hand gegen sie kämpfen. Ich weiß aber nicht, ob ich überhaupt die Zeit haben werde, die Waffe zu ergreifen. Vielleicht werden sie mir zuvorkommen, und ich werde davor schon verschwinden. Viele sind heute schon auf Listen, bei denen mehr als unsicher ist, wer diese Listen kontrolliert und wer alles sie einsieht..."

Das sagt mir bei einem Abendessen in den Hügeln über Mersin bei Saz-Klang eine sich in einschlägigen Kreisen bewegende Persönlichkeit. Die Ausstrahlung von Weisheit und Würde im Kräfteleib, bei gleichzeitiger Anrührbarkeit und zum Teil starkem Pulsieren im Gefühlsleib dieser Persönlichkeit prägt sich mir nachhaltig ein. Über der ganzen Szene schwebt ein mondartiges Licht, obwohl kein Mond zu sehen ist.

Am Tag hatten mir mehrere Studenten an der Uni Mersin gesagt: Wir wollen nach Abschluß des Studiums in Deutschland leben. Hier ist keine Zukunft. Die wirtschaftliche Lage ist zu schlecht, die Lebensumstände sind zu schwierig. Bereits bei Ausbruch der Wirtschaftskrise hatte eine nie dagewesene Auswanderungswelle eingesetzt. Die kanadische Botschaft mußte zeitweise wegen des großen Andranges vor allem junger Menschen schließen.

Tatsache ist, daß die Türkei durch ihre andauernden wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die damit verbundene Korruption und Ausbeutung immer abhängiger von außen wird - und daß sie sich zugleich in einem politisch-strategischen Umfeld bewegt, das ohnehin sehr schwierig ist und das seinen Teil dazu beiträgt, sie immer weiter in die moralische Desintegration zu treiben. Dazu gehören die außenpolitische Isolation in der Region durch das neue Bündnis mit Israel, die traditionelle Rivalität mit Griechenland, die Todfeinde Iran, Irak und Syrien als unmittelbare Nachbarn, aber auch die unsichere Beziehungen zu Rußland wegen der traditionellen Verbundenheit der Türkei mit Tschetschenien.

IX

Das nominalistische Denken als Problem

Was sind die Lehren aus diesen Beobachtungen? Die Türkei braucht endlich größeres Verständnis in Europa - und vor allem bessere Kenner als den heutigen Großteil der Politiker und Journalisten. Sie braucht europäische Persönlichkeiten, die ihre komplexe Lage verstehen, das heißt ihre Entwicklung mit vertiefter geistiger Anschauung statt mit wohlmeinenden, doch substantiell schalen und nominalistisch bleibenden Forderungen (wie etwa die mitteleuropäischen Außenminister) begleiten. Die Türkei braucht Persönlichkeiten in Europa, die in der Lage sind, ihre Situation in der produktiven Ganzheit ihrer widersprüchlichen Wirklichkeit zu sehen.

Und dabei muß eines klar sein. Wir Europäer sind schicksalshaft mit der Türkei verbunden. Und noch mehr ist die Türkei schicksalshaft mit uns verbunden. Daran führt kein Weg vorbei. Man stelle sich aus Sicht des deutschen Kultur- und Sprachraums nur einmal die auf den ersten Blick vielleicht banale, auf den zweiten Blick aber sehr weitreichende Frage: Warum sind Türken und Deutsche spätestens seit der Nachkriegszeit und den entsprechenden Migrationsbewegungen von Millionen von "Gastarbeitern" nach Europa schicksalshaft so stark miteinander verbunden? Geht es hier urbildlich vielleicht gar um die Heilung historischer Auseinandersetzungen, um die Wiedergutmachung von Geschehnissen aus vergangener Zeit? Geht es um einen kulturübergreifenden Ausgleich, geht es um eine auch geistige Versöhnung?

Das wäre für einen substantiellen Denk- und Anschauungsversuch zumindest möglich. Der Nominalismus im Denken hat demgegenüber in den vergangenen Jahrzehnten in der politischen Bewußtseinsbildung Europas fatale Konsequenzen gezeitigt. Es scheint vielerorts kein substantielles, sondern nur mehr ein rechnendes und formelhaft-appellatives Verstehen möglich. Die Früchte eines solchen Verstehens sind derzeit politisch wirksam. Der Diskurs der politischen Wissenschaften hat, bei allen Vorzügen, auch zu einer Entsubstantialisierung und Diskursivierung des politischen Denkens und Auffassens geführt, die der Wirklichkeit nicht gerecht wird. Während das linke Denken sich in die leeren Beschwörungsformeln des Schulhumanismus flüchtet, ist vom rechten Denken erst gar keine Hilfe zu erwarten. Im Gegenteil: hier herrschen nicht nur Worte vor, sondern darüber hinaus die gröbsten Verzerrungen, Mißverständnisse und Vereinfachungen, die kaum eines Kommentars wert sind. Das linke geopolitische Denken stützt sich auf nichtreale, nichtempfundene Toleranzgedanken, die in sich weitgehend leer geworden sind. Das rechte geopolitische Denken dagegen stützt sich auf illusionäre, zum Teil halluzinatorische Selbstbilder, die erst recht keinerlei Wirklichkeit haben. Im Gegensatz zu beiden ist heute dringend ein drittes: ein substantielles, das heißt: anschauendes Verständnis notwendig, das der geistigen und sozialen Wirklichkeit der Türkei und ihrer historischen Wurzeln in ihrem Bezug zu Europa als Realität gerecht werden kann.

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An einem solchen Verständnis, das wir noch nicht haben, aber uns für die nahe Zukunft erwerben müssen, ist vor allem anderen zu arbeiten. Und das ist nur möglich auf der Grundlage einer vertieften Kenntnis der großen geistesgeschichtlichen Grundzüge der wechselseitigen Entwicklung zwischen Europa und der Türkei. Sollte diese Aufgabe der Anschauungsbildung auf der Grundlage der Vertiefung geistiger Umrisse und Verhältnisse auch weiterhin nicht in Angriff genommen werden, darf Europa nicht überrascht sein, wenn ihm die Wirklichkeit des nahen Ostens durch Wirtschaftskrisen, aber auch durch zunehmende Brüche wegen der sich verschärfenden geistigen Weltanschauungskämpfe immer mehr entgleitet - und das Unverständnis und die Irritation der türkischen Führung weiter zunehmen. Warnhinweise in diese Richtung waren in den vergangenen Jahren nicht nur die Diskussionen samt den überreizten, eben auch aus tieferen Quellen sich speisenden türkischen Reaktionen anläßlich der umstrittenen Integrationsbestrebungen in die EU. Die genannte Aufgabe zu bedenken, ist heute also nicht nur angesichts der Wirtschaftskrise notwendig - auch wenn diese Krise die Aufgabe zweifellos noch dringender macht, und auch wenn der Weg zu politischer Integration mit Sicherheit noch lang und ein in vielen Stufen erfolgender sein wird.

X

Ansätze für eine vertiefte Anschauungsbildung
vor geistesgeschichtlichem Hintergrund

Die Quellen zu einem vertieften Verständnis der umfassenden geistigen Hintergründe, aus denen sich individuelle Urteilsbildung substantiell, doch offen bleibend speisen kann, liegen in verschiedenen Zusammenhängen vor. Unter anderem hat etwa Rudolf Steiner bereits 1924 in seinen Arbeitervorträgen darauf hingewiesen, daß Europa sich als eine dreifache Gestalt konstituiert hat, die Türkei aber in einer unitarischen Gestalt besteht. Steiner erläutert dies anhand der historischen Begegnung zwischen Christentum und Islam. Dabei nimmt er auch auf die traditionellen Symbole der beiden Religionen und der mit ihnen verbundenen Weltgegenden Bezug: auf die Sonne des Christentums und den Mond des türkischen Islams.

"Das Christentum ist ja am Anfang unserer Zeitrechnung entstanden. Etwa sechs Jahrhunderte darnach ist dann der Islam entstanden. Diese Islam hat eine besondere Eigentümlichkeit: er vereinigt in seiner Religion das phantastische Element mit einem ungeheuer nüchternen verstandesmäßigen Element. Der Hauptgrundsatz der mohammedanischen Religion, die sich im 7., 8., 9. Jahrhundert rasch ausgebreitet hat über den Süden und Westen Europas und in Asien, ist der: Es gibt einen einzigen Gott, der euch durch Mohammed verkündigt wird.

Man muß nun nur richtig einsehen, was das eigentlich in der Weltgeschichte bedeutet, daß Mohammed den Grundsatz verfocht: Es gibt nur einen Gott. Warum wurde das von Mohammed so stark betont? Mohammed hat schon das Christentum gekannt; und das Christentum hat zwar nicht drei Götter, aber es hat drei göttliche Gestalten. Das spürt man nur heute nicht mehr. Man spürt heute nicht, daß das Christentum vom Ursprung an nicht drei Götter hatte, aber drei göttliche Gestalten hat: Vater, Sohn und den sogenannten Heiligen Geist.

Was heißt das? Sehen Sie, Person heißt ursprünglich in der lateinischen Sprache gar nichts anderes als Gestalt, Maske, dasjenige, was sich nach außen offenbart. Und im ursprünglichen Christentum hat man nicht von drei Göttern geredet, sondern von drei Gestalten, in denen sich der eine Gott offenbart. Und man hat auch noch empfunden, wie es mit diesen drei Gestalten steht. Die alten Leute haben gesagt: Dreierlei Arten, wie sich die Gottheit offenbart, gibt es. Es gibt einen Naturgott, einen Willensgott und einen Geistgott, wo der Wille wieder geheiligt, vergeistigt wird. Es gibt einen Naturgott, den Vater; einen Willensgott, den Sohn; und einen Gott, der alles, was im Menschen durch den Willen krankhaft werden kann, wiederum heilt, den Heiligen Geist; aber – haben sie noch hinzugefügt – diese drei sind eins.

Und dann haben sie noch etwas gesagt. Wenn man den Menschen anschaut, so stellt sich bei ihm ein großer Unterschied gegen die Natur dar. Wenn man einen Stein anschaut: was wirkt da drinnen? Der Vater. Wenn man die Pflanze anschaut: was wirkt da drinnen? Der Vatergott. Wenn man den Menschen als physischen Menschen anschaut: was wirkt da drinnen? Der Vatergott. Wenn man aber einen Menschen anschaut als seelischen Menschen, in seinem Willen: was wirkt drinnen? Der Gottsohn. Und wenn man auf die Zukunft der Menschheit rechnet, wie sie einmal werden soll, wenn wiederum alles im Willen gesund werden soll: da wirkt der Geistgott. Alle drei Götter, sagte man, wirken im Menschen. Es gibt drei Götter oder göttliche Gestalten; die sind aber eins, und die wirken im Menschen auch als eine Einheit.

Nun, Mohammed hat eigentlich eine gewisse Angst bekommen. Er hat gesehen, wie das alte Heidentum, das viele Götter gehabt hat, entarten wird, schlecht werden wird, die Menschheit ruinieren wird. Nun hat er das Christentum aufkommen sehen und hat sich gesagt: Das hätte ja auch die Gefahr in sich, Vielgötterei zu treiben, nämlich drei Götter zu haben. Daher ist er in Opposition getreten, hat er das besonders betont: Es gibt nur einen einzigen Gott, und den verkündet euch Mohammed. Alles übrige, was über die Götter gesagt wird, ist falsch.

Man hat sich (also) (im Islam) darauf beschränkt, von dem einheitlichen Gott zu reden, den man dann eigentlich als den Vater von allem empfunden hat. Und deshalb hat der Islam immer mehr gedacht: Nun, wie der Stein keinen freien Willen hat, um so zu wachsen, wie er ist, wie die Pflanze keinen freien Willen hat, sondern gelbe oder rote Blüten von der Natur bekommt, so wächst auch alles beim Menschen von der Natur herauf. Dadurch ist die starre Schicksalsidee im Islam entstanden - Fatalismus nennt man das -, daß der Mensch sich eigentlich einem ganz unbedingten, starren Fatum fügen muß. Ist er glücklich, ist es vom Vatergott bestimmt; ist er unglücklich, ist es vom Vatergott bestimmt. Er muß sich nur hineinwerfen in dieses, wie man es nennt, Fatum. (...)

Diejenigen, unter denen Mohammed ursprünglich gewirkt hat, die zuerst den Islam angenommen haben, das waren die Araber. Diese Araber, die haben eine ausgesprochene Naturreligion gehabt. Die taugten als eigentlich so recht klar zum Verstehen des Vaters, zur Anerkennung der Vatergottheit. Und daher entwickelte sich auch in den ersten Zeiten des Mohammedanismus diese Anschauung von dem durch alle Natur und auch durch die menschliche Natur wirkenden Vatergott.

Aber dann kamen aus den weiten Gegenden Asiens herüber andere Völkerschaften, deren Nachkommen heute die Türken sind. Die wirkten in Kriegen gegen die arabischen Leute. Und das Eigentümliche dieser Bevölkerung, deren Nachkommen dann die Türken sind, ist das, daß diese eigentlich gar keinen Naturgott gehabt haben. Die Türken brachten... einen ungeheuren Sinn für einen geistigen Gott, für einen Gott, den man nur in Gedanken fassen kann, den man gar nirgends anschauen kann. Und diese besondere Art, den Gott anzuschauen, die ging jetzt auf den Islam, auf den Mohammedanismus über. Die Türken nahmen die mohammedanische Religion von den Besiegten an, aber sie veränderten sie nach ihrer Gesinnung." (12)

"Der Mensch hat die Kräfte, die ihm seine physische Gestalt geben, von den Mondeskräften. Das Ganze hatte einen Sinn, solange man wußte, wie diese Dinge sind. Denken Sie, daß die Türken, also die Mohammedaner, alles auf einen Gott, alles auf den Vatergott zurückgelegt haben. Was mußten sie denn da für ein Zeichen annehmen? Natürlich den Mond! Daher haben die Türken gerade ihr Bild: den Halbmond. Derjenige, der nur an den Mond glaubt, der denkt sich, daß der Mensch mit der Geburt alles bekommen hat, daß er nichts mehr aus sich selbst machen kann. Ja, das ist aber gerade der Fatalismus der Türken! Und die Türken wissen eigentlich noch etwas davon. In gewisser Beziehung sind die Türken gescheiter als die Europäer. Denn die Europäer haben einmal die Sonne als ihr Zeichen gehabt, haben aber vergessen, was das für eine Bedeutung hat. Derjenige, der von diesem Sonnenbild weiß, der nimmt an, daß der Mensch im Leben einen freien Willen hat, daß da noch etwas in ihn hineinkommen kann, was für das Leben eine Bedeutung hat." (13)

XI

Ausblick

Steiner weist also umrißhaft darauf hin, daß das tieferliegende, urbildliche geistesgeschichtliche Element der Türkei ein Vatergott im abstrakten Begriff ist. Damit verbunden ist eine Art Tradition der Selbstunterwerfung unter einen absoluten Willen. Europa dagegen ist durch das geistige Element des Sohnesgottes und des Heiligen Geistes gekennzeichnet. Das bedeutet Veränderbarkeit und einen Fokus auf die individuelle seelische Heilung des Willens. Zugleich kennt Europa aber auch den Vatergott. Europa trägt also als seine geistige Substanz drei ineinanderwirkende Gestalten in sich, während die islamische Welt durch die in vielerlei Hinsicht fruchtbare Konsistenz einer unitarischen Gestalt gekennzeichnet ist (wenn auch diese unitarische Gestalt sich selbstverständlich in verschiedenen Unterströmungen manifestiert). Die drei Gestalten Europas und die eine Gestalt des türkisch gewordenen Islam treffen sich in der Türkei – also auf dem Boden der einen Gestalt.

Die Problematik dieser Gesamtkonstallation ist heute eine zweifache. In der Türkei ist die noch immer kraftvolle Gestalt des Einen, des Vaterhaften heute eine Bedrohung des Fortschritts und eine Gefahr des Zurück in die Vergangenheit. In Europa dagegen sind die zwei Gestalten des Sohnes- und des Heiligen-Geist-Prinzips neben der einen Gestalt des Natur-Vatergottes, die ja ungewollt, aber nachhaltig gerade auch von der modernen Naturwissenschaft betont wird, kraftlos und im öffentlichen kulturellen Bewußtsein weitgehend vergessen. Die sogenannte "Postmoderne" ist ein Aufflackern dieser Prinzipien, ein wichtiges und zum Teil substantielles Aufflackern - aber auch ein in sich zerrissenes und vielfach gebrochenes, fragmentiertes, das über sich selbst nur undeutlich Bescheid weiß und daher bislang kein wirklicher Impuls in die politische und ökonomische Sphäre hinein sein kann.

In diesem großen, umgreifenden Koordinatensystem ergeben sich vielfältige Bezüge. Und es ergibt sich ein gewisses offenes Gerüst von Anhaltspunkten zur Beurteilung je situativer Konstellationen im aktuellen Geschehen. Selbstverständlich kann eine solche Denkweise, eine solche Annäherungsart nicht absolut genommen werden. Sondern sie hat als Indikation, als Prozeßgestalt für eine lebendige Anschauungsbildung ihren Wert. Aber als solche weist sie die Richtung. Aus derartigen Ansätzen des Anschauungsversuchs kann sich durch gemeinsamen Eintritt in einen geistigen Prozeß mittelfristig ein wirkliches, tiefergehendes Verständnis zwischen Europa und der Türkei herausbilden. Und dadurch wird sowohl das Selbstverständnis Europas, das grundsätzlich ein offenes ist und der dauernden Selbsterneuerung bedarf (14), wie auch das der Türkei bereichert. Ein derartiger Dialog kann neue Perspektiven eröffnen. Im Spannungsfeld zwischen Europa und der Türkei brauchen wir heute die Integration und den Ausgleich zwischen Sohnes- und Vatergott, zwischen Unendlich-Transzendentalem der Gegebenheit und individuell Heilendem der Veränderung. Dem wirken auf beiden Seiten starke Kräfte entgegen. Mit diesen Kräften müssen wir umgehen.

Und wie geht es weiter? Die große Weichenstellung im "europäischen" Orient ist die zwischen Moderne und Fundamentalismus. Die Komplexität der Lage der Türkei zwingt geradezu von sich aus zur Abkehr von rein strategischen Rechenspielen und zum Versuch der umfassenden Anschauungsbildung. Dieser Versuch der Anschauung zeigt, daß die große Entscheidung der Zukunft, auf die vieles hin unweigerlich zusammenläuft, die zwischen Menschenrechten und Demokratie einerseits und dem Umkippen in ein fundamentalistisches Lager andererseits ist. Europa muß hier Partei ergreifen, indem es die verworrenen Fäden der Interessen, die sich hier bündeln, erkennt und seine Schlüsse daraus zieht. Diese Schlüsse und die daraus zu ziehenden Handlungen können und müssen auf ganz verschiedenen Gebieten liegen: in Europa und im nahen Osten.


(1) J. Leicht, Türkische Wirtschaftskrise entwickelt sich zur Staatskrise, in: www.wsws.org/de/2001/apr2001/tuer-a17.shtml.

(2) A. Altun, Brief aus der Türkei, Manuskript für Info3, Juni 2001, S. 2.

(3) Leicht, a.a.O.

(4) Altun, a.a.O.

(5) Leicht, a.a.O.

(6) ebda.

(7) ebda.

(8) Vgl. J. W. Schneider, Kim De-jung, oder: Politik aus moralischem Realismus, in: Die Drei, Nr. 4/2001, S. 60-63.

(9) ebda.

(10) Kindergeld als Finanzspritze für türkische Wirtschaft, in: www.evrensel.de/Seiten/deutsch/ubersicht.htm.

(11) Türkei: Die Suche nach einem Ausweg aus der Krise, in: www.wdr.de/online/wirtschaft/tuerken/politik.phtm.

(12) R. Steiner, Die Geschichte der Menschheit und die Weltanschauungen der Kulturvölker, GA 353, Dornach 1988, Vortrag vom 19.03.1924.

(13) Ebda., 26.04.1924. Ohne die Kenntnis dieser großen - und daher in sich ebenfalls ambivalenten - geistesgeschichtlichen Hintergründe ist die heute geforderte Anschauungsbildung nur schwer zu leisten.

(14) Vgl. dazu vor allem J. Derrida, Das andere Kap, in: ders., Das andere Kap. Die vertagte Demokratie. Zwei Essays zu Europa, Frankfurt/M 1992, S. 9-80.


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