Suizid eines Schülers
Urs Faes: Und Ruth. Roman. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001, 180 S., ISBN 3-518-41212- 4 DM 34,00
Nachdem sich der Schüler Erich von der Staumauer gestürzt hat, reagieren auch die Lehrer: So legte uns der Altphilologe Frick einen Text von Seneca aus den Briefen zur Ethik vor, in dem als Thema die Selbsttötung aufgenommen wird. Er begann, ohne lange Einleitung, vorzulesen. Vorbeigefahren sind wir am Leben, las er, faßte in der Metapher von der Schiffahrt das menschliche Leben, Kindheit, Jugend, Alter; bei der Feststellung, die Schwelle zum Tod sei keine Klippe, sondern ein Hafen, horchten wir auf, ließen uns in den Text hineintragen. Schon bei dem Satz, das Leben brauche nicht unter allen Umständen festgehalten werden, denn nicht das Leben an sich sei ein Gut, sondern gut zu leben, bene vivere, setzte die Diskussion ein. Wir blieben rasch an der Frage hängen, was dieses gut leben heißen könne. Wir formulierten unsere eigenen Gedanken und Ängste, unsere Fragen in bezug auf Erich ... Wenn einem Menschen zuviel begegne, was ihn belästige und seine Ruhe störe, las Frick, werde er gehen. Genauso, las er weiter, wenn ihm sein Schicksal verdächtig erscheine, er zu erwägen habe, ob es nicht besser sei, Schluß zu machen. Wir blieben am Wort verdächtig, suspecta, hängen, suchten Entsprechungen, fragten uns, was bei Erich das Zuviel an Widerwärtigem gewesen sein könnte. Während wir mutmaßten, uns in Spekulationen ergingen, wies Frick auf den Satz hin, daß der einzelne bei diesem Entscheid sich nur nach seiner Seele, seinem Innern zu richten hätte. Wenn es gefällt, lebe, zitierte er, wenn nicht, kannst du dorthin zurückkehren, woher du gekommen bist." (S.150)
Dem Zuviel an Widerwärtigem" im Dasein des siebzehnjährigen Internatszöglings Erich geht im Roman der (namenlose) Erzähler nach, der sich viele Jahre später gezwungen sieht, sich der anderthalb Jahre zu erinnern, in denen er mit Erich die Zelle im Internat teilte, das früher ein Kloster gewesen war. Erzählt wird auf mehreren Ebenen: einmal im Gespräch mit Ruth, der Freundin des Toten, deren Fragen er nun nicht mehr ausweichen kann es ist ein imaginäres Gespräch , dann im Heraufrufen der Erinnerungen an die Zeit im Internat, schließlich, diese unterbrechend, mit der immer neuen Vergegenwärtigung jenes Tages im September, an dem Erich auf der Staumauer gesehen wurde.

Der Roman beginnt damit, dass der Erzähler dem Blick einer Frau begegnet: Das Gesicht angespannt, die Wangen bleich, die Miene streng: so stand ihr Bild vor meinen Augen." Die Bedeutung dieser Begegnung bleibt zunächst unerklärt, erst im letzten Teil erfahren wir, was Ruth damals gesagt hat: Ich werde dich immer wieder fragen. Und einmal wirst du nicht mehr an mir vorbeisehen ? ... Ich höre, wie sie langsam weggeht. Ich will mich umdrehen, sie zurückrufen, sie zurückhalten, ihr in die Augen schauen, in dieses seltsame Grau der Pupillen, in dieses bleiche Gesicht mit den schmalen Lippen, die kindlich weichen Züge. ... Ich habe sie nie wiedergesehn, seither. Aber immer wieder habe ich die Stimme gehört. Unvermittelt. Immer wieder." (S.157/58)
Jetzt kann der Erzähler sich nicht länger entziehen, er folgt Ruth bis zu der Staumauer, die über die Klostergebäude aufragt, in denen er Internatsschüler war. Er hat zu vergessen versucht, auch die Sache mit Erich", aber jetzt fragt er : Gibt es ein Anrecht auf Vergessen ?" Und während er zum Internat geht, vermischt sich Gegenwärtiges mit dem Vergangenen, bis die Erinnerung immer stärker wird und er noch einmal den Tag erlebt, als sie, die Knaben, zuerst diesen Weg gingen auch Erich, von seiner liebevollen Mutter begleitet, mit dem er die schmale Stube teilen sollte.
Der Erinnernde ruft in vielen, fast immer erschreckenden Bildern die Internatszeit herauf beginnend mit der Taufe", einer abscheulichen Initiation, der auch Heimleiter und Lehrer beiwohnen und die zum ersten Mal Erich als Außenseiter sichtbar macht, der seine Angst nicht zu verbergen weiß mit seinem Ausruf: Ich will nach Hause". Im Internat aber werden Ergebenheit gefordert und Gehorsam. Dabei sind die Erstklässler immerhin schon fünfzehn bis sechzehn Jahre alt.
Zunächst möchte der Leser kaum glauben, dass es sich um eine Schule fast noch in unseren Tagen handelt; erst allmählich wird es ihm klar, dass sich der Erzähler an die Jahre 1960/61 erinnert und nicht an die Zeit um 1900, wie sie sich in Hesses Unterm Rad" darstellt. Das liegt unter anderem an den Erziehungszielen" dieser Anstalt, aber auch an den Lehrerfiguren, dem sadistischen Physiker Kauer ,dem engstirnig konservativen Deutschlehrer Mangold und dem Turnlehrer Mauer, dem man glaubt, schon früher begegnet zu sein, etwa in Rilkes Turnstunde". Und die Schüler werden unter dem Druck, dem sie ausgesetzt sind, weil offenbar diese Schule ihnen die einzige Möglichkeit bietet, in bessere Verhältnisse aufzusteigen als ihre Eltern, erheblich deformiert. Wir wollten durchkommen", heißt es einmal , wir hatten gelernt einzustecken von früher Kindheit an" (S. 45).
Da ist es kein Wunder, dass Erich in der Rangordnung seiner Klasse die unterste Stelle besetzt er ist zarter als seine Gefährten, er kann sich nicht wehren gegen die Bosheit mancher Lehrer, er ist weder katholisch noch protestantisch, seine Religionszugehörigkeit ist eine andere" (wonach nicht weiter gefragt wird) und bei einem der Spiele im Wettstreit um das Interesse der Wirtstöchter, bei dem er schließlich entkleidet dasteht, heißt es: Mensch, der ist ja beschnitten". (S. 107)
Warum immer Erich ? Irgend einer stellte die Frage, keiner gab Antwort, einige zuckten mit den Schultern, als wäre daran nichts zu ändern, als gehörte es zum Wesen jeder Gruppe, daß da einer Zielscheibe war, Opfer, ohne daß sich sagen ließ, warum." (S.58) Mehrfach wird der Erzähler gebeten, sich Erichs anzunehmen, vom Direktor, von Erichs Mutter, aber er verweigert sich dem, versucht den Anschluss an die Stärkeren in der Klasse zu gewinnen, besonders an Steffen, der sich abseits hält und sich der Schikanen der Lehrer zu erwehren weiß.
Dabei gibt es Beispiele dafür, dass Erich die anderen auch zu übertreffen vermag einmal liest er seinen bemerkenswerten Aufsatz vor über Die Spuren meiner Kindheit", wie das Thema lautet, und erntet doch nur den Spott des Lehrers, ebenso übrigens wie der Erzähler auch: Warum haben wir uns nicht gemeinsam gewehrt ?" Dann soll er sein Lieblingsbuch vorstellen und richtet sich dabei nicht nach den Vorlieben Mangolds, der sehr genau weiß, was er hören will, z.B. bloß keine Asphaltliteratur" und natürlich nichts Fremdes. Erich entscheidet sich für No due" von Vittorini und lässt sich vom Gelächter der Klasse (vom Lehrer ausgelöst) nicht entmutigen, führt seinen Vortrag zuende aber niemand hört ihm richtig zu, niemand fragt nach ... Schließlich (und das ist eine der schönsten Passagen im Roman) kommt Günter Eich ungenannt zu einer Lesung ins Internat. Es ist zehn Tage vor Erichs Tod (Kapitel 20): Ohne Pathos, ohne Euphorie, in ruhigem Gleichklang, fast beiläufig sprach der Mann die Verse aus, machte kleine Pausen, schaute ins Publikum, las wieder ..." Mangold versucht sich ärgerlich als Kritiker aber der Autor antwortet ihm nicht; dann meldet sich Erich zu Wort mit einer Frage, auf die der Dichter ausführlich eingeht, er jedenfalls nimmt den Fragenden ernst.
In einem weiteren Punkt erweist sich Erich den anderen überlegen. Während diese geplagt von unreifer Sexualität dem Küchenpersonal durch ein Guckloch beim Baden zusehen und sich an die freundwilligen Wirtstöchter heranmachen, Liebespaare am Ufer des Stausees aufstöbern und endlich für das alljährliche Sommerfest Tänzerinnen zu finden suchen (diese Szenen nehmen in den Erinnerungen einen beträchtlichen Raum ein), gelingt es Erich, Ruth zu gewinnen, der doch in der Apotheke, in der sie arbeitet, andere Internatsschüler mit Angebereien, Blumensträußen und sogar größeren Geschenken den Hof machen. Aber kein Zweifel, Ruth und Erich verbindet eine wirkliche Liebe allmählich wird spürbar, dass dies den Neid des Erzählers erweckt, der sich seinerseits in Ruth verliebt.
Und dann steht Erich auf der Staumauer, immer schon liebt er offenbar den nächtlichen Blick von dort hinaus bis dahin, wo man den über Zürich geröteten Himmel wie eine Kuppel wahrnimmt" (S.98), verlässt immer öfter allein das Internat, findet sich mit Ruth zusammen dort oben und am Ufer. Aber jetzt hat er den Steg verlassen, ist über das Geländer geklettert und steht unmittelbar über dem Abgrund, vierzig, fünfzig Meter hoch über dem Fuß der Mauer. Die Anwohner sind aufmerksam geworden, auch die Internatschüler starren hinauf sehen, wie Ruth ihn zur Umkehr bewegen will und er sie zurückweist, Feuerwehrleute eilen hinzu. Dieses Bild taucht im Fluss der Erinnerung immer wieder auf, unterbricht die Erzählung an vielen Stellen, der Absturz aber wird ausgespart: Am Ende ist da nur eine Schleifspur, kaum sichtbar, die sich über die Mauer zieht, um wenige Nuancen heller als das dunkle Grün der Rampe, eine schmale Bahn, die unterhalb der Mitte plötzlich abbricht und wie eine Pfeilspitze nach unten weist, wo das Bündel zusammengequetscht im seichten Wasser liegt ..." (S.144) Ruth aber geht durchs Wasser zu ihm, kniet, umschlingt das Bündel, wird losgerissen, als die Bergung beginnt.
Die Frage, was denn nun Erichs Selbstmord ausgelöst habe, will der Erzähler bis zum Schluss nicht beantworten, obwohl immer klarer wird, dass er es ist, der Schuld daran hat. Der Polizei, dem Direktor, Erichs Eltern gegenüber, nur Schweigen. Auch in der einzigen wirklichen Begegnung mit Ruth, auf die schon hingewiesen wurde, kein Eingeständnis erst jetzt, nach so vielen Jahren, in denen niemals die fragende Stimme des Mädchens verstummt ist, klärt er die Intrige auf, die den Keil zwischen Erich und Ruth trieb und gesteht ein, wofür er verantwortlich ist. (Der Lektüre soll hier nicht vorgegriffen werden.)
Urs Faes ist eine eigenständige Fassung des alten Themas gelungen, anrührend und in der Darstellung von Verdrängen und Erinnern überzeugend: die sprachlichen Mittel, die er einsetzt innerer Dialog und vielfach gebrochene Erzählweise, Geschlossenheit der Perspektive verleihen dem Dargestellten Gewicht. Dass der Autor nicht geradlinig erzählt, sondern im Vorausweisen und Zurückschauen den Fluss unterbricht, übt einen Sog aus, der den Lesenden in das Geschehen einbezieht. Selbst das Scheusal", wie der Erzähler sich endlich nennt, gewinnt am Ende seines verfehlten Lebens eine gewisse Würde in den Augen des Betrachters. Nur den Namen des Buches möchte man ein wenig verändern. Man spürt, dass man eigentlich nichts Näheres weiß von Ruth selbst, deren Gestalt so weitgehend ausgespart bleibt, und möchte deshalb ein Fragezeichen hinzufügen: Und Ruth?"