Kay Redfield Jamison: Wenn es dunkel wird. Zum Verständnis des Selbstmordes. Aus dem Englischen von Klaus Binder und Bernd Leineweber, Siedler Verlag Berlin, 2000, 415 Seiten, ISBN 3-88680-706-1, DM 49,90
Das Buch beginnt mit einem Prolog, in dem die Autorin, nun Professorin für Psychiatrie, über ihre eigene manisch-depressive Krankheit spricht, die sie im Alter von 28 Jahren zu einem Selbstmordversuch trieb. Sätze wie die folgenden spiegeln also ihre eigene Erfahrung: "Der Drang zum Selbstmord lässt sich nicht durch die Versprechen, die man sich an einem Sommerabend gibt, bändigen, man kann ihm nicht mit Plänen beikommen, die man in lichten Momenten und in guter Absicht entwirft", und: "Ich habe einen tiefen, durch schreckliche Erfahrungen erworbenen Respekt vor diesem Drang, vor seiner Macht, die eigene Person zu untergraben, zu überwältigen, zu überlisten, zu verheeren und zu zerstören" (S. 11).
Was hat es mit diesem "Drang", der sich gegen das eigene Leben wendet, auf sich, woher stammt er? Die These Jamisons ist eindeutig: "Wenn man das Leben eines Selbstmörders betrachtet, ist man versucht, in den Entschluss ein ungeheuer komplexes Gewebe von Gründen hineinzulesen, und natürlich ist dies gerechtfertigt. Nicht eine Krankheit allein und kein einmaliges Ereignis verursacht den Selbstmord, und niemals wird man alle, ja noch nicht einmal die meisten Motive in Erfahrung bringen, die einen Menschen dazu treiben, sich das Leben zu nehmen. Aber fast immer ist ein psychopathologischer Grund vorhanden, der lebensgefährlich ist" (S. 87).
Psychopathologische Gründe, die eine suizidale Stimmung erzeugen, sind: Depression und manische Depression, Schizophrenie, Borderline- und antisoziale Persönlichkeitsstörungen, Alkohol-, Medikamenten- und Drogenmissbrauch (S. 101). Die Autorin fasst das Ergebnis zahlreicher Studien, die in Europa, den USA, Australien und Asien durchgeführt wurden, so zusammen: sie hätten "gezeigt, dass Menschen, die Hand an sich legen, in aller Regel von schweren Psychopathologien betroffen sind", ja "dass bei 90 bis 95 Prozent der Menschen, die sich das Leben nahmen, eine diagnostizierbare psychische Krankheit vorlag" (ebda.).

Wer, wie der Rezensent, bisher eher dazu tendierte, den Selbstmord jedenfalls auch als "Signatur der Freiheit" (so der Titel eines vor einiger Zeit erschienenen Buches zum Thema von Friedhelm Decher) zu verstehen, ist zunächst geneigt, Jamisons Resultate zu bezweifeln. Die Lektüre ihrer Arbeit, nicht zuletzt auch die eindringlichen Fallstudien, vermittelt jedoch ein so differenziertes Bild der psychischen Verfassung von Suizidanten, dass es nicht angeht, die Hauptthese der Autorin leichtfertig zurückzuweisen.
Allerdings beschränkt die Psychiaterin ihre Untersuchungen ausdrücklich auf Jugendliche, sowie Erwachsene, die unter 40 Jahre sind; die Motivation also etwa von älteren, unheilbar kranken Patienten, ihr Leiden abzukürzen, bleibt außer Betracht. Vielleicht lassen sich aber gerade die ethischen Implikationen der sogenannten Sterbehilfe schärfer fassen, wenn man sie mit Jamisons Ansicht, der Selbstmord sei keineswegs ein Ausdruck der menschlichen Freiheit, sondern die Konsequenz einer psychischen Erkrankung, konfrontiert.
Es gibt bei den bezeichneten Krankheitsbildern sogenannte Mischzustände, "die sich grob als das gleichzeitige Auftreten von sowohl depressiven als auch manischen Symptomen definieren lassen" (S. 111); "Verhalten und Stimmung sind in solchen Phasen unbeständig und unberechenbar. Jede Symptomkombination ist möglich. Die im Hinblick auf einen Selbstmord gefährlichste ist die Mischung aus depressiver Stimmung, krankhaftem Trinken und einem forcierten, hocherregbaren Energieniveau. (...) Die überschüssige Energie produziert eine Art geistzerrüttender Erregung, eine furchtbare Energie, wie die Dichterin Anne Sexton schrieb" (S. 111).
Jamison zitiert aus einer Notiz von Anne Sexton, sowie aus einem Brief von Edgar Allan Poe, um zu verdeutlichen, worum es sich handelt:
"Ich gehe von einem Zimmer zum anderen und versuche mir zu überlegen, was ich tun könnte eine Weile tue ich etwas, ich backe Plätzchen oder putze das Bad ich mache das Bett ich gehe ans Telefon aber die ganze Zeit habe ich diese furchtbare Energie in mir, und nichts scheint dagegen zu helfen. (...) Ich gehe im Zimmer auf und ab hin und her und fühle mich wie ein Tiger im Käfig" (Anne Sexton).
"Ich ging zu Bett & weinte eine lange, lange scheußliche Nacht der Verzweiflung durch Als der Tag anbrach, stand ich auf & bemühte mich, meinen Geist durch einen raschen Spaziergang in der kalten, scharfen Luft zu beruhigen aber es half alles nichts der Dämon quälte mich immer noch. Ich KANN NICHT leben (...) wenn es mir nicht gelingt, diese schreckliche Erregung zu bändigen, die, wenn sie andauert, entweder mein Leben zerstören oder mich hoffnungslos wahnsinnig machen wird" (Edgar Allen Poe).
Ich habe diese Zitate in voller Länge wiedergegeben, weil ich sie für grundlegend halte, um den geistigen Zustand eines Menschen, der spürt, dass er Erleichterung nur im Tod finden wird, annähernd zu begreifen. Versuchen wir, mindestens einen Moment lang an ihm teilzuhaben.
Gegenwärtig gibt es einen großen Trend der neuropathologischen Forschung, nach genetischen Verankerungen für psychische Erkrankungen zu suchen. Warum aber überlebt in unserer Art die Neigung zum Selbstmord? Warum erhalten sich Schizophrenie und manische Depression? "Dass sich die Gene, die für Schizophrenie (...) verantwortlich sind, erhalten, ist in der Tat erstaunlich. (...) Aber die Schizophrenie stirbt nicht aus, im Gegenteil, sie kommt sogar relativ häufig vor, immerhin bei einem Prozent der Bevölkerung. Warum? Eine Antwort lautet, dass dieselben kognitiven und sozialen Verhaltensweisen, die in ihrer extremen Form das Leben des Schizophrenen beeinträchtigen oder zerstören (...) in ihren milderen Formen (...) nicht nur für Individuen von Vorteil sind, sondern auch für die Art" (S. 173).
Das bedeutet, die psychischen Dispositionen, die, treten sie zu stark auf, das Leben des Individuums nicht nur beeinträchtigen, sondern zerstören können, sind gleichermaßen onto- , wie phylogenetisch notwendige Bedingungen der Entwicklung, ja vielleicht unserer Existenz selber. Jamison vergleicht die kreative, wie die manisch-depressive Charakteranlage: "Das "wundersame Sich-Einbohren" [die Paraphrase eines Verses von Anne Sexton] in die Sonne und der Rücksturz ins Meer ist ein eindrucksvolles Bild für das gefährliche Verhältnis zwischen Forscherdrang und Rücksichtslosigkeit. Die Manie ist, wie wir wissen, zwar ein aggressiver und unbeständiger, aber auch ein kreativer Zustand voller ansteckender Begeisterung und Energie. Bestimmte Seiten der Manie Furchtlosigkeit, schnelle und weit ausgreifende Gedankengänge, größenwahnsinnige Stimmungen und Ideen, eine durch nichts zu erschütternde Gewissheit und Risikobereitschaft haben eine zerstörerische und zugleich schöpferische Macht" (S. 174f). Das Fazit liegt auf der Hand: "Der Selbstmord fordert einen hohen Tribut unter Künstlern, Schriftstellern, Wissenschaftlern, Mathematikern und anderen, die auf ihre Gesellschaft einen großen Einfluss haben." Die Selbstmordraten liegen "bei hervorragenden Wissenschaftlern, Komponisten und Spitzenleuten aus der Wirtschaft (...) fünfmal höher als im Bevölkerungsdurchschnitt, bei Schriftstellern, vor allem Dichtern, noch höher" (S. 176).
Die von Jamison referierten Untersuchungen über den Stoffwechsel des Gehirns lassen darauf schließen, dass zumindest ein enger Zusammenhang zwischen suizidaler Veranlagung oder Gefährdung und Störungen, zum Beispiel des Serotonin-Haushalts, vorliegt. Wenn es eine genetische Disposition zum Ausbrechen von Depressionen gibt, die zum Suizid führen können, macht es wenig Sinn, die Fähigkeit zu diesem Akt als philosophischen Beweis für die Freiheit des Menschen zu werten. Außerdem: "Eine Verminderung der Serotoninfunktionen in diesem Gehirnbereich [dem präfrontalen Cortex] kann eine Enthemmung zur Folge haben, die sich unter Umständen in Kurzschlusshandlungen äußert, wenn suizidale Gedanken oder Gefühle vorhanden sind" (S. 186). Dennoch bedeute, so Jamison, eine genetische Disposition keineswegs, dass der Selbstmord aus ihr zwangsläufig folge (vgl. S. 191).
Man begreift also nun genauer, auf welche Weise die Fähigkeit zur Kreativität und jene andere, das eigene Leben zu beenden, zusammenhängen. Vielleicht enthält jeder schöpferische Prozess Anteile des von Jamison beschriebenen manisch-depressiven Mischzustandes. In ihm treten wir aus der Alltagsrealität heraus und entfremden uns solchermaßen unserem normalen Selbst. Immer wieder ist dieser Vorgang von Künstlern und Schriftstellern als der eines Hindurchgehens durch den Tod metaphorisch beschrieben worden. Der erstrebte kreative Spannungszustand verlockt mit einer Freiheit, die nur durch einen symbolischen psychisch-realen Suizid zu erreichen ist. Es gibt keine Intuition ohne die "Rücksichtslosigkeit" gegen sich und andere, von der Jamison spricht. Sie zitiert einen Satz Percy Bysshe Shelleys, der als junger Mann gleichfalls einen Selbstmordversuch unternahm: "Doch siehe, welch schöne Ordnung aus dem Staub und dem Blut dieses wilden Chaos hervorgegangen ist" (zit. S. 175), der auf komprimierteste Weise den Zusammenhang von Wahnsinn und Gewalt, sowie Schönheit und Form ausdrückt. Sylvia Plath schreibt in ihr Tagebuch (am 11. Juni 1958): "Ich habe eine Gewalt in mir, wild wie das Blut des Todes. Ich kann mich selbst umbringen das weiß ich jetzt , und kann sogar andere umbringen" (zit. S. 177).
Eine philosophische Interpretation des Suizids muss die fließenden Übergänge zwischen pathologischer Autodestruktion und Kreativität zu begreifen versuchen. Die Fähigkeit, das Nichts wahrzunehmen und in es hineinzuspringen, ist nach Heidegger die Grundvoraussetzung des Menschseins überhaupt: "Sich hineinhaltend in das Nichts ist das Dasein je schon über das Seiende im Ganzen hinaus. Dieses Hinaussein über das Seiende nennen wir die Transzendenz" (Was ist Metaphysik?), und: "Die Philosophie kommt nur in Gang durch einen eigentümlichen Einsprung der eigenen Existenz in die Grundmöglichkeiten des Daseins im Ganzen. Für diesen Einsprung ist entscheidend: einmal das Raumgeben für das Seiende im Ganzen; sodann das Sichloslassen in das Nichts ..." (ebda.). Diese Sätze werden unheimlich genug, liest man sie vor dem Hintergrund dessen, was Jamison über die psychopathologischen Ursprünge des Suizids sagt. Ohne die Erfahrung des Nichts gibt es keine Freiheit, so Heidegger aber ihre Möglichkeit, erfahren wir nun, setzt einen manisch-depressiven, oder auch schizoiden Zustand voraus, der sonst auch realiter die Pforten des Todes öffnet und hier nur, dieses gleichsam antizipierend, das Außersich-, das ein gesteigertes Beisichsein ist, gestattet. Andererseits existiert auch im Drang, sich umzubringen, ein Element der kreativen Freiheit, das vielleicht ausmacht, was man Todessehnsucht genannt hat.
Freiheit und Unfreiheit, die Empfindung des Exterritorialen und der leidvolle Zwang des Wahnsinns, schließen sich gerade nicht aus, sondern sind ineinander. Im Ursprung unserer Gedanken, dem "Hinaussein über das Seiende", zeigt sich ein Schöpferisches, das "wildes Chaos" ist. Die Stiftung des Sinns setzt einen Un-Sinn voraus, der nicht nur dessen Gegenteil ist, sondern notwendig in ihm weiterwirkt. In der Ordnung selber lebt ein Zerstörerisches nicht nur ihre repressive Gewalt, vielmehr auch und gerade ihre Aufhebung, das Durchbrechen ihrer Schranken , das jedes Theodizee-Projekt schon immer ad absurdum geführt hat. Die "Grundfrage der Metaphysik", die Heidegger an den Schluss seines Vortrags stellt, aus dem die oben zitierten Sätze stammen, lautet: "Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?" Eine Metaphysik des Suizids, deren Ansätze hier skizziert sind, würde auf sie antworten: weil der Wahnsinn und das Brutale des Nichts sich ihre Gestalten schaffen, nur um sie wieder ins Nichtsein zu stoßen, Schöpfung, Mord und Selbstmord, Vernunft und Wahnsinn mithin unlösbar miteinander verbunden sind, gleich als wäre die Welt in ihrem Zentrum selber verrückt. Wer die Folgen für unsere Vorstellung von Gesetz und Erkenntnis bedenkt, den ergreift ein Schwindel. Wie die Freiheit mithilfe von Manie und Depression, ihrem Gegenteil, in dieses Zentrum gelangt, so findet auch der Selbstmord, durch sie geleitet, in ihm seinen tiefsten Handlungsgrund und Stimulus. Es kann nicht gut um uns bestellt sein, wenn derjenige verdirbt und untergeht, der in Kontakt mit unseren Grundlagen kommt.
Die Konsequenzen der Einsicht, dass Freiheit und Unfreiheit kein einfaches Gegensatzpaar sind, für die Problematik der Sterbehilfe, von der vorhin die Rede war, sind weitreichend und können hier nicht dargestellt werden. Auf diesem Feld, wie auf vielen anderen, wird eine Ethik der Nachmoderne zu anderen Schlussfolgerungen und vor allem zu anderen Begründungen als ihre Vorläufer kommen. Die philosophisch-ethischen Fragen von Leben und Sterben oder Tod, Sinn und Sinnlosigkeit, auch nach der Existenz des Guten und Bösen, bekommen gegenwärtig eine neue Dringlichkeit, weil sich die Bedingungen ihrer Formulierung auf ungeahnte Weise geändert haben (so dass an die Stelle des hier verwendeten Zentrumsbegriffs eher ein anderer, ihm jedoch korrespondierender, tritt).
Jamisons "Wenn es dunkel wird" ist, gerade wegen seines Fakten- und Kenntnisreichtums, zudem wegen der engagierten Darstellung (die mir allerdings, besonders in den Eingangskapiteln, manchmal ein wenig ungeordnet erscheint), geeignet, auch einem breiteren interessierten Publikum die psychische Situation von Menschen, die sich töten, nahezubringen. Weil die Autorin keine unzulässigen Vereinfachungen vornimmt, sondern äußerst einfühlsam die furchtbare Lage von psychisch Kranken schildert wozu sie eine Fülle von Beispielen, aus Tagebüchern, Briefen oder Gedichten, zitiert , kann ihr Buch ebenfalls zur Grundlage der philosophischen Reflexion über den Suizid dienen. Welche Schlüsse sich dabei aus ihrer Hauptthese ergeben, auch, wieweit man ihren Geltungsbereich anerkennt, bleibt durchaus noch unausgemacht.