Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 4
"Meine Arbeit ist in allererster Linie ein aktives Zuhören"
Gespräch mit dem Schweizer Pfarrer Ebo Aebischer-Crettol
Veröffentlichungen:
Seelsorge und Suizid. Europäische Hochschulschriften. Peter Lang Verlag, Bern, 2000
Suizid und Todessehnsucht: Erklärungsmodelle, Prävention und Begleitung. Haffmanns Sachbuch Verlag, Zürich, 2000

Herr Aebischer-Crettol, Sie leben in der Schweiz und sind Pfarrer, haben diesen Beruf aber nicht von Anfang an ausgeübt. Würden Sie unseren Lesern/Innen etwas über Ihren Werdegang berichten?
Ich wurde 1936 in Sachsen in Ostdeutschland geboren. Hier wuchs ich in einer kaum praktizierenden lutherischen Familie auf, wo ich vor dem Zweiten Weltkrieg und bis fast zu dessen Ende eine glückliche Kindheit verbrachte.
Kurz vor Kriegsende kam meine älteste Schwester bei einem Bombenangriff auf Leipzig, wo sie im Krankenhaus lag, ums Leben. Von ihrem Tod erfuhren wir erst einige Zeit nach Kriegsende. Es gab keine Beerdigung, kein Grab.
Nach dem Ende des Krieges wurde mein Vater wegen Spionageverdacht verhaftet und kam ins Konzentrationslager Buchenwald und von hier in ein Arbeitslager nach Karaganda in Sibirien. Jahrelang waren wir im Ungewissen darüber, ob er noch lebte. Nach seiner Entlassung floh unsere Familie 1951 zurück in die Schweiz. (Der Grossvater meines Vaters war im letzten Jahrhundert mit seiner Familie wegen grosser wirtschaftlicher Not von Guggisberg nach Sachsen ausgewandert.) Hier konnten wir ein neues Zuhause aufbauen. Ich studierte Chemie, arbeitete an verschiedenen Instituten in Bern und dann in Afrika. Im damaligen Belgisch Kongo (zwischenzeitlich Zaïre und heute wieder Kongo) lernte ich meine aus dem Wallis und einer streng römisch-katholischen Familie stammende spätere Gemahlin (wir heirateten im Kongo) Monique Crettol kennen. Auf unserem Rückweg in die Heimat durchreisten wir während zehn Monaten einen guten Teil Afrikas, begaben uns von hier nach Indien, von wo wir nach dreimonatiger Rundreise auf dem Landweg in die Schweiz zurückkehrten. Die Reise durch Indien brachte uns in enge Berührung mit dem Hinduismus, der uns in verschiedener Hinsicht faszinierte und uns auch Fragen an unseren christlichen Glauben stellen liess. (...) Uns faszinierte vor allem die Idee, in einer bewusst gewählten letzten Lebensphase alle irdischen Bindungen abzubrechen, sich dem Studium der Heiligen Schriften zu widmen und auf den Tod vorzubereiten. Wir nahmen uns vor, falls wir es "einmal" irgendwie einrichten könnten, dies "später" auch zu tun zu versuchen.
Nach unserer Rückkehr in die Schweiz widmeten wir uns der Familiengründung und dem Aufbau und Betrieb eines klinisch-diagnostischen Laboratoriums.
Nach Jahren kräfteverzehrender Arbeit ergab sich eines Tages die Gelegenheit, unseren unterdessen zu einem erfolgreichen Unternehmen herangewachsenen Dientsleistungsbetrieb zu verkaufen. Unmittelbar danach begannen meine Gemahlin und ich mit dem Theologiestudium. Das "später", das wir uns auf unserer Indienreise vorgenommen hatten, konnte in Angriff genommen werden. - Bis zum endgültigen freiwilligen Loslassen aller irdischen Bindungen ist es allerdings noch ein langer Weg.
Ungefähr einen Monat nachdem wir das Labor verlassen hatten, nahm sich eine unserer langjährigen Laborantinnen das Leben durch einen Sprung von einer Brücke in den Rhein. Ein halbes Jahr später erhängte sich eine weitere Laborantin, nachdem sie mich kurz zuvor nochmals angerufen hatte.
Diese beiden Suizide haben mich nachhaltig geprägt. Stark beschäftigte mich auch die Tatsache, dass ich es nicht fertig gebracht hatte, die schwer geprüften Eltern der so aus dem Leben geschiedenen Kinder nach der Beisetzung nochmals zu besuchen. Die Angehörigen dieser beiden ehemaligen Mitarbeiterinnen waren deshalb auch die ersten Mitmenschen, die ich zu Beginn dieser Arbeit besuchte und um Vergebung für diese Unterlassung bat.
Als Monique und ich nach Abschluss unserer Theologiestudien uns entschlossen eine Dissertation zu schreiben, war mir sofort klar, welchem Problemkreis ich mich zuwenden wollte. Während der Dissertation absolvierte ich mein Vikariat in einer reformierten Berner Landgemeinde und wurde in der Folge zum Pfarrer ordiniert. Dieser Status erleichtert mir den Zugang zu Trauerfamilien wesentlich. Die Tatsache, dass ich auch ein volles Theologiestudium an der Universität Fribourg absolviert habe, erleichtert mir zudem den Umgang mit katholischen Hinterbliebenen. (Textauszug aus: Seelsorge und Suizid. Europäische Hochschulschriften, Peter Lang Verlag, Bern, 2000, Einleitung; ungekürzt s. Anhang 1)
War es insgesamt ein weiter Weg von der Chemie zur Theologie? Oder haben Sie auch schon früher den Wunsch verspürt, Menschen zu helfen, ihnen in den schwierigsten Situationen des Lebens beizustehen?
Der Weg von der Chemie zur Theologie ist vielleicht viel kürzer als gemeinhin gemeint wird. Auf die Frage, warum wer was studiert, können mitunter erstaunliche Antworten gefunden werden, die nicht zuletzt Einblick in die "tiefsten Seelengeheimnisse" zu geben vermögen. Ich wollte wohl schon immer wissen, "was die Welt im Innersten zusammenhält". Und dabei kam ich sehr früh zur Erkenntnis, dass "alles Chemie ist". Aber im Verlaufe meines Lebens musste ich einsehen, dass "Chemie nicht alles ist"... In unserem medizinisch-diagnostischen Dienstleistungslabor untersuchten wir alle "Körpersäfte" und unter diesen war das Blut natürlich ein "ganz besondrer Saft". Sehr oft konnte "gesehen" werden, dass Veränderungen der Zusammensetzung des Blutes zu schweren physischen aber auch psychischen Erkrankungen führte. Die Mitarbeit am Krankenbett von leidenden Menschen stellte eine erste Einsicht in das Wesen eines Individuums und seiner je individuellen Zusammensetzung seiner Lebensorgane, wovon das Blut eben eines der wichtigsten war, dar. Da ich aber nicht Arzt war, musste ich mitunter hilflos zusehen, wie eine meiner Ansicht nach eventuelle helfende Massnahme verweigert wurde. Ja, der Wunsch, Menschen in schwierigsten Lebenssituationen zu helfen, war wohl schon immer da.
Ist es nun ein Zufall, oder mehr als das, dass Sie sich besonders um die Hinterbliebenen von durch Suizid umgekommenen Menschen kümmern?
Zufall ist, was einem zufällt. Wie Sie der Schilderung meines Werdeganges entnehmen können, "fielen" mir damals die zwei Suizide ehemaliger Mitarbeiterinnen "zu". Dazu kommt, dass sich in den zwanzig Jahren, seitdem ich aus dem Labor ausgeschieden bin, drei weitere ehemalige Mitarbeitende das Leben genommen haben... Einer dieser ehemaligen Angestellten war "U Ü" und seine Lebensgeschichte habe ich auf Seite 472 im oben erwähnten Buch geschildert.
Sie haben es also täglich mit Trauernden, bzw. Depressiven oder Menschen zu tun, die keinen Sinn mehr im Leben erblicken. Findet da nicht so etwas wie ein Dauerangriff auf Ihre Psyche statt?
Gehört es nicht auch zum "Dauerangriff auf die Psyche", als Bestatter, Polizist, oder im Rettungsdienst zu arbeiten? Währenddem bei den genannten Berufen "nach getaner Arbeit" das Verdrängen kommt, weil bis heute bei Bedarf noch nicht genügend auf diese verletzten Seelen eingegangen wird, habe ich die grosse Chance, mit Menschen ein gutes Stück Weges zu gehen, bis sie wieder alleine gehen können. Dabei verarbeite auch ich, was ich erlebte. Dazu habe ich die Möglichkeit, all die mit mir geteilten Lasten auf dem Altar bei einem Gottesdienst abzulegen. Sport und Sportfliegen helfen mir dazu, mich körperlich und mental fit zu halten. Als vor fünf Jahren die Belastung sich einer Grenze näherte, unternahmen meine Gemahlin und ich eine Pilgerwanderung nach Betlehem. ( s. Kurzbericht in Anlage 2 )
Würden Sie beschreiben, welches genau Ihre Tätigkeiten sind?
Wie Sie aus dem Vorstehenden zum Teil schon recht gut entnehmen können, besteht meine "Arbeit" darin, Menschen zu "begleiten", die einen Nächsten durch Suizid verloren haben oder selber daran denken, sich das Leben zu nehmen. Diese "Arbeit" ist in allererster Linie ein aktives Zuhören. Dabei geht es nicht zuletzt darum, zu hören, was die oder der andere nicht sagt... Es ist dann an mir, das "zur Sprache" zu "bringen". Oft geht es auch darum, leidende Menschen zu überzeugen, dass sie krank sind, und dass sie dem entgleisten Stoffwechsel nur durch einen "seelischen Gipsverband" wieder zur Gesundung verhelfen können. Von mir als Seelsorger werden solche gemeinsam angestellten Überlegungen in anderer Art und Weise gewürdigt (und meist beherzigt), als wenn sie von einem Freund, einem Verwandten oder von einem Arzt kommen. Diese Menschen haben oft Angst, dass durch Medikamente entweder ihre Persönlichkeit verändert werden könnte oder sie auf Grund psychiatrischer Behandlung als "verrückt" erklärt werden könnten. Es ist dann an mir, ihnen aufzuzeigen, dass nicht sie verrückt sind, sondern die Situation, mit der sie fertig werden müssen, "ver-rückt" ist.
Entwickelt man ein genaueres Sensorium für gefährdete Menschen?
Durch un-bedingte Sympathie und Empathie. Dazu braucht es natürlich auch noch das nötige Hintergrundwissen, damit die oder der andere sich nicht nur "angenommen und verstanden" fühlt, sondern auch erkennt, dass da einiges an Fachwissen vorhanden ist.
Welches sind Ihrer Ansicht nach die tieferliegenden Gründe für den Drang zum Suizid?
Auf diese Frage sind so viele Antworten gegeben worden, wie es Menschen gibt, die sie zu beantworten versucht haben. Wenn zwei Menschen ein gleicher Schicksalsschlag passiert und sich dann einer von beiden das Leben nimmt, der andere aber eine Lösung seiner Probleme im Leben sucht, dann kann das sowohl auf einer entsprechenden genetischen Prädisposition als auch auf einer erlernten oder kopierten Problemlösungsstrategie beruhen. Aber auch Gesichtsverlust und eine "Bilanzierung" können dazu führen, "Hand an sich" zu legen. Ich neige trotzdem immer mehr dazu, anzunehmen, dass die meisten Menschen eigentlich nicht sterben, aber sooo nicht weiterleben (bzw. weiter leiden) möchten. Das heisst dann für uns alle, solche Menschen zu ermächtigen, das Sooo zu ändern...
Kann man, ohne ausgebildet zu sein, Menschen, die sich innerlich auf die Möglichkeit, ihr Leben zu beenden, zubewegen, erkennen? Auf welche Weise könnte man helfend eingreifen?
Indem man/frau diese Menschen auf die gehegte Vermutung anspricht: "Du hast doch nicht etwa daran gedacht, dir das Leben zu nehmen?... Hast du schon überlegt, wie du es machen würdest?... Hast du schon Vorbereitungen getroffen?... Wenn man/frau einen in tiefer seelischer Not befindlichen Menschen so direkt anspricht, besteht keineswegs die Gefahr, dass man/frau ihn erst auf die Idee bringt. Diese Idee hatte er schon lange, bevor er durch diskrete Zeichen seine Not mitzuteilen versuchte. Das Gegenteil ist der Fall: Jetzt, wo das was ihn umtreibt endlich zur Sprache gekommen ist, kann der lang ersehnte Dammbruch erfolgen: Endlich ist da eine oder einer, der erkannt hat, wie es in mir aussieht. Jetzt, nachdem endlich "herausgekotzt" werden kann, was da in einem frass, kann der Weg zurück ins Leben gesucht werden.
An wen könnte man sich wenden, wenn man solche Befürchtungen hegt?
"Du und
ich" sind die ersten Anprechpersonen, wenn solche "Zeichen" erkannt worden
sind. Wenn man/frau die oder den anderen zuerst zu einem "Spezialisten" schicken
will, empfindet das die oder der Leidende als ein Abschieben, als
"ein-sich-aus-der-Verantwortung-Schleichen". Erst wenn die Schleuse geöffnet
worden ist, wenn durch un-bedingte Zuwendung das Vertrauen des leidenden Mitmenschen
gefunden werden konnte, kann gemeinsam (!) versucht werden, weitere Hilfe in Anspruch zu
nehmen. Dabei denke ich an (entsprechend ausgebildete) Geistliche, Allgemeinpraktiker,
Psychiater und Psychologen.
Sie berichten in Ihrem Buch "Aus zwei Booten wird ein Floß" über die neuesten neurobiochemischen Forschungen - muss man also nun den Schluss ziehen, dass zum Beispiel Traumatisierungen im Kindesalter, wie die Psychoanalyse annimmt, gar nicht die entscheidende Rolle bei einer Suizidgefährdung spielen?
Alles, was unsere Triebe steuert, ist im Gehirn gespeichert und wird vom Gehirn aus gesteuert. Ein sexueller Missbrauch im Kindesalter führt zu einer (neurochemischen) Traumatisierung. Diese tiefe "seelische Wunde" muss wahrgenommen und durch entsprechende gezielte medikamentöse und/oder psychiatrische Behandlungen zu heilen versucht werden. Es ist für mich deshalb ausser Zweifel, dass viele von frühester Kindheit bis kurz nach der Pubertät begangene sexuelle Vergehen an Menschen zu einem bislang weit unterschätzten Risikofaktor gehören, früher oder später aus dem Leben zu scheiden. Dass hier eine geeignete Psychoanalyse helfen kann, solche Traumata zu verarbeiten, ist denkbar.
Aber selbst, wenn bestimmte Stoffe im Gehirn, wie das Serotonin, bzw. sein Mangel, zum Suizid führen können, bleiben Zuwendung oder Therapie doch wichtig?
Durch ein prägendes Ereignis oder durch Veranlagung kann der Spiegel bestimmter Botenstoffe (Neurotransmitter) im Gehirn vermindert sein. Wenn also ein durch den Körper erfahrenes Ereignis eine so einschneidende Veränderung im Gehirn verursachen kann, so ist es auch möglich, durch entsprechende Prozesse oder Methoden diesen Stoffwechseldefekt wieder zu korrigieren. Dazu gehören neben verschiedenen psychotherapeutischen Arbeiten ("Methoden") mit "Patienten" auch körperliche Anstrengungen (Joggen, Krafttraining, Velofahren usw.) oder "geistige Übungen" wie Meditation o.ä. Nicht zu vergessen ist die bewusste Pflege der Sexualität. So kann auch Masturbation ein "Mittel" sein, um im gestörten Chemismus des Gehirns "Entlastung" zu bringen. Bei den körperlichen Anstrengungen werden "Endorphine" frei gesetzt, so wie bei sexueller Betätigung andere Hormone im Hirn ausgeschüttet werden. Also: Zuwendung und Therapie sind und bleiben not-wendig.
Sie schreiben in Ihrem Buch: "Der Trieb, sich das Leben zu nehmen, ist in jedem Menschen mehr oder weniger stark (genetisch) angelegt..." Bedeutet das, wir sind alle gewissermaßen suizidgefährdet, wenn wir zusätzlich in die entsprechenden Situationen geraten? Wie viele Menschen nehmen sich jährlich das Leben, etwa in der Schweiz, in Deutschland, in Europa?
Es gibt wohl nur wenige Menschen, die nie in ihrem Leben (auch nur entfernt) die Idee erwogen haben "gegebenenfalls" Suizid zu begehen. Aber die KZ haben gezeigt, dass es schliesslich nur wenige waren, die trotz des mit höchster Wahrscheinlichkeit auf sie zukommenden Todes, es vorgezogen haben, sich das Leben zu nehmen, statt zu Tode gefoltert zu werden. Der Überlebenstrieb ist normalerweise unvergleichlich viel grösser als der Todestrieb. Gerade Folter und lebenslängliche Gefangenschaft zeigen, wie wahrscheinlich es ist, dass sich nur diejenigen das Leben nehmen, die diese Problemlösungsvariante in sich angelegt (bekommen) haben. In der Schweiz waren es 1997 (letzte offizielle Zahlen des Bundesamtes für Statistik) 1'341 Menschen, die sich getötet haben. In Deutschland sind es meines Wissens pro Jahr etwa 13.000. Wieviele es in Europa sind, weiss ich nicht. Es wird allerdings davon ausgegangen, dass es weltweit rund eine Million Menschen sind, die pro Jahr durch Suizid sterben. Mit 1.300 bis 1.500 Suizidanten pro Jahr sind es immerhin zwischen drei und fünf Menschen, die in der Schweiz Tag für Tag aus dem Leben scheiden. Deutschland und die Schweiz sind in Europa jedoch die einzigen Länder, die seit etwa zehn Jahren eine sinkende Suizidrate aufweisen.
Wie sind Ihre heutigen Erfahrungen: werden trauernde Menschen, und erst recht solche, die um einen durch Suizid Verstorbenen trauern, immer noch ausgegrenzt? Oder beginnt sich das Verhalten der Gesellschaft zu ändern?
Das ist regional sehr verschieden. Vor allem in abgelegenen katholisch geprägten Gemeinden wird zum Teil bis heute noch der Suizid als Unfall ausgegeben, um als Hinterbliebene nicht stigmatisiert zu werden. Die Hinterbliebenenorganisationen haben aber wesentlich dazu beigetragen, dass eine Entstigmatisierung dieser extremen Möglichkeit menschlichen Handelns im Gange ist.
Gibt es Ihrer Ansicht nach ein "Recht auf Selbstmord"? Wäre der Drang zum Suizid also auch ein Ausdruck der menschlichen Freiheit, sozusagen der zu respektierende Willensakt eines Menschen - oder eben das Anzeichen eines nicht richtig funktionierenden Gehirns, dessen Fehlfunktion in jedem Fall medikamentös zu beheben wäre?
Wo ein Recht ist, ist auch eine Pflicht. Von daher ist (wenn überhaupt) diese Frage nur nach gründlicher philosophischer Diskussion beantwortbar. Ich persönlich kann es jedoch keinem Mitmenschen verwehren, sich das Leben zu nehmen, wenn er zur Überzeugung gelangt ist, dass das die "richtige Lösung" oder der "einzige Weg" für ihn ist. Jemanden unbedingt vom Suizid abhalten zu wollen kommt meiner Ansicht nach einer unmenschlichen Anmassung gleich. Kein Mensch kann einen anderen Menschen Tag und Nacht, auf dem WC und im Bett, so "betreuen", dass er nicht die Möglichkeit hat, sich das Leben zu nehmen. Ich bin froh, dass dem so ist. Und die- oder derjenige, der so etwas durchsetzen möchte, ist an Allmachtsphantasie erkrankt. So wenig wie jemand gezwungen werden kann, nicht mehr zu rauchen oder seine Herz- oder Diabetestabletten einzunehmen, so wenig kann auch ein suizidaler Mensch gezwungen werden z.B. Antidepressiva einzunehmen.
In der Schweiz ist es unheilbar kranken, schwer leidenden Patienten erlaubt, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen - und vor allem ist es anderen erlaubt, diese Sterbehilfe zu gewähren. In Deutschland werden solche Personen nach wie vor kriminalisiert. Wie stehen Sie zu dieser Praxis in ihrem Land?
In der Schweiz gilt die Beihilfe zum Suizid nur dann als verboten und als kriminelle Handlung, wenn sie aus selbstsüchtigen Beweggründen ausgeführt wurde (Art. 115 StGB). Diese Beihilfe ist also keineswegs nur auf "unheilbar Kranke" oder "schwer leidende Patienten" beschränkt. Ich persönlich finde es weniger traumatisierend für die Zurückbleibenden, wenn sich ein Mensch ein Mittel bringen lässt, das er dann im Beisein eines anderen zu sich nimmt, um aus dem Leben zu scheiden. Auf diese Weise ist es sogar möglich, im Beisein der Nächsten zu sterben, nachdem einander vergeben und voneinander Abschied genommen werden konnte. Mit dem quasi "Verbot" des Suizides in praktisch allen Ländern wurden die rund eine Million Menschen, die pro Jahr durch Suizid sterben, gewissermassen dazu "verurteilt" oder "gezwungen", eine gewaltsame Sterbeart zu wählen: Erhängen, Erschiessen, Ertrinken, Sturz aus grosser Höhe, Schienen- oder Strassenverkehrs- Suizid oder Einnahme eines Giftes, das grosses Leiden vor dem Eintritt des Todes mit sich bringt.
Trauernde, oder depressive, an Suizid denkende Menschen können sich auch im Internet an Sie wenden? Was halten Sie in diesem Zusammenhang von den neuen Medien?
Es ist meiner Ansicht nach eine wunderbare Möglichkeit, sich anonym einem anderen Menschen anvertrauen zu können. Wenn sie oder er dann das Gefühl hat, nicht an die "richtige Adresse" gekommen zu sein, dann kann sie oder er einfach den Kontakt abbrechen. Kommt aber ein echter "Dialog" per mail zustande, kann das "Wunder wirken". Ich empfehle Ihnen dazu die Lektüre eines Beitrages, den ich 1999 auf der ECIC VI in Budapest hielt. Klicken Sie sich unter http://www.ecic.org durch.
Wie sehen Sie die Chancen für suizidgefährdete Menschen heute: kann und darf man ihnen Hoffnung machen, dass sich ihre Leiden durch bessere Behandlungsmethoden so lindern lassen, dass der Gedanke an Suizid nicht mehr Besitz von ihnen ergreift?
Ich bin ganz der Meinung, das man/frau heute solchen Menschen Hoffnung machen kann und darf, "dass sich ihre Leiden durch bessere Behandlungsmethoden so lindern lassen, dass der Gedanke an Suizid nicht mehr Besitz von ihnen ergreift."
Wie sollten Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen/Innen mit Trauernden oder psychisch unter Druck Stehenden umgehen?
Meine Ratschläge hierzu finden Sie im Anhang 4.
Was wünschen Sie sich für Ihre Arbeit?
Dass mir Seelsorger und Seelsorgerinnen zur Seite gestellt werden, die sich in meine Arbeit einarbeiten und mich dann ablösen können.
Wird es nicht endlich Zeit, dass wir, die Gesellschaft, angesichts der oben genannten Zahlen, das Problem des Suizids in seiner Ganzheit wahrnehmen, statt immer nur den einzelnen Fall in seiner Unerklärlichkeit, oder eben als Ausdruck eines individuellen Leidens zu sehen?
Dem ist unbedingt beizupflichten. Vor allem sollten die Regierungen die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, damit sowohl eine wirksame Suizidverhütung erarbeitet werden kann als auch Hinterbliebenen so beigestanden werden kann, dass es nicht zu posttraumatischen Belastungsstörungen kommt.
Was liegt Ihnen für Ihre Arbeit besonders am Herzen, was würden Sie sich wünschen?
Es muss unbedingt darauf hin gearbeitet werden, dass das Unwort "Selbstmord" aus dem Sprachgebrauch verschwindet. (Siehe Anhang 3).
Für Rat- oder Hilfesuchende: Die e-mail-Adresse von Ebo Aebischer-Crettol lautet monebo@bluewin.ch
Anhang 1: zur Biografie
Einleitung zu Seelsorge und Suizid"
Weil dein
Handeln
weit reichen soll,
muß es aus einem Herzen
aufsteigen
das gelitten hat.
Teilhard de Chardin
Ich wurde verschiedentlich gefragt, wie ich auf das vorliegende Thema gekommen sei. Bei der Frage schwang nicht selten ein gewisses Befremden mit, sich einer solchen Thematik zuzuwenden. Eine Antwort darauf mag vielleicht darin bestehen, dass ich in meiner Jugend und nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben mit schmerzlichen Verlusterlebnissen konfrontiert wurde, die ich selbst zu verarbeiten suchte. Ein kurzer Abriss meiner Biographie möge das erläutern:
Ich wurde 1936 in Sachsen in Ostdeutschland geboren. Hier wuchs ich in einer kaum praktizierenden lutherischen Familie auf, wo ich vor dem Zweiten Weltkrieg und bis fast zu dessen Ende eine glückliche Kindheit verbrachte.
Kurz vor Kriegsende kam meine älteste Schwester bei einem Bombenangriff auf Leipzig, wo sie im Krankenhaus lag, ums Leben. Von ihrem Tod erfuhren wir erst einige Zeit nach Kriegsende. Es gab keine Beerdigung, kein Grab.
Nach dem Ende des Krieges wurde mein Vater wegen Spionageverdacht verhaftet und kam ins Konzentrationslager Buchenwald und von hier in ein Arbeitslager nach Karaganda in Sibirien. Jahrelang waren wir im Ungewissen darüber, ob er noch lebte. Nach seiner Entlassung floh unsere Familie 1951 zurück in die Schweiz. (Der Grossvater meines Vaters war im letzten Jahrhundert mit seiner Familie wegen grosser wirtschaftlicher Not von Guggisberg nach Sachsen ausgewandert.) Hier konnten wir ein neues Zuhause aufbauen. Ich studierte Chemie, arbeitete an verschiedenen Instituten in Bern und dann in Afrika. Im damaligen Belgisch Kongo (zwischenzeitlich Zaïre und heute wieder Kongo) lernte ich meine aus dem Wallis und einer streng römisch-katholischen Familie stammende spätere Gemahlin (wir heirateten im Kongo) Monique Crettol kennen. Auf unserem Rückweg in die Heimat durchreisten wir während zehn Monaten einen guten Teil Afrikas, begaben uns von hier nach Indien, von wo wir nach dreimonatiger Rundreise auf dem Landweg in die Schweiz zurückkehrten. Die Reise durch Indien brachte uns in enge Berührung mit dem Hinduismus, der uns in verschiedener Hinsicht faszinierte und uns auch Fragen an unseren christlichen Glauben stellen liess. Nicht unwesentlich trug dazu die Lektüre eines kleines Taschenbuchs (Ross, Floyd H. und Hills, Tynette: The Great Religions by Which Men Live, a Premier Book, Fawcett Publications, Inc., Greenwich, Conn., 1965) bei.
Uns faszinierte vor allem die Idee, in einer bewusst gewählten letzten Lebensphase alle irdischen Bindungen abzubrechen, sich dem Studium der Heiligen Schriften zu widmen und auf den Tod vorzubereiten. Wir nahmen uns vor, falls wir es "einmal" irgendwie einrichten könnten, dies "später" auch zu tun zu versuchen.
Nach unserer Rückkehr in die Schweiz widmeten wir uns der Familiengründung und dem Aufbau und Betrieb eines klinisch-diagnostischen Laboratoriums.
Nach Jahren kräfteverzehrender Arbeit ergab sich eines Tages die Gelegenheit, unseren unterdessen zu einem erfolgreichen Unternehmen herangewachsenen Dientsleistungsbetrieb zu verkaufen. Unmittelbar danach begannen meine Gemahlin und ich mit dem Theologiestudium. Das "später", das wir uns auf unserer Indienreise vorgenommen hatten, konnte in Angriff genommen werden. - Bis zum endgültigen freiwilligen Loslassen aller irdischen Bindungen ist es allerdings noch ein langer Weg.
Ungefähr einen Monat nachdem wir das Labor verlassen hatten, nahm sich eine unserer langjährigen Laborantinnen das Leben durch einen Sprung von einer Brücke in den Rhein. Ein halbes Jahr später erhängte sich eine weitere Laborantin, nachdem sie mich kurz zuvor nochmals angerufen hatte.
Diese beiden Suizide haben mich nachhaltig geprägt. Stark beschäftigte mich auch die Tatsache, dass ich es nicht fertig gebracht hatte, die schwer geprüften Eltern der so aus dem Leben geschiedenen Kinder nach der Beisetzung nochmals zu besuchen. Die Angehörigen dieser beiden ehemaligen Mitarbeiterinnen waren deshalb auch die ersten Mitmenschen, die ich zu Beginn dieser Arbeit besuchte und um Vergebung für diese Unterlassung bat.
Als Monique und ich nach Abschluss unserer Theologiestudien uns entschlossen eine Dissertation zu schreiben, war mir sofort klar, welchem Problemkreis ich mich zuwenden wollte. Während der Dissertation absolvierte ich mein Vikariat in einer reformierten Berner Landgemeinde und wurde in der Folge zum Pfarrer ordiniert. Dieser Status erleichtert mir den Zugang zu Trauerfamilien wesentlich. Die Tatsache, dass ich auch ein volles Theologiestudium an der Universität Fribourg absolviert habe, erleichtert mir zudem den Umgang mit katholischen Hinterbliebenen.
Suizide gab und gibt es in allen Gesellschaften und Kulturen. Aus naheliegenden Gründen gehe ich in der vorliegenden Arbeit speziell auf die Situation in unserem Land ein, das in überwiegender Weise vom (heute allerdings weitgehend säkularisierten) Christentum geprägt ist. Deshalb waren es vor allem biblische und christliche Problematiken, die in den mehr theoretischen und hier nicht vollständig wiedergegebenen Kapiteln abgehandelt wurden. Es darf allerdings nie aus den Augen verloren werden, dass es das Christentum nicht gibt. Massgebend für meine theologischen Überlegungen war deshalb die Bibel als Urkunde des Glaubens aller christlichen Konfessionen.
Meine Untersuchungen sind auf die schweizerische Landeskirche ausgerichtet, zu der die "römisch-katholische", die "evangelisch-reformierte" und die "christkatholische" Kirche gehören. Die Beurteilung des Suizids hängt sehr stark von der konfessionellen Zugehörigkeit der Menschen ab. Auf christliche Sondergemeinschaften einzugehen war nicht möglich. Auch auf andere Weltreligionen und deren entsprechende Glaubens-Urkunden konnte nicht eingegangen werden. Ich vermute jedoch, dass eine diesbezügliche Aufarbeitung in den jeweiligen Religionen den Gläubigen ebenfalls einen besseren Umgang mit Suiziden ermöglichen könnte.
Ich bin mir bewusst, dass der christliche Rahmen dieser Arbeit es Nichtchristen mitunter unmöglich machen dürfte, meinen Ausführungen zu folgen. Ich habe aber stets versucht - und ich möchte das gleich eingangs betonen - nicht die "Christgläubigen" als paradigmatisch zu betrachten. Leiden widerfährt allen Menschen, religiösen und atheistischen, "guten" und "bösen". Für diejenigen denen die christliche Tradition eine Heilssicht wegen eines Suizides zu verwehren scheint, habe ich mich aber besonders bemüht, die Urkunde unseres Glaubens - die hebräische Bibel und das Neue Testament - als eine fortlaufende erlösende Frohbotschaft darzustellen.
Es ging mir auch nicht darum, das Phänomen Suizid "verstehen" zu wollen, sondern vielmehr darum, zu versuchen, das Leiden das in der Folge eines Suizids über die Zurückbleibenden hereinbricht, zu mildern. Den einzelnen Suizid zu "verstehen" hiesse, das Geheimnis des verstorbenen Menschen in gewisser Hinsicht zu vergewaltigen. "Leiden mildern" bedeutet für mich dagegen mit den Leidenden ein Stück Weges zu gehen und mit ihnen Sichtweisen zu erarbeiten zu versuchen, die das Leben wieder lebenswert machen.
Bei der vorliegenden Arbeit ging es mir um die Einsicht in mein persönliches Versagen im Beistand von schwer geprüften Menschen und um die Untersuchung der Schuldfragen, die sich unweigerlich im Zusammenhang mit Suiziden in den Vordergrund drängen. Eine weitere Frage war die nach der Verarbeitung von Verlusterlebnissen im allgemeinen und den Verlust infolge von Suiziden im speziellen.
Die einzelnen Problemstellungen denen ich in dieser Arbeit nachgehe kommen aus den Gesprächen, die ich mit Hinterbliebenen und anderen Personen, die mit den Suizidenten oder deren Angehörigen in Berührung kamen, führte. Es handelt sich um praktische und zum Teil existentielle Fragen, mit denen die Betroffenen mitunter über Jahrzehnte kämpften und zum Teil immer noch kämpfen.
Nachdem ich durch ein Leiterehepaar, das zehn Jahre zuvor ihren Sohn durch einen Eisenbahnsuizid verloren hatte, in eine Selbsthilfegruppe eingeführt worden war, schrieb ich diesen Eltern in meinem Dankesbrief:
Ich spürte sehr deutlich, dass es - wenn überhaupt - praktisch nur Betroffenen möglich ist, Zugang zu anderen Betroffenen zu finden. Es scheint mir, dass nur das Mitteilen der eigenen Leidenserfahrung den Panzer aus Wut, Verzweiflung, Scham und Sprachlosigkeit zu durchbrechen vermag. Als Nichtbetroffener lebe ich - wie wohl alle Nichtbetroffenen - ohne grosse Gedanken in den Tag hinein. Dass alle unsere Kinder (noch!) leben, scheint selbstverständlich zu sein. Schicksale der geschilderten Art "passieren (offenbar) nur anderen". Je mehr ich aber in Kontakt mit Menschen wie Euch komme, um so mehr merke ich, wie zerbrechlich solch vermeintliches Unversehrtsein, solches "Glück", ist. Damit wächst in mir aber auch die Angst, dass das über jedem Schicksal hängende Damoklesschwert unversehens auch über uns herniederschmettern könnte. Ich erlebe jeden Abschied bewusster, beklemmender. Ich habe Angst, dass meine Meinungen andere Mitmenschen verärgern, ja verunsichern könnten, sodass sie in ihrem Selbstwertgefühl weiter erschüttert werden und so weiter auf sich selbst zurückgeworfen und ihrer inneren Not und Verzweiflung ausgesetzt sind. Es ist so schwer, einander wirklich zu verstehen. Es ist so schwer, genau hinzuhören, die andere oder den anderen ganz wahrzunehmen. Um dieses ganz und gar Wahrnehmen geht es mir.
Die Schlüsselfragen, die ich bei meinen Besuchen bei Hinterbliebenen in die nicht strukturierten Interviews einflocht, waren die folgenden:
- Was hat Ihnen am meisten geholfen? Und:
- Was hat Sie am meisten verletzt?
Anhang 2
Pilgerwanderung nach Betlehem vom 1. Juli 1996 bis 24. Dezember 1996
Der Weg ist das Ziel" haben wir uns damals gesagt, als Monique und ich mit unseren drei Töchtern 1983 den Weg nach Santiago de Compostela unter die Füsse nahmen.
Als wir uns nun 1996 auf den Weg ins Heilige Land machten, war die Krippe Jesu das Ziel, an der wir Lasten ablegen wollten, die wir seit mehreren Jahren bei der Begleitung von Trauernden auf unsere Schultern geladen hatten. Diese Trauernden waren vornehmlich Mütter und Väter, die einen Sohn oder eine Tochter, ja mitunter mehrere Kinder durch Suizid verloren hatten. Wir hatten sie oft von der ersten Stunde an begleitet. Sie waren uns zu Freunden geworden. Mit jedem Jahr wurden es aber mehr Mitmenschen, die sich in ihrer Not an uns wandten. So war es nur eine Frage der Zeit, bis wir Neubetroffenen hätten sagen müssen, dass wir sie nicht auch" noch begleiten könnten. Oder aber wir hätten den uns durch viel gemeinsam verarbeiteten Schmerz ans Herz gewachsenen Freunden erklären müssen, wir könnten uns jetzt ihrer nicht mehr annehmen, um uns vermehrt den Neubetroffenen zu widmen. In diesem Dilemma entschlossen wir uns, in einem symbolischen Akt des Abschieds uns von unseren Freunden zu trennen und all ihre Anliegen und Gebete an Weihnachten in Betlehem zu deponieren.
Am 24. Juni 1996 versammelten wir unsere Gemeinde" in der Krypta der Dreifaltigkeitskirche in Bern. Zu diesem Abschiedsgottesdienst hatten die Hinterbliebenen schriftliche Andenken von ihren verstorbenen Kindern oder Gebetsanliegen für sie mitgebracht. In feierlicher Form verbrannten wir diese Papiere auf dem Altar und sagten dabei jedes Mal: Wir bringen vor Gott die Anliegen von X und Y und beten für Z". Während dieser Zeremonie entzündeten die genannten Eltern eine Kerze, die sie bei der Kommunion ausbliesen und ebenfalls auf dem Altar ablegten. Aus der Asche der verbrannten Dokumente und den Kerzenresten formten wir eine neue Kerze. Wir versprachen, diese Kerze in unserem Rucksack mitzutragen und dann an Heiligabend in der Geburtskirche in Betlehem zu entzünden. Wir hatten den Zurückbleibenden aber nicht nur zugesagt, dass wir an der Krippe Jesu, sondern auch jeden Abend um 20h an sie denken und für sie beten würden, und wir luden sie ein, wenn möglich zur gleichen Zeit für uns zu beten. Wir haben uns von diesen Gebeten getragen gefühlt, wurden wir doch auf der langen und oft beschwerlichen Reise weder krank noch Opfer von Gewalt. Unser Gepäck wurde bis an die Grenze Israels nicht ein einziges Mal kontrolliert, so dass die durch die Asche grau gefärbte Kerze nie Gegenstand von Argwohn werden konnte. Hier, am Ziel unserer Pilgerreise, beteten wir laut für all die Menschen, die sich uns anvertraut hatten. Es war ein ergreifender Moment am Morgen jenes 24. Dezember 1996. Wir waren dankbar, unser Versprechen einlösen zu können. Das war nicht zuletzt dadurch möglich, dass uns viele Menschen in Gedanken auf dieser Wanderung begleitet hatten.
Nach unserer Rückkehr haben wir wieder einen Gottesdienst gefeiert. In Form einer dialogischen Predigt haben Monique und ich die Emmaus-Jünger dargestellt. Nach der Eucharistiefeier überreichten wir den Anwesenden eine farbige Kerze, an der ein kleiner Beutel mit Myrrhe und Weihrauch angebracht war. In dunklen Stunden sollte diese Kerze Licht und Wärme spenden und der Duft aus dem Orient an jene gnadenreiche Zeit erinnern, die wir in inniger geistiger Verbundenheit miteinander verbracht hatten.
Verschiedene Hinterbliebene sagten uns nach unserer Rückkehr, dass Weihnachten 1996 das erste Weihnachten seit dem Tod der Tochter oder des Sohnes war, an dem sie wieder Weihnachten feiern konnten. Damit war das Ziel der Pilgerwanderung erreicht. Es war nicht der Weg, nicht ein Ort, sondern die Gnade, dass es wieder Licht werden durfte in den Herzen so vieler, wo lange Zeit tiefste Finsternis geherrscht hatte.
Reiseroute: Italien Slowenien Kroatien Bosnien Serbien Albanien Griechenland Türkei Syrien Jordanien Israel
Adressen der Selbsthilfeorganisationen, an die sich Hinterbliebene nach einem Suizid wenden können:
Regenbogen Schweiz / Arc-en-ciel suisse regenbogen@solnet.ch Präsidentin: Ursula Beer, Glärnischstrasse 11, 8632 Tann ZH, Tel 055 240 44 66
Selbsthilfegruppe Regenbogen Suizid für hinterbliebene Eltern und Geschwister, Gruppe Zürich: Ursula Brack, Speetalackerstr. 1, 5244 Birrhard, Tel 056 225 10 22
Selbsthilfegruppe Regenbogen Suizid für hinterbliebene Eltern und Geschwister, Gruppe Bern: Werner und Hanni Stämpfli, Schwanden, 3054 Schüpfen, Tel 031 879 07 10
Selbsthilfegruppe Lichtblick (Hinterbliebene Eltern, Kinder, Geschwister, Partner): Margitta Bürgin, Fabrikweg 43, 4460 Gelterkinden, Tel 061 981 36 67
Verein Refugium, Partnerverlust durch Suizid, Präsidentin: Minna Anderegg, Sternenstr. 4, 3380 Wangen a. A., Tel 032 631 15 39
Selbsthilfegruppen Refugium (Partnerverlust durch Suizid): Ebo Aebischer, Waldriedstr. 23, 3074 Muri b. Bern, monebo@bluewin.ch Tel 031 951 50 07
Literatur:
Ebo Aebischer-Crettol: Aus zwei Booten wird ein Floß; Suizid und Todessehnsucht: Erklärungsmodelle, Prävention und Begleitung, Haffmans Sachbuch-Verlag, Zürich 2000
Monika Fischer: Todesfall; Ein Ratgeber für Hinterbliebene, Haupt, Bern 2001
Selbstmord"
Auf Grund meiner langjährigen Erfahrung in der Begleitung von Hinterbliebenen, die einen Nächsten durch Suizid verloren, komme ich nicht umhin, gegen die Verwendung des diskriminierenden und falschen Begriffs Selbstmord" in der Presse, im Radio oder im Fernsehen anzukämpfen. Ich muss Ihnen nicht darlegen, wie selten es sich bei einem Suizid um einen wirklichen "Freitod" handelt. Auch gehen Sie bestimmt mit mir einig, dass mit Mord eigentlich das hinterlistige Töten eines anderen Menschen aus niederen Motiven zum eigenen Nutzen im Hier und Jetzt gemeint ist. Es mag aus psychologischer Sicht zutreffen, dass die Aggressionsumkehr als ein "Mord" des "anderen in einem selbst" betrachtet werden kann. Aber wenn ein Suizid in einer Familie passiert, dann sind psychologisierende "Erklärungsmuster" nicht gefragt. Es trifft in der Regel vielmehr zu, dass sich die Hinterbliebenen persönlich schwer verletzt fühlen, wenn sie irgendwo hinter vorgehaltener Hand erfahren müssen, dass sie die Angehörigen jenes "Selbstmörders" seien. Stellen Sie sich nur einen Moment vor sie hätten ein Kind durch Suizid verloren und bekämen mit, dass Sie als Mutter oder Vater dieses "Selbstmörders" bezeichnet würden...
Aus diesem Grunde bitte ich Sie aufrichtig, inskünftig wenn immer möglich nur noch von "Suizid" oder "Selbsttötung" zu reden oder zu schreiben, wenn Sie sich an eine breitere Öffentlichkeit wenden. Es liegt an uns "Spezialisten", ob sich der Sprachgebrauch ändert. So waren es Bürgerrechtsbewegungen, die nach und nach durchzusetzen vermochten, dass wir nicht mehr von "Negern" reden. Es ist in ähnlicher Weise, wie dies hinsichtlich unserer schwarzen Mitmenschen verwirklicht wurde, möglich, in Zukunft zu einer nicht diskriminierenden Sprache in Sachen selbst gewähltem Tod zu finden."
Was man bei der Begegnung mit Trauernden tun...
Zeige Deine aufrichtige Betroffenheit und Anteilnahme.
Lasse die Trauernden Dir gegenüber so viel Trauer ausdrücken, wie sie gerade empfinden und auch bereit sind, mit Dir zu teilen.
Sei bereit zuzuhören, Besorgungen zu machen, nach den Kindern zu schauen oder was sonst vonnöten wäre.
Sage den Hinterbliebenen, dass Dir das, was ihnen zugestossen ist, leid tut.
Ermuntere die Trauernden, Geduld mit sich selber zu haben, nicht zu viel von sich zu erwarten und sich nicht zu viele Du-solltest-eigentlich" aufzuerlegen.
Lasse die Trauernden sooft sie wollen und soviel sie wollen von dem oder der Verstorbenen erzählen.
Schenke den Kindern des verstorbenen Elternteils Deine volle Aufmerksamkeit - bei der Beerdigung und auch in den Monaten danach. Auch sie sind verletzt worden, sie sind verwirrt und brauchen die Aufmerksamkeit, die ihnen ihr verbleibender Elternteil vielleicht nicht geben kann.
Versichere den Hinterbliebenen, dass sie alles getan haben, was sie tun konnten, d.h. dass die medizinische Behandlung, die die oder der Verstorbene bekam, die beste war.
Lasse Dich durch Deine eigene Hilflosigkeit nicht davon abhalten, mit den
Hinterbliebenen Kontakt aufzunehmen, sie zu besuchen, sie einzuladen.
Meide sie nicht, weil Dir ein Zusammensein mit ihnen peinlich ist. Von Freunden gemieden zu werden, fügt einer unerträglichen schmerzlichen Erfahrung noch weiteren Schmerz hinzu.
und was man lassen soll:
Sage nie, Du wüsstest, wie sie sich fühlten. Wenn Du nicht selbst eine nahestehende Bezugsperson (Elternteil, Partner, Kind) verloren hast, weisst Du sehr wahrscheinlich nicht, wie sie sich fühlen.
Sage nicht Jetzt müsste es Dir (Ihnen) doch besser gehen" oder etwas Ähnliches. Das käme einem Urteil über ihre Gefühle gleich.
Wechsle nicht das Thema, wenn die Hinterbliebenen die oder den Verstorbenen erwähnen.
Vermeide nicht, den Namen des Verstorbenen zu erwähnen aus Furcht, an den Schmerz zu erinnern (sie haben ihn nicht vergessen).
Versuche nicht, falschen Trost zu spenden in Form von Positivem" das durch den Tod des oder der Verstorbenen entstanden sei (z.B. Man weiss nie, was ihm (bzw. ihr) erspart geblieben ist" oder Jetzt haben Sie bestimmt eine engere Beziehung in der Familie").
Betone nicht, es seien ja noch andere wesentliche Bezugspersonen (z.B. Kinder) da. Menschen sind nicht austauschbar, sie können einander nicht ersetzen.
Sage Eltern, die ein Kind verloren, nicht, sie könnten ja nochmals ein Kind bekommen. Selbst wenn sie dies wollten oder könnten, würde ein weiteres Kind das verstorbene nicht ersetzen.
Sage nicht, die Eltern sollten für die andern Kinder dankbar sein. Die Trauer über den Verlust eines Kindes mindert die Liebe und Anerkennung für die überlebenden Kinder nicht.
Gebe keine Kommentare ab, die in irgendeiner Weise den Schluss zulassen, dass die Behandlung des Verstorbenen zu Hause, in der Nothilfe, im Krankenhaus oder wo auch immer nicht richtig war. Auch ohne Zutun von anderen werden die Hinterbliebenen von fürchterlichen Zweifeln und Schuldgefühlen heimgesucht.
Sage nie Das Leben geht weiter". Gerade dies scheint so sinnlos und ist schwer zu akzeptieren.
Zusammenfassung:
Sei ein aufrichtiger, geduldiger, echter Freund. Trauernde sind in tiefer Not und auf grosses Verständnis angewiesen, sonst schaffen sie es nicht, mit dem Schicksalsschlag fertig zu werden.