Marburger Forum    Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 2 (2001), Heft 4


Ebo Aebischer-Crettol: Aus zwei Booten wird ein Floß. Suizid und Todessehnsucht: Erklärungsmodelle, Prävention und Begleitung. Haffmanns Sachbuch Verlag, Zürich, 2000, 368 Seiten, ISBN 3 251 40014 2, DM 36,-

Aebischer-Crettol ist Pfarrer in der Schweiz und arbeitet seit Jahren in der Betreuung Suizidgefährdeter und Hinterbliebener. Das Buch ist also aus der Praxis entstanden und verfolgt auch einen praktischen Zweck: es "richtet sich in erster Linie an Menschen, die selbst vor einem Dilemma stehen und sich fragen, wie es weitergehen soll; an Menschen, die sich fragen, ob sie weiterkämpfen sollen, die sich vielleicht auch fragen, was sie dazu treibt, den eigenen Tod gegebenenfalls selbst herbeizuführen. (...) Es zielt aber ebenso auf diejenigen, die erleiden mussten, dass ein Kind, ein Partner oder ein Elternteil "freiwillig" aus dem Leben schied. (...) Nicht zuletzt wendet sich dieses Buch an Seelsorgerinnen und Seelsorger, an Angehörige der "Psy"-Berufe, an Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. (...) Aber es will (und kann) nicht den Anspruch eines wissenschaftlichen Werkes erheben" (S. 7).

Der Autor hat mithin von vornherein nicht die Absicht, den vielen Theorien über den Suizid eine weitere, eigene hinzuzufügen. Stattdessen findet sich zu Beginn des Buches eine ausführliche Darstellung der Bibelstellen, die von Selbsttötungen sprechen. Aebischer-Crettol weist nach, dass die von den Kirchen vorgenommene Verurteilung des "Selbstmörders", die über die Jahrhunderte hinweg so viel Leid verursachte, keinen Anhalt in der Bibel selbst hatte. Sein Anliegen ist eine vollständige Entculpabilisierung, weil nur sie den Weg dazu frei macht, die Nöte des Menschen, die zu einer solchen Tat führen, annähernd zu verstehen.

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Die einzelnen nun folgenden Kapitel beschäftigen sich u.a. mit "Ursachensuche und Erklärungsmodelle(n)", den Folgen einer solchen Tat etwa "für zurückbleibende Geschwister", und in sehr eindringlicher Weise mit den Möglichkeiten psychischer Hilfeleistungen nach einem fehlgeschlagenen Suizid; die Abschiedsbriefe von Suizidenten werden nach den in ihnen angegebenen Gründen befragt, ein langes Kapitel versucht, "der (blut-) roten Spur" in der griechischen Tragödie nachzuforschen, und der letzte Teil des Buches widmet sich ausführlich der Trauerarbeit von und mit Hinterbliebenen, sowie schließlich der Suizidprävention und der "Hinführung zu einem neurobiochemischen Verständnis suizidalen Geschehens". Zwischen den einzelnen Darstellungen finden sich immer wieder biografische Skizzen, die den Leser mit den Lebensschicksalen einzelner Menschen oder ganzer Familien konfrontieren. Mir scheint, hier liege das eigentliche Zentrum des Buchs. Die Abfolge der Untersuchungen leuchtet vielleicht nicht immer ein: aber das persönlich-existenzielle Leid, die Schwere des zu Durchlebenden, die für so viele die Vorstellung, Schluss mit alldem zu machen, zur letzten Hoffnung werden lässt, sind immer präsent.

Weil dem so ist, spürt man bei der Lektüre das tiefe Engagement des Autors. Aebischer-Crettol akzeptiert die neueren Forschungsergebnisse zum Stoffwechsel des Gehirns, hält also eine genetische Disposition zu im weiteren Sinn suizidalen Verhalten für wahrscheinlich - aber er weist (s. das Gespräch, das ich mit ihm geführt habe) gleichermaßen darauf hin, dass etwa traumatische Erlebnisse von Gewalt und sexuellem Missbrauch in der Kindheit höchstwahrscheinlich ebenfalls ihre hirnphysiologische Spur in den Betroffenen hinterlassen. So oder so entstünde in den Menschen ein auch ihnen rätselhafter Hang zur Selbstzerstörung:

"Dass es unmöglich ist, den Grund, warum sich eine bestimmte Person in einer bestimmten Situation das Leben nimmt, zu benennen, wird durch Zeugnisse hinreichend belegt" (S. 70).

"Er [ein Jugendlicher] hatte ein " Nächtebuch" geschrieben, dem er seinen "grauenhaft[en] Drang, sich selbst Gewalt anzutun" anvertraut hatte" (S. 71).

"Die Tat wird als "Kurzschluss" oder "Raptus", als eine plötzliche Besessenheit von einer merkwürdigen Idee, hingestellt. Dass die Idee nicht nur merkwürdig, sondern "ver-rückt" war, bestätigen Menschen, die zum Beispiel unvermittelt über eine Brücke sprangen und fast unverletzt davonkamen. Sie können sich in einem solchen Fall ihre Tat nicht erklären und fragen sich in der Folge nicht nur, warum sie es taten, sondern auch warum sie überlebten" (S. 72).

"Eine nach einem Suizidversuch in letzter Minute gerettete Jugendliche gab der Zwanghaftigkeit des Todestriebes mit den Worten Ausdruck, dass sie nichts an der Tat hätte hindern können - auch nicht der Gedanke an den Schmerz der Angehörigen. Man sei in diesem Moment zu weit weg von ihnen und könne sie weder rufen, noch sich selbst zur Vernunft bewegen.

Eine 47-jährige Frau, die ihren Suizidversuch überlebt hat, sagte: "Ich bin wie neben mir gestanden und habe mir zugesehen, wie ich es machte." Sie sagte weiter, dass sie das ganze Geschehen als "völlig unberechenbar, explosionsartig" erlebt habe" (S. 74).

Weil die Beispiele solcher und anderer Handlungen und Geschicke in diesem Buch an erster Stelle stehen, werden ihre Unheimlichkeit und das Abgründige durch den Verweis auf die Stoffwechselvorgänge im Gehirn keineswegs gemildert. Aebischer-Crettols Engagement, sein Wille zu helfen, drückt sich auch darin aus, dass die Zeugnisse der Suizidenten - Tagebuchaufzeichnungen, Briefe oder Beiträge zu Newsgroups im Internet - niemals zu einer bloßen Beschreibung von Fällen degradiert werden, sondern in ihrer Konkretheit und Individualität für sich sprechen. Was heißt es denn, dass durch das Fehlen von Botenstoffen im Gehirn, es sei ererbt oder erworben, eine Persönlichkeitsstruktur entsteht, in der die "Anlagen zu Spannungen, Erregungen, Angst, Enthemmungen, Kurzschlusshandlungen, Mangel an Widerstandsfähigkeit" (W. Morgenthaler, zit. S. 191), bei schließlich nur sekundär wichtigen Motiven, zu einer suizidalen Gefährdung führen?

Ist es nicht unheimlich genug, dass Gehirnprozesse solche zerstörerischen und selbstzerstörerischen Kräfte entwickeln können, die, wie Jamison meint (Wenn es dunkel wird. Zum Verständnis des Selbstmordes), auch die Bedingungen der menschlichen Kreativität sind? Was bedeutet das für den häufig genug fraglos verwendeten Begriff von Normalität? Etwa dies, dass die sich durch die menschliche Geschichte ziehende Spur von Gewalt - gegen andere oder gegen sich selbst - das furchtbare Ingredienz des Normalen ist, welches sich immerzu an vielen seiner Stellen zusammenzieht und ins Unkontrollierbare ausbricht? Dann hätte Schelling in gewisser Hinsicht Recht, wenn er von den Wahnsinnigen sagt: "Man kann streng genommen nicht sagen, dass der Wahnsinn bei ihnen entstehe; er tritt nur hervor, als etwas, das immer da ist (...) und das jetzt nur nicht niedergehalten und beherrscht ist von einer höheren Kraft" (Die Weltalter). Wenn wir etwas von den Menschen, die daran denken, ihr Leben zu beenden, lernen können, dann dass der Untergrund, auf dem wir alle stehen, keineswegs fest ist.

Angesichts dessen, was durch einen Suizid über diejenigen kommt, die dem Toten nahestanden: Schrecken, Angst und Trauer, aber natürlich auch Vorwürfe gegen sich selbst, wie vielleicht auch gegen den Verstorbenen, ist eine Betreuung der Hinterbliebenen von grundlegender Wichtigkeit. Im genannten Kapitel über "Trauerarbeit, die verschiedenen Formen und Etappen" beschreibt Aebischer-Crettol zunächst kritisch die heutige Situation: "Was früher die Gesellschaft als Ganze leistete, wird so im Zuge der zunehmenden Spezialisierungstendenz jeglicher menschlichen Handlung kommerzialisiert" (die Rede ist auch von den sogenannten "Trauerseminaren") (S. 239). Aber vielleicht vertieft die spezialisierte und kommerzialisierte Hinwendung die Einsamkeit der Trauernden, weil die solchermaßen scheinbar entlastete Gesellschaft gar nichts mehr von ihnen wissen möchte. Aebischer-Crettol fährt hingegen fort: "Ein kollektives Wissen ging verloren und wird mühsam, flickwerkartig wieder erarbeitet. Solange dieses in speziellen Kreisen in therapeutisches Handeln umgewandelte wiedergewonnene Wissen nicht wieder Allgemeingut wird, werden weiterhin ungezählte leidgeprüfte Mitmenschen durch die Maschen fallen" (ebda.).

Die nun folgende Darstellung der Reaktionen auf eine Selbsttötung, sowie der Trauerphasen, möchte also bewirken, den Menschen die zu groß gewordene Scheu vor dem Tod zu nehmen, um solchermaßen auch dazu beizutragen, die immer noch vorhandene Stigmatisierung des Suizidenten und seiner Umgebung aufzuheben. Aebischer-Crettol gliedert das Kapitel so: Der Schock - Vom Verleugnen - Von der Wut und vom Zorn - Vom Klagen ("Der Möglichkeit, der Klage Ausdruck zu geben, wohnt aber auch eine läuternde Wirkung inne", S. 248) - Von der Angst - Von Schuld, Schuldgefühlen und Schuldfantasien - Von der Hilflosigkeit - Vom Bestattungswesen - Von der Abdankung (Bestattung) - Vom Abschiednehmen - Von der Regression - Vom Weinen - Von der Integration des Geschehenen - Vom Beten - Vom Verlust und von der Beziehung zu Verstorbenen. Manches hier Gesagte klingt ein wenig allgemein, insgesamt jedoch gibt es für Betroffene eine Fülle von Hinweisen, wie sie sich mit der eingetretenen Katastrophe auseinandersetzen können. Wer heute trauert, neigt instinktiv dazu, sich in ein Schneckenhaus zurückzuziehen. Besonders im Fall eines Suizids stellt sich eine ungeheure Hilflosigkeit ein. Aebischer-Crettols Buch ist schon deswegen wichtig, weil es Wege aus dieser Hilflosigkeit zeigt. Am Schluss findet man Literaturhinweise, sowie eine von W. Dorrmann aufgestellte und von Aebischer-Crettol ergänzte Liste von Adressen, Anlaufstellen und Krisendiensten, an die sich Menschen, die an Suizid denken, wenden können.

Max Lorenzen

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