Marburger Forum    Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 2 (2001), Heft 4


"Die Weiße Rose" von Lillian Garrett-Groag

Hessisches Landestheater Marburg
Premiere: 26. August 2001

Zum Profil des Marburger Theaters gehören der politische Anspruch und ein Schwergewicht auf dem Kinder- und Jugendtheater. In der ersten Premiere der neuen Saison kommt beides zusammen. "Die Weiße Rose" der in Argentinien geborenen Autorin, Schauspielerin und Regisseurin Lillian Garrett-Groag, die heute in den Vereinigten Staaten lebt, läuft in Marburg unter dem Etikett "Jugendtheater", ist aber alles andere als ein reines Jugendstück, sondern vielmehr ein sehr ernsthafter und auch gelungener Versuch einer theatralischen Aufarbeitung des Geschicks der Geschwister Scholl und ihrer Mitstreiter in der kleinen Widerstandsgruppe, die sich 1942 in München um Professor Kurt Huber gebildet hatte.

Das Schicksal der "Weißen Rose" ist bekanntes Schulwissen: Vom Sommer 1942 an brachte sie mehrere Flugblätter in Umlauf. Beim Auslegen des sechsten Flugblattes im Lichthof der Münchener Universität werden Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 festgenommen, binnen weniger Tage auch die anderen Mitglieder der Gruppe. Nach nur vier Tagen verurteilt der Volksgerichtshof die Geschwister Scholl und Christoph Probst zum Tode, das Urteil wird noch am selben Tag durch die Guillotine vollstreckt; wenige Wochen später werden die zwei anderen Mitglieder der Gruppe, Alexander Schmorell und Wilhelm Graf sowie der spiritus rector Prof. Huber abgeurteilt und im Laufe des Jahres hingerichtet.

Die "Geschwister Scholl" und die "Weiße Rose" sind heute Namensgeber für Schulen, Straßen und Plätze, die Erinnerung an ihre verzweifelten Flugblattaktionen und ihre romantisch-verstiegenen Hoffnungen wird in Deutschland lebendig gehalten, so gut es eben geht. Neben den Männern des 20. Juli stehen die Münchener Studenten für das andere Deutschland, sind Symbolgestalten der Zivilcourage in dunkler Zeit, wenngleich ihre Motive und Hintergründe wohl immer – und heute besonders - etwas idealistisch und versponnen wirken.

Die Zeit, in der deutsche Theaterautoren sich der Zeit des Dritten Reiches annahmen, scheint vorbei zu sein. Wie der im vorigen Jahr herausgekommene Film über Dietrich Bonhoeffer im wesentlichen eine ausländische Produktion war, so kommt dieses Stück aus Amerika; 1991 ist es in San Diego uraufgeführt worden, erst vor noch nicht einem ganzen Jahr erlebte es seine deutschsprachige Erstaufführung am Jungen Theater in Bonn. So handelt es sich um eine Art von Re-Import, was den Stoff angeht, aber der fremde Blick der Autorin verbindet sich mit sehr genauer Recherche. Herausgekommen ist dabei ein sehenswertes, gut gemachtes Stück, das keineswegs nur dokumentarisches Theater bietet, sondern zur Auseinandersetzung mit dem herausfordert, was menschlichem Leben letzten Sinn zu geben vermag.

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Die Rahmenhandlung bilden die Verhöre der Mitglieder der Weißen Rose in den Tagen nach ihrer Verhaftung, unterbrochen von verschiedenen Rückblenden. Dieser Kunstgriff verleiht dem Stück innere Spannung. Die zahlreichen Einzelszenen sind abgesetzt durch (sehr gelungene) kurze Zwischenmusiken. 

Gunter Bahnmüller hat für die Marburger Inszenierung im alten Kinosaal des früheren Offizierskasinos (TaSCH I) eine ganz in Grau gehaltene, leicht nach hinten abgeschrägte Simultanbühne gebaut, deren Hintergrund einem Wandfries in Nazi-Manier nachempfunden ist. Zur Farbe des Bühnenbildes passend, sind alle Personen in verschiedene Grautöne gekleidet, wodurch ein schwarz-weißer Gesamteindruck entsteht, in dem schon die Haarspange Sophie Scholls (in Gestalt einer weißen Rose) einen Farbtupfer bedeutet.

Von Schwarz-Weiß-Malerei ist ansonsten aber nichts zu bemerken, vielmehr ist das nuancierte Spiel hervorzuheben. Und auch der Text von Garrett-Groag folgt sehr differenziert den historischen Befunden. Im Mittelpunkt des Stücks steht eigentlich die Figur des Robert Mohr, Kriminalobersekretär bei der Gestapo in München, der einige Jahre nach dem Krieg zu Protokoll gegeben hat, wie er wenigstens Sophie Scholl vor dem Tod zu retten versucht habe, indem er sie zu einer Distanzierung von der Gruppe und ihren Absichten überreden wollte. Jürgen Helmut Keuchel spielt diesen Robert Mohr als tragende Charakterrolle, als einen Menschen, der selbst auf der Suche ist, aber in seinem Trieb zu überleben niemals zum "anderen Deutschland" gehören wird, der von der ihm bei Sophie Scholl und der Weißen Rose begegnenden unbeugsamen Geradlinigkeit selbst erschüttert und zutiefst verunsichert ist. Sein Gegenüber in der Rolle der Sophie Scholl ist Erika Spalke, und auch sie hat einen großen Abend. Aber auch die anderen Darsteller (Bernhard Hackmann als Hans Scholl, Peter Meyer, Stefan Gille und Gabriel Spagna als weitere Mitglieder der Weißen Rose sowie Harald Schwamm als Gestapomann Anton Mahler) stehen nicht zurück, sondern zeigen – unter der Regie von Intendant Dennewitz - eine geschlossene gute Ensembleleistung. Die Inszenierung verzichtet auf alle Schnörkel und ironischen Brechungen. Daß trotzdem niemals hohles idealistisches Pathos durchschlägt, ist gewiß vor allem der Vorlage zu danken, aber wohl auch dem Regisseur und den Darstellern. Große Fragen werden nicht nur berührt, sondern - im wahrsten Sinne des Wortes - abgründig aufgerissen: die nach dem Menschsein und seiner Verantwortung, nach dem Unbedingten, nach dem Leben, das mehr ist als bloßes Überleben.

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Am Ende des Premierenabends herrschte nach eineinhalb Stunden Aufführung ohne Pause zunächst verhaltenes Schweigen, dann aber war der Beifall ungewöhnlich intensiv. Die Marburger "Weiße Rose" ist ein konzentrierter, ganz und gar altmodischer Theaterabend, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen zu empfehlen, ein sehr gelungener Saisonauftakt.

Uwe Kühneweg

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