Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 4
Fathwinter - "Treffen, ohne zu zielen"
Gemälde 1936 - 1959
Marburger Universitätsmuseum für Kunst und Kulturgeschichte
15. 7. - 25. 8. 2001
Franz Alfred Theophil Winter wird am 23. Mai 1906 in Mainz-Kastel geboren. 1949 wird aus den Anfangsbuchstaben der Vor- und dem Nachnamen "Fathwinter". Das Werk des Malers entsteht, worauf Jürgen Wittstock, der Leiter des Universitätsmuseums, in seinem einleitenden Katalogbeitrag: "Schicksalsjahre der deutschen Kunst" hinweist, in einer Zeit, wie sie gegensätzlicher nicht sein kann. Die Nationalsozialisten stufen Fathwinters Bilder als "entartet" ein, er darf nicht mehr ausstellen und tritt aus der "Reichskulturkammer" aus. In den nächsten Jahren arbeitet er als Gebrauchsgrafiker und Dekorationsmaler, verliert 1942 einen Teil seiner Bilder in den Bombenangriffen und wird nach Murnau evakuiert. Dort lernt er Gabriele Münter und Maria Marc kennen. Er setzt sich intensiv mit dem Werk von Wassily Kandinsky auseinander. Wittstock zitiert aus: Rainer Zimmermann, Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation: "Mehr als zwei Drittel der Maler hatten mit der Zerstörung ihrer Ateliers nahezu das gesamte bisherige Werk verloren."
Nationalsozialismus und Krieg schränken die weiten Möglichkeiten, die der Künstlergeneration, der auch Fathwinter angehörte, in den zwanziger Jahren zur Verfügung standen, bis zum Äußersten ein. Nach 1945 scheint sich wieder ein Raum der Freiheit zu öffnen, der sich jedoch von dem früheren grundsätzlich unterscheidet. Fathwinter, der auch in den Jahren der Diktatur in aller Stille sein Werk konsequent weiterentwickelte, gehört nun einer Richtung an, die in den fünfziger Jahren schnell zur beherrschenden wird, der informellen Malerei.

Die Ausstellung im Marburger Universitätsmuseum konfrontiert uns also mit den vierziger und fünfziger Jahren des gerade vergangenen Jahrhunderts. Wir erinnern uns. "Informel" bedeutet: "Abkehr von der geregelten Formstruktur und totale Hinwendung zur spontanen Gestik des künstlerischen Schaffensprozesses aus der Imagination, die alle kategorial-stilistischen Grenzen und Normen sprengt und jedes verwendbare Material in die Malaktion integriert" (Karin Thomas: Fachbegriffe zur zeitgenössischen Kunst, in: Bis Heute. Stilgeschichte der bildenden Kunst im zwanzigsten Jahrhundert, Köln 1972). Der Katalog der Marburger Ausstellung enthält Texte und Reflexionen aus dem Nachlass Fathwinters, und dort lesen wir:
"Für das Wesentliche der Empfindung Madonna brauche ich keinen Gegenstand. Für meinen Gegenstand brauche ich nicht die Textunterlage Madonna."
Otto Pannewitz definiert in seinem Beitrag: "Aspekte zur "abstrakten" Kunst um die Mitte des 20. Jahrhunderts" die informelle Malweise so: "Das entstandene Bildwerk deckte sich inhaltlich mit dem prozessualen Vorgang seiner Entstehung, der der fließenden, in gewisser Weise in den Anfängen auch haltlosen Prozessheftigkeit eines neuen Lebensgefühls antwortete" (Katalog S. 14). Fathwinter beschreibt, worum es in diesem Entstehungsvorgang geht, folgendermaßen:
"Das geistige Auge des Malers vermag heute Wirklichkeiten zu realisieren, die unvergleichbar sind, weil sich im irdischen Bereiche keinerlei Vergleiche bieten. Und der Maler wäre kein Maler, wenn er dem Abenteuer dieser geistigen Schau nicht begeistert und willig folgte, um Anschaulichkeiten vor seinenMitmenschen auszubreiten, die überraschend und schön sind. Die ein Benediktiner mit einem sehr schönen Wort sanktionierte, das ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: Warum soll man den abstrakten Malern verwehren, ihren Brüdern einen Strahl ungeschaffenen Lichtes sichtbar und zu einem Erlebnis zu machen?"
Diese Formulierung des Mönchs: "einen Strahl ungeschaffenen Lichtes sichtbar und zu einem Erlebnis zu machen", zeigt sehr genau, dass das übliche Verständnis, die abstrakte Malerei gebe Einblick in die psychische Dynamik der Person, zu kurz greift. Es soll nicht einfach in Farbe umgesetzt werden, was als emotional fließende Energie im Innern vorhanden ist, sondern es handelt sich um den schöpferischen Vorgang, das Entstehen des Neuen, selbst:

"In dieser neuen Malerei nun spielt sich ein ritterlicher Kampf ab. Gefordert werden Farbe und Leinwand vom Maler. Diesem obliegt es, den abwehrenden Gegner zu besiegen, zu überwältigen - zu bewältigen. Dieser Kampf spielt sich ab im Sinne des Bogenschießens. Dieses hat in Japan nicht lediglich einen körperlichen Grund, sondern vielmehr einen geistigen. (...) Höchste Vollendung ist das Treffen, ohne zu zielen, - in einer spielerischen Meisterschaft, der man nicht mehr ansieht, welche Konzentration wirklich hinter dem Vorgange steht. Das Bogenschießen wird daher auch als ein Schau-Spiel gedacht und geleistet. (...) und wie im Spiel muss jeder Schuss sitzen, jeder Gedanke die Wahrheit im Kern treffen; und in der Malerei jeder Malvorgang die Richtigkeit des Bild-Werkes. Ein Schau-Spiel, dessen wirkliche Vorgänge und Erlebungen letztlich eben doch nur jenem vorbehalten sind, welcher sich ebenso kämpferisch darum bemüht. (...) Denn es gilt, zu der Erkenntnis zu gelangen. Für die Malerei darf es nicht heißen, ich sehe, weil ich sehe, sondern es muss heißen, ich sehe, weil ich einsehe!"

"Abstrakte Malerei ... darf man am ehesten vergleichen mit den meditativen Versenkungen bestimmter indischer Religionen, mit der Meditation aller Religionen überhaupt. (...) Der abstrakte Maler (...) meditiert also. D.h. er versenkt sich bewusst in das Reich der Ur-Formen und entnimmt dort den Stoff, den Gegenstand, für seine Malerei."
Ein letztes Zitat macht sehr deutlich, dass keineswegs das Vorhandene, und sei es ein Psychisches, gemalt werden soll, sondern gerade auch das Nicht-Seiende:

"Wir wollen mit den Nomaden jenes Abenteuer des Unbekannten, jenes Drama des Bestürzenden, jenes Schau-Spiel des Nichtgewussten, Nichtgesehenen, Nichtgeahnten. Wir wollen auch jene Verzweiflung des Unbegreifens des Fremden. Jene Furcht vor dem Her-ein-Fallen, jene Tücken der Ver- Irrungen in Nacht und Nebel der Nicht-Ein-Sicht. Wir wollen eben jene Erweiterung unseres Selbst-Bewusst-Sein von Da-Sein und Creation aus Nicht-Da-Sein. Und wir wollen unser Offen-Sein für das Morgen eines heute noch ungewussten In-Formativen aus dem Jenseits von Da-Sein. Wir wollen unser Offen-Sein für das Unvorstellbare und sein Abenteuer LEBEN!"
Wir begreifen heute, dass ganz offensichtlich in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Ursprünge für die Philosophie der Postmoderne liegen, die ihren Begriff des Neuen und "Erhabenen" (Lyotard), des Schöpferischen selber, gegen die gesellschaftlichen Verkrustungen stellt. Damit beantwortet sich die Frage, ob die Postmoderne noch zur Moderne gehöre, beinahe von selbst: sie ist deren letztes Glied. Die Künstler jener Jahrhundertmitte reagieren auf eine Veränderung des Daseins, die sich noch kaum abzuzeichnen beginnt. Feste Strukturen werden aufgelöst, die sich bildenden neuen sind von vornherein fluktuierend. Das "nomadische Denken", von dem Deleuze und Guattari (etwa in "Mille Plateaux") später sprechen werden, und das bei ihnen schon zur Attitüde geworden ist, äußert sich bei Fathwinter noch in seiner Bipolarität. Das Offene ist hier noch das auch Gefährliche und Tückische.

Wer also diese Vortragsmanuskripte oder Briefe Fathwinters liest, erst recht aber, wer seine Bilder betrachtet, trifft auf die eigene Vergangenheit, aber gleichfalls auf die Kunstgeschichte des letzten Jahrhunderts. Fathwinter gehört sicherlich nicht zu ihren größten Vertretern: man begegnet in seinen Werken Kandinsky oder Jawlensky ebenso wie Klee oder Wols, um nur einige zu nennen. Die letzte Vertiefung ins Eigene, gerade die Intensität, von der die schriftlichen Äußerungen sprechen, fehlt. Das bemerkt man ziemlich schnell - und hat so Raum zum Beispiel für die oben skizzierten Reflexionen, aber auch dafür, manche Bilder auf ihre Weise einfach schön zu finden und gelten zu lassen, etwa "Die grauen Medien", "Mit Umbra umschrieben" und "Kalligraphie Blau-rot-schwarz", alle von 1956, oder "Strukturell Graurotblau" von 1957, besonders "Bogenschießen 3" aus demselben Jahr, sowie die drei letzten Bilder der Ausstellung "Yotèel Information", von 1958, "Informelles Ereignis Hse" und "Informelles Ereignis Chdra" aus dem letzten berücksichtigten Jahr 1959. Den schönen Katalog zur Ausstellung, in einen festen Pappdeckel gebunden, wie manche Kunstbände jener Zeit, nimmt man gerne in die Hand.
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