Marburger Forum    Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 2 (2001), Heft 4


Stephan Lahrem und Olaf Weißbach: Grenzen des Politischen. Philosophische Grundlagen für ein neues politisches Denken, Stuttgart/Weimar Metzler 2000 XI, 371 S. DM 68,- ISBN: 3-476-01753-2

Rezension von Roland Benedikter und Harald Stauder

In ihrer Dissertation versuchen die Autoren, Problembereiche und Kategorien in den Blick zu nehmen, die ihnen für eine zeitgemäße Reformulierung der politischen Philosophie vom Standpunkt der - heute deutlich in den Blickpunkt tretenden - Grenzen des Politischen von Bedeutung erscheinen.

Um dies zu leisten, wird zunächst der Versuch unternommen, bei Hannah Arendt und Carl Schmitt, üblicherweise klar voneinander abgegrenzte Autoren, eine „Reihe von Gemeinsamkeiten oder zumindest Parallelitäten zu benennen".

Die erste gefundene Gemeinsamkeit ist, dass sowohl Arendt als auch Schmitt das Element des Epochenbruchs als ausgezeichnete Erkenntnischance ansehen - und daß jede elementare Krise des Politischen umgekehrt auch die Bildung neuer elementarer politischer Kategorien ermöglicht. Die antisubstantialistische Deutung des Politischen und die Ablehnung weitergehender geschichtsphilosophischer Absicherungen wird weiters genauso als Gemeinsamkeit herausgearbeitet wie die bei beiden Autoren bereits ansatzweise in den Blick genommene Gefährdung des Politischen an sich, wie sie heute deutlicher als zuvor am Horizont erscheint.

Die Rechtfertigung von Grenzen des Politischen ist allerdings bei Arendt und Schmitt unterschiedlich. Während sie bei Schmitt im anthropologischen Glaubensbekenntnis zur problematischen Natur des Menschen gefunden werden, begründen sie sich bei Arendt mit der ontologischen Voraussetzung der Natalität. Beide Denker nehmen eine starke Plausibilität für ihre Ansichten in Anspruch, die jedoch nicht darüber hinwegtäuscht, dass es sich dabei nicht um die Behauptung unveränderbarer Gültigkeiten handelt. Grenzen des Politischen können nicht absolut behauptet noch universal begründet werden.

Nach einer Reihe von strukturellen und kategorischen Gemeinsamkeiten, die die Autoren bei Arendt und Schmitt finden, konzentrieren sie sich anschließend auf deren zuletzt offensichtlich doch unterschiedliches Grundverständnis des Politischen. Dieses ist bei den beiden Denkern „in gewisser Hinsicht diametral entgegengesetzt". Den Grund für diese unterschiedliche Auffassung, die weder in „argumentativen Inkonsequenzen noch politischen Akkomodationen" besteht, machen Lahrem und Weißbach in einem je „vereinseitigenden Verständnis von Besonderheit" aus – also in der unterschiedlichen Sichtweise auf die Rolle der Subjektivität im politischen Prozeß.

Hannah Arendt begreift die Besonderheit als konkrete Einzelheit - als Individualität. Der Widerstreit zwischen den Besonderheiten realisiert sich zuletzt im Horizont des Miteinander, der Freundschaft zwischen Persönlichkeiten. Bei Schmitt dagegen besteht die Besonderheit in der konkreten Allgemeinheit, das heißt in der politischen Gemeinschaft. Der Widerstreit realisiert sich hier wesentlich im Horizont der Konkurrenz und des Gegeneinanders zwischen politischen Gemeinschaften.

Zur zentralen Aussage der Autoren auf den ersten 100 Seiten ihrer Dissertation gehört die Feststellung, dass beide genannten Denker das Charakteristikum der Entgrenzung des Politischen und die Maßlosigkeit im politischen Handeln kritisieren und die Einordnung des Politischen in den gesamtgesellschaftlichen Prozeß im richtigen Maß suchen.

Aus diesen Vorarbeiten heraus gehen die Autoren dann zu Ihrem Hauptanliegen über: der Bestimmung der Grenzen des Politischen vor dem heutigen Hintergrund von Individualisierung und Subjektivierung. Daraus soll sich ein neuer, zeitgemäßer Begriff des Politischen gewinnen lassen. Was dabei die Begriffsbestimmung der Kategorie der Besonderheit betrifft, so gehen Lahrem und Weißbach den – durchaus dem Hauptstrom des gegenwärtigen politischen Theoriedenkens folgenden - Weg, die Betonung von Negativität, Widerstreit und Differenz hervorzuheben. Diese methodisch-strategische Entscheidung wird von den Autoren als sinnvoll erachtet, um den Begriff des Politischen überhaupt als das gegenwärtige Problem begreifen zu können.

In den folgenden Kapiteln nimmt dann folgerichtig der Versuch zentrale Bedeutung ein, die politische Philosophie und damit die Frage nach der Eigenständigkeit des Politischen gegenüber anderen Bereichen des Lebens zu reformulieren. Aufgrund der Resultate, die die beiden Autoren aus ihren bis dahin vorgenommenen Analysen gezogen haben, wird nun versucht, das Politische mit anderen Bereichen des menschlichen Lebens zu vergleichen.

Dabei wird der politische Bereich nicht als ein Bereich wie jeder andere gesehen. Sondern er steht nach Auffassung der Autoren als einziger in einem asymmetrischen Verhältnis zu allen anderen. Da er an sich selbst keinem partikularen Wert verpflichtet ist, kann er als Neutralisierungsinstanz gegen Partikularinteressen wirken und im Ausbalancieren gegeneinanderstrebender Kräfte das konkrete Allgemeine sichern. Darin besteht künftig auch die Hauptfunktion des Politischen im gesamtgesellschaftlichen Prozeß. Jedwede Totalisierung von partikularen politischen Anschauungen gehört, so könnte man ergänzen, künftig eher zum Bereich des Ökonomischen, Wissenschaftlichen oder Kulturellen, nicht mehr zu dem sich selbst richtig auffassenden Politischen.

Im letzten Abschnitt der Dissertation von Lahrem und Weißbach steht dann die Frage nach der Neudefinition des Begriffs des Politischen im Zentrum. Der Frage, welche Leidenschaften den künftigen Besonderheiten des Politischen angemessen sind, wird dabei genauso nachgegangen, wie etwa der Frage, ob solche Leidenschaften eher den handelnden Personen oder den überindividuell wirkenden Mechanismen zugerechnet werden können – und ob und wie sie also unter „postmodernen" Bedingungen individuell und gesellschaftlich kontrollierbar bleiben können. Diese Fragen werden allerdings nicht abschließend beantwortet, sondern bleiben als produktive Anregungen im Sinne eines Denkanstoßes offen.

Harald Stauder: Ich bin seit Jahren als internationaler Wahlbeobachter für OSZE und EU tätig und habe mich gefragt, inwiefern das Buch von Relevanz für meine Tätigkeit ist. Die Antwort ist leider ernüchternd. Die Brauchbarkeit und Anwendbarkeit dieser Dissertation ist aufgrund ihrer Praxisferne nicht gegeben.

Vor allem das Hantieren mit nicht geklärten Begriffen macht viele Kapitel -insbesondere ab der zweiten Hälfe des Buches - kaum lesbar. Der überintellektuelle Stil, hinter dem sich deutliche inhaltliche Leerläufe verbergen, stößt jeden Praktiker ab. Dazu eine Leseprobe: „.. Wir haben gesehen, wie das jeweilige Handeln unter Maßgabe der die Spezifik der Bereiche konstituierenden Werte in aporetische Situationen führt, die als Konflikt das systemische Funktionieren der Bereiche gefährden und nicht in Anwendung des internen Handlungsmodells entschieden werden können. Die in diesen Situationen zutage tretende faktische Relativierung der Geltungsansprüche der Wertmaßstäbe der Bereiche ist ein Indiz sowohl für deren Begrenztheit wie für den Sachverhalt, daß die kontinuierliche Realisierung der Werte auf Voraussetzungen angewiesen ist, die offenbar nicht das Resultat der jeweils besonderen Handlungsart ist..." (227f.)

Die immer wieder gemachten und nie genau definierten Setzungen und das Jonglieren mit nicht geklärten Begriffen machen das Buch über weite Strecken unlesbar. Erschöpfende und für die Praxis relevante Antworten sind im gesamten Buch nicht zu finden. Über einige Strecken konnte ich mich des Eindruckes nicht erwehren, dass die Sprache, zum Teil in Form von Worthülsen, als Mittel der Verschleierung für fehlende Inhalte eingesetzt wird.

Durch einen vielfach vergleichsweise schwülstigen Diskurs wird ein Nebelvorhang aufgerichtet, in den alles hineinprojiziert werden kann, ohne daß die Voraussetzungen genau hinterfragt werden können. Durch das ganze Buch zieht sich wie ein roter Faden die fehlende Konkretisierung. Der gekonnte wissenschaftliche Jargon, in dem periphere Fragen gestellt und unklar beantwortet werden, wirkt auf mich wie der Versuch, eine Art politische Theologie des Verschleierns zu schaffen.

Es handelt sich bei diesem Werk meiner Meinung nach vor allem um ein Zielwerk – nämlich der Dissertation. Dieses Ziel wurde erreicht. Doch sollte niemand glauben, aus dem Werk etwas Substantielles für das konkrete politische Handeln herauslesen zu können. Die Häufung der Adjektive und die immense Dichte verhüllen teilweise sehr geschickt das eigentliche Nichts, die Leere. Das Problem wurde für mich nie sichtbar. Die gewählte Methode verhindert auch eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Für mich ist das Buch daher auch nur summarisch kritisierbar. Eine Kritik im Detail würde für mich bedeuten, das Täuschungsspiel mitzumachen – was ich nicht tun werde. Fazit? „Einfachheit ist die Signatur des Wahren", sagte Schopenhauer nicht umsonst.

Roland Benedikter: Neben dem Interesse, das von meiner Lehrtätigkeit in praktischer Philosophie ausgeht, habe ich dieses Werk auch vor dem Hintergrund meiner langjährigen Erfahrung in der Kulturpolitik gelesen. Das Buch bietet aus meiner Sicht interessante Ansätze, den gegenwärtigen Stand des Politischen im Gesamt des gesellschaftlichen Ganzen neu zu überdenken – eine wichtige Aufgabe, ist das Politische doch seit einigen Jahren in Selbstbezug und Legitimation in starker Veränderung begriffen. Vor allem die Versuche der Autoren, den zunehmenden Unschärfebereich zwischen „postmoderner" Individualisierung und der heutigen politischen Sphäre mit ihrem noch immer weitgehend „modernen" Selbstverständnis genauer in den Blick zu fassen, können als anregend betrachtet werden.

Die Schwäche des Werkes liegt darin, daß das Buch dabei kaum in der Lage ist, einen erlebbaren Gesamteindruck des Problems und seiner langfristigen Bedeutung zu geben. Es wird kein ganzes Bild sichtbar, das inspirieren könnte. Es wird vor allem nicht ausreichend klar, daß die Grenzen des Politischen heute einerseits an der Grenze zur Wirtschaft (Neoliberalismus), andererseits an der Grenze zur Kultur (Individualisierung, Postmoderne) liegen. Und es wird nicht klar, was das für alle drei Bereiche bedeutet. Aufgrund dieses Fehlens einer blicklenkenden Gesamtvision bleibt die Behandlung der einzelnen Themenbereiche (122-229) weitgehend fragmentarisch. Das Analytische triumphiert vor dem Synthetischen.

Beide Autoren sind – interessant genug – Lehrbeauftragte an einem Institut für Religionswissenschaften. Daher wohl der starke Fokus auf Carl Schmitt und Hannah Arendt. Etwas unverständlich erscheint aber gerade vor diesem Hintergrund die fehlende Eindrucksfähigkeit und Bildekraft ihrer Sprache. Zugleich kann die flankierende Begründung der vorgebrachten Ansichten mit Max Weber zumindest seltsam anmuten. Hier wird einer der kanonisiertesten und in mancherlei Hinsicht heute am stärksten von verschiedenen Interessensgruppen vereinnahmten Wissenschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts für den erklärten Versuch einer Neudefinition des Politischen herangezogen.

Zwei Hauptfragen an die Autoren bleiben mir nach der Lektüre:

Warum wird die umfassende Frage der Menschenrechte, die die ganz praktische Grenze jedes Politischen und Ökonomischen in der heutigen Gesellschaft markieren, und die zugleich der eigentliche Bereich des Metaphysischen im postmodernen Sozialen sind, nur am Rande (auf nicht einmal einer Seite, 181) und rein theoretisch thematisiert? Diese Frage und ihre Konnotationen - etwa die wissenschaftlichen Voraussetzungen für eine nähere Bestimmung persönlicher Würde und Integrität - wäre meines Erachtens für eine Bestimmung der Grenzen des Politischen von weit konkreterer Bedeutung als die versuchten „nichtsubstantialistischen" Argumentationen.

Auch über den Umgang des Politischen mit den sich rasch vermehrenden neuen Konfessionen, Glaubenszirkeln und weltanschaulichen Gemeinschaften wird wenig bis nichts ausgesagt – aus kirchlichen Vorbehalten heraus? Der versuchte Grundsatzdiskurs über „Religion und Politik" (183-204) bleibt weitgehend ohne aktuelle Bezüge und daher in einem neutralen Raum, ohne sich in irgendeiner Weise auszusetzen. Dabei wäre dies ein praktischer Brennpunkt und zugleich ein entscheidender Maßstab für die Glaubwürdigkeit der im Buch entwickelten Ansätze zu möglichen „Grenzen des Politischen" heute.

Wenn allerdings diese „substantiellen" Bereiche postmodernen kulturellen Lebens - wie auch manche andere - nicht ausreichend einbezogen werden, bleiben etwaige Grenzen des Politischen wenig belangvoll. Denn sie erreichen die ideelle Realitätsebene der Gegenwart, wo sich die Geister tatsächlich bewegen und wo die großen Richtungsentscheidungen über die Zukunft des Politischen in gesamtgesellschaftlichem und gesamtkulturellem Maßstab fallen, nicht. Jeder, der heute im politischen Bereich arbeitet und sich zu engagieren sucht, braucht, mehr denn je vielleicht, Substanz – das sollten die Autoren bei aller wohlgemeinten Vermeidung von Totalitarismen nicht vergessen. Die Entsubstantialisierung und Entidealisierung des politischen Denkens droht heute in einen politischen Nominalismus und Nihilismus zu kippen. Vor diesem werden wir uns in den kommenden Jahrzehnten ebenso schützen müssen wie vor jeder Art von neuen ideologischen Totalitarismen.

In der vorliegenden Dissertation fehlen außerdem wichtige Bezüge, die heute - unter den Bedingungen einer neoliberalistischen und „postmodernen" Gemüts- und Geistesverfassung - als unverzichtbar für eine derartige Behandlung des Themas gelten müssen. So fehlt etwa jeder Bezug zu Ayn Rand, der mit Abstand wichtigsten und systematischsten Denkerin der Grenzen des Politischen gegenüber den Bereichen des Ökonomischen und des Kulturellen im 20. Jahrhundert. Sie wird auch im Literaturverzeichnis nicht angeführt.

Fazit? Trotz mancher interessanter Einzelaspekte ein Werk, das seine Ziele insgesamt nicht erreicht und den selbst gesteckten Ansprüchen kaum gerecht wird. Das ist schade, denn das Thema wäre interessant und wichtig. Eine nachvollziehbarere Auseinandersetzung könnte zukunftsweisende Anregungen erbringen, die kraftvoll in die Vorstellungsbildung der Praxis hineinwirken. Die Autoren sind mit ihrem wissenschaftlichen Spürsinn und mit ihrem Instinkt für die Brennpunkte des Gegenwartsgeschehens auf einem ganz richtigen Weg. Darin sind sie nachdrücklich zu bestärken und zu ermutigen. Die geeignete Form aber müssen sie noch finden.

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