Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 4
Musen und Titanen
Das Vermächtnis des zwanzigsten Jahrhunderts
"Wenn mir jemand bewiesen hätte, daß Christus außerhalb der Wahrheit steht, und wenn die Wahrheit tatsächlich außerhalb Christi stünde, so würde ich es vorziehen, bei Christus und nicht bei der Wahrheit zu bleiben." Diese Zeilen schrieb Dostojewski in einem Brief im Februar 1854 und fuhr fort: "Davon will ich lieber gar nicht reden. Ich weiß übrigens nicht, warum gewisse Gesprächsstoffe in der Gesellschaft nie berührt werden dürfen, und wenn sie jemand berührt, es auf die anderen einen peinlichen Eindruck macht." (1)
Damit hat Dostojewski den Finger auf den neuralgischen Punkt der neuzeitlichen, europäischen Kultur gelegt - wenn auch nicht in Europa, sondern im fernen Sibirien. Und die Gefangenschaft hatte ihm, statt ihn zu zerbrechen, dazu verholfen, das wesentliche Kriterium der Freiheit woanders zu suchen, als man das im damaligen Europa schon seit mindestens einem Jahrhundert zu tun pflegte. Dem Gedanken, daß sich die bürgerliche und individuelle Freiheit, die natürlich auch für Dostojewski grundlegend war, erst dann verwirklicht, wenn der Geist seine Abhängigkeit von transzendenten Werten akzeptiert und nicht um jeden Preis nach Ungebundenheit und Autonomie strebt, standen seine Zeitgenossen zumeist verständnislos gegenüber. Dostojewski war der Überzeugung, daß der Mensch unweigerlich in die Sklaverei herabsinkt, wenn er im Glauben an seine eigene Allmacht versucht, sich selbst zu erlösen. Und damit hat Dostojewski gleichsam die Alternative zur europäischen Entwicklung aufgezeigt. Er war ein Denker des neunzehnten Jahrhunderts, aber er hat das große Dilemma des zwanzigsten umrissen. "Alles hängt vom kommenden Jahrhundert ab", zitiert ihn Czeslaw Milos hundert Jahre später und macht aus seiner tiefen Zustimmung keinen Hehl: "Der Mensch errettet sich, wenn er anerkennt, daß er von sich aus nicht zur Liebe und Wahrheit fähig ist; er gibt sich dem Verderben preis, wenn er seinem proprium diese Fähigkeit zuschreibt." (2)
Alles hängt vom kommenden Jahrhundert ab, hat Dostojewski gesagt. Was ist nun aus diesem Jahrhundert, von dem man nicht einmal weiß, wieviele Jahre genau es gedauert hat, geworden? Seine möglichen Anfänge waren jedenfalls genauso unheilverkündend wie seine mutmaßlichen Enden. Mit dem Zerrinnen der großen europäischen Ideen und Illusionen hat es begonnen und damit endete es auch. Es lassen sich mindestens drei Anfänge und Enden ausmachen.
1912 und 1986. Das ist ein Anfang und ein Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Untergang der Titanic sowie die Explosion des Atomkraftwerks von Tschernobyl. 1912 entzog sich ein von Menschenhand angefertigtes Objekt der Kontrolle und trieb seinen Spott mit allen Erwartungen, die in es gesetzt worden waren. Wie Frankensteins Dämon erwachte es gleichsam zum Leben, und indem es seinen Schöpfer, den menschlichen Geist, dem Spott preisgab, warf es auch ein neues Licht auf ihn. Statt auf dessen Allmacht lenkte es die Aufmerksamkeit auf seine Zerbrechlichkeit und Fehlbarkeit. Obwohl die Titanic das ganze technische Arsenal ihrer Zeit aufbot, erschien ihr Untergang wie ein einfacher Unfall - als etwas, was sich nicht aus der technischen Entwicklung ergeben hatte, sondern ihr zum Trotz passiert war. 1912 schien es noch, als hätte man nur ein Schiff richtig steuern müssen. Doch spätestens 1986 stellte sich heraus, daß es schon beim Stapellauf der Titanic um mehr als das gegangen war: dem Menschen war das Steuerrad entrissen worden, er steuerte nicht mehr, sondern er wurde gesteuert. Das Jahrhundert ging ähnlich zu Ende wie es begonnen hatte, nur um eine Illusion ärmer. Der Mensch, der die Technik kontrollieren wollte, wurde von der Technik selbst ausgemustert. Rückblickend aus dem Jahr 1986 ging 1912 nicht nur ein Schiff unter; vielmehr bekam der Glaube des Subjekts an seine eigene Allmacht (und Fähigkeit zur Selbsterlösung) selbst ein Leck. Die Titanic konnte noch wie ein großer Traum der modernen Zivilisation erscheinen. Tschernobyl hingegen ist die Wirklichkeit, deren Traum - Alptraum - nunmehr wir sind, die wir vorgeben, uns ihrer zu bedienen. Nunmehr denken nicht wir die Welt, sondern diese denkt uns.
Der Untergang der Titanic war ebensowenig ein bloßer Unfall wie die Explosion von Tschernobyl, beide waren echte Katastrophen. Beide Male wurde die Zivilisation im eigentlichen Sinn des Wortes umgedreht, sie verlor das Maß und somit auch ihr Orientierungsvermögen. In der Katastrophe entlarvt sich das Fehlen der Vernunft, sowohl der menschlichen als auch der geschichtlichen. Seit 1912 läßt sich die neuzeitliche Technik auch als eine einzige ununterbrochene Betriebsstörung auffassen. Nicht nur wegen der spektakulären Unfälle (die seit Tschernobyl weltweit zunehmen), sondern gerade auch dann, wenn sie reibungslos, ohne jede Unterbrechung funktioniert. Es handelt sich nicht um eine Betriebsstörung dieses oder jenes technologischen Prozesses oder Mechanismus, sondern des allergrößten Mechanismus überhaupt, der Schöpfung. Und nicht nur einzelne Menschen sind ihr zum Opfer gefallen, sondern vielmehr die europäische Kultur als Ganzes. Diese Betriebsstörung ist eines der Vermächtnisse des zwanzigsten Jahrhunderts.
1914 und 1993. Auch das ein möglicher Anfang und mögliches Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Sarajevo und Sarajevo. Sie ähneln sich in vielerlei Hinsicht. Beiden ging zum Beispiel eine nicht enden wollende Euphoriestimmung voraus. Die Österreichisch-Ungarische Monarchie schien ewigwährend zu sein, die Geschichte - zumindest aus der damaligen Perspektive von Musils Kakanien betrachtet - für immer abgeschlossen. Auch das Jahr 1989 erfüllte die ganze Welt mit solchen Gefühlen; erneut verkündeten sowohl die für die öffentliche Meinung maßgeblichen Politologen als auch die an der Macht befindlichen Politiker das Ende der Geschichte. Doch wie die Schlange, die in ihren eigenen Schwanz beißt, mündete das "Ende der Geschichte" auch diesmal in die Geschichte.
Sarajevo hat sich nicht einfach wiederholt, sondern hat sich fortgesetzt. Obwohl die europäischen Mächte nach dem Ersten Weltkrieg feierlich geschworen hatten, daß das Grauen endgültig zu Ende sei. Es mußten keine zwei Jahrzehnte vergehen, bis klar wurde, daß das alles nur Illusion war und Europa, statt seine Probleme auf friedliche Weise zu lösen, tiefer hinabstürzte als je zuvor in seiner Geschichte. Und auch nach dem zweiten Sarajevo (aber noch vor dem Kosovo) sprach man davon wie von etwas, was sich nie wiederholen könne. Noch nie hatten die humanitären und pazifistischen Stimmen eine solche Hochkonjunktur.
Und auch noch nie eine solche Inflation, wie mir scheint. Denn auch die noch so gutgemeinten, rhetorischen Phrasen können nicht verhehlen, daß das eigentlich Erstaunliche nicht darin besteht, daß sich am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts noch Greuel ereignen können, wie sie in Bosnien passiert sind (oder tags darauf in Ruanda, zwei Tage später auf den Philippinen, drei Tage später im Kosovo, vier Tage später in Tschetschenien, fünf Tage später wer weiß wo), sondern daß sich als Antwort auf diese Greuel die Lösungsbemühungen der zivilisierten Welt und ihre Ohnmacht die Waage halten. Diese Greuel machen deutlich, daß die Welt voller unzugänglicher Probleme ist, für die die liberalen Demokratien kein Heilmittel parat haben. Zwar finden diese Greuel an den "Peripherien" statt, doch gemäß der Logik der Globalisierung verwischt sich die Grenze zwischen der Peripherie und der Mitte immer mehr. Es wäre freilich ungerecht, den guten Willen der liberalen Demokratien in Frage zu stellen. Und doch rufen ihre Aktivitäten bei Kenntnis der Ereignisse den ohnmächtigen Eifer der Quacksalber in Erinnerung, die umso mehr Tamtam um einen Kranken veranstalten, je weniger sie wissen, was sie mit ihm anfangen sollen. Einen Unterschied gibt es aber doch. Sobald der Quacksalber bemerkt, daß er mit seiner Kunst nichts erreicht, macht er sich vor seiner verdienten Strafe davon. Die liberalen Demokratien dagegen können sich nirgendwohin zurückziehen; es ist aber auch nicht möglich, sie zu bestrafen - denn alle moralischen, politischen, militärischen und juristischen Mittel der Verantwortlichmachung liegen in ihren Händen. Ihre einzige "Strafe" besteht darin, daß sie damit konfrontiert werden, daß die überall in der Welt auftauchenden unzugänglichen und unlösbaren Probleme zugleich auch ihr eigenes Problem sind. Gemäß der Logik der von den Siegern und Erfolgreichen geschaffenen Globalisierung ist das auch nicht anders vorstellbar. Gerade infolge der Globalisierung sehen sie sich gezwungen, mit den einmal latenten, einmal aufbrechenden Krankheitsherden zu leben, obwohl gerade die Globalisierung diese ein für allemal vergessen machen wollte. Es gibt Viren, wie das AIDS-Virus, denen auch die schönsten politischen "Körper" schutzlos ausgeliefert sind. Diese Viren sind das zweite Vermächtnis des Jahrhunderts.
1919 und 1989. Auch ein möglicher Anfang und mögliches Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Versailler Vertrag und der Fall der Berliner Mauer. Beide Male ging es um die Schaffung eines europäischen Gleichgewichts. Die europäischen Kriege arteten erst dann zu Weltkriegen aus, als in Europa über die Frage des Gleichgewicht endgültig Ratlosigkeit herrschte. Im Unterschied zu früheren Kriegen in Europa kam der Gedanke der europäischen Einheit sowohl nach dem Ersten (und dann Zweiten) Weltkrieg als auch nach dem Kalten Krieg so auf die Tagesordnung, daß Europa selbst dabei nur noch bedingt ein Mitspracherecht hatte. Das den Ersten Weltkrieg abschließende, auch von den Vereinigten Staaten diktierte Friedensabkommen schuf eine gutgemeinte, innereuropäische Gesichtspunkte im Grunde jedoch mißachtende Situation, die sich als untauglich erwies, ein dauerhaftes Gleichgewicht in Europa zu schaffen. Der Versailler Vertrag ließ Probleme ungelöst, die sowohl beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als auch später im Kalten Krieg eine bestimmende Rolle gespielt haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die dauerhafte Teilung das Los Europas, infolge von Interessen, die nach wie vor nicht europäisch waren. Nichtsdestoweniger rief Churchill im September 1946 von der Schweiz aus die europäischen Politiker zur Rettung des Europagedankens auf. Die Voraussetzung für die Selbstfindung Europas formulierte er so: "It is to recreate the European Family, or as much of it as we can, and to provide it with a structure under which it can dwell in peace, in safety and in freedom. We must build a kind of United States of Europe." (3)
Es ist eine Ironie des Schicksals, daß die von Churchill erträumte europäische Familie nur dadurch zustande kommen konnte, daß eine nichteuropäische Macht (die Vereinigten Staaten) sie in diesem Bestreben unterstützt hat, während eine andere, gleichfalls nicht nach europäischen Gesichtspunkten handelnde Macht (die Sowjetunion) ihr ständig Hindernisse in den Weg gelegt hat. Mit dem Einsetzen des Kalten Krieges gewann wieder die auf Karl den Großen zurückgehende Selbstdefinition Europas Gültigkeit, wonach Europa mit dem westlichen Karolingerreich identisch sei. Doch diesmal handelte es sich nicht mehr um eine Selbstdefinition, sondern um eine nichteuropäische, weltpolitische Entscheidung.
Paradoxerweise blieb der Europagedanke während der Teilung Europas zur Zeit des Kalten Krieges lebendiger als während der infolge des Abrisses der Berliner Mauer erfolgten Wiedervereinigung. Es war jedoch ein ziemlich zerbrechlicher und ideologischer Gedanke. Der Westen bot dem in der Isolation lebenden Osten Modelle an (das Modell der bürgerlichen Demokratie, des Liberalismus, der politischen Kultur und der individuellen Freiheit), die von den Menschen im Osten, die nicht die Möglichkeit hatten, sie zu testen, blindlings übernommen wurden. Im Gegenzug beschenkte auch der Osten den Westen mit Modellen: nämlich den utopischen linken Mythen der Gleichheit, Brüderlichkeit und gesellschaftlichen Gerechtigkeit, die sich im Sozialismus vermeintlich einstellen würden. Auch im Westen nahm man diese Modelle blindlings an, da man seinerseits nicht gezwungen war, den realen Sozialismus zu testen. Freilich hätte es auch früher schon Gelegenheit zur Ernüchterung gegeben. Zum Beispiel 1953, während des Aufstands in Ostberlin. Oder 1956, anläßlich des Ungarnaufstandes. Oder 1968 in Prag, 1981 in Polen. Aber außer Worten der Ermunterung kam keinerlei Hilfe aus dem Westen. Osteuropa - jedenfalls die dortige Opposition - hätte allen Grund gehabt, vom Westen enttäuscht zu sein. Nicht nur wegen des Ausbleibens wirksamer Hilfe. Erschreckend war vor allem, daß je offensichtlicher die Unhaltbarkeit der sozialistischen Ideologie wurde, die westliche Linke umso sturer daran festhielt.
Ich kann mich gut erinnern, wie mich meine westdeutschen Freunde in Frankfurt und München noch zu Beginn der achtziger Jahre von der Überlegenheit des realen Sozialismus überzeugen wollten und die mich betreffenden Verbote und Erniedrigungen mit dem Stempel der moralischen Überlegenheit versahen. Ich hörte ihnen ebenso verständnislos zu wie sie mir, als ich sie um die westlichen Bürgerrechte beneidete. Wir hielten uns gegenseitig für reaktionär. Und das waren wir in der Tat - obwohl wir diese Zuordnung am allerwenigsten akzeptiert hätten. Die Ideologien kreisten im luftleeren Raum, und im Alltag blickte niemand über den eigenen Tellerrand hinaus. Ihr Glaube (ihre Ideologie) und meine Erfahrungen zu Hause beziehungsweise mein Glaube (meine Ideologie) und ihre Erfahrungen berührten sich in keinem Punkt.
Diese eigenartige Symmetrie zwischen Ost- und Westeuropa war gekennzeichnet durch die Unvereinbarkeit von Glaube und Erfahrung. Rückblickend habe ich heute den Eindruck, als wäre diese Unverhältnismäßigkeit von Glaube und Erfahrung, die ihren Höhepunkt während des Kalten Krieges erreichte, der letzte große Europagedanke gewesen. Darin blitzte noch einmal, zum letztenmal, das Erbe des Christentums auf - wenn auch in grotesker Form, nunmehr jedes positiven Gehalts beraubt. Diese seit 1919 zunehmende Diskrepanz zwischen Glaube und Erfahrung endete 1989 - und zwar auf beiden Seiten Europas. Geplatzt und sinnentleert geworden waren jene Ideologien, die die Aufklärung und die französische Revolution Europa vermacht hatten. Und damit nahm auch das Christentum ein Ende - schließlich hatten die Ideen der Aufklärung und der französischen Revolution ihrerseits die große Idee des Christentums in einer überwiegend säkularisierten Welt weitergetragen. 1989 ging nicht nur der Kalte Krieg zu Ende, Europa selbst wurde für immer um eine große Illusion ärmer. Bis dahin hatten beide Seiten von einem gefärbten und von Ideologien untermauerten Europagedanken gezehrt - und rückblickend ließe sich in der Tat kein idealerer Zustand vorstellen als der, in dem die beiden Ideen eins und zur Wirklichkeit würden. Bürgerliche Demokratie und Gleichheit, Liberalismus und Gerechtigkeit, politische Kultur und Brüderlichkeit, Konsens und Freiheit - die Verbindung dieser Werte erhofften viele von dem Jahr 1989. Das ist das dritte Vermächtnis des zwanzigsten Jahrhunderts: die Sinnentleerung und das Wirkungsloswerden der in Plato wurzelnden, durch Christentum und Aufklärung neu geformten transzendenten Ideen.
1912 und 1986. 1914 und 1994. 1919 und 1989. Wann auch immer das zwanzigste Jahrhundert begonnen und geendet haben mag, sein Vermächtnis ist schon heute gut erkennbar. Das Ende des zwanzigsten Jahrhunderts hat nicht zur Selbstfindung Europas geführt, und auch nicht zu jener positiven Vollendung, deren Idee den europäischen Geist seit Platon immer wieder wie ein Magnet angezogen hat, sondern vielmehr dazu, daß die Macht des Kapitals und des technisch-technologischen Geistes ins Maßlose ausgeartet ist. Statt Europa zu helfen, zu sich selbst zurückzufinden, hat das Ende des zwanzigsten Jahrhunderts mit Hilfe der Medien die Möglichkeit der Selbstreflexion und der Selbsterkenntnis beseitigt. Als Folge der Grenzenlosigkeit und Aggressivität des Kapitals und des Geldes wurde nicht nur der Begriff der Grenze hinfällig, sondern auch jener des Maßes. "Gnothi seauton" und "Mede agan" - "Erkenne dich selbst" und "Nichts ohne Maß" -: das stand über dem Eingang des Orakels von Delphi. Was wir an der Schwelle zum neuen Jahrtausend erleben, steht in krassem Gegensatz zur griechischen Tradition, die mit Hilfe des Christentums weitergelebt hatte.
Jahrtausendelang hat Europa als Maßstab gedient, was unter anderem in der seit Jahrtausenden ungebrochenen Ehrung der Musen seinen schönsten Ausdruck gefunden hat. Diese waren die Göttinnen der Dichtung, der Künste und der Wissenschaften. Sie hüteten die Ordnung und die Harmonie der olympischen Welt - die Harmonie zwischen Vergangenheit und Zukunft, Menschen und Göttern. Nicht deshalb, weil sie ohnehin schon die Göttinnen der Dichtung, der Künste und der Wissenschaften waren, sondern umgekehrt: Erst deshalb konnten sie zu deren Göttinnen werden, weil sie von vornherein eine umfassendere Harmonie, die Harmonie der Existenz selbst, dieses größten aller Kunstwerke, hüteten.
Wie in der Antike verkörperten die Musen auch zur Zeit des Christentums den Europagedanken: sie sind die Wächterinnen der harmonischen Transzendenz. Heute sind sowohl von der Harmonie als auch von der Transzendenz nur noch Ruinen - Denkmäler - übriggeblieben, als Sehenswürdigkeiten für Touristen oder als Objekte kulinarischen Genusses für die kleine Gruppe der Kunstliebhaber. Anstelle von Göttern wird Europa von Götzen bewacht, anstelle der Musen wird es von einem Netz von Medien überzogen. Europa hat aufgehört, maßgebend zu sein; nicht umsonst suchen wir heute vergeblich nach einem maßgebenden, über die Sicherung der politischen und wirtschaftlichen Effizienz hinausweisenden Europagedanken.
Es gibt keine Harmonie, da sie von der jede politische Entscheidung und jede menschliche Planung verspottenden, in der Geschichte bislang beispiellosen Eigendynamik des Geldes und des Kapitals verdrängt worden ist. Ausschließlich diese erscheint heute als göttlich und unvergänglich. (Slavoj Zizek formuliert es treffend: "Es ist gut möglich, daß das Leben auf Erden früher oder später aufhört, aber der Kapitalismus wird davon ungerührt bleiben." [4]) Und es gibt auch keine Transzendenz, ohne die jedoch, nach Mircea Eliades Worten, nicht nur keine Freiheit vorstellbar ist, sondern auch der Begriff der Geschichte ungültig wird. Nicht nur die Illusion ihrer Gestaltung, sondern auch die ihres Sinns ist zerronnen. Es ist nicht länger möglich, von außerhalb über die Geschichte zu reflektieren (wie das bisher jeder kritische oder utopische Gedankenansatz getan hat), zugleich gibt es auch innerhalb der Geschichte keinen Platz mehr für uns. Indem die heutige Welt jeder Art von Transzendenz den Krieg erklärt hat, hat sie den Menschen in eine durch und durch schizophrene Lage gezwängt. Die Geschichte hat zwar ihre metaphysischen Bezüge verloren, aber der Mensch kann sich, wie Leszek Kolakowski schreibt (5), nie von seinem Heimweh nach Transzendenz und Metaphysik befreien. Wenn nicht aus anderen Gründen, so ist er infolge seines Wissens um die eigene Gebrechlichkeit ein von vornherein zur Metaphysik verdammtes Wesen.
Wir haben einen Zustand erreicht, in dem die Geschichte für uns zu viel geworden ist, aber auch wir haben uns als zu schwer für die Geschichte erwiesen. Wir gehen weder synchron mit der Geschichte noch sind wir in Harmonie mit ihr. Wer heute Europa sucht, findet statt des Europagedankens Millionen von vereinzelten Situationen, Massen von bedeutungslosen Geschehnissen, Unmengen von simultanen Ereignissen, die durch keinen tieferen, durchschaubaren Sinn zusammengehalten werden. Diese Vereinzelung der Situationen ist ein echter, im eigentlichen Sinn des Wortes verstandener Idiotismus. Nicht zufällig ist die Kultur von heute vor allem eine Kultur von Halbwüchsigen - von jenen also, die sich noch nicht mit dahinterliegenden Bedeutungen befassen, noch nicht auf der Suche nach dem sind, was das Isolierte in einen Gesamtzusammenhang hineinhöbe. Nicht beim Halbwüchsigen liegt das Problem, sondern darin, daß er zum Modell geworden ist - auch für den Erwachsenen. Nunmehr wollen auch die Erwachsenen vor allem sich selbst loswerden - auf dem Umweg der Halbwüchsigkeit. Was natürlich keine Rückkehr zur Halbwüchsigkeit bedeutet, sondern eine Infantilisierung. Es genügt, einen Blick auf die literarische Bestsellerliste eines jeden beliebigen Landes zu werfen oder irgendeinen Kanal eines jeden beliebigen europäischen Fernsehsenders einzuschalten, um sich davon zu überzeugen.
Sollte unsere Lage wirklich so trostlos sein? Keinesfalls. Die Musen sind gestorben - oder haben sich vorerst auf ein uns unbekanntes Terrain zurückgezogen -, da auch die Götter, die sie erschaffen hatten, nicht mehr leben. Gegenwärtig sind wir Zeugen des Aufmarsches der Titanen. Wenn schon nichts anderes, so darf uns wenigstens diese Auserwähltheit mit Stolz erfüllen. Erneut beobachten wir das Erstarken jener Kräfte, die in der Mythologie für das Chaos verantwortlich waren, und die von Zeitalter zu Zeitalter gebremst werden mußten, damit das Chaos wieder in einen geordneten Kosmos verwandelt werden konnte. Das Chaos von heute wirkt natürlich bei weitem nicht so abschreckend wie in den antiken Mythologien. Es wirkt vielmehr ausgesprochen verlockend: mit seinem Glanz und Glitzer bietet es die Illusion der großen Vollendung. Es drängt sich Nikolai Berdjajews gerade im Zusammenhang mit Dostojewski geäußerter Verdacht auf. Berdjajew schrieb über den Europa schon seit langem heimsuchenden Antichrist, dieser habe eingesehen, daß sich die Menschen nunmehr von einem allzu eindeutig und offensichtlich gewordenen Bösen abwandten, und habe sich daher eine neue List ausgedacht: er setzt neuerdings die Maske des Guten auf. (6)
Schon oft sind die Titanen an die Macht gekommen. Doch dem folgte jedesmal eine neue, keinesfalls vorhergesehene Ordnung. Große Weltmachtbestrebungen sind bisher stets von irgendetwas unterminiert worden. Nach Ansicht Heideggers kann uns nur ein Gott erretten. Der Pessimismus ist jedoch, nach Bertrand Russels treffender Bemerkung, eine unnütze Leidenschaft. Das gilt auch für die apokalyptische Sichtweise. Gegen die großen Bestrebungen bleiben beide wirkungslos, weil sie genauso nach einer universellen Weltdeutung trachten wie das, was sie widerlegen möchten. Das Beispiel der griechischen Götter und Musen mahnt hingegen zur Vielfalt der Perspektiven. Diese allein eignet sich nicht dazu, von den nach Universalität trachtenden Bestrebungen einverleibt zu werden. Das Bewußtsein der menschlichen Gebrechlichkeit, der Humor, die Wahrung der geistigen Distanz, das Wachhalten des Gefühls der Vergänglichkeit, das Privileg des Radikalismus, das Wachhalten der Erfahrung des Eingebettetseins in den Kosmos: lauter Kraftquellen, derer uns niemand berauben kann. Weder die Titanen, die die Musen verbannt hatten, noch die totalitären Bestrebungen, die uns heutzutage bedrängen. Und das macht es uns auch möglich, mit den erwähnten Vermächtnissen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur zusammenzuleben, sondern sie auch zu überleben. Das das kann auch den Boden für die Welt der Götter und Musen des kommenden Jahrtausends bereiten, von denen wir vorerst noch gar nichts wissen. Doch damit sie einst unsere Welt dauerhaft in einen Kosmos verwandeln können, werden sie in nichts den bisherigen Göttern ähneln dürfen.
(1) F. M. Dostojewski, Gesammelte Briefe 1833-1881, München, Piper, 1966. S. 86-87.
(2) Czeslaw Milosz, Das Land Ulro, Kiepenheuer & Witsch, 1982. 87. S. 203.
(3) Winston Churchill, Let Europe Arise!, Sonderdruck der Neuen Zürcher Zeitung, Zürich, 2000. Auch unausgesprochen war Churchill ein Verfechter des Europagedankens gegen die Amerikaner und Russen. Er war nicht der einzige. Der aus Wien stammende Bankier und Politiker Felix Somary, der sich sowohl während des Ersten als auch während des Zweiten Weltkriegs mit seinem ganzen Einsatz dafür eingesetzt hatte, daß Europa seine Krise aus eigener Kraft meistere, schrieb 1945, ebenfalls in der Schweiz: "Mir bangt um das Schicksal Europas; die Russen wollen uns in eine Einheit unter ihrer Führung hineinzwingen, und die Amerikaner suchen uns zu einer europäischen Einheit zu überreden, nachdem sie zuerst den Nationalismus mächtig gefördert haben." (Felix Somary, Erinnerungen eines politischen Meteorologen, München, 1994, S. 358-9). Als ein in der Welt des Geldes beheimateter Fachmann hegte Somary jedoch keine Illusionen; er war sich klar darüber, daß Europa seine führende und maßgebende Rolle in der Welt für immer eingebüßt hatte: "Sie (d. h. die Amerikaner) hatten eben zwei Weltkriege gewonnen, nicht durch höhere Tapferkeit oder Kriegszucht oder durch überlegene Intelligenz, sondern durch Beherrschung der Meere, finanzielle Kontrolle des übrigen Amerika und Verfügung über die Rohstoffe der Erde" (ebd. S. 374).
(4) Slavoj Zizek, Können wir den Kapitalismus überlisten? Lettre International.
(5) Leszek Kolakowski, Horror metaphysicus, München, Piper, 1989. S. 23.
(6) Nikolai Berdjajew, Die Weltanschauung Dostojewskis, München, 1925.
Aus dem Ungarischen von Akos Doma