Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 5
Mein Buch des Monats Oktober 2001:
Christine Lavant und Elke Heidenreich lesen: Die Bettlerschale. Gedichte, CD, Laufzeit ca. 50 Minuten, Der Hörverlag, München 2001, ISBN 3-89584-549-3, DM 31,00.
Zum zweiten Mal möchte ich in dieser Rubrik kein gedrucktes, sondern ein "Hörbuch" vorstellen, nun mit Gedichten von Christine Lavant, gelesen von der großen österreichischen Dichterin selbst, sowie von Elke Heidenreich.
Ingeborg Teuffenbach beginnt ihre Aufzeichnungen über die langjährige Freundin so: "Christine Lavant wurde als neuntes Kind des Bergarbeiters Georg Thonhauser und seiner Frau Anna in Groß-Edling, einem Örtchen bei St. Stephan im Lavanttale, am 4. Juli 1915 geboren. Vom Säuglingsalter an war sie am Leiden der Armen, den Skrofeln, erkrankt. Zum eitrigen Ausschlag, der sich über Gesicht, Brust und die Rücken breitete, kamen schwere Lungen- und Rippenfellentzündungen, kamen Atemnot und Eiterungen. Obwohl die Ärzte es als nicht lebensfähig erklärten, wuchs dieses Kind, wenn auch mit halbblinden Augen und halbtauben Ohren, mühsam heran: ein Häufchen Elend, für das es anscheinend nur den Schüttelfrostplatz auf der Erdkugel gab" (Ingeborg Teuffenbach: Christine Lavant. Zeugnis einer Freundschaft, Ammann Verlag, Zürich, zweite, erweiterte Auflage 1994, S. 9).
Christine Lavant kann nur die Volksschule besuchen, der Weg zur Hauptschule ist für das geschwächte Kind zu weit. In ärmlichsten Verhältnissen, geprägt von Hunger und Krankheit, später auch von ständigen schweren Depressionen, wächst sie auf - und wird zu einer der bedeutendsten österreichischen Dichterinnen der Nachkriegszeit, ausgezeichnet mit allen hohen Literaturpreisen, die das Land zu vergeben hat. Ihr Leben bleibt, beinahe bis zum Schluss, gezeichnet von Schmerz, aber auch der Erfahrung intensivster Unbedingtheit. Eigentlich liefert sie sich aus, rücksichtslos gegen sich und andere. Was sie ihrem geschwächten Körper zumutet, etwa der jahrelange Tablettenmissbrauch, oder auch das unmäßige Rauchen, bei seit der Kindheit nicht voll funktionsfähiger Lunge, kann aus dem Gesichtswinkel der Normalität nur als unsinnig bezeichnet werden. Die große Liebesbeziehung zu dem Maler Werner Berg öffnet auf ungeheure Weise die Schleusen der Produktivität: "Christine erlebte die Erfüllung ihrer lebenslangen Sehnsucht ganzheitlich, wie es ihrer Natur entsprach. Niemand hatte sich je der Faszination ihrer Liebe entziehen können, die die erwählte Person wie ein Wolkenbruch überschüttete. Ihre poetische Begabung schien nur auf den Einsturz der alten Lebensmuster gewartet zu haben, jetzt brach sie vehement durch. In der Zeit, in der Christine sich nicht mit Werner Berg traf, schrieb sie und schrieb - alles Tägliche ordnete sie ihrer überschwenglichen Hingabe unter. Schuldgefühle - der Maler lebte in guter Ehe mit zahlreichen Kindern - blieben vorderhand aus, sie trank ihr Glück wie der Verdunstende sein erstes Glas Wasser, ihr Zustand konnte nur als flammend bezeichnet werden" (Ingeborg Teuffenbach, a. a. O., S. 88f). - 1973 beendet ein Schlaganfall diese in jeder Hinsicht exzeptionelle Existenz, deren Kreativität bereits Jahre zuvor erloschen war.
Wir hören also nun die Stimme dieser Frau. Christine Lavant liest, bis auf zwei Ausnahmen, Gedichte aus Die Bettlerschale, 1956 im Otto Müller Verlag Salzburg erschienen. Was geschieht mit einem, während man diesen Klang vernimmt? Ich gestehe, so etwas noch nicht erlebt zu haben. Von Anfang an ergreift einen diese unerhört klare Schmerzdiktion. Ohne alles Gekünstelte zeigt sich das Innere einer Stimme, und man beginnt sich zu fürchten. Offenbar ist hier ein im Grunde nicht mehr erträgliches Höchstmaß an psychischer Anspannung erreicht, auf geradezu irreale Weise ausbalanciert durch ein paradoxes ruhiges Hinnehmen der eigenen Verlorenheit, sodass im Vortrag der Verse tatsächlich die in ihnen geronnene Poesie selber entsteht und hörbar wird. Die Poesie der Moderne ist in gesteigerter Form die Transformation einer Schmerzerfahrung ins Gedicht. "Brennender Dornbusch / Anbruch innerster Verwandlung // Feuerharfe / Meiner frühen Schmerzen", beginnt etwa die "Feuerharfe" des todkranken Iwan Goll, deren beide letzten Zeilen lauten: "Vater aller wilden Flammen / Segne deinen Feuersohn", und Christine Lavant liest: "Die Sterne, die mir halfen, / solang ich noch voll Hoffnung war, / bedeuten jetzt ein Sterbejahr / und Krankheit, Feindschaft, Kummer" (aus: Der Mondhof war noch nie so groß).
Aber beim Aussprechen des Wortes "Kummer" wird ihre Stimme ein wenig brüchig, und den Zuhörer überfällt Entsetzen. Warum aber - etwa weil man fast gezwungenermaßen an fremdem Leiden teilnimmt? Das mag ein Grund sein, denn an dieser Stelle, wie an vielen anderen, ist es so ungeschützt einfach da, dass man nicht umhin kommt, sich gleichsam um diese doch längst vergangene Existenz zu ängstigen. Trotzdem geschieht hier noch etwas anderes. Der persönliche Schmerz dieser Frau wird abgründig. Er bleibt kreatürlich-individuell, aber weil sie ihm zusieht, formt er sich auch um und wird so zur Sprache oder zum Klang. In ihnen liegt ein Bild der Welt und des menschlichen Daseins, das man metaphysisch nennen könnte. Wenn ich also mein Entsetzen nicht einfach gewähren lasse, sondern es zwinge, der Stimme zu folgen, verwandelt es sich gleichfalls. Es bekommt etwas Anfängliches und erwirbt sich ein Verständnis davon, wie es einer Seele, die um ihr Leben kämpft, geht.
Die psychische Befindlichkeit eines Menschen, die hier wund und bloß zu Tage liegt, wird doch nicht zur Schau gestellt; sie transformiert sich poetisch und wird zum Kunstwerk. Lavant weiß genau, dass es kein Ausweichen vor der ihr zugemuteten Aufgabe gibt: "Her mit dem Kelch, ich trinke, was ich muss", spricht sie in einer schroffen Art, aber wenn sie wenig später, im selben Gedicht, liest: "Es ist nicht not, von Sternen abzustammen, / um aus dem Toben heil hervorzugehen", dann zittert und versinkt die Stimme gerade beim letzten Verb und konterkariert völlig die mit ihm angedeutete Hoffnung. Die "arme Seele", die sich vielleicht einen Moment lang fühlt, "als stünde eine Wandlung ihr bevor", wird sie doch nicht erleben: "Vom Himmelsrand neigt sich das Halbmond-Ohr / und täuscht mir Betenden Erhörung vor", schließt das Gedicht.
Die Aufgabe ist also übermenschlich schwer. "O dunkler Auftrag, jetzt schon so gewiss: / Das Köstlichste von meinem Herzen weg / hinaufzureichen, bis der Herr verspürt, / was für ein Wunderbrot die Erde trägt", endet "Ich steh im Mondeshof auf einer Sternenspitze" (ebenfalls aus Die Bettlerschale, aber nicht von der Dichterin aufgenommen). Mit dem Rilke-Anklang des ersten Verses stellt sich das Gedicht in größter und freier Bewusstheit in eine Tradition, für die das Eigentliche der Lyrik darin gründet, die Dinge der Welt in einen Kunst-Raum zu stellen, der so selber erst entsteht.
Die CD des Hörverlags bringt alle von Christine Lavant existierenden Tonaufzeichnungen von Lyriklesungen. Insgesamt sind neunzehn Gedichtvorträge archiviert. Im zweiten Teil der CD liest Elke Heidenreich aus Spindel im Mond und Der Pfauenschrei. Man kann es unmöglich versuchen, die lyrische Intensität, die die Stimme der Dichterin ausdrückt, auch nur anzustreben. Heidenreich bemüht sich darum folglich nicht, sondern trägt die Texte durchaus eigenständig vor. Sie liest gut, wenn sie auch manchen Vers zu brüsk oder knapp beendet. Dennoch fehlt etwas. Bei wiederholtem Hören wird klar, was: die Poesie, in deren Entstehungsprozess man bei Lavant hineingenommen ist, verwandelt sich hier zurück in Prosa. Heidenreich liest keine Lyrik, sondern Sätze, die dem normalen unverwandelten Sprachraum angehören. In gewisser Hinsicht ist das sogar zu begrüßen. Wir werden, interessante und beeindruckende Texte aufnehmend, gleichsam in den Bezirk unseres Daseins zurückgeleitet.
Wer sich für Lyrik interessiert, der sollte diese Aufnahmen hören. Die zweite Stimme aktualisiert in einer unpoetischen Zeit große Kunst und macht, in der Differenz, das Unerhörte der ersten noch vernehmbarer.