Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 5
Internationales Max-Kommerell-Kolloquium
in Marburg, 11. bis 13. Oktober 2001
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Wenige Monate vor dem 100. Geburtstag Max Kommerells luden der Fachbereich Germanistik und Kunstwissenschaften der Universität Marburg in Verbindung mit dem Dipartimento di Germanistica e slavistica der Università degli Studi di Verona zur Auseinandersetzung mit seinem wissenschaftlichen Werk nach Marburg ein, der Stätte seines letzten Wirkens in den Jahren 1941 bis 1944.
Gerhard Pickerodt, Mit-Initiator des Kolloquiums, wies in seiner Einführung darauf hin, dass sich das eigene Fach in einer Identitätskrise befinde, ein Zurück nicht möglich sei, sich aber die Frage erhebe, ob es nicht im Werk Max Kommerells wichtige Impulse für die Zukunft geben könne. Für diesen stand die Literatur als Kunstform im Mittelpunkt: ihre sprachliche Verfasstheit diesen Fragen nachzugehen sei eine der Aufgaben, der man sich stellen wolle. Walter Busch aus Verona hob die wachsende internationale Wirkung Kommerells hervor, die allein schon aus der Zahl der Übersetzungen ins Italienische, ins Französische und Englische erkennbar werde, und betonte zugleich das Interesse am geistigen Marburg der 20er Jahre, an dem Max Kommerell als Student vom Herbst 1921 bis zu seiner Promotion im Frühjahr 1924 Teil hatte und wo er in den Kreis um Stefan George eintrat, vermittelt durch den Marburger Historiker Friedrich Wolters.
Die Reihe der Vorträge, deren wissenschaftlichen Ertrag ihre Publikation übers Jahr zusammenfassen wird, wurde von Eva Geulen (New York) eröffnet mit einem Hinweis darauf, dass es Widerstände zu überwinden gelte, wenn man den fast vergessenen Kommerell wiederfinden wolle. Sie stellte Ihre Ausführungen unter den Begriff des Übergangs", unter dem man auch die Brüche in Werk und Leben Kommerells erfassen könne. Sich wandeln und doch bleiben", Verwandlung als Aufgabe. Unter diesem Aspekt bezog sie unterschiedliche Arbeiten ein, u.a. den Faust-Kommentar Kommerells, seine Hölderlin-Betrachtungen, seinen Schiller-Essay. Alle diese Texte wurden in den folgenden Vorträgen vielfältig und unter weitgefächerten Fragestellungen entschlüsselt. So von Isolde Schiffermüller (Udine) unter dem Titel Gebärde, Gestikulation und Mimus" (1), von Ulrich Port (Köln) mit besonderer Betonung der Sprachgebärde", von Gerhard Pickerodt als Kommerells Philosophie des Verses". Alle diese Ausführungen bezogen die Gestalt Kommerells in der einen oder anderen Weise ein, so in den Auswirkungen des Georgekreises für ihn mit der Ablehnung der Philologie in der damals vorherrschenden Praxis, ihrer für Kommerell, dem Dichtung lebensnotwendig war, grundfremden Wissenschaftssprache. So wurde schon am ersten Tag auf seine eigenen dichterischen Aussagen verwiesen, etwa mit den Versen:
Der Gelehrte
Tag. Das Fenster. Im Quadrat
Mir genug des Weltgesichtes.
Hohe Blumen, schlanke Tiere,
Bild der Wolke, Gang des Lichtes:
Was da in den Rahmen trat,
Wird geheim und innerlich,
Und ich reinige und ziere
Seinen Aufenthalt: mein Ich.Nacht. Die Lampe. Wo ihr gelber
Lichtkreis schwebt auf dem Papiere,
Reden mich die Lettern an:
Tote, die ihr Schweigen brechen.
Meine Lippen ahmen ihre
Sprache leise nach. So kann,
Ach wie bald gestorben, selber
Mit den Lebenden ich sprechen.Im Vortrag von Mathias Bormuth (Tübingen) Max Kommerell und die Psychologie der Moderne" stand sein Roman Der Lampenschirm aus den drei Taschentüchern" im Mittelpunkt und der erste Tagungstag schloss mit Kai Köhler (Marburg) zu Kommerells dramatischem Werk": vom Zauber des Zelts" über die Kasperlespiele bis zum Trauerspiel Die Gefangenen".
Besonders schön wurde die Begegnung mit Max Kommerell als Dichter fortgesetzt durch die Lesung von Blanche Kommerell zu Beginn des abendlichen Beisammenseins. Sie las aus Texten, die sie 1993 unter dem Titel Spurensuche" (2) herausgab, neben Partien aus Briefen und Essays eben auch eine Anzahl Gedichte. Der genannte Band enthält einen Beitrag von Gert Mattenklott, der leider seinen Vortrag über Max Kommerell als Korrespondent", der für den zweiten Tag vorgesehen war, absagen musste.
Dabei hätten seine Ausführungen gut den Bericht von Dorothea Hölscher-Lohmeyer (München) über die von ihr vorbereitete Gesamtedition ergänzt: Geist und Buchstabe der Briefe Max Kommerells". Kommerell selbst hätte an eine Publikation von Briefen aus seinem Nachlass kaum gedacht. Inzwischen sind in der Ausgabe von Inge Jens bereits 87 Briefe von den etwa 1500 in den Archiven in Marbach und Stuttgart vorhandenen veröffentlicht. Die dichte Folge der Briefe Kommerell war ein passionierter Briefschreiber- die hinzukommen, geben vor allem Aufschluss über die Situation der Jugend in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg und ihr Verhalten im Nationalsozialismus, gehen also über das nur Persönliche hinaus. Für Kommerell zeigt sich, dass es eigentlich in seinem Lebenslauf keine Entwicklung sondern immer neue Anfänge gibt: Gerade seine Treue zu sich selbst führt ihn immer wieder ins Chaos die Zäsuren werden im Briefwerk deutlich. Schon die Jugendbriefe zeigen ihn als Leser, der einen gewaltigen Stoff schon als 14jähriger bewältigt. Seine tiefsten Eindrücke kommen von Hölderlin und Karl Spitteler. Die Edition der Briefe Kommerells an Stefan George stellen die Herausgeberin vor erhebliche Schwierigkeiten, sie sind undatiert und ergeben doch nur in ihrer zeitlichen Einordnung das richtige Bild der Beziehung, zumal die Gegenbriefe verloren sind (ob von Kommerell wirklich verbrannt?). Max Kommerells politische Einstellung war Gegenstand der Fragen am dritten Tag, in den Briefen fehlen zusammenhängende politische Aussagen aus der Zeit mit George, deren Ende 1930 zum tiefsten Bruch im Leben des Jüngeren führte, zugleich aber auch als eine Befreiung aus dem Zelt des Magiers empfunden wurde (aus einem Brief von 1943). Von 1930 bis 1944 bezeugen die Briefe dann das neue Leben.
Es folgten Vorträge zu einzelnen Werken Kommerells, zu seiner Beschäftigung mit Calderón: Claudia Albert (Berlin) sprach über diese Welt aus Zeichen", Paul Fleming (Baltimore) analysierte Kommerells Jean Paul" und Elmar Locher (Verona) behandelte den Kleist-Essay Die Sprache und das Unaussprechliche". Hansgeorg Schmidt-Bergmann (Karlsruhe) hatte zuvor über das Thema Der späte Kommerell und Rilke" gesprochen, wobei er sich vielfach auf das von ihm kürzlich aufgezeichnete Gespräch mit Hans Georg Gadamer beziehen konnte, und den Abschluss bildeten für diesen Tag die gelehrten, lebhaft vorgetragenen Erörterungen von Arbogast Schmitt (Marburg) zu Lessing und Aristoteles" und die Deutung von Mitleid und Furcht durch Corneille, Lessing und schließlich Kommerell.
Der letzte Tag des Kolloquiums, an dem wie zuvor schon im Anschluss an die Vorträge mehr oder weniger lebhaft gefragt und diskutiert wurde, brachte erhebliche Kontroversen ans Licht. Es begann mit der Erörterung von Kommerells Hölderlininterpretationen im Vergleich mit George und Heidegger" durch Walter Busch (Verona). Darauf folgten Rainer Nägele (Baltimore) zum Thema Kommerell und Benjamin als Kritiker", von dem Kommerell selbst kritsch betrachtet wurde, und Milena Massalongo (Verona) mit ihrem Vortrag über Kommerell und Benjamin in Konfrontation: Versuch einer kontrastiven Analyse der Sprachgebärde".
Nach der eindringlichen Darstellung von Kommerells Konzeption des Augenblicks" in seinem Werk Gedanken über Gedichte" durch Matthias Weichelt (Berlin), mit der die Einzeluntersuchungen zu Arbeiten Kommerells ihren Abschluss fanden, trat im letzten Beitrag Die Konstellation Max Kommerell und Werner Krauss. Schreiben als Sprechen über Literatur in finsteren Zeiten" ganz explizit das Politische in den Mittelpunkt. Martin Vialon (Istanbul) stellte die Lebensläufe der beiden Protagonisten nebeneinander und verdeutlichte das Verbindende wie das Trennende. Ausführlich stellte er an Hand der Quellen die Geschichte von Kommerells Berufung nach Marburg im Jahr 1941 und die Hindernisse dar, die dabei zu überwinden waren Dabei wurden die Bedingungen sichtbar, die zum Widerstand oder eben zu dem Versuch führten, unter eben diesen Bedingungen weiter zu schreiben und zu lehren.
In der Abschlussdiskussion traten die Fragen nach Widerstand und Rückzug, nach Konservativismus und Moderne in den Mittelpunkt, die während der gesamten Tagung punktuell angesprochen worden waren. Hier kamen auch die ehemaligen Schüler Kommerells aus seiner Marburger Zeit zu Wort, für die er einen prägenden Einfluss vor allem daraus gewann, dass hier ein Dichter über Dichtung sprach und sich darin abhob von dem damals Bestimmenden. Für sie war es ein Geschenk, in der Alten Aula, in der vor 53 Jahren Gadamer des verstorbenen Freundes gedachte, mitzuerleben, wie Max Kommerell zu einer nun schon übernächsten, ganz anderen Generation zu sprechen beginnt.
(1) Nicht alle Titel der Vorträge werden im vollen Wortlaut wiedergegeben.
(2) "Max Kommerell Spurensuche herausgegeben von Blanche Kommerell mit einem Beitrag von Gert Mattenklott". Edition literarischer Salon (Gideon Schüler) Gießen 1993.