Marburger Forum    Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 2 (2001), Heft 5


Lob der Langsamkeit

Außerhalb von Raum und Zeit

von László F. Földényi

Langsam sein bedeutet für mich heute vor allem, anachronistisch zu sein. Was auch heißt, gemäß einer unangemessenen Zeit zu existieren. In der Tat, die Langsamkeit birgt etwas Archaisches, etwas Überholtes in sich. Langsam zu sein in einer sich beschleunigenden Welt ist fast eine Art Trotz, der sogar in Empörung ausarten könnte. Doch der Langsame ist im allgemeinen auch still. Die Empörung indes kann auch in der Stille vor sich gehen. Ja, je lauter die Welt ist - und seit sie sich beschleunigt hat, ist sie auch lauter geworden -, desto aufrührerischer kann die Stille sein. Genauer formuliert: die gewählte, die geschaffene Stille. Heutzutage sind Schnelligkeit und Lärm natürlich geworden; um das Recht der Stille und der Langsamkeit dagegen muß gekämpft werden. Wie darum beispielsweise auch John Cage mit seinem 1952 "erklungenen" Werk 4'33" gekämpft hat (damals war seine Stummheit tönend geworden). Ein innerer Kampf mochte diesem Werk vorausgegangen sein. Ein Jahr darauf begann Cage, sich intensiv mit dem I-ching, dem Wahrsage- und Weisheitsbuch, auseinanderzusetzen, das heißt, indem er sich von der amerikanisch-europäischen Kultur abwendete, die das zwanzigste Jahrhundert dominierte, unterwarf er sich der Anziehungskraft fernöstlicher Anschauungsweise. Statt der Schnelligkeit hatte er die Stille und die Langsamkeit gewählt (wie 1971 Robert Wilson, der in Deafman Glance ebenfalls die Aufmerksamkeit auf den wechselseitigen Zusammenhang von Stummheit und Langsamkeit gelenkt hat). Allerdings erschien diese Langsamkeit nicht als Gegensatz zur Schnelligkeit. Das Meßinstrument der Schnelligkeit ist die Uhr; Cage aber sehnte sich nach einer Langsamkeit, die mit Hilfe der Uhr nicht zu messen ist. Diese Langsamkeit ist das Zeichen inneren, geistigen Gefaßtseins. Also kann dieser Zustand auch nicht als Langsamkeit bezeichnet werden; richtiger wäre, von einer intensiven Anwesenheit zu sprechen.

Eigentlich ist es das, was in der beschleunigten Welt von heute wahrhaft anachronistisch ist. Die in der Langsamkeit lauernde Möglichkeit einer intensiven Anwesenheit, um die der Mensch meist gerade durch die Schnelligkeit gebracht wird, ist unzeitgemäß geworden. Um Mißverständnissen vorzubeugen, ist festzuhalten: Nicht der schnelle Mensch ist es, der diese Intensität verfehlt, sondern die beschleunigte Zivilisation. Schnelligkeit hat schon immer existiert. Doch eine schnelle Zivilisation existiert erst seit der industriellen Revolution. Und eben von diesem Zeitpunkt an hat sich die Langsamkeit zusehends verdächtig gemacht. Laut Einschätzung der Schnellen verbirgt sich nämlich hinter der Langsamkeit eine Rhythmusstörung. Darin manifestiert sich angeblich das Verlangen, die Zeit zu verwirren, zu brechen oder gar aufzuheben. Hinter der scheinbaren Passivität könnte sich also sehr wohl eine aktive Absicht verstecken. Und in den Augen vieler ist die Faulheit deshalb irritierend.

Daß die Schnellen angesichts der Langsamen im allgemeinen mehr Verdruß empfinden als umgekehrt, ist verräterisch. Dabei tut der Langsame das gleiche wie der Schnelle: Die gleichförmige Zeit, die weder langsam noch schnell, sondern eher tödlich gleichgültig ist, versucht er, dem eigenen Rhythmus anzupassen. Nach einem Zuhause verlangt es sowohl den Langsamen wie auch den Schnellen. Die Zeit freilich vergeht für jenen ebenso unaufhaltsam wie für diesen. Und dennoch, es hat den Anschein, als verstriche die Zeit der ersteren langsamer. Etwa so, wie im achtzehnten Jahrhundert, dessen Romanautoren - zumindest in der Sicht Virginia Woolfs - die Zeit noch mit einer langsamer gehenden Uhr gemessen haben sollen. Langsamer neigten sich die Tage ihrem Ende zu, langsamer vollzog sich der Wechsel der Jahreszeiten, weshalb auch die Jahre länger waren.

Und das Menschenleben? Es mündete ebenso in den Tod wie zweihundert Jahre später. Doch es ist, als wären deshalb weniger Klagen zu hören gewesen. Oder aber es wurde anders geklagt. Denn seit der Geist der Sehnelligkeit zunehmend maßloser geworden ist, erweist sich als Hauptgrund der Klage nicht das Aufhören des Lebens, sondern vielmehr dessen Kürze. Je schneller die Zivilisation, desto gieriger ist sie; und je gieriger, desto unersättlicher. Hinter der Schnelligkeit ist stets der Hunger wahrzunehmen; dies aber ist auch ein Zeichen des Ausgeliefertseins. Wer schnell ist, der erleidet auch den eigenen Zustand. Und das selbst dann, wenn er dabei das Gefühl hat, daß es von seinen Energien und Fähigkeiten, das heißt von seinem Zielbewußtsein abhänge, wie schnell er jene Zeitdauer, dessen Ende der langsame Mensch am liebsten nie erreichen würde, hinter sich lasse.

Ausgeliefert sind sie beide. Ausgelieferte des Endes. Wer schnell ist, der will letztlich die Zeit hinter sich lassen; am liebsten würde er gerade das abschaffen, dem er seine Schnelligkeit zu verdanken hat. Der Schnelle verhält sich wie der Regenwurm (abgesehen von dessen Langsamkeit): Alles, was er vor sich sieht, verschlingt er, frißt sich durch jene Substanz, in der er zu Hause ist, und solange etwas bleibt, was er noch nicht erobert hat, fühlt er sich unbefriedigt. Wäre er schnell genug - schneller nicht nur als der Regenwurm, sondern auch als das Licht -, würde er sich schließlich im Nichts wiederfinden: Die wahrhaftige Erfüllung würde für ihn der Verlust von allem bedeuten. Wer schnell ist, der leidet also nicht nur chronisch an Hunger, sondern ist auch ein geborener Nihilist. Alles Seiende verneint er, denn solange etwas existiert, kann es auch hinter ihm gelassen werden. Letzten Endes verneint er also sich selbst. Einen ähnlichen Zustand nannte Kierkegaard Krankheit zum Tode.

Und wer langsam ist? Der will die Zeit nicht hinter sich lassen, sie nicht einmal einholen. Auch er versucht, außerhalb der Zeit zu gelangen. Doch möchte er sich nicht vor sie, sondern hinter sie setzen. Der langsame Mensch, das haben wir gesehen, empört sich. Nicht gegen den Schnellen, sondern gegen die Zeit. Genauer gesagt: gegen das Ausgeliefertsein an die neutrale, tödliche Zeit. Die Zeit vergeht; und wer langsam ist, der erlebt diese Vergänglichkeit als ein Attentat gegen seine Person. Wer ist der Attentäter? Wir können ihn Kosmos nennen, wir können ihn Gott nennen. Wer die Langsamkeit wählt, der ist bemüht, sein Leben just jener Oberhoheit, der er dieses verdankt, zu entziehen. Statt der von anderen ihm aufgezwungenen Zeit will er die eigene Zeit leben. Ähnlich denen, die - auf jeweils andere Weise - eine zeitlose Zeit anstreben. Auch er experimentiert mit der Unsterblichkeit.

Langsamer werden heißt, zusehends außerhalb von Zeit und Raum zu gelangen. Oder, was das gleiche bedeutet, Zeit und Raum schrumpfen, so daß sie immer kleiner und enger werden. Und wenn alles endgültig langsamer wird und schließlich in Bewegungslosigkeit erstarrt - die Füße, das Herz, der Gedanke zum Stillstand kommen, während der Mensch durch irgendein Wunder dennoch am Leben bleibt, hören Raum und Zeit auf zu sein. Und dann fängt der Mensch an, dem zu gleichen, dem allein unsere Kultur diese Bewegungslosigkeit gestattet: Gott. Außerhalb von Raum und Zeit wird er auch nicht Vergänglichkeit und Tod erfahren. In der Tat, dieser Augenblick kann tödlich sein. Dennoch, wer diese Erfahrung machen kann, der darf, wie Cecchino Bracci, mit Michelangelos Worten auch selbst sagen: "erschaudernder ist's, ins Sein zurückzukehren, / als zu verweilen, da hierhin geboren, / wo der Tod verstarb." Angesichts dessen, daß sich die Zivilisation maßlos beschleunigt hat, ist gerade dieser zugleich göttliche und dennoch tödliche Charakter des Lebens in Vergessenheit geraten. Die schnelle Kultur will die Zeit hinter sich lassen, um nicht mit dem Tod konfrontiert werden zu müssen. In der Zwischenzeit aber kehrt sie auch all dem den Rücken, was einen jeweiligen Augenblick heilig machen könnte.

Ich würde dazu neigen, der Langsamkeit einige Melancholie zuzuschreiben. In der Langsamkeit findet sich etwas Tödliches und Göttliches. Und das selbst dann, wenn der langsame Mensch an all das gar nicht denkt. Der Langsamkeit eignet stets eine gewisse Würde; schwerlich läßt sich Würde in Eile und Hast gekleidet vorstellen. Seien es königliche Majestät oder atemberaubende Schönheit (gibt es doch in der Schönheit etwas, das einem nicht nur den Atem nimmt, sondern das zugleich auch die Zeit aufhebt), die Würde weckt Melancholie, weil das, wonach sie sich sehnt, sich niemals vollkommen erfüllen wird. Endgültig hinter die Zeit zu gelangen, ist nicht möglich. Und das selbst dann nicht, wenn dies das einzige Unterpfand für die Unsterblichkeit ist. Das Kriterium des Lebens ist gerade darin zu sehen, daß es sich um Bewegungslosigkeit lediglich bemühen kann. Würde es dennoch in Bewegungslosigkeit erstarren, könnte es länger nicht mehr als Leben bezeichnet werden.

Mit dem Geist der Schnelligkeit zu konkurrieren ist schwer, zumal dessen Wesen darin besteht, niemanden vor sich zu lassen: Ein Zuhause findet er in dem, was ganz vorne ist, dem Ende am nächsten. Nur eines gibt es, das mit ihm den Wettkampf aufnehmen kann: die Langsamkeit. Nicht dank der Schnelligkeit, sondern im Gegenteil, wegen ihrer Langsamkeit. Wegen des Prinzips des Verzichts. Weil sie statt Anhäufung Leere wählt. Weil sie die Melancholie bejaht, diese rätselhafte Reserve des Lebens, die man sich nur durch lange Übung aneignen kann. Sowohl hinter der Langsamkeit wie auch hinter der Schnelligkeit spukt die endgültige Bewegungslosigkeit. Erstere indes ist gleichzusetzen mit einer Fundgrube an Möglichkeiten, letztere eher mit Lähmung. Und das selbst dann, wenn in der Schnelligkeit einstweilen nur Eile und Laufen wahrzunehmen sind. Doch in der Hektik nicht das Keuchen und im Keuchen nicht die Luftnot zu bemerken, ist schwierig.

Die Hoffnung ist immer unzeitgemäß: Sie lehnt sich gegen die Zeit auf. Auch die Langsamkeit ist deshalb anachronistisch. Sie erhält das Prinzip Hoffnung am Leben. Die Hoffnung der Seele besteht in dem Glauben, noch in sich selbst Rückzugsmöglichkeiten zu besitzen. Die Langsamkeit bietet eine Chance gefaßt zu sein. In einem solchen Moment strebt der Mensch kein Ziel an, im Gegenteil: Er ist ziellos. Das macht ihn langsam; er hat Zeit. Genauer gesagt: Er hat keine Zeit, weil er noch vor der Zeit steht. Damit zu beginnen, sich zu bewegen, sich zu beschleunigen, das heißt sich zu verwirklichen, das hat er vor sich. Sich entfalten zu lassen, was er sich im Zustand der Langsamkeit angeeignet hat: die Fähigkeit zum gemeinsamen Sein mit der tödlichen Bewegungslosigkeit. Denn die Langsamkeit ist die Vorbereitung auf den Tod. Und durch dessen Einübung wird auch das Leben erträglicher.

Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke

[Zuerst erschienen in: Kursiv, 3-4/1996, Österreich]

Diesen Text im pdf-Format herunterladen