Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 5
Paris tut not"
Rainer
Maria Rilke Mathilde Vollmoeller, Briefwechsel
Hg. von Barbara Glauert-Hesse
272 Seiten, DM 48,- ISBN 3-89244-442-0
Wallstein Verlag, Göttingen 2001
Paris thut noth" um es in Rilkes Schreibweise zu zitieren steht mit vollem Recht über seinem Briefwechsel mit der Malerin Mathilde Vollmoeller, so oft auch die Briefe aus anderen Städten Europas datiert sind. Paris bleibt bis zum Schluss 1920 der zentrale Ort.
In den fast hundert Briefen stehen sich der Dichter und die Malerin, sie waren fast gleichaltrig, in Augenhöhe gegenüber. Ihr Interesse an Bildern und deren Ausstellungen, an Büchern und Landschaftseindrücken verbindet sie, von ihren Arbeiten ist allerdings nicht die Rede. So bleiben sowohl die Neuen Gedichte" Rilkes unerwähnt wie Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", die doch zwischen 1906 und 1910 in Paris entstehen, von den ersten Elegien" ganz zu schweigen, und Rilke spricht mit der Freundin von all seinen Büchern nur über Die fünf Briefe der Nonne Marianna Alcoforado" (am 31.10.1907, die in seiner Übertragung erst 1913 erscheinen) und sendet ihr 1911 die französische Fassung des Sermons Die Liebe der Magdalena", die 1912 in seiner Übersetzung herauskommt (s. S. 87 und Anm.). Der nur wenig jüngeren schwedischen Malerin Tora Vega Holmström dagegen, auch sie traf Rilke in Paris wieder, schenkte er am 13.6.1908 seine Übertragung von Elizabeth Barrett-Brownings Sonette nach dem Portugiesischen" und am 5.11.1913 sein Marien-Leben" (Chronik, S.1354 und 1364). Es bleibt ganz offen, was Mathilde Vollmoeller gekannt hat, ob z.B. das Requiem" auf Paula Modersohn-Becker ? Aber auch von ihren Bildern wird in den Briefen nicht gesprochen von deren Aufnahme in Stuttgart und bei den Ausstellungen deutscher Künstler in Paris erfahren wir in den ausführlichen und weitgespannten Erläuterungen der Herausgeberin (S. 193) und in ihrem begleitenden Essay (S.248/49).
Man mag dies für einen Mangel halten, es ist jedoch ein Teil der Diskretion, die bei der Lektüre nie den Eindruck entstehen lässt, man sei Zeuge sehr persönlicher Mitteilungen das gilt auch angesichts der eher sparsamen Äußerungen zur jeweiligen Lebenssituation der Schreibenden. Auffallend ist auch das in Rilkes Korrespondenzen ganz ungewöhnliche Fehlen von Anreden, das sich beim ersten Brief vielleicht daraus erklären lässt, dass es sich um einen innerstädtischen Rohrpostbrief, ein pneumatique", handelt. Der Antwortbrief bezieht die Anrede in den ersten Satz ein und wie auf Grund einer stillschweigenden Übereinkunft bleibt es dabei bis zum letzten Brief vom 3.10.1920. Hier heißt es zum ersten Mal : Verehrte Freundin". Nachweisen lässt es sich an den der ersten Ausgabe von 1993 beigegebenen Handschriftenfaksimiles (S.136, 138 und 140), die in der vorliegenden Ausgabe leider fehlen.
Am 12.Juni 1906 las Rilke, wie er seiner Frau berichtete, in einem Atelier (rue Campagne Première) ... für sechs junge Menschen" seinen Rodin-Vortrag. Es wird dies nicht (wie in der Chronik" noch angenommen) das Atelier Mathilde Vollmoellers gewesen sein, da sie erst am 1.September 1907 dort einzog, sondern vermutlich das von Dora Herxheimer, die Rilke schon länger kannte. Für Rilke und Mathilde Vollmoeller war dies eine zweite Begegnung, denn bereits 1898 hatten sie beide an einer Lesung Stefan Georges im Hause Lepsius in Berlin teilgenommen. Damals war auch der künftige Schriftsteller und Kosmopolit Karl Gustav Vollmoeller, ein jüngerer Bruder Mathildes, zugegen, der seit 1904 ebenso wie Rilke Autor des Insel-Verlags wurde; mit einer Übertragung aus dem Englischen Liebesbriefe eines englischen Mädchens"; an dieser Arbeit war die Schwester beteiligt, auch wenn sie ungenannt blieb.
Die Erinnerung an diesen Abend in Berlin konnten die Geschwister bei einem Besuch Rilkes in Florenz, wo Karl Vollmoeller inzwischen lebte, vom 25. bis 30.April 1908 heraufrufen, zumal auch der Maler Reinhold Lepsius dort gerade zugegen war, bei dem George vorgetragen hatte. Damals befand Rilke sich auf der Rückreise von seinem zweiten Aufenthalt in Capri nach Paris, wo ihn diesmal das Atelier Mathilde Vollmoellers erwartete, das ihm für die nächsten Monate zur Verfügung stand. Am 13.5.1908 schrieb er aus Paris an Kippenberg: Durch eine sympathische Fügung konnte ich für einige Zeit eine fertige Wohnung übernehmen, die ich brauchen kann so wie sie ist. Ein Atelier und ein kleines Schlafzimmer. Unter diesen Umständen werde ich Ihnen beim nächsten Anlaß hoffentlich schon schreiben können, daß ich in lauter Arbeit bin. Zunächst: ich bin in Paris, und dies ist, wie Sie wissen, die denkbar beste Voraussetzung." (zit. S. 158).
Tatsächlich spielt dies Atelier in den Briefen eine bedeutende Rolle von allen seinen Pariser Unterkünften" war ihm diese die liebste und noch als er in der rue de Varenne im späteren Musée Rodin wohnte, sehnte er sich in die rue Campagne-Première (Nr.17) zurück. Seine letzte Pariser Wohnung bezog er dann 1913 in eben diesem Haus. Diese Wohnung ist es, die er 1914 ahnungslos verlässt und deren Inhalt (allein sieben Bücherkisten und alle Möbel) versteigert wird, weil er die Miete im Kriege schuldig bleibt. Zu diesem Sachverhalt bringen die Briefe des Jahres 1915 (die hier zum ersten Mal erscheinen) wichtige Aufschlüsse. Im Gegensatz zu Purrmanns (Mathilde Vollmoeller war seit Januar 1912 mit dem Maler Hans Purrmann verheiratet) war es Rilke nicht gelungen, seine Miete in Paris weiter zu bezahlen, obwohl die Möglichkeit dazu bestanden hätte. Sein Brief vom 17.9.1915 gesteht dies Versäumnis ein. Er konnte nicht wissen, dass die Concièrge Madame Cordier wenigstens seine persönlichen Papiere in zwei Koffern gerettet hatte, die er durch die Vermittlung André Gides nach dem Krieg zurückerhielt, Briefe vor allem, auch die von Mathilde Vollmöller. Für Madame Alice, die Zugehfrau, bemühten sich Frau Purrmann und Rilke, den Aufenthaltsort ihres jungen Verwandten Pierre Mauger aufzuklären, der in deutscher Kriegsgefangenschaft vermutet wurde, zum Glück dann aber in Frankreich aufgefunden wurde.
Geht man den Briefband der Reihe nach durch, so findet sich ein erster Schwerpunkt in den Sommereisen des Jahres 1906, die Mathilde Vollmoeller in die Bretagne und Rilke nach Flandern führten. Nach längerer Pause - Rilke kommt erst am 31.5.1907 nach Paris zurück, tritt die große Cézanne-Ausstellung im Salon dAutomne in den Mittelpunkt des gemeinsamen Interesses. Im Oktober sehen sich die beiden fast täglich bei den Bildern des Malers. In dieser Zeit entstehen die sieben großen Briefe Rilkes über Cézanne, die er an Clara Rilke schreibt. Ihr rühmt er auch, wie sehr ihn die Freundin zu sehen lehrte (12.10.1907, zit. S.151). Unmittelbar vorher überließ Mathilde Vollmoeller Rilke für einige Tage eine Mappe mit van-Gogh-Reproduktionen, die sie aus Amsterdam mitgebracht hatte auch dies Anlass zu gemeinsamer Betrachtung, (s. Rilkes Brief an Clara Rilke vom 2.10.1907, zit. S.149/50, in dem er zugleich verdeutlicht, wie wohltuend der Umgang mit Mathilde Vollmoeller für ihn ist.).
1908, während Rilke das Atelier 17, rue Campagne-Première bewohnt, hält er sie nicht nur über die häuslichen Belange auf dem laufenden, sondern berichtet von dem Einzug seiner Frau ins Palais Biron, 77, rue de Varenne, wo er im Herbst dann auch Quartier nimmt. Und natürlich von Paris: ... wir haben so kühle Tage, daß auch das eine Hülfe ist zu unaufhörlichem Am-Stehpult-Stehen. Allerdings auch kalten Regen, der die braunen Kastanienblätter frühzeitig abschlägt, und den Akrobaten des Quatorze Juillet, die ich sorgfältig wieder aufgesucht habe, viel Unrecht gethan hat." (20.7.1908; für Dora Herxheimer beschrieb Rilke in diesen Tagen die Saltimbanques" des Père Rollin").
Im Jahr 1909 beginnen die Reisebriefe zu überwiegen, Mathilde Vollmoeller hält sich in Cassis am Mittelmeer auf, zweimal in diesem Jahr mühsamer Arbeit am Malte" fährt Rilke für einige Tage in die Provence und sucht Erholung im Schwarzwald, von woher er ihr seinen Aufstieg im Straßburger Münster schildert: Fast am Schönsten wars, im Aufwärtskreisen die Ausschnitte wahrzunehmen, die sich ergaben und unten, krokodilenfarben, alle die alten Dachschuppenmassen sich auf- und abhebend zu sehen, zusammenhängend und altstädtisch ineinandergeschoben ..." (2.9.1909, S.62).
Doch auch unterwegs denkt Rilke für die Freundin zurück nach Paris, so wenn er aus Elberfeld, wo er aus seinen Werken liest, von der Cézanne-Ausstellung bei Bernheim jeune berichtet, die gerade eröffnet werden sollte. Er verschob seine Abreise: und war am Nachmittag vorher noch zwei Stunden vor den Cézanne, die Fénéon mir ruhig und langsam gegenüberstellte, eines nach dem anderen, vielleicht an zwanzig Bilder. Die Frau im rothen Fauteuil war dabei (...) , das eine Kartenspielerbild aus dem Salon und eine der Nature-morte, die damals zu sehen waren. Und dann vieles mir ganz Neue, nicht Unerwartete, aber doch die große Erwartung weit Übertreffende; Landschaften, sehr weit geführte Porträts; alles, mit einem Wort. Und wieder entstand, kaum daß da zehn Bilder auf einmal nebeneinanderstanden, die gewisse Luft, die von ihnen ausgeht, die Atmosphäre, die das Geheimnis ihrer Einheit enthält; ich sage es schlecht jetzt, aber Sie werden wissen, was ich meine" (10.1.1910, S.71).
So beginnt ein unruhiges Jahr für Rilke, das mit der Reise nach Nordafrika endet nur vorübergehend hält er sich in Paris auf und auch 1911 kommt es nur zu einer kurzen Begegnung dort, da er erst im April zurückkehrt. Während Mathilde Vollmoeller in Stuttgart bei ihrem erkrankten Vater ist, berichtet Rilke von Ausstellungen und erst nach einer langen Pause nimmt er die Korrespondenz wieder auf: aus Duino (20.12.1911) und schreibt ausführlich über die Bilder el Grecos, die ihn nicht los lassen, bis er ihnen dann in Toledo leibhaftig gegenübersteht. Inzwischen hat die Freundin geheiratet und lebt in Ajaccio auf Korsika.
Im November 1912 ist es soweit, Rilke reist nach Spanien, schreibt aus Toledo einen großen Brief, der allein schon die Lektüre des Briefwechsels lohnen würde und dann aus Ronda. 1913 sind beide zurück in Paris, Mathilde Purrmann-Vollmoeller mit ihrer kleinen Tochter, man sieht sich und zu Weihnachten schenkt Rilke der Freundin die Handschrift seines Gedichtes Sankt Christofferus" , das beginnt : Die große Kraft will für den Größten sein ..." aus dem April dieses Jahres (SW 2, S.58). Man bedauert, dass es in den Anmerkungen steht und nicht im Text der Briefe, wo es viel besser zur Geltung käme. Denn in gewisser Weise bildet es einen Einschnitt, 1914 haben sich die Wege beider doch von einander entfernt, zu der Tochter ist ein kleiner Sohn gekommen Rilke dagegen wird vom Briefwechsel mit Magda von Hattingberg und den folgenden gemeinsamen Reisen mit ihr absorbiert und bald nachdem er tief ernüchtert nach Paris zurück gekehrt ist, macht er sich, ebenso wie die Familie Purrmann, zu einer Sommerreise nach Deutschland auf. Rilkes letzter Brief aus Paris an die Freundin ist vom 15.Juni 1914, schon nach ihrer Abreise.
Paris tut noth" könnte auch über dem letzten Brief Rilkes überhaupt stehen, den er an die verehrte Freundin am 23.Oktober 1920 aus Genf schrieb: Aber nun denken Sie: seit vorigem Mittwoch besteht die erstaunliche Aussicht für mich, vielleicht um die Mitte Oktober für zehn oder vierzehn Tage selbst nach Paris zu gehen (...) Ins Musée Rodin zu gehen: mein Gott, oder auch nur die rue de Seine hinauf, es wäre eines wie das andere, keines wichtiger und jedes unbeschreiblich beglückend ..." (S.126/27).
Die Ausgabe dieser Briefe wird von der Herausgeberin sorgfältig begleitet durch einen Anhang, der alle nötigen Auskünfte Zu dieser Edition" gibt. Hier sind die Schicksale der Briefhandschriften nachgezeichnet sind, von denen 15 seit dem Erscheinen der ersten Ausgabe hinzugefunden werden konnten. Vielleicht finden sich eines Tages auch die bisher fehlenden noch an. Es folgen eine Bibliographie" und die umfangreichen Anmerkungen", die berücksichtigen, dass viele der Rilke-Briefausgaben heute nicht mehr oder schwer zugänglich sind. Sie eröffnen den Blick auf das, was sich neben den Briefen für Mathilde Vollmoeller und für Rilke abgespielt hat und von dem der Briefwechsel einen wichtigen, aber doch schmalen Ausschnitt zeigt.
Unser Band enthält eine Anzahl schöner Bildbeigaben, Porträts von Mathilde Vollmoeller (zu fragen ist, warum sie auf dem Schutzumschlag seitenverkehrt abgebildet erscheint wohl um Rilke nicht den Rücken zuzukehren ?) und Rilke, dabei neben weniger bekannten Aufnahmen auch ein bisher unveröffentlichtes Bleistiftporträt Rilkes von der Hand der Malerin, wenn auch leider keins ihrer Ölbilder wie in der ersten Ausgabe, aber immerhin zwei Zeichnungen und eine Radierung.
Schließlich bietet Barbara Glauert-Hesse in ihrem Essay Paris tut not". Zum Briefwechsel zwischen Rainer Maria Rilke und Mathilde Vollmoeller" alles dar, was zum genaueren Verständnis vor allem der Lebensumstände Mathilde Vollmoellers notwendig ist. Eine Bemerkung sei gestattet. Es heißt da: Es sind die Erfahrungen zweier Ausländer mit Paris. Beide, Mathilde Vollmoeller wie Rilke, sind von Kindheit und Jugend her fest in ihrer Heimat verwurzelt ..." (S.236). Das mag für die Malerin stimmen, für Rilke stimmt es so nicht es sei denn, man bezieht sich allein auf seine Sprache, in der er zu Hause war. Und selbst sie gehörte ihm am ehesten, wenn er in einer anderssprachigen Umgebung arbeiten konnte. Heimat im engeren Sinne gab es für Rilke nicht. Aus Prag hatte er sich früh und endgültig gelöst, Deutschland, dem Deutschen Reich, stand er überaus kritisch gegenüber, ebenso Österreich. Das Russland, in dem er sich heimisch fühlte, war gewiss nicht das wirkliche, sondern ein von dem jungen Dichter erträumtes. Wenn Rilke irgendwo hingehörte, dann in das Europa der Vorweltkriegszeit. Und nach Paris.