Marburger Forum    Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 2 (2001), Heft 5


"Wer..." von Oscar van Woensel

Hessisches Landestheater Marburg    Premiere: 1. September 2001

Ganz ohne Frage handelt es sich bei dem Stück des jungen niederländischen Autors (geboren 1970) um bewußt zeitnahes Theater. Man könnte »Wer...« eine »Familien-Groteske« (Hamburger Abendblatt) nennen, oder auch eine Farce - in der Marburger Aufführung kommt vor allem Kopfwehtheater heraus. Ich kann mich nicht erinnern, in einer Theateraufführung jemals so früh schon auf die Uhr geschaut zu haben, voller Sehnsucht nach dem Ende des Abends.

Das Stück, das im Oktober 1999 in Hamburg seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte, stammt eigentlich aus dem Off-Theater. Oscar van Woensel hat es für die freie Theatergruppe »Dood paard« ("Totes Pferd") geschrieben, zu der er seit ihrer Gründung im Jahr 1994 gehört. »Dood paard« ist ganz bewußt eine Gruppe von Schauspielern (ohne Regisseur!), die drei bis vier feste Mitglieder hat und bei Bedarf für bestimmte Projekte weitere Darsteller mit hinzunimmt. Der Text des Stückes zeigt Spuren seiner Entstehung, so tragen die fünf Personen im Programmheft keine Namen (und reden einander auch nie mit Namen an), sondern werden nur mit Funktionskürzeln (Sohn 1 bis 3, Tochter 1 und 2) bezeichnet. Aber das ist natürlich auch Programm, denn - wie der Titel schon deutlich erkennen läßt - ist ja das eigentliche Thema des Stückes die Problematik von Identität und Identitätsverlust.

Nach dem Unfalltod ihrer Eltern (die Mutter Theaterschauspielerin, der Vater ein Fernsehzar) treffen die fünf Kinder am Vorabend der Beerdigung im Elternhaus zusammen, dem vier von ihnen schon seit Jahren entflohen sind. Nur der jüngste Sohn hatte in den letzten Jahren zu Hause gewohnt. Der Tod der Eltern ist für die Kinder vor allem Befreiung, aber unter dem Eindruck der neuen Situation brechen die Fragen nach dem eigenen Standort und der eigenen Identität auf. »Wer bin ich?« - diese Frage gerät zum cantus firmus.

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Die fünf Geschwister repräsentieren verschiedene Gestalten von Erfolg und Scheitern (mitunter wohl in einem): da ist der homosexuelle große Bruder, ein erfolgloser Autor (Peter Liebaug), der in der Werbebranche tätige Heroinabhängige (Ronald O. Staples, dessen körperliche Erscheinung nicht ganz zum Text paßt, der ihn mehrfach als dünnes Gerippe anspricht), die mäßig erfolgreiche Fernsehdarstellerin, die in Vorabendserien das kleine Glück verkauft (Iris Stibbe), sodann die alternative Sucherin, die zumindest gerne eine Künstlerin wäre (Nadine Pasta), schließlich der daheim gebliebene kleine Bruder, der sein eigenes Leben aufgegeben hat, um die Mutter – und eine inzestuöse Beziehung mit ihr - zu pflegen (Michael Boltz). Eine tragende Rolle spielt darüber hinaus der Cognac der den ganzen Abend lang in Strömen fließt.

Die Klischees häufen sich unangenehm: Diese »normale Familie« ist von Grund auf verdorben und durchsetzt von sexuellem Mißbrauch, Inzest, Sucht und Ängsten. Vor allem der tote Vater erscheint als eine Art Über-Dämon, ein tyrannischer Saturn: »Alles, was er anfaßte, war ein Erfolg. Außer wir - seine Kinder.«

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Vieles in diesem Stück kommt dem Zuschauer bekannt vor: Die Dialogführung erinnert streckenweise an Samuel Beckett oder Thomas Bernhard, aber immer wieder denkt man auch an Botho Strauß.

Hat dieser Theaterabend eine Botschaft, die über die Bankrotterklärung menschlicher und vor allem familiärer Beziehungen hinausginge? (Um dies zu lernen, muß man nicht ins Theater gehen, sondern nur mit wachen Augen leben). Tatsächlich gibt es Passagen, die darauf hindeuten, daß es dem Verfasser um mehr und grundsätzlicheres geht, um die Verflüssigung aller Gewißheiten von Identität in unserer Gegenwart. Man muß und wird darüber streiten können, ob eine so weitgehende Diagnose wirklich unsere Zeit trifft.

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Uta Eisold hat Regie geführt. In einem im Programmheft abgedruckten Interview weist sie auf eine Besonderheit des Stückes hin: es enthält keinerlei Regieanweisungen, die Findung und Erarbeitung der Figuren steht so ganz bei den Darstellern und der Regie.

Die Regisseurin zeichnet auch für die Ausstattung verantwortlich. Die Bühne zeigt ein modernes, spartanisch möbliertes großbürgerliches Wohnzimmer, in dessen rückwärtiger Fensterfront sich das Publikum spiegelt, so daß optisch die von der Gartenseite her auftretenden Personen aus dem Publikum zu kommen scheinen. Die fortlaufende Handlung wird immer wieder unterbrochen durch Monologe der einzelnen Personen jenseits der Glasscheiben in einem Raum mit starkem Hall - auf die Bühne gebrachte Innenwelt nach Hörspielmanier.

In den Rollen der Töchter kann man zwei erfreuliche Neuzugänge im Ensemble sehen, Iris Stibbe und Nadine Pasta. Die Leistungen der Marburger Schauspieler sind durchweg überzeugend, aber sie können das letztlich schwache Stück auch nicht retten. Van Woensels Flucht- und Suchtgeschichten zeigen uns Menschen ohne Halt und Perspektive. Aber ist das schon alles, was von unserer Gegenwart noch zu sagen ist? Natürlich schleicht im Laufe des Abends eine gewisse Beklommenheit von der Bühne zu den Zuschauern im TaSCH 2 hinauf, in ihrem Gefolge aber auch ratlose Langeweile. Beziehungsunfähige Sinnsucher, eine sprachliche Mixtur aus four-letter-words (»Jesus fucking Christ«), banaler Pseudo-Kinder-Sprache (»trinkitrinki machen«) und expressionistischem Sehnsuchtsgestammel - all das ist auf dem Theater schon lange wieder zu vertraut, es wirkt angestaubt.

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Gespielt wird in Marburg eine an deutsche Verhältnisse adaptierte Fassung, bar jeder Provokation. Oder ist der Text für Marburg entschärft worden? Die Aufführung dauerte eineinhalb Stunden ohne Pause, der Beifall war höflich, aber insgesamt verhalten.

Als ich das Theater verließ, lag Musik in der Luft: Bei einem Open-air-Konzert auf der Marburger Schloßparkbühne gaben sich einige Dinosaurier des Rock die Ehre, darunter Slade und T. Rex, und ich überlegte sehr ernsthaft, ob ich den Abend nicht besser dort hätte verbringen sollen.

Uwe Kühneweg

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